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Dann schauen alle Völker deine Gerechtigkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Weihnachten ruft Jahr für Jahr alte Verheißungen der Bibel in Erinnerung. Sie bedeuten nicht Vertröstung, sondern Entlastung und Ermutigung.

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Weihnachten ruft Jahr für Jahr alte Verheißungen der Bibel in Erinnerung. Sie bedeuten nicht Vertröstung, sondern Entlastung und Ermutigung.

„Dann schauen alle Völker deine Gerechtigkeit" (Jes 62,2). Dieses Wort des Propheten Jesaja ist eines der vielen Hoffnungsworte der Weihnachtsliturgie. -Was soll dieses Wort angesichts des furchtbaren Krieges in Bosnien, der kriegerischen Auseinandersetzungen in Armenien, Aserbaidschan, Georgien und an vielen anderen Orten der Welt? Was soll dieses Wort angesichts des Hungers in Somalia, der zunehmenden Ausländerfeindlichkeit, der neuen Verherrlichung von Gewalt in rechtsradikalen Gruppen?Im Blick auf diese Vorgänge fühlen sich viele ohnmächtig und können an solche Worte der Hoffnung nicht glauben. - Man kann vielleicht sich selbst ändern, oder das eine oder andere im persönlichen Lebensbereich, aber kaum etwas in

Dingen, die über den persönlichen Lebensbereich hinausgehen und schon gar nichts im Leben der Völker. Das war die Grundstimmung, die in fast allen Gruppen entstand, als im Rahmen von „Wochen der Orientierung" in einem Wiener Neubaugebiet die Frage besprochen wurde: Ist Veränderung möglich?

Was nutzen da die großen Hoffnungsworte? Sind sie angesichts der konkreten Wirklichkeiten nicht eine Zumutung, klingen sie nicht wie ein Hohn?

Die Worte: „Dann schauen alle Völker deine Gerechtigkeit" waren auch eine Zumutung, als sie der Prophet Jesaja zum erstenmal gesprochen hat. Sie waren an das zerstörte Jerusalem gerichtet; an die Stadt, die den Namen trug: „Die Verlassene"; an ein Land, das bezeichnet wurde: „Ödland". An diese Stadt, die von Gott und den Menschen verlassen schien, die zum Ödland geworden war, richtet der Prophet das Wort: „Und alle Völker werden schauen deine Gerechtigkeit." Mit dieser Zusage wollte er dieser zerstörten Stadt Hoffnung geben.

Was hat ihn dazu befähigt und berechtigt? Das Fundament seiner Hoffnung war nicht rein menschlicher Art: Seine Hoffnung gründet vielmehr im Glauben an das verborgene Wirken Gottes in der Geschichte des Volkes Israels und der Menschheit. Der Glaube an den lebendigen Gott, der verborgen in den geschichtlichen Entwicklungen und im Wirken der Menschen anwesend ist, gibt Jesaja den Mut, der zerstörten Stadt zu sagen: „Alle Völker werden schauen deine Gerechtigkeit und alle Könige deine strahlende Pracht." Diesen Glauben, der Fundament seiner eigenen Hoffnung ist, will der Prophet dem verzagten Volk in immer neuen Variationen vermitteln.

Der Glaube an das Kommen Gottes verdichtet und verstärkt sich für jene, die an Jesus glauben in Jesus Christus. In ihm erfüllt sich in einzigartiger und unübertrefflicher Weise die Verheißung: „Gott selbst wird kommen und euch erretten (vergleiche Jes 35,4). Er ist der Immanuel - Gott mit uns.

Für viele Menschen, auch Christen, ist dieses Fundament der Hoffnung zerbrochen. Für sie sind die geschichtlichen Vorgänge entmythologisiert.

Die Welt ist Gott-los; damit ist auch Gott Welt-los und nutzlos. Und so verlassen sie sich auf ihre eigene Kraft, erleben ihreOhnmacht, und Hoffnungen lösen sich auf.

