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Emmaus. Die Geschichte Gottes

Warum die Augen der Emmaus-Jünger "zu" gehalten wurden: Eine Osterpredigt im Licht christlicher und islamischer Mystik.

Da viele junge Abendländer ihre morgenländische Heilsgeschichte kaum mehr kennen, beginne ich mit einem "Was bisher geschah":

Jesus von Nazareth, gelernter Zimmermann und zweifacher Natur, göttlicher sowie menschlicher, König der Juden, wenn sein Reich auch nicht von dieser Welt ist und er seinem Volk empfiehlt, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, wird vom Klerus dieses seines Volkes der Gerichtsbarkeit der römischen Besatzungsmacht übergeben.

Der Volksverhetzung angeklagt, wird Jesus, ohne dass dem Landverweser Beweise vorgelegt wurden, per Zuruf der Hohen Priester zum Tod verurteilt, gequält, verspottet und inmitten zweier Übeltäter ans Kreuz geschlagen.

Joseph von Arimathäa, von dem später im Zusammenhang mit dem heiligen Gral noch die Rede sein wird, bestattete den Leichnam in einem Felsengrab, aus dem er jedoch nach dem Sabbat verschwunden ist.

Emmaus. Die Fakten

Nun aber die Verse aus Lukas 24,13-35, von der die folgenden Gedanken ausgehen:

Und siehe, zwei von ihnen wanderten an ebendem Tage nach einem Dorf, das von Jerusalem sechzig Stadien entfernt ist, namens Emmaus; und sie redeten miteinander über alle diese Ereignisse. Und es begab sich, während sie miteinander redeten und sich besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen: Was sind das für Reden, die ihr unterwegs miteinander wechselt? Und sie blieben traurigen Blickes stehen.

Einer aber mit Namen Kleopas antwortete und sprach zu ihm: Bist du der einzige, der in Jerusalem weilt und nicht erfahren hat, was daselbst in diesen Tagen geschehen ist? Und er sagte zu ihnen: Was? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volke, und wie ihn unsre Hohen Priester und unsre Oberen zum Todesurteil ausgeliefert und ihn gekreuzigt haben. Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen sollte. Aber bei dem allem ist es schon der dritte Tag, seit dies geschehen ist. Aber auch einige Frauen aus unsrer Mitte haben uns in Bestürzung versetzt. Nachdem sie früh am Morgen bei der Gruft gewesen waren und seinen Leib nicht gefunden hatten, kamen sie und sagten, sie hätten gar eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagten, er lebe. Und einige der Unsrigen gingen hin zur Gruft und fanden es so, wie es die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber haben sie nicht gesehen.

Und er sprach zu ihnen: O ihr, die ihr unverständig und zu trägen Herzens seid, um zu glauben an alles, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies leiden und dann in seine Herrlichkeit eingehen? Und er begann bei Mose und bei allen Propheten und legte ihnen in allen Schriften aus, was über ihn handelt.

Und sie näherten sich dem Dorf, wohin sie wanderten, und er stellte sich, als wolle er weitergehen. Und sie nötigten ihn und sagten: Bleibe bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich schon geneigt! Und er ging hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und es begab sich, als er mit ihnen zu Tische saß, nahm er das Brot, sprach das Dankgebet darüber, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihnen die Augen aufgetan, und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken.

Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, wie er auf dem Wege mit uns redete, wie er uns die Schriften erschloss? Und sie standen in ebender Stunde auf und kehrten nach Jerusalem zurück und fanden die Elf und ihre Genossen versammelt, die sagten: Der Herr ist wirklich auferweckt worden und dem Simon erschienen. Und sie selbst erzählten, was auf dem Wege geschehen und wie er von ihnen beim Brechen des Brotes erkannt worden war.

