Papst - © Illustration: Rainer Messerklinger
Religion

"Querida Amazonia": Gefährliches Pingpongspiel

1945 1960 1980 2000 2020

„Querida Amazonia“ II: An das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus wurden hohe Erwartungen geknüpft. Gemessen daran ist das Dokument eine große Enttäuschung. Ein Gastkommentar.

1945 1960 1980 2000 2020

„Querida Amazonia“ II: An das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus wurden hohe Erwartungen geknüpft. Gemessen daran ist das Dokument eine große Enttäuschung. Ein Gastkommentar.

Nun ist es also da, das mit großer Spannung erwartete Apostolische Schreiben nach der Amazonien­Synode. Im Vorfeld wurden enorm hohe Erwartungen daran geknüpft. Nichts würde danach mehr so sein wie vorher. Solche Prognosen sind gefährlich; sie nähren zwar lang gehegte Hoffnungen, lassen aber außer Acht, welch rückwärtsgewandtes Beharrungsvermögen unsere Kirche in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt hat. Gemessen an diesen Erwartungen ist „Querida Amazonia“ eine große Enttäuschung. Auch wenn kirchenfreundliche Kritiker versuchen, mit dieser „Schlappe“ tapfer umzugehen. Ich weiß nicht, wie die Kritik an diesem Papier ausgefallen wäre, wäre nicht Papst Franziskus, der ungewöhnlich hohe Sympathiewerte aufweisen kann, dessen Verfasser gewesen.

Amazonien, die brennende Sorge

Die brennende Sorge des Papstes gilt dem Lebensraum Amazonien und seinen Völkern. Diesen Völkern und ihrem kulturellen Erbe begegnet der Papst in höchster Wertschätzung. Er hatte sich während der Synode im Zuhören geübt und die Sorge der Betroffenen um die Vernichtung ihres Lebensraumes und das Verlöschen ihrer Kultur zu eigen gemacht. Nun macht er sich zu ihrem Anwalt, ruft die Welt auf, sich gegen dieses Unrecht zu empören, geißelt die Globalisierung als neue Form des Kolonialismus und bittet demütig um Vergebung dafür, dass auch die Kirche lange Zeit den Schrei Amazoniens nicht gehört hat. Der Papst ist authentisch, wenn er das Korruptionsnetzwerk und das Konsumverhalten mit seinem Individualismus und aller Diskriminierung und Ungleichheit anspricht. Er will sensibilisieren für den Ökoraum Amazonien, vor allem aber für die dort lebenden Menschen, die aus ihren Wurzeln Kraft beziehen, einen starken Gemeinschaftssinn entwickelt haben und ein Recht auf die Verkündigung des Evangeliums haben. Diese Verkündigung soll nicht von oben herab geschehen, sondern in einem Dialog, in dem die vorhandene Kultur und Volksfrömmigkeit im Licht des Evangeliums zur Vollendung geführt wird. So weit, so gut! Man wird diesen Anliegen nur zustimmen können, denn eigentlich liest sich der Text wie eine Konkretisierung der Enzyklika „Laudato siʼ“, bezogen auf Amazonien.

Nun ist es also da, das mit großer Spannung erwartete Apostolische Schreiben nach der Amazonien­Synode. Im Vorfeld wurden enorm hohe Erwartungen daran geknüpft. Nichts würde danach mehr so sein wie vorher. Solche Prognosen sind gefährlich; sie nähren zwar lang gehegte Hoffnungen, lassen aber außer Acht, welch rückwärtsgewandtes Beharrungsvermögen unsere Kirche in den vergangenen Jahrhunderten entwickelt hat. Gemessen an diesen Erwartungen ist „Querida Amazonia“ eine große Enttäuschung. Auch wenn kirchenfreundliche Kritiker versuchen, mit dieser „Schlappe“ tapfer umzugehen. Ich weiß nicht, wie die Kritik an diesem Papier ausgefallen wäre, wäre nicht Papst Franziskus, der ungewöhnlich hohe Sympathiewerte aufweisen kann, dessen Verfasser gewesen.

Amazonien, die brennende Sorge

Die brennende Sorge des Papstes gilt dem Lebensraum Amazonien und seinen Völkern. Diesen Völkern und ihrem kulturellen Erbe begegnet der Papst in höchster Wertschätzung. Er hatte sich während der Synode im Zuhören geübt und die Sorge der Betroffenen um die Vernichtung ihres Lebensraumes und das Verlöschen ihrer Kultur zu eigen gemacht. Nun macht er sich zu ihrem Anwalt, ruft die Welt auf, sich gegen dieses Unrecht zu empören, geißelt die Globalisierung als neue Form des Kolonialismus und bittet demütig um Vergebung dafür, dass auch die Kirche lange Zeit den Schrei Amazoniens nicht gehört hat. Der Papst ist authentisch, wenn er das Korruptionsnetzwerk und das Konsumverhalten mit seinem Individualismus und aller Diskriminierung und Ungleichheit anspricht. Er will sensibilisieren für den Ökoraum Amazonien, vor allem aber für die dort lebenden Menschen, die aus ihren Wurzeln Kraft beziehen, einen starken Gemeinschaftssinn entwickelt haben und ein Recht auf die Verkündigung des Evangeliums haben. Diese Verkündigung soll nicht von oben herab geschehen, sondern in einem Dialog, in dem die vorhandene Kultur und Volksfrömmigkeit im Licht des Evangeliums zur Vollendung geführt wird. So weit, so gut! Man wird diesen Anliegen nur zustimmen können, denn eigentlich liest sich der Text wie eine Konkretisierung der Enzyklika „Laudato siʼ“, bezogen auf Amazonien.

