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Jesus worte zu einer Rede komponiert

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Bibelexperte Walter Kirchschläger analysiert die Bergpredigt, den Kern der Botschaft Jesu, angehende Journalisten setzen das Gehörte - teils in Rollen schlüpfend - in die Sprache der Medien um. So geschehen - und hier nachzulesen - bei einem Seminar der Katholischen Medienakademie im März in Salzburg. Dazu Stimmen von Politikern zur Bergpredigt.

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Bibelexperte Walter Kirchschläger analysiert die Bergpredigt, den Kern der Botschaft Jesu, angehende Journalisten setzen das Gehörte - teils in Rollen schlüpfend - in die Sprache der Medien um. So geschehen - und hier nachzulesen - bei einem Seminar der Katholischen Medienakademie im März in Salzburg. Dazu Stimmen von Politikern zur Bergpredigt.

In weitgehend übereinstimmender, in vielen Gesichtspunkten jedoch auch variierter Form und Anordnung überliefern uns die Evangelisten die Botschaft Jesu von Nazaret. Das Sprechen von der Gottesherrschaft, deren Anbruch Jesus mit seiner Person und mit seinem Wirken verband, war der Ausgangspunkt seiner Verkündigung. Aus der Art und Weise des Umgangs Jesu mit den Menschen sollten seine Zuhörer begreifen, wie sehr Gott sie liebt, ja - wie Gott selbst mit den Menschen umgeht: wie er ihnen nachgeht, wie er sie hält in ihrer Not;

wie er sie zugleich auch fordert in ihrer Fähigkeit zur Liebe und zur persönlich glaubenden Zuwendung.

Unter diesem umfassenden Blickwinkel also ist Jesu Leben auf dieser Welt zu begreifen. Die ersten drei Evangelisten orientieren ihre Darstellung des Wirkens Jesu an diesem Leitbegriff und an der knappen, ursprünglich jesua- nischen Aussage: „Kehrt um, denn die Herrschaft Gottes bricht an“ (Mk 1,15; Mt 4,17). Der Darstellung und inhaltlichen Entfaltung dieser Botschaft ist auch die Bergpredigt gewidmet.

Für die Evangelisten ist die Vermittlung der Botschaft Jesu das alles entscheidende Anliegen. Sie überliefern keinen historischen Bericht über Jesu öffentliches Auftreten, sondern sie sind selbst Partei: Sie sprechen von jenem Jesus von Nazaret, der sich an Ostern als der auferstandene und erhöhte Herr geoffenbart hatte. Dieses Ostergeschehen wirft ein rückblickend deutendes Licht auf das irdische Leben und Wirken Jesu von Nazaret — unter dieser Perspektive, gleichsam durch diese österliche „Optik“, blicken die Verfasser der Evangelien zurück auf seine Zeit.

Es sind glaubende Menschen, die hier über Jesus schreiben. Für sie ist die schriftliche Form der Vermittlung der ihnen notwendig scheinende, vielfach auch der einzige Weg, um die Jesusbotschaft einer bestimmten Adressatengruppe — vermutlich handelt es sich dabei um eine oder mehrere urchristliche Gemeinden—zu verkündigen.

Sie haben ihre Adressaten im Blick: deren Lebenssituation, ihre Aufgaben, ihre Sorgen und Nöte, ihre persönliche Geschichte der Bekehrung und des Glaubens an Jesus als den auferstandenen Herrn und Messias. Sie verfügen nicht über die modernen Möglichkeiten der optisch-visuellen Aufbereitung des Textes, sie müssen die Schwerpunkte in der Formulierung ihrer Botschaft setzen und Sinnspitze wie Aussageabsicht in die Sprache ihrer Verkündigung einkleiden.

Die ihnen zu Gebote stehenden Möglichkeiten, das Geschehen um Jesus von Nazaret zu akzentuieren, nützen die Evangelisten in einem sehr weiten Maße, das bisweilen unsere Vorstellungen übertrifft und auch nicht immer mit unserem Denken über (wortgetreues Überliefern des einmal gesprochenen Wortes übereinstimmt.

