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Die Freiheit der Evangelischen

Nach 21 Jahren tritt Wiens Superintendent werner horn in den Ruhestand. Ein Gespräch über Evangelischsein, Streitfragen auch unter Protestanten,das gute ökumenische Klima in Wien - aber auch Enttäuschung über die jüngste Eucharistie-Enzyklika des Papstes sowie leise Kritik an der "Stadtmission".

S eit 21 Jahren steht der gebürtige Franke Werner Horn als Superintendent der evangelischen Diözese Wien vor. Mit 31. August tritt der Kirchenobere in den Ruhestand. Ein Nachfolger ist zur Zeit noch nicht bestimmt: Bei der Wiener Superintendentialversammlung im April konnte kein Kandidat die erforderliche Zweidrittelmehrheit erlangen. Nun soll am 15. November der neue Wiener Superintendent gewählt werden.

Im Furche-Gespräch zieht Horn Bilanz über seine Amtszeit und erzählt von der Freiheit des Evangelischseins sowie den Höhen und Niederungen der Ökumene.

Die Furche: Was macht Evangelischsein heute aus?

Superintendent Werner Horn: Evangelischsein heißt für mich, von der unheimlichen Freiheit zu wissen, zu der Christus uns befreit hat und die wir Menschen nicht schaffen können. Diese Freiheit wurde durch die Reformation wieder ans Tageslicht gebracht. Das heißt, der evangelische Christ kann angstfrei leben: Da sehe ich die große Chance, mit einem festen Boden unter den Füßen den Strömungen und Schwierigkeiten des Lebens und der Gesellschaft gegenüber standzuhalten. Natürlich gehört dazu die Bindung an Christus, der uns Lebensorientierung und Lebenssinn gibt und uns zugleich aber auch öffnet auf den Nächsten hin: Evangelisches Christsein versteht sich immer auch als weltorientiert - die evangelische Kirche versteht sich nicht als eine Gettokirche.

Die Furche: Auch wenn Sie kein Getto sein wollen: Wien ist Diaspora.

Horn: Die Diaspora schweißt Menschen auch enger zusammen. Ich spüre in unseren Gemeinden, dass die Tatsache, einer Minderheit anzugehören, nicht ärmer macht, auch wenn man manchmal das Gefühl hat, übersehen zu werden.

Die Furche: Übersehen werden - auch von der katholische Kirche?

Horn: Natürlich hat eine Mehrheitskirche andere Möglichkeiten wie eine kleine. Aber in Wien haben wir ein so gutes ökumenisches Klima, dass ich hier sehr viel Rücksichtnahme sowohl seitens der Erzdiözese als auch des Ökumenischen Rates der Kirchen wahrnehme.

Heißes Eisen Homosexualität

Die Furche: Sie sagen, Evangelischsein bedeute fester Boden in den Strömungen der Zeit: Man wirft aber gerade dem reformatorischen Christentum vor, sich zu schnell an die Zeit anzupassen!

Horn: Es ist nicht Aufgabe der Kirche, sich anzupassen, sondern auf die Herausforderungen der Zeit zu reagieren und zu überlegen, welche Mittel optimal sind. Von daher ändert sich wohl der Stil der Kirche - aber nicht der Inhalt. Die evangelische Kirche ist dabei durchaus in Gefahr, sich zu stark anzupassen und auch ihr eigenes Wesen aufs Spiel zu setzen. Mein Bemühen war, dass es eben nicht dazu kommt.

Die Furche: Man könnte das Thema an verschiedenen aktuellen Fragen durchspielen. Etwa am Umgang mit Homosexuellen: Die anglikanische Gemeinschaft steht da in einer großen Zerreißprobe, die katholische Kirche hat sich zuletzt strikt positioniert, aber auch in der evangelischen Kirche Österreichs...

Horn: ... der lutherischen Kirche hat dieses Thema zu Spannungen geführt. Es ist nicht mehr auf die Tagesordnung der Synode gekommen, weil man das Gefühl hatte, dass wir diese Zerreißprobe, die das Thema hervorruft, nicht unbeschadet überstehen würden: Wenn etwas nicht konsensfähig ist, dann darf man auch nicht über die Meinung der anderen drüberfahren.

Die Furche: Das heißt, das Problem ist aufgeschoben?