Das Wort erkennen

Diese Übersetzung stammt aus der Zürcher Bibel und ich habe sie mit der von Martin Luther und mit meiner Schulbibel, herausgegeben von Pius Parsch, verglichen. Dabei sind mir einige Worte in die Augen gesprungen, die in andere Ebenen vordringen als die erzählte von der Trauer um den Verlust des Erretters Israels, der Ungläubigkeit der Jünger und ihrer grenzenlosen Verwunderung angesichts des auferstandenen Erlösers.

Beginnen wir mit Vers 16: Ihre Augen jedoch wurden gehalten, damit sie ihn nicht erkannten. Jesus, der in seinem menschlichen Leib auferstanden ist, jedoch als Gott zurück in den Himmel strebt, möchte also nicht von den Jüngern erkannt werden. Warum? Das Wort erkennen bedeutet nicht nur, als Person dingfest gemacht zu werden, es verweist auch auf einen Akt der Liebe. Warum also werden die Augen der Jünger "zu" gehalten?

Gott: verborgener Schatz

In Texten islamischer Mystiker lässt sich Gott folgendermaßen vernehmen: Ich war ein verborgener Schatz und wollte erkannt werden; deshalb schuf ich die Welt. Dieser Ausspruch handelt von der einsamen Ewigkeit Gottes und der Erschaffung einer Welt, in der der Mensch die höchste Manifestation seiner Schöpfungsmacht ist. Und natürlich handelt er auch von der Liebe, der einzigen Kraft, die Gott und seine Geschöpfe in eins zu bringen imstande ist.

Eine Liebe allerdings, deren Seinsweise unbeschreiblich ist, obgleich alle Mystiker sie in Worte zu fassen versuchten, so auch der ägyptische Sufi Dhu'n Nun, der am Meeresufer einer Frau begegnete und sie fragte: Was ist das Ende der Liebe? Sie aber antwortete: Dummkopf, Liebe hat kein Ende! Warum? Sie antwortete: Weil der Geliebte kein Ende hat. Von den Sufis wird Jesus, der Mensch und Prophet, übrigens für den wahren Gottesliebenden gehalten.

In unserer Tradition, in der Jesus Gott ist, drängt sich im Hinblick auf die "zu" gehaltenen Augen der Jünger die Frage auf, ob Gott, als Jesus den Menschen zum Opfer gefallen, von ihnen überhaupt noch erkannt und geliebt werden möchte. Und sollte es sich tatsächlich um einen Rückzug, einen Liebesentzug handeln, wer oder was hat ihn ausgelöst?

Die ihr unverständig seid...

Vers 25 deutet eine mögliche Erklärung an: O ihr, die ihr unverständig und zu trägen Herzens seid ... eine Formulierung, die sich sowohl in der Zürcher als auch in der Luther-Bibel findet (in meiner Schulbibel kommt sie nicht vor) und die in ihrer anrührenden Bildhaftigkeit den Mangel benennt, nämlich den Mangel an dem erst später erwähnten, brennenden Herzen. Ein Mangel, der durch die Jahrtausende bis ins Heute herauf nur noch größer geworden ist.

Wir alle laborieren mittlerweile, was Gott angeht, am zu trägen Herzen, das der Liebe zu ihm immer mehr enträt. Wie überhaupt soll man sich diese unbeschreibbare Gottesliebe, die wir nicht mehr empfinden können, vorstellen? Wie die Leerstellen kennzeichnen, die wir vielleicht noch in Augenblicken großer Erschütterung wahrnehmen? Wie das Vertrauen in eine göttliche Gegenwart nachvollziehen, die ihre Glaubhaftigkeit aus der Endlichkeit der Welt zog, aus ihrer viel stärker als heute erlebten Vergänglichkeit? War es die unverstelltere Macht des Todes, der sogar Gott sich in der Person von Jesus gebeugt hatte, die die Herzen brennen ließ? Oder war es die größere Nähe eines Gottes, der noch unvermittelt zu den Menschen sprach und ihre Sinne anrührte?