In ‚Querida Amazonia‘ wird von Franziskus ein antiquiertes Frauen- und Priesterbild transportiert, das nicht von heute auf morgen fallen gelassen werden kann.

Wo es dann wirklich spannend wird, nämlich bei der Frage, wie denn das den indigenen Völkern zugestandene Recht auf Verkündigung des Evangeliums umgesetzt werden könnte, bewegt sich der Papst keinen Millimeter. Der Priesternot will er mit dem Gebet um Priesterberufungen begegnen und mit einem Appell an die lateinamerikanischen Bischöfe, mehr Missionare für Amazonien freizustellen. Das klingt nicht nur hilflos, sondern könnte auch durchaus kontraproduktiv sein.

Welche Gefahren ein Priesterimport in sich birgt, wissen wir aus der Geschichte. Haben wir wirklich nichts Neues anzubieten? Einmal mehr wird die alte Lehre festgezurrt, dass nur ein männlicher Priester Christus repräsentieren, der Eucharistie vorstehen und die Absolution erteilen könne. Die Laien dürfen das Wort Gottes verkünden, das Gemeindeleben organisieren, Formen der Volksfrömmigkeit entwickeln. Besonders enttäuschend sind die Ausführungen über die Frauen. Sie sollen vor jeder Klerikalisierung geschützt werden, würde diese doch ihren Wert schmälern und „zu einer Verarmung ihres unverzichtbaren Beitrags führen“. Wäre es nicht Franziskus, würde man meinen, Sarkasmus pur. Vielleicht sollte man wirklich einmal über die Weiheämter in der Kirche neu nachdenken und auch die Männer vor der Gefahr der Klerikalisierung schützen?

Solange aber Männer geweiht werden und Frauen nicht, scheint die Sorge des Papstes sehr einseitig zu sein. Dabei könnte ich in einer geschwisterlichen Kirche ohne Weihen und Ämter gut leben, bin aber realistisch genug zu wissen, dass dieser Machtverzicht utopisch ist. Auffallend ist, dass Frauen einmal mehr auf ihre bewundernswerte Hingabe reduziert und in eine gefährliche marianische Nähe gerückt werden: Sie sollen ihren Beitrag zur Kirche leisten, indem sie die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weitergeben. Muss man auch diesem Papst in Erinnerung rufen, dass Frauen genauso nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind wie Männer und sich ihre Würde aus dieser Gottesebenbildlichkeit und nicht aus einer Nachfolge Mariens ableitet?

Papst Johannes XXIII. hatte die Weichen für ein modernes Frauenbild in der Kirche gestellt, seine Nachfolger sind wieder ins Mittelalter zurückgekehrt. Auf Papst Franziskus haben sich nun die Hoffnungen der Frauen konzentriert, für sie ist das letzte Rundschreiben des Papstes eine herbe Enttäuschung. Was nützt uns die von Papst Franziskus ini tiierte freie Rede über unsere Probleme in der Kirche, wenn daraus keine Konsequenzen gezogen werden, sondern das Alte nur einmal mehr einzementiert wird?

Kein Schritt nach vorn gewagt

Was helfen uns die anerkennenden Worte über die Laien, wenn jeder auch unter den widrigsten Umständen geweihte Kleriker mehr Rechte hat als alle Laien zusammen? Genau damit wird doch der Klerikalismus gefördert. Franziskus hat in „Querida Amazonia“ keinen Schritt nach vorne gewagt. Verdrängt der Papst, wie viele die Sehnsucht nach einer anderen Kirche in sich tragen? Man kann vielleicht noch einwenden, dass Franziskus auf klare Vorgaben aus Rom verzichtet und die Ortskirchen in die Verantwortung nimmt. Nur: So funktioniert Kirche eben (noch) nicht.

Erstens sind unsere Ortskirchen nicht darauf vorbereitet. Dort sitzen Amtsträger, die in der Mehrzahl gelernt haben, sklavisch auf Rom zu hören, und das „Roma locuta, causa finita“ verinnerlicht haben. Wenn da nichts Eindeutiges von Rom kommt, hängen sie in der Luft.

Zweitens macht es sich aber auch der Papst zu leicht, wenn er die heißen Eisen an die Ortskirchen delegiert, um diesen aber dann, wenn sich umfassende Reformen abzeichnen, ausrichten zu lassen, dass sich ein nationaler Sonderweg verbiete. Das ist ein gefährliches Pingpongspiel zwischen Rom und den Ortskirchen, dessen Verlierer letztlich die Glaubwürdigkeit der Kirche ist. Schon werden Stimmen laut, die fordern, „Anders­Orte des Glaubens“ zu schaffen, wo sich eine geschwisterliche Kirche versammelt, an deren Tisch alle willkommen sind.

Selten hat ein Papst so hohe Erwartungen geweckt wie Franziskus; selten hat ein Papst so enttäuscht wie Franziskus. Zu hoffen, dass der Papst schon sehr bald in einem weiteren Apostolischen Schreiben Frauen­ und Zölibatsfrage neu regelt, halte ich für einen Zweckoptimismus. Nicht dass Franziskus nicht für Überraschungen gut wäre! Aber in „Querida Amazonia“ wird von ihm ein antiquiertes Frauen­ und Priesterbild transportiert, das nicht von heute auf morgen fallen gelassen werden kann. Und genau das wäre aber höchst notwendig.

Die Autorin war Geschäftsführerin der FURCHE und bis 2018 Präsidentin der Katholischen Aktion Österreich.