Dialolg im Heiligen Land

1945 1960 1980 2000 2020

An die Wurzeln geht eine Fahrt ins Heilige Land. Christen begegnen dort ihren älteren Geschwistern, den Juden - und Muslimen, ihren jüngeren Verwandten.

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An die Wurzeln geht eine Fahrt ins Heilige Land. Christen begegnen dort ihren älteren Geschwistern, den Juden - und Muslimen, ihren jüngeren Verwandten.

Pilger aller drei Weltreligionen, die in Jerusalem versammelt sind, glauben auf irgendeine unbeschreibliche Weise, dem Heiligen an diesen heiligen Stätten näher zu sein als anderswo. Gott ist aber an diesen Orten nicht mehr und weniger präsent als anderswo in der Welt. Gott als Schöpfer ist überall anwesend.

Diese Konkretion, von der Offenbarung Gottes an bestimmten Orten zu sprechen und zugleich die Ortlosigkeit Gottes festzustellen, bedeutet, daß bestimmte Erwartungen enttäuscht werden. Das gilt aus christlicher Sicht etwa dann, wenn man in Betlehem oder an bestimmten anderen Stätten christlicher Geschehnisse danach fragen muß, ob sie wirklich dort an dieser Stelle geschehen sind. Das wird auch dort bewußt, wo verschiedene christliche Konfessionen darüber streiten, an welchem Ort denn nun etwa das Grab Jesu ist.

Suche nach Orten und Entzug der Orte, Nähe und Ferne, Suche nach Greifbarkeit und doch die Nichtgreifbarkeit und Unbegreiflichkeit Gottes: Diese Spannung wird bei einer Reise ins Heilige Land deutlich bewußt. Um diese Ungreifbarkeit Gottes weiß auch eine christliche Tradition, die sich des Bilderverbotes durchaus bewußt bleibt. Bei aller Gottesnähe, die das Christentum in Jesus Christus bekennt, weiß sie doch auch um die Transzendenz und Unbegreiflichkeit ihres Gottes.

Diese Verunsicherung gilt auch für das Erlebnis der interreligiösen Beziehungen in Israel. Sind Christen die einzigen, die Gott haben und in der rechten Weise von ihm sprechen? Gerade Jerusalem konfrontiert mit der lebendigen und auch spannungsvollen Vielfalt von Christentum, Judentum und Islam. Und hier gilt, daß es in diesem Verhältnis der Religionen untereinander ein ganz besonderes und einmaliges Verhältnis zwischen Christentum und Judentum gibt. Dies wird den christlichen Pilgerinnen und Pilgern in Israel besonders bewußt, wo sie mit der Wurzel ihres Glaubens, dem Volk Israel, besonders konfrontiert werden.

In der katholischen Kirche ist es vor allem Papst Johannes Paul II., der das Verhältnis zu Israel auf eine andere Ebene gestellt hat. In seiner Rede an Vertreter des Judentums in Mainz 1980 hat er den Dialog der Kirche mit dem Judentum als einen Dialog innerhalb der Kirche benannt. Er hat mehrfach herausgestellt, daß es sich hier nicht nur um eine Anknüpfung ans Alte Testament handelt, sondern daß schon der Kanon der Heiligen Schrift, der eben aus Altem und Neuem Testament besteht, eine besondere Begegnung zwischen den heutigen christlichen Kirchen und dem heutigen Volk des mit Mose geschlossenen Bundes bedeutet.

Juden und Christen sind auf der Ebene ihrer eigenen Identität miteinander verbunden. Dies wird von christlicher Seite her gesagt, ohne damit das Judentum vereinnahmen zu wollen: Wir wissen, wo wir herkommen, wo unsere bleibende Wurzel ist. Hier gibt es im beiderseitigen Verhältnis durchaus eine Asymmetrie, weil Christen auf das Judentum als Wurzel verwiesen sind, sie sind "dem Stamme Abrahams geistlich verbunden", so hat es das II. Vatikanum formuliert.