Die Jünger kannten Jesus und liebten ihn als einen, den sie kannten. Dennoch bezichtigt Jesus sie, zu trägen Herzens zu sein. Da sie nicht oder noch zu wenig an seine Transformation glaubten?

Feuer ans Paradies gelegt

Anders jene christlichen und muslimischen Mystiker und Mystikerinnen, die der Gottesliebe verfallen waren, wie zum Beispiel Rabi'a al-'Adawiyya, die im achten Jahrhundert in Basra, im heutigen Irak, lebte. Sie ging mit einer Fackel und einem Eimer voll Wasser durch die Straßen, um Feuer ans Paradies zu legen und Wasser in die Hölle zu gießen, da Paradies und Hölle nur Schleier wären, die von der wahren Gottesliebe ablenkten.

Wenn ich an meine eigene Schulzeit zurückdenke, erinnere ich mich nicht daran, dass ich auch in der Liebe unterrichtet worden wäre. Ich erinnere mich vor allem an Furcht. An die Furcht, für meine kleineren oder größeren Übertretungen der Religionsgebote bestraft zu werden, im Fegefeuer dafür büßen zu müssen oder gar auf ewig verdammt zu sein.

Vielleicht habe ich deshalb immer Schwierigkeiten mit dem Ausdruck lieber Gott gehabt, weil mir der Gott der Katholiken nicht so recht als liebender nahegebracht wurde. Und das, obgleich er sein Leben für die Erlösung der Menschen hingegeben hatte.

Fremdling Jesus

Wie viel leichter kann ich mir Jesus, und erst recht den wiederauferstandenen Christus, als Fremdling vorstellen. Leider kommt diese Bezeichnung, die sowohl in der Lutherischen als auch in meiner Schulbibel steht, in der Zürcher nicht vor, daher trage ich jetzt den entsprechenden Satz nach. Die Jünger sagen mit zugehaltenen Augen zu Jesus, der sich ihnen nicht zu erkennen gegeben hat:

Bist du der einzige Fremdling in Jerusalem, der nicht weiß, was dort geschehen ist in diesen Tagen? Damit meinten sie seinen eigenen Kreuzestod. Aber Jesus fragte nur: Was denn? Da erzählten sie ihm, was sie wussten, nicht, was sie glauben sollten, nämlich dass Jesu Leichnam nicht einfach verschwunden, sondern dass er, wie prophezeit, auferstanden war.

Wie aber ist die Trägheit ihres Herzens zu deuten? Tatsächlich nur als Ungläubigkeit? Oder geht es nicht viel mehr um die Angst, dass Jesus, den sie für den Erretter Israels gehalten haben, sich durch die Beendigung seines menschlichen Lebens, ihnen entziehen könnte? Der menschliche Gott, der unter ihnen gelebt hatte, würde von nun an ein entrückter sein, einer der keine Gestalt mehr hatte, selbst wenn er in ihren Herzen Wohnung nehmen sollte. Sich das vorzustellen, sich den unbegreifbaren Gott vorzustellen, fällt allen Menschen schwer.

Näher als Halsschlagader

Im Islam, der den einen Gott nie hat Fleisch werden lassen, heißt es zwar: Gott ist dir näher als deine Halsschlagader! Aber nur die Mystiker mit ihrem allzeit brennenden Herzen konnten in solcher Nähe leben.

Wohingegen die Vorstellung von Jesus als einem Fremdling, nicht nur in Jerusalem, sondern in dieser ganzen Welt eine Vorstellung ist, die einem sein Wesen als demütiger und gedemütigter Gottmensch heute näher bringen kann als das Bild des guten Hirten, der schließlich seine Herde verlässt.

Auch dazu gibt es ein Beispiel im Islam, bezeugt durch einen Hadith, einen Ausspruch des Propheten Muhammad: Der Koran (der für viele Muslime als ungeschaffen und daher präexistent gilt) ist als Fremdling geboren, er wird enden wie er begann, als Fremdling; gesegnet seien die Fremdlinge.

