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Ärgernis und Torheit?

„Seid so gesinnt wie Christus Jesus.“ Dieses Wort aus dem Brief des Apostels Paulus an die Philip- per — auch ein zentraler Text der österlichen Liturgie — soll das Leitwort eines Diözesanforums der Erzdiözese Wien sein.

Nicht alle sind darüber erfreut. Manche fürchten, daß man mit diesem Leitwort jenen Problemen aus dem Weg gehen könnte, die ursprünglich zu dem Verlangen nach einer Diözesanversamm- lung geführt haben; zumal auch deswegen, weil dieses Wort bei Paulus unmittelbar mit dem Gehorsam in Beziehung steht. Sie fürchten, daß mit diesem Appell an die Frömmigkeit und den Gehorsam von vornherein die Mög-

lichkeit genommen wird, das auszusprechen, was viele an Sorgen in Kirche und Welt heute bewegt. Diese Ängste, die ja nicht nur die Erzdiözese Wien betreffen, sind nicht berechtigt, wenn man dieses Leitwort richtig versteht. Was ist überhaupt sein Inhalt?

Paulus ermahnt die Gemeinde in Philippi zur Einheit: „Seid eines Sinnes, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig, tut nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei; sondern in Demut schätze einer den anderen höher ein als sich selbst“ — durchwegs Ermahnungen, die bei den gegenwärtigen Auseinandersetzungen in Kirche und Staat in Österreich sehr aktuell sind.

Diese Ermahnungen schließt Paulus (nach der Einheitsübersetzung) mit den Worten: „Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht“ (Phil 2,5). Und diesen Aufruf vertieft er dann mit einem damals schon vorhandenen Christushymnus, der den ganzen Weg Jesu von seiner Erniedrigung (Tod am Kreuz) bis zu seiner Erhöhung, „wo alle ihre Knie vor dem Namen Jesu beugen“, prägnant zusammenfaßt. Dadurch erhält das Leitwort — „Seid so gesinnt wie Christus Jesus“ — eine Tiefe, die weit über die Tagesstreitigkeiten in der Kirche heute hinaus- und auf die eigentlichen Fundamente des Christentums, deren wir gerade zu Ostern gedenken, verweist.

Diese Fundamente sind: Menschwerdung, Kreuz, Auferweckung von den Toten, Jesus Christus der Herr. Diese Wahrhei- ten sind nicht leicht zu glauben. Sie sind heute wie zur Zeit des Apostels Paulus „für Juden ein empörendes Ärgernis, für die Heiden eine Torheit, für die Berufenen aber, Juden wie Griechen, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit“ (1 Kor l,23f).

Aus diesen Grundwahrheiten christlichen Glaubens ergeben sich viele Konsequenzen für das konkrete Leben aller Christen, angefangen vom Papst bis zu den in dieser Osterzeit Neugetauften. Deswegen sollen wir uns die Mühe machen, diesen österlichen Hymnus zu verstehen.

„Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest wie Gott zu sein, sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod; ja bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2,6-8).

Vielleicht kann ein Beispiel aus unseren Tagen helfen, diesen Text zu erschließen. In Brüssel haben sich einige Franziskaner entschlossen, ihre Daseinsweise in einem geordneten Kloster zu verlassen und mitten unter den Obdachlosen zu leben. Sie teilen völlig deren Lebensweise; sie schlafen unter Brücken; sie dek- ken sich mit Zeitungspapier und Pappendeckeln zu, um sich vor der Kälte zu schützen; sie erbetteln das Essen. Sie wollen das Leben dieser Menschen teilen und mithelfen, d^ß durch ihre Solidarität und ihr Gebet auch in diesem

Milieu Gott präsent wird.

Jesus, der Gott gleich war, hielt nicht daran fest wie Gott zu sein. Er ist ein Mensch unter Menschen; nicht ein Mächtiger, der sich bedienen läßt, sondern wie ein Sklave, bereit zu dienen. Er ist dem Vater gehorsam und weicht nicht ab von diesem Weg der Liebe, selbst als er gekreuzigt wird. Es ist ein unglaublicher, ein irrsinniger Weg, den Jesus gegangen ist.

Und trotzdem sagt Jesus bei der Fußwaschung - eine Symbolhandlung, die die Grundintentionen seines Lebens darstellt: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe. Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Joh 13,15; 15,12). Jesus erwartet, daß alle Christen und die gesamte Kirche den gleichen Weg gehen wie er selbst. Der Gehorsam be zieht sich nicht auf irgendwelche Anordnungen, sondern auf die Liebe, die nicht aufhören darf, sondern bis zum Ende durchgehalten werden soll.

Aber ist solche Liebe, die bis zum Kreuz führen kann, sinnvoll? Nach dem Zeugnis dieses alten Christushymnus ist gerade diese Liebe das Einfallstor für das schöpferische Wirken Gottes, das selbst Tote zum Leben zu erwek- ken vermag:

„Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen, damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihre Knie beugen vor dem Namen Jesu und jeder Mund bekennt: .Jesus Christus ist der Herr* — zur Ehre Gottes, des Vaters“ (Phil 2,9-11).

Was hier gesagt wird, ist erst recht eine Zumutung an die menschliche Vernunft. Jesus der Gekreuzigte wurde vom Tode erweckt und erhöht, und dem, der sich selbst erniedrigte, wurde alles unterworfen, sodaß jeder vor ihm seine Knie beugen soll. Hinter diesem Bekenntnis verbirgt sich der Absolutheitsanspruch des Christentums, zu dem sich heute viele Christen nicht zu bekennen wagen.

Und trotzdem war dieser Glaube das Fundament der Hoffnung für die ersten Christen. Und dieser Glaube steht auch heute im Mittelpunkt der Osterliturgie: „Seht das Holz, an dem der Herr gehangen, das Heil der Welt — kommt, lasset uns anbeten“.

Die ersten Christen waren überzeugt, daß auch sie an diesem neuen Leben, das Jesus geschenkt ist, jetzt schon Anteil haben: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17).

„Seid so gesinnt wie Christus Jesus.“ Eine Kirche, die sich erneuern will, muß sich nach dem Vorbild Jesu erneuern. Die Kirche als Ganze und auch jeder Christ ist ständig in Versuchung „Gott gleich zu sein“. Wir möchten lieber an der Macht und Herrlichkeit des erhöhten Jesus teilhaben und mit Macht das durchsetzen, was für uns vorteilhaft ist — oder was wir für wahr und richtig halten. Wir möchten uns den Weg der Erniedrigung ersparen. Jesus weist dies als Versuchung zurück.

So sollen auch die Christen Menschen unter Menschen sein, bereit zu dienen und nicht zu herrschen, solidarisch mit allen, besonders mit den Armen und Bedrängten. Dort wo Christen entschieden und gehorsam diesen Weg gehen, dort ist Gott mitten unter uns, dort ist ein Einfallstor der schöpferischen Kraft Gottes in diese Welt, dort geschieht Erlösung und Befreiung und beginnt auch die Auferstehung der Menschen. Kreuz und Auferstehung sind die Mitte christlichen Glaubens. Nur aus dieser Mitte kann sich Kirche erneuern.

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