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Was ist neu im neuen Bund?

1945 1960 1980 2000 2020

Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst, hat mit seinen Überlegungen zum Traktat des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den Juden die Frage nach dem Wesen des neuen Bundes aufgeworfen. Ein Diskussionsbeitrag.

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Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst, hat mit seinen Überlegungen zum Traktat des Zweiten Vatikanischen Konzils über das Verhältnis der Kirche zu den Juden die Frage nach dem Wesen des neuen Bundes aufgeworfen. Ein Diskussionsbeitrag.

Vor etwa einem Jahr hat Joseph Ratzinger, der emeritierte Papst Benedikt XVI., einen Beitrag "Gnade und Berufung ohne Reue. Anmerkungen zum Traktat 'De Judaeis'" verfasst (vgl. FURCHE 30/2018, 11). Dieser Traktat ist der 4. Abschnitt der Erklärung "Nostra aetate" des II. Vatikanums über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen und behandelt jenes zu den Juden. Darin schreibt er über das Verhältnis zwischen dem alten und dem neuen Bund: Der Sinai-Bund war seinem Wesen nach immer schon Verheißung, Zugehen auf das Endgültige. Nach allen Zerstörungen ist es die bis zum Tod gehende Liebe Gottes, die selbst der neue Bund ist [ ] Die Umstiftung des Sinai-Bundes in den neuen Bund im Blute Jesu, das heißt in seiner den Tod überwindenden Liebe, gibt dem Bund eine neue und für immer gültige Gestalt.

Doch abgesehen von der Fragwürdigkeit der Vorstellung, dass Gott für eine solche "Umstiftung des Sinai-Bundes" das Lebensopfer seines Sohnes gefordert haben soll, ist ein Bund immer ein zweiseitiges Geschehen. Er kann nicht von einer Seite verfügt werden, ohne von der anderen Seite angenommen zu werden und damit auch auf dieser etwas Neues zu bewirken. Eine solche Annahme in Freiheit kann nicht durch ein Volk kollektiv für seine Nachkommen erfolgen. Worin könnte nun das Neue im neuen Bund bestehen, der nach christlichem Verständnis in und durch Jesu Wirken begonnen hat? Der einzige Text im Alten Testament, in dem von einem neuen Bund die Rede ist, steht im Buch Jeremia (31,31-34):

Siehe, Tage kommen -Spruch des Herrn -, da schließe ich mit dem Haus Israel und dem Haus Juda einen neuen Bund. Er ist nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe an dem Tag, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen. Diesen meinen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihr Gebieter war -Spruch des Herrn. Sondern so wird der Bund sein, den ich nach diesen Tagen mit dem Haus Israel schließe -Spruch des Herrn: Ich habe meine Weisung in ihre Mitte gegeben und werde sie auf ihr Herz schreiben. Ich werde ihnen Gott sein und sie werden mein Volk sein. Keiner wird mehr den anderen belehren, man wird nicht zueinander sagen: Erkennt den Herrn!, denn sie alle, vom Kleinsten bis zum Größten, werden mich erkennen -Spruch des Herrn. Denn ich vergebe ihre Schuld, an ihre Sünde denke ich nicht mehr.

Ein neuer Bund für das Volk Israel

Bereits im Buch Deuteronomium (6,6; 11,1) ist die Rede davon, dass die Israeliten die von Mose überbrachten Gebote Gottes auf ihre Herzen schreiben sollen, um sie zu befolgen. In Dtn 30,14 heißt es sogar: Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.

Die Angehörigen des Volkes Israel sind demnach nicht mehr auf die Weitergabe der göttlichen Gebote durch andere angewiesen, sondern können sie auf oder in ihren Herzen selbst erkennen. Laut der Verheißung in Jer 31, die allerdings nach weithin übereinstimmender Auffassung kaum von Jeremia selbst stammt, beginnt damit ein "neuer Bund". Den bisherigen hat Gott nicht gekündigt, doch die Israeliten haben ihn gebrochen. Die Ankündigung des neuen bezieht sich auf die Art der Vermittlung und gilt nur für das von Gott auserwählte Volk Israel. Inhaltlich unterscheidet sich ein so verstandener neuer Bund nicht vom vorherigen.