Die Beachtung der sprachlichen Gestalt des biblischen Textes sowie — zumindest in Grundzügen — das Mitbedenken des diesen Texten zugrunde liegenden Kommunikationsvorgangs zwischen Verfasser und Adressaten ist unverzichtbar für das Verstehen und Interpretieren der biblischen Texte, insbesondere der Evangelien. Die Väter des II. Vatikanischen Konzils haben auf diese Notwendigkeiten ausdrücklich hingewiesen:

„Will man richtig verstehen, was der heilige Verfasser in seiner Schrift aussagen wollte, so muß man… genau auf die vorgegebenen umweltbedingten Denk-, Sprach- und Erzählformen achten … (Offenbarungskonstitution III Art. 12). t

Unter diesen Vorzeichen sind mannigfaltige Verschiedenheiten und Eigenheiten in den Evangelien zu beachten (und auch zu bewerten). Die Evangelisten haben Texte umgestellt, zusammengefaßt, gekürzt, erweitert, bisweilen auch inhaltlich ergänzt. Grundlegend blieb für sie dabei das Anliegen und die Absicht, die Botschaft Jesu so überzeugend zu verkündigen, daß auch ihre Adressaten - die neuen Hörer also — ebenfalls davon betroffen gemacht und so zum Glauben geführt werden.

Übertragen wir diese grundsätzlichen Überlegungen auf die Bergpredigt, schärft sich unser Blick auf wesentliche Beobachtungen.

Am Gesamtaufbau des Matthäusevangeliums ist ersichtlich, daß die hier vorliegende Kompositionstechnik des Evangelisten nicht jaur die Bergpredigt bestimmt, sondern ein spezifisches Merkmal seiner Evangelienschrift darstellt. Der Verfasser liebt es, Jesusworte zu einem thematischen Bereich zusammenzustellen und an markanten Stellen in seinem Evangelium zu Reden Jesu zu komponieren. Dies geschieht in der Bergpredigt (Mt 5-7), in der Jüngerrede (Mt 9,35-11,1), in der Gleichnisrede (Mt 13,1—53) sowie in der Gemeinderede (Mt 18) und in der Rede über die Endzeit (Mt 24—25).

Ein vergleichender Blick in das Markus-, insbesondere in das Lukasevangelium zeigt, daß in diesen Reden tatsächlich verschiedene Jesu worte, die sonst einzeln an anderer Stelle überliefert sind, vom Evangelisten nach thematischen Gesichtspunkten ausge-

wählt und zu umfassenden Einheiten zusammengestellt wurden.

Die Benennungen bezeichnen zumindest im Überblick auch die Thematik dieser Abschnitte. Eine Ausnahme ist hier nur die Bergpredigt, deren Name jener Einleitung entlehnt ist, die der Evangelist dieser literarischen Komposition vorangestellt hat: So wie einst Mose vom Berg her das Gesetz Gottes dem israelitischen Volk überbringt, so unterrichtet nun Jesus vom Berg aus — gleichsam als ein neuer Lehrer - das um ihn versammelte Volk in der Weisung Gottes.

Beachten wir den engeren Textzusammenhang der Bergpredigt, werden der beabsichtigte Adressatenkreis sowie die Grundthematik dieser „Rede“ erkennbar. Nachdem der Evangelist einfüh rend zum öffentlichen Wirken ein erstes Wort Jesu bezüglich der anbrechenden Gottesherrschaft überliefert hat (Mt 4,17), verweist er in der Folge in allgemeiner Form auf Jesu diesbezügliche Tätigkeit: Jesus wird als ein Lehrender und Heilender dargestellt. Damit ist innerlich die Berufung der ersten Jünger (Mt 4,18-22) sowie der Hinweis, daß viel Volk aus allen Gegenden Palästinas nachfolgt, verbunden.

