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Hoffnung von der Kirche?

Katholikentage waren oft Anlaß, an den Staat und die verschiedenen gesellschaftlichen Kräfte Forderungen zu stellen. Bei diesem Katholikentag wird darauf weitgehend verzichtet. Eine andere Frage ist virulenter: Erfüllt die Kirche mit all ihren Institutionen und Gemeinschaften die Aufgaben, die ihr im Volk und Staat Österreich gestellt sind? Ist die katholische Kirche eine tragende und innovatorische Kraft im Leben des österreichischen Volkes und Staates? Gibt sie Hoffnung?

In Österreich gibt es eine weltanschaulich pluralistische Gesellschaft. Der Staat selbst ist in vielen letzten Fragen weltanschaulich neutral. Ja, er soll die

Beantwortung didfeer Fragen weder direkt noch indirekt an sich ziehen, sondern sie den Religionen, Kirchen und weltanschaulichen Gruppen überlassen.

Aber der Staat muß Interesse haben, daß diese genannten Kräfte ihre Aufgaben erfüllen können. Denn ein Volk und der einzelne Mensch können auf die Dauer auf eine Lösung dieser letzten Fragen nicht verzichten. Darum garantiert der österreichische Staat nicht nur die Religionsfreiheit, sondern unterstützt auch die Kirchen.

Erfüllt nun die katholische Kirche ihrerseits ihre Aufgaben?

Das Zweite Vatikanum sagt, daß „die Menschen von den verschiedenen Religionen eine Antwort auf die ungelösten Rätsel der menschlichen Situation erwarten, die heute wie in alten Tagen die Herzen der Menschen im tiefsten bewegen: Was ist der Mensch? Was ist Sinn und Zweck unseres Lebens? Was ist das Gute, was die Sünde? Woher kommt das Leid, und welchen Sinn hat es? Was ist der Weg zum wahren Glück? Was ist der Tod, das Gericht und die Vergeltung nach dem Tod? Und schließlich: Was ist jenes letzte und unsagbare Geheimnis unserer Existenz, aus dem wir kommen und wohin wir gehen?” (Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen, Nr. 1).

Gelingt es der Kirche in Österreich — und mit Kirche meine ich nicht nur Bischöfe, Priester und Ordensleute, sondern alle Getauften —, auf ‘diese fundamentalen Fragen eine Antwort zu geben? Wo einer Kirche dies in der Theorie und in der Praxis des Lebens gelingt, dort ist die Kirche eine tragende Kraft in einem Volk und Staat.

Dann wirkt die Kirche sinnstiftend und fügt die oft so unzusammenhängenden Teile menschlichen Lebens zu einer Gesamtsicht zusammen; sie gibt den Menschen Halt in den Belastungen des Lebens und schafft das Bewußtsein der Verantwortung; sie verstärkt die Fundamente für ethisches Verhalten und bringt auch Hoffnung und Zuversicht.

Es gibt viele Ursachen, warum die Kirche diese Aufgabe ihren eigenen Mitgliedern gegenüber oft nur mangelhaft erfüllt. Manches wurde versäumt, anderes nicht entschieden genug weiterverfolgt. Aber nicht alle Ursachen liegen in ihr selbst; es gibt auch äußere Umstände, die diese Aufgabe erschweren.

Der Katholikentag ist ein An laß, über diese fundamentale Aufgabe nachzudenken. Zu oft befassen sich Katholiken und wohl alle Christen zu sehr mit zweit- und drittrangigen Fragen.

Es gibt eine zweite Aufgabe, die der Kirche niemand abnehmen kann. Gerade in einer weltanschaulich pluralistischen Gesellschaft, in der die verschiedenen Religionen und Weltanschauungen in ständiger Konkurrenz nebeneinander leben und sich auch gegenseitig in Frage stellen, gibt es viele suchende Menschen. Jesus hat die suchenden Jünger mit den Worten „Kommt und seht” zu sich eingeladen (vgl. Joh. l,38f.). Was tut die Kirche?

Die Kirche muß eine offene Kirche sein, eine Kirche der Einladung. Sie soll nicht gewalttätig missionieren, aber sie soll hinausgehen bis an die Grenzen der Erde und die Frohe Botschaft von Jesus Christus bringen. Sie hat heute auch in Österreich die wichtige Aufgabe, den christlichen Glauben so zu leben und darzustellen, daß Menschen, die auf der Suche sind, im Evangelium ein Angebot für ihn eigenes Leben erkennen können.

Eine dritte Aufgabe ist die Weltverantwortung, das Mitwirken für eine menschlichere Welt. Auch in einer weltanschaulich pluralėn Welt ist es möglich, unter den verschiedenen Gnuppert, speziell durch den Dialog, gemeinsame Werte und Ziele zu entdecken. Zum Teil sind diese auch verfas sungsmäßig verankert, wie z. B. die Menschenrechte.

Beim Einsatz für eine Verwirklichung dieser Werte dürfen die , Christen nicht fehlen. Der christliche Glaube gibt viele Motivationen, sich mit allen Kräften daran zu beteiligen.

Dieses Mitwirken an einem menschenwürdigen Leben kann verschiedene Formen annehmen: ein entschiedenes Eintreten für die Menschenrechte, wo immer sie verletzt werden; Bereitschaft im politischen, sozialen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Leben, Verantwortung zu übernehmen; das Sehen von neu auftretenden Nöten und das Ergreifen von Initiativen zu deren Lösung.

Christen waren in der Vergangenheit diesbezüglich besonders kreativ. Sie waren die Erfinder von Krankenhäusern und anderen sozialen Einrichtungen. Zu diesem Engagement für die Welt gehört auch das zugleich engagierte und kritische Mitwirken in Bewegungen, die aktuelle Probleme aufgreifen. Gegenwärtig sind es vor allem drei Anliegen, die un mittelbar auch das Wohl der Menschen betreffen und viele bewegen: Friede, Frau, Umwelt.

Das Wirken des Christen in der Welt soll kritisch sein, wo immer die Würde des Menschen verletzt wird und die Grundwerte in Frage gestellt werden; es soll kreativinnovatorisch sein, wo neue Probleme der Lösung bedürfen; es .soll konservativ, aber bewahrend sein, wo es gilt, das vorhandene Gute am Leben zu erhalten.

Erfüllt die Kirche, erfüllen die Christen gegenwärtig diese dritte Aufgabe der Weltverantwortung? Die „Perspektiven unserer Hoffnung”, das Grundlagenpapier des Katholikentages, befaßt sich besonders mit dieser Aufgabe. Es will in dieser Richtung Impulse geben.

Die Kirche gibt Hoffnung, wenn es ihr gelingt, diese ihre eigenen Aufgaben zu erfüllen. Auch der Katholikentag und der Papstbesuch stehen letztlich im Dienste dieser Aufgaben. Mögen diese Ereignisse ein neuer Anfang sein.

Der Autor ist der Geistliche Assistent des Katholikentages.

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