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Gottes Verborgenheit

Wir brauchen nicht zu beweisen, dass Gott lebt, wohl aber, dass der Mensch nicht tot ist. Nicht Ihn müssen wir beweisen, sondern uns.

Theodizee, der Versuch Gott als Schöpfer angesichts der Übel und Leiden in der Welt zu verteidigen und zu rechtfertigen, gehört zu den Tabu-Themen unserer Zeit. So enthält etwa eine Festschrift für den hervorragenden katholischen Dogmatiker Herbert Vorgrimler nur einen einzigen Artikel zu diesem Thema - von Johann Baptist Metz. Diese Festschrift hat den Titel "Und dennoch ist von Gott zu reden". Über dieses "Dennoch" spricht man sonst in diesem wertvollen Buch freilich nicht.

Wir leben aber heute in einer Zeit, in der die Frage nach Gott eben dieses "Dennoch" erfordert. Unsere Zeit ist durch die Schoa gekennzeichnet, und das Thema müsste daher lauten: "Gott im Zeitalter von Auschwitz". Dabei stehen wir vor der Schwierigkeit, dass es eine sogenannte Holocaust-Theologie eigentlich nicht geben kann. Auschwitz standzuhalten heißt keineswegs, es zu begreifen. Wer hier begreifen wollte, hätte nichts begriffen. Unbegreiflich, wie es uns aus unserer jüngsten Geschichte entgegenstarrt, entzieht es sich jedem Versuch, es friedlich zu versöhnen und es dann aus unserem Bewusstsein zu verabschieden. Angesichts von Auschwitz gibt es keine Stimmenthaltung, keine Verhältnislosigkeit; sie wäre, wo sie versucht wird, schon wieder geheime Komplizenschaft mit dem unbegriffenen Grauen. Jede Theodizee und jede Rede von "Sinn" angesichts Auschwitz, die außerhalb oder oberhalb dieser Katastrophe ansetzt, ist Blasphemie. Über Gott in diesem Zusammenhang zu sprechen, ist nur insofern legitim, als dies auch von nicht Wenigen in Auschwitz selbst nicht preisgegeben wurde.

Gott - Tora - Israel

Wir sehen in der Schoa eine Zäsur in der Geschichte. Die Welt ist nach Auschwitz eine andere als vorher, und die systematische Ausrottung der Juden ist beispiellos. Diese Zäsur betrifft vor allem Juden und Christen - wenn auch in je verschiedener Weise. Vor Auschwitz galt im Judentum der Satz: "Gott, die Tora und Israel sind eins". Nicht wenige Juden bejahen Israel, den Staat und das jüdische Volk, viele sehen in der Tora die Grundlagen unserer Ethik - aber die Frage nach Gott ist zu einem Problem geworden. Natürlich hat sich auch die Hebräische Bibel mit unserem Problem befasst - wenn es beim Propheten Jesaja heißt: "Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Ewige, sondern so hoch der Himmel über der Erde ist, so viel sind meine Wege höher als eure Gedanken" (Jes 55,8 f).

Das Judentum hat trotz aller Versuchung an dem einen Gott festgehalten - und selbst angesichts der Schoa hat sich daran grundsätzlich nichts geändert. Die Tora beruht darauf, dass wir Gott verstehen können, freilich nicht vollständig, aber zumindest etwas von ihm; vor allem seinen Willen und vielleicht sogar sein Wesen. Er hat uns seine Offenbarung gegeben, seine Gebote, und er hat sich Mose und den Propheten kundgetan. Er ist also nicht nur ein verborgener, unverständlicher Gott. Wenn aber Gott auf gewisse Weise verstehbar sein soll, dann muss sein Gutsein zu vereinbaren sein mit der Existenz des Übels. Dann stellt sich die Frage nach der Allmacht, und diese ist so ohne weiteres mit der Güte nicht vereinbar.

Dieser Gedanke ist im Judentum keineswegs neuzeitlich oder angesichts der Schoa aufgekommen, sondern findet sich bereits im Mittelalter im Begriff des "Zimzum" - das bedeutet Kontraktion, Rückzug, Selbsteinschränkung. Um Raum zu machen für die Welt, musste der Unendliche sich in sich selbst zusammenziehen und so außer sich die Leere, das Nichts entstehen lassen, in dem und aus dem er die Welt schaffen konnte. Ohne diese Rücknahme in sich selbst könnte es kein Anderes außerhalb Gottes geben; und nur sein weiteres Zurückhalten bewahrt die endlichen Dinge davor, ihr Eigensein wieder ins Göttliche zu verlieren.

Einer, der sich am intensivsten mit unserer Problematik beschäftigt hat, ist der amerikanische Professor Irving Greenberg. Er weist darauf hin, dass durch die Schoa eine unvergleichbare Krise des Glaubens an Gott und den Bund erfolgte, ebenso das Ende des Traumes auf eine stetig sich vervollkommnende Welt. Es geht ja nicht nur um die Mörder, es geht auch um die Gleichgültigkeit der zivilisierten Welt angesichts dieses Geschehens. Greenberg spricht von der Verborgenheit Gottes und stellt einen Bezug her zur Zerstörung des zweiten Tempels: "Wenn Gott nach der Zerstörung des Tempels verborgener war als zuvor, um wieviel mehr muss dann Gott verborgen sein in der Welt nach dem Holocaust?" Der Talmud beantwortete seinerzeit die Frage, wie denn Gottes Gegenwart erfahrbar sei, wo man doch von ihm als dem verborgenen Gott spreche, damit, dass die fortdauernde Existenz Israels die Gegenwärtigkeit Gottes trotz aller Verborgenheit bezeuge.