Horn: Es ist nach wie vor virulent. Wobei ich allerdings meine, dass die evangelische Kirche grundsätzlich homophilen Menschen gegenüber anders begegnet als das in anderen Kirchen der Fall ist. Aber viele Fragen sind offen - etwa die Segnung homosexueller Gemeinschaften. Hier gibt es in unserer Kirche unterschiedliche Sichtweisen - wobei alle sich auf die Bibel berufen: Das macht die Sache eben schwierig. Aber die Bibel gibt uns ja keinen Tugendkatalog in die Hand, wo man nur im Inhaltsverzeichnis nachschlagen müsste. Auch um das Zeugnis der biblischen Botschaft muss gerungen werden.

Zwei Kirchen am Leberberg

Die Furche: Was waren für Sie Höhepunkte Ihrer Amtszeit?

Horn: Es ist gelungen, die Zahl der evangelischen Schulen zu verdoppeln; das ist auch für die Jugendarbeit wichtig. Denn in einer Zeit, in der junge Menschen in den Gemeinden schwer zu erreichen sind, kommt dem konfessionellen Schulwesen große Bedeutung zu, weil es hier möglich ist, von einem christlichen Menschenbild aus Pädagogik zu betreiben.

Wir haben in unserer Diözese auch eine eingehende Strukturdebatte gehabt: Wie gelingt es, dass unsere Gemeinden überschaubarer werden. Neue Gemeinden wurden so gegründet - etwa die Arche in Simmering, am Leberberg. Leider ist es nicht gelungen, wie mein Plan war, die katholische und evangelische Kirche unter einem Dach zu haben: Dafür war die Zeit noch nicht reif. So stehen jetzt beide Kirchen dort nebeneinander.

Ich denke auch an die Krankenhausseelsorge, wo es gelungen ist, neben den haupt- und nebenamtlichen Personen viele ehrenamtliche Mitarbeiter auszubilden, die heute ein Rückgrat der evangelischen Krankenhausseelsorge bilden. Hier konnte - auch in Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche - erreicht werden, dass die Bedeutung der Krankenhausseelsorge in den Führungen der Krankenhäuser und der Stadt Wien gewachsen ist.

Ökumenische Befruchtung

Die Furche: Apropos gute ökumenische Zusammenarbeit in Wien: Haben sich die katholische und die evangelische Kirche da befruchtet?

Horn: Wir sind natürlich als die kleinere Kirche froh, wenn wir bei wichtigen Entscheidungen ins Boot mithineingenommen werden. Wir haben aber auch selbst manche Impulse gegeben, etwa eben in der Krankenhausseelsorge, wo - wie mir der Leiter der Krankenseelsorgereferates der Erzdiözese Wien versichert hat - unser Einsatz von ehrenamtlichen Mitarbeitern auch ihm den Mut gegeben hat, das ebenfalls zu versuchen. Die katholische Krankenhausseelsorge war früher ausschließlich Sache der Priester und sehr stark an der Krankenkommunion orientiert und vielleicht weniger an der Seelsorge. Heute ist diese Dimension auch in der katholischen Krankenhausseelsorge ganz wichtig geworden.

Die Furche: Es heißt auch, dass in den letzten Jahrzehnten die katholische Kirche von der evangelischen den Gebrauch der Bibel neu "gelernt" hat.

Horn: Das stimmt; verstärkt sehe ich, dass in beiden Kirchen das Bedürfnis wächst, sich gemeinsam mit der Bibel zu beschäftigen - etwa in ökumenischen Bibelrunden.

Die Furche: Hat Ihre Kirche auch von der katholischen gelernt?

Horn: Da hat sicher die Abendmahlshäufigkeit zugenommen. Wir haben erkannt, dass zum Gottesdienst nicht nur der "Tisch des Wortes" gehört, nicht nur eine gute Auslegung des biblischen Wortes, sondern auch die gemeinsame Feier des Mahles. Wir haben jetzt auch Gemeinden, die sonntäglich das Abendmahl feiern!

Katholische "Heilsanstalt"?

Die Furche: Doch gerade hier gibt es von katholischer Seite her ein "Annäherungsstopp". Man spricht sich zwar weiter für Ökumene aus, aber wenn es dann konkret darum geht, dass dies auch Konsequenzen bis hin zum gemeinsamen Abendmahl hat, folgt ein klares Nein.