Diesen Jüngern und dem Volk, das sich um Jesus schart, gilt die Bergpredigt. Ihre Botschaft ist nicht als ein Wort gemeint, das schlechthin jeden ansprechen will. Vielmehr bedarf es für das Verständnis und für die Annahme dieser anspruchsvollen Verkündigung des persönlichen, positiven Vorsensoriums des Menschen, also zumindest der grundsätzlichen Bereitschaft, das Wort Jesu bedenkend zu hören.

Dies gilt freilich auch, wenn wir heute diese Botschaft vernehmen. Sie lenkt unsere Aufmerksamkeit auf jene Grundhaltungen, die für ein Leben vor-und mit Gott entscheidend und daher gefordert sind. Sie verweist uns aber zugleich auf jene Zusagen göttlichen Heils, die dem Menschen gelten, der sich Gottes liebender Zuwendung öffnet und das Handeln Gottes selbst kl seinem Leben zu verwirklichen sucht. In diesem Sinne etwa wären ja die Seligpreisungen zu hören (Mt 5,3—12).

Das Thema „Gottesherrschaft“ kommt in der Bergpredigt mit erkennbarer inhaltlicher Kontinuität zur Sprache — sei dies ausdrücklich oder andeutungsweise. Das kann auch aus einem anderen Blickwinkel gesehen werden: Was hier gesagt wird, ist nach dem Verständnis des Evangelisten in Beziehung zu Gottes liebendem Wirken zu setzen.

So erläutern uns die markanten Antithesen die Grundforderung an den Christen, sich nicht mit einem bestimmten Maß an Vollkommenheit — und sei es auch jene intensive Form der Gebotsbefolgung, wie sie von den Pharisäern praktiziert wurde! — zufriedenzugeben, sondern nach der immer neu „überfließenden Gerechtigkeit“ zu streben (Mt 5,20). Nur so entspricht der Mensch seinem Auftrag, in seiner Geschöpf-

lichkeit Gott selbst abzubilden (Gen 1,26-27, sodann Mt 5,48: „Seid also ihr vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!“).

Da mag uns die Radikalität der Beispiele bis ans Äußerste fordern und in Frage stellen — kaum können wir jedoch bestreiten, daß wir erst dort, wo schon die kleinste Lieblosigkeit und das mindeste Fehlverhalten hintangestellt sind, tatsächlich vor dem Angesicht Gottes, in seiner Gemeinschaft le-

ben. Der Anspruch ist groß, das Mühen darum dauert ein ganzes Leben; zugleich aber: Das zugesagte Heil ist dem mehr als ebenbürtig, und der Weg wird nicht allein, sondern in der Kraft unseres Gottes beschritten.

Die Aktualität dieser Botschaft, die uns als Bergpredigt überliefert ist, steht außer Frage. Sich davon treffen zu lassen, ist ein immer neues und notwendiges Anliegen. Mit diesem Ziel hat der Evangelist das Hintergrundszenarium und die Textkomposition zusammengestellt. Fühlen wir uns darin ein, mag der Text selbst - in Zusage und Anspruch - noch lebendiger vor uns erscheinen.

Diesem Anliegen sind auch jene Texte gewidmet, die, von verschiedenen Menschen erarbeitet, sehr konkret mit Umfeld und Hintergrund der Bergpredigt umgehen, so wie der Verfasser des Matthäusevangeliums das skizziert hat. Das Einfühlen in die fiktiona- le Darstellung der geschilderten Situation und ihre persönliche Aktualisierung mag uns dazu verleiten, von dieser Verkündigung der Botschaft Jesu nicht nur äußerlich fasziniert, sondern in unserem alltäglichen Leben betroffen zu werden.

Wenn wir zu Ostern auf Jesus von Nazaret als den erhöhten und auferstandenen Herrn blicken, erkennen wir zugleich, daß eine solche Betroffenheit für unsere christliche Existenz unverzichtbar und entscheidend ist.

Der Autor ist Professor für Neutestament- liche Bibelwissenschaft an der Universität Luzern.

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