Aber Hoffnung ist für uns Menschen von höchster Bedeutung. Wo die Hoffnung schwindet, entsteht ein Nährboden für Gewalttätigkeit. Hoffnungslosigkeit ist auch ein Wurzelboden für den Rückzug in das Private, für Gleichgültigkeit gegenüber menschlichen Nöten, für Resignation und Lethargie. Solche Einstellungen sind gegenwärtig bei vielen anzutreffen; nicht nur hinsichtlich der Weltprobleme, sondern auch im Blick auf die persönlichen Probleme in Ehe und Familie, in Beruf und auch im kirchlichen Leben.

Hoffnung ist lebensnotwendig. Hoffnung, die im Glauben gründet, ist jedoch nicht eine Hoffnung, die sich allein auf Gott verläßt und von jeder menschlichen Anstrengung entbindet. Im Gegenteil: Sie kann und soll menschliche Kräfte und die Phantasie freisetzen und befähigen, auf die Ziele der Hoffnung zuzugehen. Sie gründet auf den Glauben, daß Gott in und durch den Menschen wirkt. Hoffnungsvolle Aufbrüche in Kirche und Welt sind immer verbunden mit Menschen, die sich - in der Sprache der Bibel - vom Geiste Gottes leiten lassen. Und die Menschen, durch die Gott wirksam wird, müssen nicht immer die Frommen sein. Der Prophet Jesaja sieht im heidnischen König Kyros Gott am Werk: „Ich habe dich gegürtet, obschon du mich nicht kanntest" (Jes 45,5).

Hoffnung kann helfen, mit Energie und Phantasie die Ziele dieser Hoffnung anzustreben und Gewalttätigkeit, Gleichgültigkeit und Lethargie zu überwinden.

Daß aber die Geburt einer erneuerten Welt nicht schmerzlos vor sich geht, wird in den Texten und Symbolen der Weihnachtsliturgie auf vielfältige Weise angesprochen. Weihnachten ist keine Idylle. Zu Weihnachten gehört die Krippe - weil in der Herberge für ihn kein Platz war -; der König Herodes, der um eine Herrschaft fürchtet und Jesus ermorden möchte; die Stadt Jerusalem, die von der Geburt des Messias nichts weiß. All das sind Zeichen, daß das Kommen dieser neuen erhofften Welt von heftigen Geburtswehen begleitet ist.

Trotzdem: Weihnachten will zur Hoffnung verführen und ermutigen, den Preis zu zahlen, den die Hoffnung von jedem fordert.

Aber Hoffnung allein genügt nicht. Es gibt auch Irrlichter der Hoffnung mit katastrophalen Folgen. Ein solches Irrlicht der Hoffnung ist zur Zeit zum Beispiel die ethnische Säuberung, die Herrschaft einer bestimmten Rasse oder der Rückzug in die Welt des Privaten. Die falschen Hoffnungeri, die sich der Mensch selbst macht oder die von falschen Propheten propagiert werden, haben nicht weniger Unheil in die Welt gebracht als die Hoffnungslosigkeit. Der Mensch kann sich sowohl über die Inhalte der Hoffnung täuschen als auch über die Wege, auf denen er die Erfüllung seiner Hoffnungen anstrebt. Die verschiedenen Ideologien und Diktaturen in unserem Jahrhundert führen uns dies anschaulich vor Augen.

Im Spruch des Propheten Jesaja steht als Korrektur dieser fundamentalen Täuschungen ein Wort, das auch für das Verständnis des Christentums von höchster Bedeutung ist; es ist das Wort „Gerechtigkeit". Dieses Wort hat im biblischen Sinn eine viel umfassendere Bedeutung als in der deutschen Sprache.

Es besagt nicht die Verteilungsgerechtigkeit. Es betrifft das ganze Menschsein und berührt auch das Verhältnis zu Gott. Es geht um eine Gerechtigkeit, die von Gott her kommt, die den Menschen gerecht macht und befähigt, gerecht zu sein und gerecht zu handeln: vor Gott, vor sich selbst und vor den Mitmenschen.