Auch nach diesem Verständnis ist die Weisung Gottes den Menschen vorgeschrieben. Sie sollen sich an die nunmehr unmittelbar erkannten Gebote halten. Es wäre erst dann ein in seinem Wesen neuer Bund, wenn Gott seine Weisung nicht nur bestimmten Menschen "auf ihre" oder "in ihre Herzen" schriebe, sondern alle aus ihrem Wesen als Geschöpfe und aus ihren Erfahrungen die Existenz und den Willen Gottes selbst erkennen könnten. Eine "Offenbarung" des göttlichen Willens wäre dann als ein Erlebnis oder Mitteilung zu verstehen, durch die Menschen "ein Licht aufgeht", also als Anstoß zur eigenen Einsicht, hätte weckende Bedeutung. Erst in dieser Sicht wird vermieden, dass die Wahrheit einer Offenbarung in einem Zirkelschluss damit begründet wird, dass es sich um eine Offenbarung Gottes handelt, wie sie von sich behauptet. Mit gleichem Recht könnte sich der Islam auf den Koran berufen, der dasselbe von sich sagt. Erst wenn dieser Fundamentalismus in den drei großen Offenbarungsreligionen überwunden wird, kann es eine inhaltliche Annäherung geben, wodurch sie glaubwürdiger würden.

Man sieht nur mit dem guten Herzen gut

Ein mit dem Menschsein als solchem gegebenes sittliches "Grundwissen" ist die Voraussetzung für eine freie und mündige Gestaltung des eigenen Lebens. Man nennt es "Gewissen". Dieses besteht nicht aus den konkreten Gewissensurteilen, die auf Grund von mangelhafter Weckung des je eigenen Gewissens oder durch schuldhaftes Niederhalten der Wahrheit durch Ungerechtigkeit (Röm 1,18) unrichtig sein können. Hier handelt es sich um das sogenannte "Ur-Gewissen", das vorrationale "Gespür" um das wahre Menschsein, das auch "Herz" genannt wird. "Man sieht nur mit dem Herzen gut", schrieb Antoine de Saint-Exupéry; genauer sollte man sagen: "nur mit dem guten Herzen gut." Denn es gibt auch ein schuldhaft in sich verschlossenes, allein um sich kreisendes Herz, das nur das eigene Ich verwirklichen will.

In einem "neuen Bund" auf dieser Basis wäre der Wille Gottes von den Menschen prinzipiell schon aus ihrem Wesen heraus und damit in ihrem (Ur-)Gewissen erkennbar, auch wenn sie zunächst auf entsprechende Erfahrungen und Begegnungen angewiesen sind. Manche wachsen aber über das hinaus, was sie in ihrer Umgebung erleben, spüren die Defizite. Ein solcher Bund kann nicht auf ein bestimmtes Volk beschränkt sein, weil Gott nicht zwei Arten von Menschen geschaffen hat. Alle Menschen aus allen Völkern wären dann berufen, ihm anzugehören. Er müsste aber von den Einzelnen in Freiheit angenommen und eingegangen werden. Dafür würde genügen, wenn sie als Menschen guten Willens nach ihrem Gewissen leben, auch wenn sie nicht zum Glauben an Gott finden. Entscheidend wäre dann, dass sie nicht selbst die Stelle Gottes einnehmen wollen, sondern die Vorgegebenheit ihres Daseins sowie ihrer Mit-und Umwelt bejahen und entsprechend handeln.

Das Neue Testament versteht Jesus als den Menschen, der den Willen Gottes in vollkommener Weise verstanden und erfüllt hat. Das Zeugnis seiner Praxis ermöglichte seinen Jüngerinnen und Jüngern, in ihm den erwarteten Messias zu sehen. Jesus hat über seine Umgebung hinaus und oft im Kontrast zu dieser erkannt, was dem Wesen des Menschen und damit dem Willen Gottes entspricht, und es verwirklicht. Bei seinem Abschiedsmahl hat er das Trinken aus dem Kelch als Zeichen eines neuen Bundes der Menschen mit Gott und ihrer Gemeinschaft untereinander bezeichnet (Lk 22,20; 1 Kor 11,25). Damit wurde er nach Hebr 8,6 zum Mittler eines besseren Bundes, und zwar als der von Gott erwählte und gesandte Mensch Christus Jesus: Denn: Einer ist Gott, einer auch Mittler zwischen Gott und den Menschen: der Mensch Christus Jesus (1 Tim 2,5; im Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 2574, werden die Worte "der Mensch" durch drei Punkte ersetzt). Ein Messias Gottes, der selbst Gott wäre, wäre über die Menschen erhaben und könnte nicht der Anführer und Vollender des Glaubens sein (Hebr 12,2 nach dem griechischen Urtext). Im Johannesevangelium (6,69) bekennen sich die Jünger zu Jesus als dem Heiligen Gottes, nicht als dem "heiligen Gott".

