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Gottes Wegführt in die Freiheit

1945 1960 1980 2000 2020

Herwig sturm hält die Trauung von Geschiedenen vom biblischen Befund her für ein Risiko, „aber für ein Risiko aus dem Geist Jesu Christi”.

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Herwig sturm hält die Trauung von Geschiedenen vom biblischen Befund her für ein Risiko, „aber für ein Risiko aus dem Geist Jesu Christi”.

DIEFURCHE: Herr Superintendent, was sind die „ heißen Eisen ” in der evangelischen Kirche?

Herwig Sturm: Lassen Sie mich zunächst etwas Positives sagen: Die Stellung der Frau als gleichberechtigte Mitchristin in jedem Amt ist in unserer Kirche im großen und ganzen unbestritten. Ich habe selbst Anfang Oktober in meiner Diözese die zweite Pfarrerin ins Amt eingeführt, wobei in ihrem Fall genau alles das passiert ist, was man sich an Negativmeldungen ausdenkt. Sie war verheiratet, wurde von ihrem Mann verlassen, und ist nun als geschiedene Frau mit zwei Kindern alleinerziehende Pfarrerin. Die Gemeinde hat sie gewählt und hilft ihr, ihr Leben zu bewältigen.

Umstritten ist der Umgang mit Homosexuellen. Die biblischen Aussagen darüber sind eindeutig ablehnend und negativ. Hier nun einen Umgang mit der Bibel einzuüben, der eine Sachkritik an diesem Punkt erlaubt, das ist eine sehr große Herausforderung. Es gibt auch in unserer Kirche jetzt eine Gruppe, die sagt: Homosexualität ist Sünde, und wer das nicht laut und klar sagt, verrät ein Stück der Botschaft, die uns aufgetragen ist. In diesem Prozeß stehen wir, und ich hoffe, daß wir daraus lernen.

DIEFURCHE: In der Bibel wird auch die Ehescheidung negativ bewertet, dennoch kommt Ihre Kirche hier den Menschen entgegen sturm: Wir versuchen, den Geist Jesu zu leben, doch wir praktizieren etwas, das dem biblischen Wortlaut nicht eindeutig entspricht. Die katholische Kirche lebt uns hier eine konsequente Wahrnehmung des biblischen Wortes vor, mit allen Schwierigkeiten, das an den Menschen zu bringen. Ich glaube, wir sollten uns gegenseitig abnehmen, daß sich's jeder ernstnimmt auf seinem Weg. In der evangelischen Kirche trauen wir Geschiedene wieder, weil sie vor Gott um Vergebung bitten und diesen neuen Anfang auch in ihrer Ehe machen wollen. Ich halte das wirklich vom biblischen Befund her für ein Bisiko, aber ein Risiko aus dem Geist Jesu Christi.

DIEFURCHE: Wie sehen Sie Ihre Rolle als Bischof?

Sturm: Der Bischof hat bei uns ein Wächteramt. Er hat das Amt, die Einheit zu wahren. Zugleich ist er in allen Entscheidungen in Gremien eingebunden. Wenn es etwas zu entscheiden gibt, hat der Bischof nur eine Stimme, wie alle anderen auch. Wenn ich meine, etwas Wichtiges zu sagen, kann nur der Inhalt dessen, was mir wichtig ist, andere überzeugen. Es ist in unserer Kirche nicht möglich, daß das Amt durch eigene Autorität andere Stimmen zum Schweigen bringt.

DIEFURCHE: Warum gibt es auch in Ihrer Kirche Austritte, obwohlvieles Realität ist, was in der katholischen Kirche erst gefordert wird? sturm: Niemand kann heute sagen, wohin Gott seine Kirche führen wird. Wenn wir Pfarrer zusammenkommen und fragen, was unsere Kinder machen, dann kommen wir drauf, daß ein Großteil unserer Kinder sich in der Kirche nicht mehr zuhause fühlt, obwohl gerade sie Kirche sozusagen im Innenraum erleben. Hochrechnungen in der Kirche sind eigentlich immer Niederrechnungen -wie es bergab geht mit uns. Wir müssen daher Formen finden, in denen auch junge Menschen ein Stück Heimat und zugleich Freiheit erleben.

DIEFURCHE: Es gibt doch Strömungen, die sieh religiös nennen und enormen Zulauf haben... sturm: Da bin ich sehr vorsichtig. Ich glaube, daß Menschen, die sich von ihrer Kirche freimachen, die Kirche als zu eng, als beengend erlebt haben. Und für mich ist der Weg in die Freiheit ja tatsächlich der Weg Gottes. Wenn in der Bibel etwas Besonderes geschieht, ist es immer ein Weg aus der Knechtschaft in die Freiheit. All diesen Menschen möchte ich sagen: Wunderbar, geht den Weg in die Freiheit, aber fragt dann wirklich: Wo sind die Wurzeln meines Lebens? Was ist die Hoffnung, die mich trägt? Woher nehme ich die Geduld, auch Unrecht und Leid auszuhalten?