Von Jerusalem aus gedacht

Dass die Jünger Jesus auf dem Weg nach Emmaus als einen Fremdling ansahen, hat einerseits damit zu tun, dass sie ihn, obgleich sie ihn nicht erkannten, vielleicht seiner Aussprache oder seiner Kleidung wegen für einen aus Galiläa hielten, jedenfalls nicht für einen aus Jerusalem und somit - von Jerusalem aus gedacht - für einen Fremdling. Da es an Jesus war, sich ihnen nicht als ihr Herr und Meister erkennen zu geben, sondern als Fremdling, wird es damit schon seine Bewandtnis haben.

Könnte es bedeuten, dass in jedem Fremden ein Gott, unser Gott, Jesus Christus, verborgen ist? Von uns nicht erkannt und nicht geliebt? Ein Gott, der sich erst durch die Kunst der Auslegung, die ihn in unserer Vorstellung erstehen lässt, einen Weg in unsere Herzen bahnt? Und wir von der Ahnung dessen gestreift werden, was mit der Erlösung einhergeht, nämlich der Entzug, und wir intuitiv zu sagen bereit sind: Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt!

Ich gehe davon aus, dass Texte aus dem Alten oder Neuen Testament, aus allen für heilig erachteten Büchern überhaupt, nicht nur eine Heilsgeschichte erzählen, die ihren Anhängern geläufig ist, sondern dass sich in einem solchen Text auch eine Reihe von Wegweisern befindet, die unsere Gedanken sowohl in die Höhe theologischer Spekulation als auch in die Tiefe der menschlichen Seele mit all ihren verborgenen Hoffnungen und nicht eingestandenen Verzweiflungen zu lenken vermag.

Anders ausgedrückt, die Erzählung von den beiden Jüngern auf dem Weg nach Emmaus erzählt auch die Geschichte Gottes oder besser gesagt des Göttlichen, das den Menschen einst so nahe war, dass sie es berühren, wenn auch nicht begreifen konnten und das sich immer mehr aus unserem Bewusstsein entfernt hat, je näher wir unserem eigenen Inneren gekommen sind, das heißt, je mehr wir uns mit uns selbst beschäftigt haben.

Mit brennendem Herzen

Als Gott noch etwas außerhalb von uns war, konnte man ihn mit brennendem Herzen und der Kraft der Liebe zum Erscheinen bringen. So wie die Jünger, die solange sie trägen Herzens waren, den Christus nicht erkennen konnten. Erst nachdem er ihre Herzen in Flammen gesetzt hatte, als er ihren Sinn auf das Göttliche lenkte und sie in die Stimmung der Liebe brachte, wurden ihnen die Augen aufgetan und sie erkannten ihn. Aber gerade in diesem Augenblick der Liebe tritt ein, wovor sie sich die ganze Zeit über fürchten: Und er entschwand ihren Blicken.

Im Evangelium verwandelt sich die Trauer der Jünger und Apostel bald in umtriebige Missionstätigkeit. Das Wort hat über das Fleisch gesiegt und Gott ist wieder ein jenseitiger, dessen Angelegenheiten auf dieser Welt mit aller Strenge verwaltet werden müssen. Und wurde damit - von heute aus gesehen - immer unsichtbarer, so dass wir ihn fast zur Gänze aus den Augen verloren haben. Nur seine Stimme, die wir in unser Inneres verlegt haben, lässt sich noch gelegentlich hören. Wir sprechen dann vom schlechten Gewissen, vom Über-Ich oder von einer Projektionsfläche für verschiedene Arten von Ich.