Horn: Das ist schmerzhaft für uns - und ich denke auch für viele Katholiken. Es hat ja der Ökumenische Kirchentag in Berlin die ganze Problematik neu gezeigt und auch die jüngste Enzyklika, wo der Papst neuerlich betont, die Teilnahme Evangelischer an einer katholischen Eucharistiefeier sei nicht möglich. Wir müssen diese Position natürlich respektieren, wenngleich wir unter ihr leiden, weil wir uns zu einem "offenen Abendmahl" bekennen - weil für uns Christus der Einladende ist: So meinen wir, dass man niemand von der Feier des Mahles ausschließen darf, der getauft ist.

Es geht aber nicht nur um das gemeinsames Eucharistieverständnis, sondern auch um die Amtsfrage. Letztlich - auch das kann man an der Papstenzyklika sehen - geht es um ein anderes Kirchenbild. Es gibt ja viele Bilder von Kirche - als wanderndes Gottesvolk, als Leib Christi... Es kann natürlich auch ein Bild der Kirche entwickelt werden, das sehr stark den Charakter einer Heilsanstalt widerspiegelt, dass sehr stark sakramental orientiert ist: Dieses Bild lese ich aus der Enzyklika heraus. Es geht mir also nicht nur darum, dass die Enzyklika die wechselweise Interkommunion untersagt, sondern dass da ein meiner Meinung nach überhöhtes sakramentales Kirchenbild vermittelt wird, das wir als evangelische Christen nicht teilen können.

Die Furche: Sind Sie enttäuscht, dass die Ökumene wieder gespannter ist?

Horn: Da war zunächst die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre von 1999, die sehr erfreulich war. Auf dieser Basis muss weiter gearbeitet werden. Dominus Iesus - ein Jahr später - haben wir dann als Rückschritt empfunden ebenso wie die jüngste Enzyklika zur Eucharistie: Hier bekommt man schon das Gefühl, dass in der römisch-katholischen Kirche letztlich auch im Theologischen kein Weiterkommen ist, dass wir Abstand nehmen müssen von einer "Konsens-Ökumene", sondern dass wohl für längere Zeit auch die theologischen Positionen offensichtlich festgeschrieben sind und so stehengelassen werden müssen. Dennoch setze ich meine Hoffnung auf eine dialogische Weiterentwicklung.

Mission - über Events hinaus

Die Furche: Ein "ökumenisches", weil alle Kirchen betreffendes Problem ist, dass den Kirchen die Mitglieder nicht in großen Scharen zulaufen.

Horn: Unsere Kirchen werden kleiner, darunter leiden wir alle in Europa. Hier muss bei uns die missionarische Dimension von Kirche entstehen. In unserer Kirche wird das Diakonische, die soziale Dimension sehr ernst genommen - aber das schließt die missionarische Dimension nicht aus. Darunter verstehe ich nicht große "Evangelisationen", sondern das Bemühen, den Menschen die froh machende Botschaft des Evangeliums zu vermitteln. Ich hätte mir auch gewünscht, dass es gelungen wäre, gerade in Wien eine "Stadtmission" ökumenisch zu machen - als ein Bemühen aller christlichen Kirchen, den Menschen nahezukommen.

Die römisch-katholische Kirche hat zuletzt einen gewaltigen Vorstoß in diese Richtung gemacht. Auch wenn es mir fernsteht, den Stil dieser Stadtmission zu beurteilen, stellt sich mir die Frage, ob man mit Events allein das Auslangen finden wird: Dass man eine Kirche als nicht so verstaubt wahrnimmt, mag gut sein, aber ich glaube, Mission muss stärker in die Tiefe gehen.

Die Furche: Wenn man diese missionarische Dimension forciert, geraten aber die Kirche da nicht sofort untereinander in eine Konkurrenzsituation?

Horn: Das sehe ich absolut nicht so. Es gibt so viele Menschen, die sich von der Kirche verabschiedet haben: Das ist der Personenkreis, dem wir uns zuwenden müssen. Ich halte nichts von einem missionarischen Bemühen, das auf Proselytismus ausgerichtet ist. Es geht nicht darum, Christen aus anderen Kirchen herüberzuziehen.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

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