Das Volk Israel ist das Volk des nie gekündigten Bundes: das betont Johannes Paul II. im Anschluß an den Römerbrief (Röm 9-11) immer wieder. Dieses besondere Verhältnis tritt in Israel und in Jerusalem mit aller Deutlichkeit vor Augen. Hier geht es um die Vergangenheit und um die Herkunft des christlichen Glaubens, hier geht es darum, noch eine andere Religion anzuerkennen, die ein Heilsweg zu Gott ist, weil ihr Bund nie gekündigt wurde.

Das bedeutet, daß Christen im Heiligen Land in besonderer Weise mit einer Erinnerung konfrontiert werden. Es ist die Erinnerung an die Wurzel Abrahams und die Erinnerung an den Weg Jesu. Hinzu kommt die Erinnerung, daß es danach noch eine Religion gibt, die sich auf Christentum und Judentum, auf den Stammvater Abraham gleichermaßen bezieht: den Islam.

Es ist die Situation in Jerusalem, wo drei Religionen ihren Ort haben und ihn auch nicht haben, wo drei Religionen in einem fragilen Frieden zusammenleben, der ohne Spannungen nicht denkbar ist. Ort und Ortlosigkeit, Nähe und Ferne Gottes. Das ist ein Phänomen, das auch die Rede von Gott prägt, dessen Offenbarung an bestimmten Orten geschieht, aber diese Orte auch überschreitet. Damit werden wir an diesen Orten in eine Bewegung hin zum unbegreiflichen Gott aufgenommen.

Gottsuche, die nur an bestimmten konkreten Orten beginnen kann und ihn zugleich von diesen Orten wegreißt, über die Orte hinausführt in die unbegreifliche Weite und Unbegreiflichkeit Gottes. Dies gilt nicht nur in einem topologischen Sinn, sondern auch in einem interreligiösen: Finden wir Gott nur in der eigenen Religion, oder finden wir auch etwas von ihm, wenn wir über diese hinausschauen, den Dialog mit Judentum und Islam wagen?

Transzendenz, Überschreitung gewohnter Denkhorizonte, Irritation und Wagnis in der Hoffnung auf den einen Gott, den die Religionen in unterschiedlicher Weise zur Sprache bringen; Konfrontation mit Spannungen in der eigenen Religion und darüber hinaus, mit der viele nicht zurecht kommen: Aber all dies sind Zeugnisse von einem spannenden Gott, der sich auch immer wieder in die Beziehung zum Menschen einläßt.

Dieser Spannungsreichtum steht für das Wagnis menschlicher Existenz überhaupt. Leben in Spannungen konfrontiert mit einer Vielfalt, aber auch mit einer letzten Ungesichertheit des Lebens, die die Sehnsucht nach der Nähe Gottes immer wieder wachhält. Diese Sehnsucht ist für alle Religionen eine unstillbare Sehnsucht nach einem Gott, die den Menschen doch zutiefst am Leben hält.

Sehnsucht, die Orte sucht und doch über diese Orte hinauszielt. Ortlosigkeit auch deshalb, weil für christliches und jüdisches Denken die Beziehung zu Gott mit der Beziehung zum anderen Menschen konfrontiert. Nächstenliebe und Gottesliebe gehören unmittelbar zusammen, und im anderen Menschen haben wir es in bevorzugter Weise mit Gott selbst zu tun.

Nach den Aussagen des II. Vatikanums und Johannes Paul II. ist es für die römisch-katholische Kirche nicht mehr möglich, mit Gedanken an Missionierung nach Israel zu kommen: Israel ist und bleibt ein Weg zum Heil. Damit entfällt das Motiv für eine Mission.