Gottes Rückholung

Die einzigen, die sich mit diesem Rückzug Gottes, der gleichzeitig eine Verdrängung war, nicht abfinden konnten und wollten, waren die Mystiker, die Gott, der sich einst im brennenden Dornbusch gezeigt hatte, in ihre brennenden Herzen zurückholten, damit er sich ihrer nicht wie der Menschen zu trägen Herzens entledigte. Sie schauten den Fremdlingen genauer ins Gesicht als die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus, und ehe Gott es sich versah, brannte er mit ihnen und sie vergingen in seinem Feuer. Ihnen ging es auch nicht mehr so sehr um den Glauben, ihnen ging es nur noch um die Liebe.

Wir haben uns angewöhnt, dieses Wort auf einen Bruchteil seiner ehemaligen Bedeutung zu reduzieren, und dieser Bruchteil, eben das Wort Liebe, wie wir es zu verwenden pflegen, gehört zu den abgenütztesten und bedeutungslosesten unseres Sprachgebrauchs. Kein Wunder, dass man im Dialekt, zumindest in dem meiner Region und wie ich mir habe sagen lassen, in vielen anderen Dialekten auch, dieses Wort nicht verwendet. Es sei denn, man bediente sich bereits der Synchronsprache des Fernsehens.

Manchmal wünschte ich mir, dass es ein geheimes Wort für all das, was Liebe sein kann, gäbe, eines, das man nur nach langer, erschöpfender Initiation, vielleicht aber auch nie, in Erfahrung bringen könnte.

So wie die Mystiker dieses Wort verstanden, ist die Liebe ein Gefühlszustand von höchster Energie, in dem - und in dem allein - sich Gott noch ereignet.

Doch gibt es keine Mystiker mehr. Nicht in unserer Zivilisation und nicht in unseren Habitaten. Und wenn es sie gibt, sind sie sparsam geworden mit sich und mit Gott. So als könnten selbst sie die Kraft der Liebe nicht mehr entsprechend bündeln, um dem Göttlichen Ausdruck zu gewähren. Wie wir alle, sind sie viel zu sehr abgelenkt, um noch alles auf diese eine Karte zu setzen, nämlich Gott in sich aufleuchten zu lassen.

Was Liebe ist...

Eine Großmeisterin der Gottesliebe, Teresa von Ávila, meinte einmal in aller Gottesseligkeit, dass es nicht darauf ankäme, viel zu denken, sondern viel zu lieben. Darum tut das, was am meisten Liebe in euch erweckt. Vielleicht wissen wir aber gar nicht, was Liebe ist.

Dennoch hat sie die Begegnung mit Gott immer wieder provoziert, der sie zuerst einmal blind und stumm machte, wie es dem heiligen Paulus bei seiner Bekehrung wiederfuhr. Zu Paulus sprach, wie wir aus den Evangelien wissen, nicht mehr Jesus, der Mensch, sondern Christus, der Gott, nicht lange nach der Begegnung, die die Jünger auf dem Weg nach Emmaus mit dem auferstandenen Gottmenschen hatten.

War Paulus also doch ein Liebender oder einer, den Christus als zukünftigen Liebenden erkannt hatte?

O Tochter, sprach Jesus Christus in einer Schau zu Teresa von Ávila: - wie wenige lieben mich in Wahrheit! Wenn sie mich liebten, würde ich ihnen meine Geheimnisse nicht verhüllen.

Höchstgradig gefährlich

Diese Liebe aber ist im höchsten Grade gefährlich und - mit einem heutigen Schlüsselwort ausgedrückt - zeitraubend. Gefährlich, weil - wie bei jeder Initiation - der Körper bis zum Äußersten versucht und durch Leiden geläutert wird, was nicht alle Initianden überleben.

Und was das Zeitraubende angeht, hören wir Teresa von Ávila: Aber es kommt vor, dass der Wille, obwohl die Verzückung nachlässt, so versunken bleibt und der Verstand so außer sich verharrt, einen ganzen Tag, ja mehrere Tage lang, dass es scheint, als seien sie unfähig, etwas anderes wahrzunehmen, als was den Willen zur Liebe erweckt; denn dafür ist er hellwach, während er zugleich schläft und nicht bereit ist, irgendein Geschöpf ins Auge zu fassen oder sich mit ihm einzulassen.