Wir stehen hier auch vor dem Problem der Existenz des Staates Israel: vor dem Problem, dass auf der einen Seite sich eine biblische Verheißung weitgehend realisiert hat und auf der anderen Seite es sich um einen säkularen Staat handelt mit all seinen guten und schlechten Eigenschaften. Wir kommen nicht darum herum, festzustellen, dass die Beziehung zu diesem Land und auch zu Jerusalem eines der Grundmotive der Hebräischen Bibel ist. Das Land Israel steht - ungeachtet aller emotionalen Bindungen - als für die jüdische Existenz konstitutiv vor unseren Augen. Es gibt in der Hebräischen Bibel kaum eine Zukunftsverheißung ohne die Verheißung des Landes - und diese wurde nicht wie im Christentum spiritualisiert, sondern als konkrete Hoffnung verstanden.

Erinnerung und Macht

Wir können das Land Israel nicht ohne den Hintergrund der Schoa sehen, wenngleich hier eine Dialektik vorliegt, die nicht leicht zu verstehen ist. Die Präsenz dieses Landes - gleichgültig in welchen Grenzen - ist für nicht wenige ein Zeugnis für die Gegenwart des Göttlichen, seine Gegenwart in der Geschichte, unabhängig von einem Glauben an Erlösung. Juden fühlen, dass die Tatsache, dass Israel wieder errichtet wurde, ein Ereignis ist, das es ermöglicht, den Bund weiterhin für gültig zu erachten. Freilich wissen wir, dass es sich hier um ein Ereignis mit Rissen und Fehlern handelt. Dabei haben die Juden einen tiefen Lernprozess durchzumachen: Der Übergang von der Machtlosigkeit zur Macht erfordert eine tiefe Veränderung jüdischer Existenz. Wie diese Macht eingesetzt wird, muss auch Gegenstand von Kritik sein können, ohne dass diese als Judenfeindschaft ausgelegt wird.

Aber wie vermag man Macht zu benutzen, ohne sich von ihr versklaven zu lassen? Dazu muss der Gebrauch der Macht stets begleitet werden von der Erinnerung an das historische Leid der Juden und ihre Machtlosigkeit. Es ist so leicht, die Lehren der Sklaverei zu vergessen, ist einem erst einmal Macht zugewachsen; aber solche Vergesslichkeit wird dazu führen, auf gefühllose Weise anderen Schmerz aufzuerlegen. Die Erinnerung an den Holocaust muss Israel in den Stand setzen, ein verantwortlicher und zurückhaltender Machthaber zu sein. Erinnerung ist der Schlüssel zur Moralität.

Es ist erstaunlich, dass in der christlichen Theologie - von einigen Ausnahmen abgesehen - die Schoa kaum eine Rolle spielt. Nicht wenige Arbeiten von Theologen erscheinen, als ob es die Schoa nie gegeben hätte, und sie treiben ihr Handwerk mit einer erstaunlichen Kontinuität. Die Gleichgültigkeit setzt sich hier also fort. Eine der Ausnahmen ist Johann Baptist Metz, wenn er in seinem Aufsatz "Kirche nach Auschwitz" schreibt: "Wir Christen kommen niemals mehr hinter Auschwitz zurück; über Auschwitz hinaus aber kommen wir, genau besehen, nicht mehr allein, sondern nur noch mit den Opfern von Auschwitz. Das ist in meinen Augen der Preis für die Kontinuität des Christentums jenseits von Auschwitz."

Was also ergibt sich aus diesem Nachdenken? Was wir tun müssen ist dies: in den dunklen Katakomben der täglichen Routine einen Augenblick der Erkenntnis herauszumeißeln. Wer einen Gott sucht, der seiner eigenen Intelligenz entspricht und seine Eitelkeit und Neugier befriedigt, wird am Ende ein Gebilde seiner eigenen Phantasie finden. Wer auszieht, Gott auf der Brücke abstrakter Beweise zu suchen, wird in Luftschlössern landen. Nur eine Brücke, die aus dem Leben selbst gebaut ist, aus Taten der Liebe, des Mitleids, aus Augenblicken des grossen Staunens und der Ehrfurcht, wird uns zum Verständnis dessen führen, was der Glaube sagen will.

Kann Gott uns trauen?

Die große Frage im Leben des Menschen ist, ob er vertrauen, an Gott glauben soll. Die große Frage im Leben Gottes ist, ob er dem Menschen trauen und an ihn glauben soll. Das zentrale Problem ist nicht die Entscheidung des Menschen, Gott offiziell anzuerkennen, ihm quasi eine Bescheinigung auszustellen, dass er existiert, sondern die Erkenntnis, dass wir wichtig sind in Gottes Plan. Wir brauchen nicht zu beweisen, dass Gott lebt, wohl aber, dass der Mensch nicht tot ist.

Die Theodizee muss wieder zu ihrer ursprünglichen biblischen Erscheinungsform zurückfinden - als Frage und Aufschrei angesichts des Leids in unserer Welt. Nicht einer "prästabilisierten Harmonie" ist zu huldigen, sondern die Widersprüchlichkeit unserer Welt ist auszuhalten und zu bekämpfen, wo sie als Unrechtssystem die Würde der Schöpfung und des Geschöpfs verletzt. In der Treue zur biblischen Tradition wenden wir uns gegen eine spannungslose Harmonie und fraglose Versöhntheit. Angesichts der menschlichen Leidensgeschichte weicht die traditionelle Theodizee als Anklage einer moralisch-politischen Theodizee als Klage und Frage, die nur eine Antwort kennt: die gelebte Liebe zu dem Nächsten. Allein durch unser ethisches Zeugnis wird Gott erfahrbar, spüren wir seine Gegenwart und überleben wir in dieser Welt.

Der Autor ist emerit. Professor für Neuere Jüdische Geschichte und Literatur in Bern.

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