Hier erinnern sich Christen auch ihrer Schuld, die sie im Verhältnis zum Judentum auf sich geladen haben. Dies gilt noch einmal in besonderer Weise für Deutsche und Österreicher, die gerade in Israel mit der schrecklichen Schuld der eigenen Geschichte konfrontiert werden. Ihrer müssen wir eingedenk sein, damit aus dieser Erinnerung Verantwortung für die Zukunft erwachsen kann. Der verantwortliche Umgang mit der Schuld ist die Voraussetzung für die Gestaltung einer verantworteten gemeinsamen und friedvollen Zukunft. Er ist auch Voraussetzung für den vertrauensvollen christlich-jüdischen Dialog.

Es geht somit nicht mehr um Mission, sondern um einen ehrlichen Dialog mit der anderen Religion. Dialog mit dem Fremden, mit dem Unbekannten, Suche nach Verständnis und Wahrheit, eine Suche, die das Zeugnis und die Rechenschaft des eigenen Glaubens einschließt. Dialog ist immer auch ein Wagnis. Es setzt voraus, aus der christlichen, jüdischen oder muslimischen Identität heraus in den Dialog zu gehen, sich aber zu öffnen: Das bedeutet, nicht mit Abgrenzung, mit einem Rückzug auf eigene Positionen zu reagieren, sondern sich durch die andere Religion herausfordern und bereichern zu lassen. Und erfordert die Bereitschaft, über das nachzudenken, was uns zutiefst im Glauben auf einer Suche nach Gott bewegt. Diese Gottsuche in Israel und in der Stadt Jerusalem konfrontiert Christen mit den anderen Religionen, und innerhalb der eigenen Tradition mit der Vielfalt der Konfessionen.

Man kann nicht ins Heilige Land reisen ohne ein Bewußtsein von einer bestimmten Art der Sensibilität im Umgang mit dem Fremden und dem Anderen. Es geht nicht primär um Tourismus, um viele schöne Bilder, sondern um die konkrete Erfahrung der Beziehungen, in die man in Israel hineingerät, um Erfahrung der Menschen und der Situationen in diesem Land. Es geht darum, sich diesen Beziehungen auszusetzen und sie vom eigenen Denken und Glauben her zu bedenken. Dieses Sich-Aussetzen gegenüber den Grundfragen unseres eigenen Lebens geschieht vor allem auch in einer Erfahrung der Wüste.

Die Wüste spielt für alle drei Religionen eine besondere Rolle. Hier wird der Mensch auf sich selbst zurückgeworfen und auf die Frage nach dem unendlichen Gott. In ihm findet sich der Zielpunkt letzter Sehnsucht. In der mystischen Erfahrung der drei großen Religionen zeigt sich, daß dieser Gott und die Einheit mit ihm jenseits aller Gegensätze und Begrenzungen liegt.

So nehmen wir ein gemeinsames Schicksal der Religionen, ja der ganzen Menschheit wahr, an die sich Gott als universaler Gott gewendet hat, in seiner Nähe. In der Konkretheit der Orte in diesem Land wendet sich Gott der ganzen Welt und jedem Menschen zu. Diese Entgrenzung wird hier an diesen konkreten Orten besonders bewußt.

Das ist die paradoxe Spannung und Erfahrung in Israel und Jerusalem, Erfahrung von Einheit und Pluralität angesichts unserer Gottesbeziehung, Bereicherung und Verunsicherung zugleich. Sich auf beides einlassen, sich nicht zurückziehen, die Chancen dieser Vielfalt zu entdecken, das ist die Chance einer Reise hierher, es ist die Chance zu einer vertieften Gottesbeziehung, zu einem vertieften Verhältnis zum Judentum und dann auch zum Islam.

Die Hoffnung auf weitere Annäherung der Religionen und die Hoffnung auf den rettenden Gott ist unsere Hoffnung an der Schwelle zum nächsten Jahrtausend.

Der Autor ist katholischer Theologe und lehrt Dogmatik an der Universität Osnabrück.

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