Ganz ähnliche Perioden der mühevollen Initiation, der Entrückung und Begegnung mit dem Transzendenten und der langen Nachwehen in Erschöpfung sind von Schamanen und deren Wanderungen durch die verschiedenen Welten bekannt.

Gerade weil diese Liebe aber so gefährlich und zeitraubend ist, mutet man sie sich selten zu. Mit der allen Mystikern und Mystikerinnen eigenen, bescheidenen Unverschämtheit beziehungsweise unverschämten Bescheidenheit ließe sich sagen, dass Gott sie sich auch nur noch selten zumutet. Diese Begegnung ist schließlich keine einseitige, und in demselben Maß wie die Seele des Menschen sich weiten muss, um Gott in sich aufzunehmen, muss auch Gott sich zusammenfalten, um in ihr Platz zu finden. Eine Wechselbeziehung, die von vielen Mystikern angesprochen wurde.

Seele - klarer Spiegel

Was aber geschieht in dieser durch die Potenz der Liebe ermöglichten Begegnung, von der die Jünger auf ihrem Weg nach Emmaus nur das Brennen ihrer eigenen Herzen erlebten?

Lassen wir ein letztes Mal Teresa von Ávila zu Wort kommen: Als ich einmal mit den Schwestern im Stundengebet verweilte, wurde meine Seele ins Innere entrückt: sie schien mir ganz und gar ein klarer Spiegel zu sein, ohne Oben und Unten, kein Rückwärts und Seitwärts, vielmehr eitel Klarheit. Und in seiner Mitte stellte sich Christus mir dar, unser Herr, so wie ich ihn zu sehen pflege. In allen Teilen meiner Seele erschien er mir so deutlich wie in einem Spiegel. Und zugleich wurde dieser Spiegel auf unsägliche Weise ganz in unserem Herrn abgebildet, in einem Austausch, den ich nicht aussagen kann, in einer Mitteilung höchster Liebe.

Solches lässt sich wohl von einem brennenden Herzen im Gegensatz zu einem trägen sagen, auch wenn gerade Teresa von Ávila sich der Unsagbarkeit ihres Erlebens bewusst war und meinte, sie lache über diese Vergleiche, die sie nicht befriedigten; aber sie wisse keine anderen. Denkt was ihr wollt; es ist Wahrheit, was ich gesagt habe.

Inzwischen ist uns diese Art der Gottesbegegnung nicht mehr möglich. Zumindest ist nichts davon bekannt, dass sie in unserer Kultur noch stattfände. Was uns geblieben ist, ist der Fremdling, der Jesus sein könnte. In ihm das Göttliche zu erkennen, scheint uns mittlerweile ebenfalls verwehrt, da wir im Fleisch das Göttliche nicht mehr erkennen.

Wenn Jesus Christus sich nicht zu schade war, die Gestalt eines Fremdlings anzunehmen, wie sollten wir dann den Fremdling mit Verachtung strafen, selbst wenn er - wie einst Jesus - als Besitzloser kommt, um die Nächstenliebe von uns einzufordern, so uns schon die Gottesliebe abhanden gekommen ist.

Text der Predigt, die Barbara Frischmuth am Ostermontag 2003 im Rahmen des Festivals "Psalm" in Graz gehalten hat.

Zu den Bildern:

Die Bilder dieses Dossiers (oben: Grotte im Renaissance-Schloss Neugebäude) sind dem Band "Mystisches Wien" entnommen, der verborgenen Orten, der "mystischen Aura" der Donaumetropole nachspürt.

Mystisches Wien. Verborgene Schätze. Versunkene Welten. Orte der Nacht.

Von Robert Bouchal (Fotos) und Johannes Sachslehner (Text). Pichler Verlag, Wien 2004. 176 Seiten, geb., e 24,90

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