Eine diesbezügliche Klarstellung wäre äußerst wichtig für das Gespräch zwischen Juden und Christen. Dabei muss auch die große Schuld der christlichen Kirchen, die auf Grund ihrer Lehre von Christus die Juden kollektiv zu "Gottesmördern" erklärten und damit deren Verfolgung legitimieren wollten, bereinigt werden. Das Argument von jüdischer Seite, dass Jesus nicht der Messias gewesen sein kann, weil die Welt auch heute noch unerlöst aussieht, beachtet nicht, dass mit dem Kommen Jesu nicht die Freiheit der einzelnen Menschen aufgehoben wurde, nach ihrem Gewissen zu handeln oder nicht; und dass dieses bei den meisten Menschen erst durch entsprechende Erfahrungen geweckt werden muss.

Einsicht und Entscheidung zugemutet

Jesus hat sich an die Stimme seines Herzens -seines Gewissens -gehalten und die Weisungen Gottes entsprechend ausgelegt, auch im Widerspruch zu geltenden Gesetzen, indem er etwa am Sabbat heilte. Die daraus entstandenen Konflikte haben ihn letztlich das Leben gekostet. Sein Sterben am Kreuz hat also nicht den Bund im Sinn des Neuen Testaments gestiftet (durch das Opfer eines Unschuldigen), sondern war die letzte Konsequenz seines Wirkens. Jesus hat keinen Glaubensgehorsam verlangt, sondern nach dem Johannesevangelium (7,17) den Menschen eine eigene Einsicht und Entscheidung zugemutet: Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt, oder ob ich von mir aus spreche.

Er hat einen Kreis von Jüngern und Jüngerinnen gesammelt, die ihm nach seinem Tod nachgefolgt sind und dabei Erfahrungen machten, die die Wahrheit seiner Lehre und Praxis bestätigten. Dadurch fanden sie auch zur Gewissheit, dass Gott ihn nicht im Tode ließ, sondern ihn für immer zu sich geholt hat. Dasselbe gilt auch für die Menschen heute: Auch sie müssen die Wahrheit des Glaubens Jesu erkennen können, wobei die Kirche als Ort entsprechender Praxis ein wichtiger Erfahrungsraum sein sollte. Die ersten Christen wirkten so überzeugend, dass auch Heiden den Weg Jesu gehen konnten und wollten, und sie nahmen diese daher in ihre Gemeinden auf, ohne zu verlangen, dass sie Juden werden müssen (vgl. Apg 15).

Der jüdische Philosoph Martin Buber hat den Unterschied zwischen dem Judentum und dem Christentum und damit zwischen dem alten und dem neuen Bund treffend beschrieben: Die zwei Glaubensweisen stehen einander also auch hier gegenüber. In der einen "findet sich" der Mensch im Glaubensverhältnis, in der andern "bekehrt er sich" zu ihm. Der Mensch, der sich darin findet, ist primär Glied einer Gemeinschaft, deren Bund mit dem Unbedingten ihn mit umgreift und determiniert; der Mensch, der sich zu ihm bekehrt, ist primär ein Einzelner, zu einem Einzelnen gewordener, und die Gemeinschaft entsteht als Verband der bekehrten Einzelnen

(Werke 1,654). Das Christentum erfordert also die freie Entscheidung der Einzelnen, sie werden nicht in ihren Glauben hineingeboren. Ohne dass der Sinai-Bund von Gott widerrufen wurde, beginnt so ein neuer Bund Gottes mit allen Menschen, die im Sinne Jesu handeln.

| Der Autor ist Dozent für Pastoraltheologie an der Universität Innsbruck |

Jesus Messias "Das Neue Testament versteht Jesus als den Menschen, der den Willen Gottes in vollkommener Weise verstanden und erfüllt hat. Das Zeugnis seiner Praxis ermöglichte seinen Jüngerinnen und Jüngern, in ihm den erwarteten Messias zu sehen. Jesus hat über seine Umgebung hinaus und oft im Kontrast zu dieser erkannt, was dem Wesen des Menschen und damit dem Willen Gottes entspricht, und es verwirklicht."(Bild: Bartolomé Esteban Murillo, Taufe Christi, um 1655)

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