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„Was ich mir vom neuen Papst erhoffe“

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„Was erhoffen Sie sich vom neuen Papst?“ Diese Frage hat die FURCHE Vertretern mehrerer christlicher Kirchen, Politikern, Künstlern, „einfachen Leuten“ vorgelegt. Wir veröffentlichen eine Auswahl davon in alphabetischer Reihenfolge. Viele Antworten stimmen in der Tendenz bemerkenswert überein. Bei den Künstlern der Salzburger Festspiele sprang ein relativ häufiges „Interessiert mich nicht“ (und dazu „Aber nicht schreiben!“) ins Auge. Auch das sei als Signal vermerkt.

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„Was erhoffen Sie sich vom neuen Papst?“ Diese Frage hat die FURCHE Vertretern mehrerer christlicher Kirchen, Politikern, Künstlern, „einfachen Leuten“ vorgelegt. Wir veröffentlichen eine Auswahl davon in alphabetischer Reihenfolge. Viele Antworten stimmen in der Tendenz bemerkenswert überein. Bei den Künstlern der Salzburger Festspiele sprang ein relativ häufiges „Interessiert mich nicht“ (und dazu „Aber nicht schreiben!“) ins Auge. Auch das sei als Signal vermerkt.

CHRISTIAN BRODA, Bundesminister für Justiz:

Ich erhoffe mir vom künftigen Papst die Fortsetzung der bewundernswerten Bemühungen seines Vorgängers um eine weltweite Verständigung der Völker.

ANTON BURGHARDT, Professor für Soziologie an der Wirtschaftsuniversität Wien:

Was ich vom künftigen Papst erhoffe? 1. Eine Fortsetzung des Engagements für die Armen, auch für die Armen neuer Art - die Einsamen, die sozial Geächteten. 2. Im Lehrgut eine Verringerung der unangemessenen Fixierung auf die Sexualprobleme, die zu einer radikalen Entfremdung zwischen dem gläubigen Volk und den kirchlichen Normen geführt hat. 3. Eine Fortsetzung der Dezentralisierung der kirchlichen Verwaltung und eine starke Verlagerung des Entscheidungsgewichtes auf die nationalen Bischofskonferenzen, u. a. im Bereich des Eherechtes. 4. Weniger Juridismus in der Kirche: Normen können nicht die Liebe ersetzen, sondern sind nur ein Instrument zu ihrer Absicherung über die Kirche. 5. Eindeutige Abgrenzung gėgėn jede Form des Konservativismus in der Kirche, dem nur an einer Taufe der Instrumente, an einem ahu- manen Formalismus gelegen ist. 6. Weiterhin differenzierte Behandlung des Phänomens Sozialismus. 7. Bei Auswahl der Bischöfe Bedachtnahme auch auf die pastorale Praxis der Kandidaten: Die sogenannte Krise der Kirche ist vor allem auch eine Krise der Qualität der Bischöfe. 8. Wo überall die Kirche spricht, soll sie dies verständlich und plausibel tun. Das Gottesproblem ist auch ein pädagogisch-didaktisches Problem.

ERHARD BUSEK, Stadtrat und ÖVP-Obmann von Wien:

Ich erwarte mir vom Papst sehr viel Liebe zu den Menschen. Daß er ein lebendiges Zeichen in Richtung Prinzip Hoffnung verkörpert. Daß er in dieser Welt voller Rationalität ein Signal für die Irrationalität des Glaubens setzt. Daß er das (positiv verstandene) „Ärgernis“ Kirche lebendig formuliert und Gedanken darüber stimuliert. Schließlich erhoffe ich von ihm, daß er stark den Gedanken der Einen Welt repräsentiert und in Fragen der Entwicklung der Völker, der Rassen, des Friedens das Gewissen dieser Einen Welt ist.

OTTO HERZ, Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde, jüdischer Beauftragter für Medienkontakte in Österreich:

Wir erwarten uns vom neuen Heiligen Vater die Fortsetzung der in „Nostra aetate“ dargelegten Dokumentation zum Judentum - eine Vertiefung und eine Realisierung, die darin zu bestehen hätte, daß die 2000 Jahre Gegeneinander sich in ein Miteinander verwandeln.

NIKOLAUS HUMMEL, Bischof der altkatholischen Kirche Österreichs:

Seit dem Vaticanum II hat sich ein Verhältnis zwischen der römisch-katholischen und der altkatholischen Kirche herauskristallisiert, das von Toleranz und gegenseitiger Achtung geprägt war. Ich hoffe, daß der neue Papst die gleichen ökumenischen Ziele verfolgt, vertieft und weiter ausbaut.

ELISABETH IFSITS, Chefsekretärin, Wien:

Was erwarte ich mir vom neuen Papst? Ein Fortführen der Friedenspolitik Pauls VI., Offensein für die Welt, aber auch stärkere Konzentration auf das Ziel Kirche - Gemeinschaft, Gemeinde der Christen. Weiter: höhere Effizienz der vatikanischen Verwaltung durch managementmäßige Organisation. Ein neuerlicher Versuch ist notwendig, mit frischen Kräften die theoretischen Ergebnisse des II. Vaticanums zu realisieren. Gut wäre es überhaupt, den Begriff „Kirche“ gegenüber einer vielleicht feindseligen, sicher aber interessierten Umwelt zu definieren. Die Frage ist aber auch: Was kann sich der neue Papst von uns, die Kirche sein wollen, erwarten?

