Papst Franziskus - © Foto: APA / AFP / Andreas Solaro

Papst Franziskus: Eine andere Welt ist möglich

1945 1960 1980 2000 2020

„Wage zu träumen“: Die Vision von Papst Franziskus für die Post-Covid-Welt(-ordnung). Und vielleicht sein bisher persönlichstes Buch.

1945 1960 1980 2000 2020

„Wage zu träumen“: Die Vision von Papst Franziskus für die Post-Covid-Welt(-ordnung). Und vielleicht sein bisher persönlichstes Buch.

„Die Unterbrechung, zu der die Pandemie auch hierzulande zwingt, darf nicht folgenlos bleiben. Und wenn es darum geht, den Lebensstil, das Wirtschaften, das Zusammenleben zu überdenken, ja neu zu denken, wann denn, wenn nicht jetzt?“, so Otto Friedrich im Leitartikel „Adventlich leben 2020“. Ähnliche Sätze finden sich in „Wage zu träumen“, dem neuen Buch von Papst Franziskus – vielleicht seinem persönlichsten bisher.

Man erinnert sich – die imposanten Bilder vom 27. März: Franziskus hielt auf dem menschenleeren Petersplatz in der Abenddämmerung einen minimalistischen Wortgottesdienst, an dessen Ende er mit der Monstranz den „Urbi et orbi“-Segen spendete. Das Zeichen wirkte fast als Ausdruck der Hilflosigkeit – und wurde ikonografisch zum Sinnbild für eine neue Normalität inmitten des Lockdowns. Nun stellt sich neben diese Bilder ein Programm. Franziskus hat diese Monate genutzt: Er appelliert. Er beschwört. Er mahnt. „Mit Zuversicht aus der Krise“ lautet der Untertitel. Corona ist für Franziskus, anders als für evangelikale Fundis, keine Strafe Gottes. Wohl aber eine Chance: „Dies ist ein Augenblick, große Träume zu träumen, unsere Prioritäten zu überdenken.“

„Die Unterbrechung, zu der die Pandemie auch hierzulande zwingt, darf nicht folgenlos bleiben. Und wenn es darum geht, den Lebensstil, das Wirtschaften, das Zusammenleben zu überdenken, ja neu zu denken, wann denn, wenn nicht jetzt?“, so Otto Friedrich im Leitartikel „Adventlich leben 2020“. Ähnliche Sätze finden sich in „Wage zu träumen“, dem neuen Buch von Papst Franziskus – vielleicht seinem persönlichsten bisher.

Man erinnert sich – die imposanten Bilder vom 27. März: Franziskus hielt auf dem menschenleeren Petersplatz in der Abenddämmerung einen minimalistischen Wortgottesdienst, an dessen Ende er mit der Monstranz den „Urbi et orbi“-Segen spendete. Das Zeichen wirkte fast als Ausdruck der Hilflosigkeit – und wurde ikonografisch zum Sinnbild für eine neue Normalität inmitten des Lockdowns. Nun stellt sich neben diese Bilder ein Programm. Franziskus hat diese Monate genutzt: Er appelliert. Er beschwört. Er mahnt. „Mit Zuversicht aus der Krise“ lautet der Untertitel. Corona ist für Franziskus, anders als für evangelikale Fundis, keine Strafe Gottes. Wohl aber eine Chance: „Dies ist ein Augenblick, große Träume zu träumen, unsere Prioritäten zu überdenken.“

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

Kein naiver Utopist

„Wage zu träumen“: Ist Papst Franziskus unter die Träumer gegangen? Aber ohne Träume und Visionen geht es nicht in der Kirche. Und da ist Franziskus bei den Propheten in die Schule gegangen, vor allem bei Jesaja. Und wie ein Prophet ist Franziskus hier: geradeheraus, ehrlich, selbstkritisch, dazu hoch politisch, getragen von einer großen (Glaubens-)Zuversicht. Mich überzeugt sie. Entstanden ist das Buch im Gespräch mit dem britischen Autor Austen Ivereigh, der zwei Papstbücher geschrieben hat: „The Great Reformer: Francis and the Making of a Radical Pope“ (2014) und „Wounded Shepherd: Pope Francis and His Struggle to Convert the Catholic Church“ (2019).

Ivereigh berichtet, wie aus den „Ideen“ und „Geistesblitzen“ des Papstes der Text entstand, wie der Austausch ablief, wie Überarbeitungen und Ergänzungen erfolgten. Ausschlaggebendes Motiv: eine vom Papst nach Ostern eingesetzte Vatikan-Kommission. Sie sollte Experten aus aller Welt zur Post-Covid-Zukunft konsultieren. „Die Grundregel einer jeden Krise ist“, so beginnt Franziskus, „dass du nicht genau so herauskommst, wie du hineingegangen bist“.

Vorabdrucke in Zeitungen ließen erahnen, aus welchen Richtungen Zustimmung und Kritik erfolgen werden. Schon einen Tag nachdem La Stampa und La Repubblica Textpassagen abgedruckt hatten, meldete sich ein Sprecher des chinesischen Außenministeriums und wies die Formulierung von den „armen Uiguren“ als „völlig haltlos“ zurück. Die werden in einem Atemzug mit verfolgten Minderheiten wie Rohingya, Jesiden oder verfolgte Christen in Pakistan und Ägypten erwähnt. Der Papst will Nähe zeigen – auch jenseits von Political Correctness.