Diese Veränderung des ganzen Menschen ist auch Ziel des christlichen Glaubens. Sie soll geschehen in der Kraft des Heiligen Geistes. Von diesem Heiligen Geist heißt es in der Weihnachtsliturgie: „Ihn hat er in reichem Maß über uns ausgegossen durch Jesus Christus, unseren Retter, damit wir durch seine Gnade gerecht gemacht werden und das ewige Leben erben, das wir erhoffen" (Tit 3, 6.7).

Eine dauerhafte Veränderung der Zustände gelingt nur durch die Ver-

änderung des Menschen. Der Mensch, der gerecht wird, vermag die Irrlichter der Hoffnung zu erkennen und kann mithelfen, Gerechtigkeit zu begründen. Und so zielt Weihnachten vor allem auf diese Veränderung des Menschen hin. Man kann sagen: Gott ist Mensch geworden, damit der Mensch wieder zum Menschen werden kann.

Aber kann sich der Mensch ändern? Läßt er sich verändern? Gerade gegenwärtig erleben wir wieder mit Entsetzen, zu welchen Grausamkeiten und Verbrechen Menschen fähig sind. Und nach einer Zeit der Friedensbewegungen und der Hochschätzung der Gewaltlosigkeit wird der Ruf nach gewaltsamen Lösungen wieder laut.

Wie kann unter solchen Umständen die Hoffnung auf ein Leben in Gerechtigkeit und Frieden aufrecht erhalten werden? Wie sollen wir an die Verheißung glauben: „Alle Völker werden schauen deine Gerechtigkeit"?

Schon das Volk Israel hat einen Weg gefunden. Es ist der Weg der Erinnerung. Die Erinnerung an das Heilswirken Gottes in der Geschichte, an die Errettung aus den schlimmsten Situationen: aus der Knechtschaft in Ägypten, aus der Gefangenschaft in Babylon, das Gedächtnis dieser Ereignisse hat den glaubenden Juden die Kraft gegeben, die Gegenwart zu bestehen und mit Hoffnung in die Zukunft zu blicken.

Dieser Weg ist auch ein Weg der Christen. Darin liegt auch der tiefere Sinn des Kirchenjahres und der christlichen Feste, besonders der Hochfeste: Weihnachten, Ostern, Pfingsten. Es geht an diesen Festtagen nicht nur um das Geschick Jesu, sondern auch um das Schicksal und die Zukunft des Menschen. Wenn viele Christen diesen Festen so hilflos gegenüberstehen, ist dies ein Zeichen dafür, wie sehr sich Glaube und Leben getrennt haben. Die lebendige Erinnerung an das, was in und durch Jesus Christus geschehen ist, soll uns helfen, uns selbst zu verstehen, unser Leben zu bejahen und mit Zuversicht der Zukunft entgegen zu gehen.

Bei all den Skandalen, die es in der Geschichte der christlichen Kirchen gegeben hat, ist die lebendige Erinnerung an Jesus und seine Wirkungsgeschichte durch nun schon fast zweitausend Jahre eine Quelle der Hoffnung und der Inspiration.

Weihnachten ist aber nicht nur ein Fest der Erinnerung, sondern auch Ausblick. Die Texteder Liturgie sprechen auch von der Wiederkunft Jesu am Ende der Zeiten, von der Vollendung der Schöpfung. Erst dann erfüllt sich die Verheißung des Propheten Jesaja: „Dann schauen alle Völker deine Gerechtigkeit und alle Könige deine strahlende Pracht."

Diese Verheißung ist keine Vertröstung. Sie ist eine Entlastung und eine Ermutigung. Eine Entlastung: Wir können und müssen keine heile Welt schaffen - alle diesbezüglichen Versuche werden totalitär und verschlimmern die Situation. Eine Ermutigung: Keine Anstrengung ist umsonst. Sie ist ein Mitwirken am Kommen des Reiches Gottes, das sich letztlich durchsetzen und vollenden wird.

Eine solche Sicht der Wirklichkeit erfordert Glauben. „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an diese Frohbotschaft" (Mk 1,15).

Der Autor ist Provinzial des Redemptoristen-ordens in Österreich.

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