ALOIS MOCK, Obmann des ÖVP- Parlamentsklubs:

Als Katholik wünsche ich mir einen Papst, der die pastorale Aufgabe im Vergleich zu anderen diplomatischen, politischen, verwaltungsmäßigen Aufgaben eindeutig in den Vordergrund stellt. Einen Papst, dem auch das Anliegen der sozialen Gerechtigkeit besonders am Herze» liegt. Ich wünsche mir einen Priester, dem es gelingt, das Veränderliche aufzuzeigen, und der sich zum Unveränderlichen an der Lehre Christi immer klar und verständlich bekennt. Ich wünsche mir einen Priester, dem es gelingt, die Universalität der katholischen Kirche und die ökumenische Bewegung zu stärken und so den von Paul VI. eiiige- schlagenen Weg weiterzugehen. Dabei bin ich mir bewußt, daß für das Konklave weniger die Wunschvorstellungen des einzelnen Katholiken - so sehr sie menschlich verständlich sind - von Bedeutung sind als vielmehr das Gebet vieler Menschen.

EDUARD PLOIER, Präsident der Katholischen Aktion Österreichs:

Das erste, was ich vom Papst erwarte, ist, daß er ein Seelsorger ist und der Forschung und Wissenschaft aufgeschlossen, aber gleichzeitig auch kritisch gegenübersteht. Zweitens würde ich mir von ihm jene Führungsqualitäten wünschen, die notwendig sind, um die verschiedenen Strömungen in der römisch-katholischen Kirche (ich möchte bewußt das Wort „Katholizismus“ vermeiden) zu koordinieren, miteinander ins Gespräch zu bringen und die Toleranz, die er dazu braucht, in den verschiedenen Gruppen selbst wachzurufen. Die Bekämpfung der wirklichen Armut ist ein bitter-ernstes Anliegen und nicht nur ein Alibiunternehmen. Ich erwarte, daß der Papst sich mit den Armen in der Welt total solidarisiert. Schließlich hoffe ich auf einen Papst, der mit uns nachdenkt, wie es uns wieder gelingen könnte, den jungen Menschen von heute das Evangelium zu verkünden.

OSKAR SAKRAUSKY, Bischof der evangelischen Kirche Österreichs:

Der kommende Papst? Wenn die römisch-katholische Kirche am höchsten Lehramt festhält, dann kann ich als evangelischer Christ, der ein solches Amt nicht anerkennt, nur sagen: Möge dieser Mann in seinem Leben, seinem Denken und in den weltweiten verantwortlichen Entscheidungen in der Heiligen Schrift Alten und Neuen Testaments gegründet sein! Gott wird es durch Sein Walten schon machen.

OSCAR FRITZ SCHUH, Regisseur:

Natürlich muß der Papst auf der einen Seite ein Bewahrer sein. Wie weit er der Gegenwart offen bleiben muß, hängt davon ab, wie er die Zukunft sieht. Er kann sich schließlich nicht mit jeder kurzfristigen Mode beschäftigen. Er sollte auch vergleichsweise unwichtige Dinge übersehen, weil diese sich nach spätestens zehn Jahren von selbst erledigen. Aber er muß dann präsent sein, wenn die Menschheit in ein anderes Stadium ihrer Entwicklung geht. Und da würde ich mir von einem neuen Papst erwarten, daß er einmal auch die anderen Weltreligionen zum Vergleich heranzieht und das gemeinsam Gültige herausdefiniert. Das mindert die große Weltlehre des Christentums nicht im geringsten.

GERULF STIX, FPÖ-Abgeordneter zum Nationalrat:

Alle weltpolitischen Entwicklungen haben in diesem Jahrhundert eine bisher nie dagewesene Intertependenz und zugleich Akzeleration erreicht. Das tangiert auch in enormen Ausmaß die Position der katholischen Kirche. Sie gleicht einem Schiff, das in stürmische Gewässer geraten ist. Der neue Papst übernimmt die gleiche Aufgabe wie seine Vorgänger: das traditionsschwere Schiff heil durch die stürmischen Wasser zu bringen.

ALOIS WAGNER, r.-k. Weihbischof von Linz:

Der neue Papst sollte das besonders auch vom Konzil herausgestellte Bemühen um den dreifachen Dienst an der Kirche als Lehrer, Priester und Hirte in möglichst guter Kombination in sich vereinen. Für die weltweit angelaufene Debatte über Grundwahrheiten und Grundwerte sollte der Papst ebenso wie für die Verkündigung des Glaubens durch seine Aussagen eine Grundlage liefern. Als Priester sollte er in der Tradition der letzten, eigentlich durchwegs heiligmäßigen Päpste die Glaubwürdigkeit der Kirche dokumentieren. Als Hirte schließlich muß er sich um die Anliegen der heutigen Menschen nicht nur in Europa, sondern weltweit annehmen. Da erhoffe ich mir eine Fortführung der Richtlinien für das Zusammenleben der Menschen, wie sie in den großen Enzykliken „Mater et Magistrą“, „Populorum Progressio“, „Octogesima Adveniens“ und „Pacem in terris“ zum Ausdruck gebracht wurden. Es gibt eine ganze Reihe von Kardinalen, die diesen An forderungen entsprechen. Deshalb freue ich mich, daß die FURCHE die vielen Spekulationen um Namen nicht mitmacht.

HANS WEIGEL, Schriftsteller:

Ich war einmal bei einem Gottesdienst in Italien und habe es so sehr genossen, daß er in einer Sprache gefeiert wurde, die ich nicht so gut verstehe und wo der Akzent des Sprechenden für mich nicht merkbar ist. Da ist mir aufgefallen, wie sehr der katholische Gottesdienst bei uns durch die Liturgie in deutscher Sprache das verloren hat, was er für mich vorher bedeutet hatte, und daß das Allzu- menschliche eines Sprechens mit Akzent den Sinn des Gottesdienstes beeinträchtigt. Ich könnte mir vorstellen, daß eine Rückkehr zu lateinischen Texten der Kirche gut täte.

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