Und ich erlebe halt, daß Menschen aufbrechen in die Freiheit, daß ihnen dann der Wind einer gottlosen Welt um die Ohren bläst und daß sie dann sehr schnell in irgendwelche Schlupflöcher und Bunker flüchten, in denen aber nun wirklich die Freiheit das Letzte ist. Es bringt nichts, wenn man immer den Zeigefinger hebt und sagt, das sind böse Leute, diese Sekten und esoterischen Gruppen, ich glaube, wir können nur stärker sein - also Freiheit bestehen und eben Wurzeln haben und Früchte bringen.

DIEFURCHE: Wie sehen Sie die Diskussionen über das Konkordat? sturm: In Österreich haben wir' eine sehr interessante Tradition, daß sowohl die Kirche als auch der Staat frei sind, daß es aber doch gegenseitige Verpflichtungen und Beziehungen gibt. Beide Institutionen wollen dem Menschen dienen. Ein Staat, der das nicht mehr will, da würden wir als Kirche sicherlich entscheidend widersprechen und kein Interesse haben, mit diesem zusammenzuarbeiten. Den Religionsunterricht halte ich für einen ganz wichtigen Dienst des pädagogischen Handelns. Die Auseinandersetzung mit der Botschaft des Evangeliums beziehungsweise die Kenntnis und die Auseinandersetzung mit Religionen gehören ganz wesentlich zur Grundfrage des Menschen. Eine Pädagogik, die das einfach abkappt und ins Private schickt, wäre sicher ein Verlust. Der Staat ist gut beraten, den Religionsunterricht einzurichten und zu bezahlen. Weiters befürworte ich, daß es für jene Schüler, die sich davon abmelden, einen Ethikunterricht geben soll. Es ist keine sehr gute Entscheidung, zu sagen: Ihr geht's in Religion, und die anderen dürfen derweil ins Kaffeehaus.

Ich bin zudem sehr dankbar, daß die theologische Fakultät auf dem Boden der Universität ist, weil sich jeder, der auf diesem Boden publiziert, dem wissenschaftlichen Ethos stellt. Und daraus sollte man Theologen nicht entlassen, man sollte aber auch die Fülle der Geisteswissenschaften nicht aus der Anfrage der Theologen und der Philosophen entlassen.

DIEFURCHE: Wo spießt es sich derzeit beim ökumenischen Dialog? sturm: Es spießt sich nicht nur, es tut auch weh. Bei einer gemischtkonfessionellen Ehe ist es nicht möglich, daß die Familie miteinander zur Eucharistie oder zum Abendmahl geht. Das halte ich wirklich für einen unerträglichen Zustand. Der Katholik verstößt gegen die Vorschrift seiner Kirche, wenn er die Einladung der evangelischen Kirche zum Abendmahl annimmt. Zwar kann er sich darüber hinwegsetzen. Und das tun ja auch die meisten. Im Grunde genommen ist das auch heute der einzige Weg. Aber unter den Verantwortlichen der Kirche gesprochen, halte ich das wirklich für einen Stachel, der nicht nötig und auch nicht gut ist.

Wir waren einmal mit einer ökumenischen Ehepaar-Bunde in Rom und haben darüber auch im Einheitssekretariat diskutiert. Die letzte Antwort war aber dann doch: Wenn jemand mit seinem Gewissen immer wieder gegen die Lehre der Kirche entscheidet, muß er sich schon fragen, ob sein Gewissen richtig ist. Ich erlebe dies als eine gewisse Lieblosigkeit.

DIEFURCHE: Wie sehen Sie das Papsttum? Als einen Petrusdienst' sturm: Bei dieser Frage bin ich etwas vorsichtig, weil die evangelische Kirche dazu noch nicht Stellung genommen hat. Ich kann mir aber sehr gut vorstellen, daß es einen Petrusdienst gibt, als Amt des Sprechers der Weltchristenheit, als Zeichen der Einheit der Weltchristenheit. Aber wie ich die Dinge einschätze, ist der Papst nicht bereit zu sagen, was ich in der katholischen Kirche bin, bin ich nicht für alle. Denn ich versteh ihn wirklich so, daß er sagt, die Katholiken begreifen es, die anderen begreifen es noch nicht, ich bin es aber für alle. Diesem Ansprach können wir uns tatsächlich nicht unterwerfen.

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