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Orthodoxes Sozial-Engagement

Was zeichnet eine Sozialethik der orthodoxen Kirche aus?

Die orthodoxe Kirche legt großen Wert darauf, dass die christliche Botschaft nicht nur als eine Summe von Kenntnissen verstanden wird, auch nicht als ein System von Dogmen, sondern als ein Wegweiser für das konkrete Leben, das heißt in einer engen Verbindung zwischen Glauben und Liebe, wobei die Liebe nicht nur Gefühlsduselei ist, sondern tätige Liebe, die eine Hingabe für den anderen in Gemeinschaft und Solidarität bedeutet.

Der Mensch als Bild Gottes

Dabei wird die Gleichwertigkeit aller Menschen und die Unteilbarkeit der menschlichen Würde als Fundament für jede Sozialethik und für jede Soziallehre vorausgesetzt. Die biblische Fundierung dazu ist evident: Alle Menschen tragen nach der Erzählung der Genesis (1,26) durch die Schöpfung das Bild Gottes in sich. Daraus folgt die hohe Würde ihrer Existenz und die Gleichwertigkeit aller, die geachtet und respektiert werden müssen.

Und das letzte Gebet Jesu im Johannesevangelium zeigt auch sein Testament für das gemeinschaftliche Leben aller Menschen. Alle sollen eins sein, wie ich, Vater, in dir und du in mir. Die Liebe ist das Fundament der Gemeinschaft zwischen dem Vater und dem Sohn, zwischen Gott und den Menschen und so soll es auch zwischen den Menschen sein, heißt es dort. Hier haben wir die innigste Gemeinschaft ohne Unterordnung und Unterwerfung.

Wollen wir Christen dieses Vorbild und dieses göttliche Angebot ernst nehmen, dann hätten wir eines der solidesten Fundamente auch für die Gesellschaft bis heute in gegenseitiger Achtung und Respektierung aller Völker und aller Menschen, ohne Unterdrückung und Ausbeutung. Dann müsste klar werden, dass die christliche Botschaft existenzielle Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz hat und nicht nur Privatsache ist.

Dieses biblische Fundament war auch den Kirchenvätern bekannt. Athanasius, Bischof von Alexandrien im 4. Jhdt., betonte, dass alle Menschen ausnahmslos wesensgleich sind. Und die vielfältigen sozial-karitativen Einrichtungen des hl. Basilius des Großen, ebenfalls 4. Jhdt., für die Armen, die Kranken, die Waisen, die Witwen und alle Leidenden und Benachteiligten sind vorbildhaft auch für heute.

In dieser Kontinuität denkt und handelt die orthodoxe Kirche. So heißt es in der Liturgie : Lasst uns in Frieden den Herrn bitten: ... Für diese Stadt, für jede Stadt, jedes Land und für die im Glauben darin Lebenden ...Um gedeihliche Witterung, reiche Ernte und friedliche Zeiten ... Für die Reisenden ..., für die Kranken und Notleidenden, für die Gefangenen ... Dass wir von aller Trübsal und Zorn, Bedrängnis und Not befreit werden ...

Auf diesen Fundamenten fußt orthodoxe Sozialauffassung und Sozialpraxis, auch wenn keine Soziallehre bzw. Sozialethik im westlichen Sinne entwickelt wurde. Dementsprechend gibt es in der orthodoxen Kirche viele Dokumente, die die vielfältigen sozial-relevanten Aspekte des christlichen Glaubens beinhalten und viele Sozialeinrichtungen in den verschiedenen orthodoxen Kirchen.

Bahnbrechendes Dokument

Im Folgenden berichte ich über das Dokument, das von Vertretern aller orthodoxen Kirchen im November 1986 von der III. Präkonziliaren Panorthodoxen Konferenz in Chambésy verabschiedet wurde. Es handelt sich um das erste offizielle Dokument zu dieser Problematik, das von allen 14 orthodoxen Kirchen getragen wird, auch wenn es die Autorität eines Konzils noch nicht besitzt. Der Text zeigt das Interesse, aber auch die Sorge aller orthodoxen Kirchen für die konkreten Probleme der Menschen in dieser Welt.

Christen haben auch hier ein Wort mitzureden, wenn ihnen die Schicksale, das Leben der Menschen, anvertraut werden. Dies soll am besten in ökumenischer Zusammenarbeit geschehen. Deshalb ist es erfreulich, dass sehr viele Initiativen in dieser ökumenischen Gesinnung, gemeinsam, unter Berücksichtigung der drei großen Traditionen, der katholischen, der orthodoxen und der evangelischen in Angriff genommen werden.

Nach orthodoxer Auffassung darf es also keine Trennung geben, keinen falschen Dualismus zwischen Spiritualität und Weltverantwortung. Dazu wird am Anfang des Dokuments die Sorge der orthodoxen Kirchen ausgesprochen: Da sich die Orthodoxe Kirche den brennenden Problemen, die die gesamte Menschheit heute beschäftigen, bewusst ist, hat sie schon von Anfang an das Thema "Der Beitrag der Orthodoxen Kirche zur Verwirklichung des Friedens, der Gerechtigkeit, der Freiheit, der Brüderlichkeit und der Liebe zwischen den Völkern sowie zur Beseitigung der Rassen-und anderen Diskriminierungen" auf die Tagesordnung des Heiligen und Großen Konzils gesetzt. Denn getrennt von der diakonischen Sendung ist der Glaube an Christus sinnlos. Christsein bedeutet, Christus nachzufolgen und bereit zu sein, ihm im Schwachen, im Hungrigen und Unterdrückten und allgemein in jedem Hilfsbedürftigen zu dienen, wird der orthodoxe Grundsatz unmissverständlich formuliert.

In der Präambel des Dokuments heißt es auch: Es versteht sich von selbst, dass diese Problematik nicht nur die Orthodoxe Kirche angeht, sondern alle Christen und alle Religionen beschäftigt und in ihren verschiedenen Formen und Nuancierungen der Problematik der gesamten Menschheit entspricht. Das zeigt nicht nur die ökumenische Haltung der Orthodoxie, sondern auch deren Ausgangsposition für den interreligiösen Dialog.

Interreligiöser Dialog

An anderer Stelle stellt das Dokument fest: Die orthodoxen Lokalkirchen betrachten es als ihre Pflicht, eng mit den Gläubigen aus anderen Weltreligionen, die den Frieden lieben, für den Frieden auf Erden und für die Verwirklichung brüderlicher Beziehungen zwischen den Völkern zusammenzuarbeiten. Die Orthodoxen Kirchen sind aufgerufen, zur interreligiösen Verständigung und Zusammenarbeit und auf diese Weise zur Beseitigung von jeglichem Fanatismus beizutragen und damit zur Verbrüderung der Völker und zur Durchsetzung der Güter der Freiheit und des Friedens in der Welt zum Wohle des heutigen Menschen und unabhängig von Rasse und Religion. Es versteht sich dabei von selbst, dass diese Zusammenarbeit sowohl jeden Synkretismus ausschließt als auch jeden Versuch, irgendeine Religion anderen aufzuzwingen.

Und im letzten Kapitel noch einmal: Wir glauben, dass dies (die Aufgaben der Orthodoxen Kirche zu erfüllen) nur die Liebe bewirken kann, die den Willen der Orthodoxen Kirchen beleben wird, dass sie in Zusammenarbeit mit ihren Brüdern aus den anderen christlichen Kirchen und Konfessionen, aber auch mit allen Menschen heute ihr Zeugnis ablegen, ein Zeugnis des Glaubens und der Hoffnung in der Welt, die mehr denn je dieses Zeugnisses bedarf.

Breite Zusammenarbeit

Das Dokument nennt hier auch die gemeinsame Basis für eine solche intensive Zusammenarbeit und für ein gemeinschaftliches, harmonisches und friedliches Leben aller Völker und aller Menschen: Als Voraussetzung für eine diesbezüglich breitere Zusammenarbeit kann die gemeinsame Annahme der überragenden Würde der menschlichen Person gelten.

Die Minderheiten religiöser, sprachlicher oder nationaler Art müssen in ihrer Eigenart respektiert werden, was eine pluralistische Form des Lebens in allen Ländern bedingt. Daher verurteilt die Orthodoxie kompromisslos das unmenschliche System der rassischen Diskriminierungen und die gotteslästerliche Behauptung von der angeblichen Übereinstimmung eines solchen Systems mit den christlichen Idealen.

Abschließend heißt es ausdrücklich: Die Orthodoxie bekennt, dass jeder Mensch - unabhängig von Farbe, Religion, Rasse, Nationalität und Sprache - das Bild Gottes in sich trägt und unser Bruder oder unsere Schwester ist und gleichberechtigtes Glied der menschlichen Familie. Noch einmal betont das Dokument die Gleichwertigkeit aller Menschen und fordert nicht nur die friedliche Koexistenz aller, sondern auch den interreligiösen Dialog. Diese Stelle des Dokuments wurde in die Schlussbotschaft von der Ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel (Mai 1989) aufgenommen.

Daraus sind Konsequenzen zu ziehen. Also keine Exklusivismen und vor allem keine Anmaßung, alles allein, durch die orthodoxe Kirche, erreichen zu wollen.

Das hier erwähnte Dokument ist lesenswert und zeigt eindeutig die Stimme der Gesamtorthodoxie für den sinnvollen und notwendigen Einsatz aller christlicher Kirchen und aller Religionen für die sozialen Probleme der Menschen. Das bedeutet, dass die Gesamtorthodoxie viele Dialoge führt, bilaterale und multilaterale ökumenische Dialoge, den interreligiösen Dialog, aber auch den Dialog mit den europäischen politischen Kräften. Aus dieser Auffassung und vor allem aus dieser Praxis der Gesamtorthodoxie in der Gegenwart ist es keine orthodoxe Grundauffassung, dass nur partielle Allianzen angestrebt werden, sogar durch Ausgrenzungen anderer Kirche bzw. religiösen Kräften, die zum Dialog bereit sind.

Keine Ausgrenzung der Welt

Solche einseitige Allianzen wirken kontraproduktiv und sind antiökumenisch. Die Kirche stammt zwar nicht aus dieser Welt, sie existiert aber auch in dieser Welt, und ihre Gläubigen sind Bürger dieser Welt und in den konkreten Gesellschaften von heute. Dies zu relativieren oder zu ignorieren entspricht nicht der Aufgabe der Kirche.

Daher wirkt die orthodoxe Kirche bei allen ökumenischen Organisationen initiativ mit, auch für die Gestaltung des neuen Europa. So in der Konferenz Europäischer Kirchen und sehr intensiv bei der Abfassung der Charta Oecumenica, die für die Gestaltung Europas sehr viele wichtige Verpflichtungen aller europäischen Kirchen beinhaltet. Es ist daher selbstverständlich, dass die orthodoxe Kirche jede neue ökumenische Initiative unterstützt, auch im sozialen Bereich, wie sie es u.a. auch für die Gestaltung des österreichischen Ökumenischen Sozialwortes praktiziert hat. In diesem Sinne muss man orthodoxerseits auch die erste Enzyklika des Papstes Benedikt XVI. über die Liebe positiv sehen.

Der Autor ist Professor für ostkirchliche Orthodoxie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz.

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