Die Grundregel einer jeden Krise ist, dass du nicht genau so herauskommst, wie du hineingegangen bist.

Papst Franziskus

Die #MeToo-Bewegung ist erwähnt, genauso wie die Tötung des Afroamerikaners George Floyd bei einer Polizeikontrolle. Dass Franziskus den Rekordanstieg des Schusswaffenankaufs in den USA anspricht, wird ihm jenseits des Atlantiks ebenso wenig Freunde einbringen wie sein Eintreten für das bedingungslose Grundeinkommen, um das in europäischen Parlamenten seit Jahren gestritten wird – eine jahrzehntelange Forderung übrigens der Katholischen Sozialakademie Österreichs. „Wir müssen unsere Wirtschaft neu entwerfen, sodass sie jedem Menschen Zugang zu einem Leben in Würde gibt und gleichzeitig die Natur schützt und regeneriert“: Ähnliche Aussagen trugen dem Papst bereits früher die Verachtung neoliberaler Wirtschaftskreise ein.

Die Vergiftung von Flüssen und die Zerstörung des Regenwaldes kommen in ein und demselben Satz vor wie Abtreibung, Euthanasie und Todesstrafe. Plastikmüll in den Meeren, „ökologische Bekehrung“, Sklaverei, Korridore der Humanität – die Alternativen wirken manchmal holzschnittartig: „Triumph des Stärkeren und Wegwerfkultur – oder Barmherzigkeit und Sorge?“ Auch der Behauptung eines Clashs zwischen Christentum und Islam erteilt er eine Absage: „Es gibt keinen Zusammenstoß […] außer in den Köpfen derjenigen, die von der Behauptung solchen Zusammen stoßens profitieren“.

Franziskus verliert sich gerade nicht im Klein-Klein innerkatholischer Grabenkämpfe. Er hat eine globale Sicht, jenseits konfessioneller oder gar religiöser Grenzen. Wer so denkt wie er, macht sich angreifbar: Die Kirche sei doch keine Partei oder NGO. Paradoxerweise warnt Franziskus genau davor immer wieder.

Lob für Kardinal Schönborn

Bisherige „Provokationen“ schreibt er fort. Und kommentiert Reaktionen auf wichtige Schreiben wie „Evangelii gaudium“ (2013), „Amoris laetitia“ (2016) und „Querida Amazonia“ (2019) oder seine Sozialenzykliken „Laudato si’“ (2015) und „Fratelli tutti“ (2020). Es schmerzt Franziskus immer noch: „So haben zum Beispiel während der Amazonas-Synode in Rom im Oktober 2019 einige kirchliche Gruppen und deren Medien die Anwesenheit indigener Völker durch eine ständig verkrümmte Linse betrachtet. Was schön war an dieser Synode – der tiefe Respekt vor indigener Kultur und die Anwesenheit von Indigenen bei den Gottesdiensten – wurde durch hysterische Anklagen, von Paganismus und Synkretismus, verdreht. […] Die Empörung der abgeschotteten Geisteshaltung beginnt in der Unwirklichkeit, sie führt durch manichäische Fantasien, welche die Welt in Gut und Böse unterteilen.“

Ein interessantes Detail: Franziskus erwähnt lobend „Kenner des heiligen Thomas von Aquin“ und dabei namentlich Kardinal Christoph Schönborn, dem er 2016 die Vorstellung des nachsynodalen Schreibens „Amoris laetitia“ überlassen hatte. Mit dem Schlüsselwort „überfließen“ (griech. perisseuo) wären festgefahrene Debatten aufgebrochen: „Diese Kenner entdeckten die echte Morallehre der authentischen scholastischen Tradition des heiligen Thomas wieder und retteten diese vor dem dekadenten Scholastizismus, der zur kasuistischen Moral geführt hatte.“ Hier zeigt sich, dass Franziskus einen Unterschied zwischen der Berufung auf die „Lehre und Tradition“ und den „Normen und Traditionen der Kirche“ macht.

Wage zu träumen Papst Franziskus - © Kösel 2020
© Kösel 2020
Buch

Wage zu träumen!

Mit Zuversicht aus der Krise
Von Papst Franziskus
Kösel 2020
192 S., geb., € 20,60

Wer sich nicht auf die Frage einer Weihezulassung fixiert, findet auf sieben Seiten geradezu sensationelle und wertschätzende Worte über Frauen. Sie würden komplexe Situationen und Prozesse „besser sehen“ und „schneller reagieren“, sie „wissen, wie man Projekte vorantreibt“. Als Erzbischof wie als Papst hat er Frauen in hohe Positionen gebracht. Franziskus warnt aber davor, Frauen zu klerikalisieren und auf „Funktionen“ zu reduzieren.

Auch ein Crashkurs in Sachen Synodalität findet sich. 2022 soll es dazu eine Bischofssynode geben. „Unter dem Banner der Restauration oder der Reform“, beklagt der Papst, „werden lange Reden gehalten und endlose Artikel geschrieben, es werden doktrinäre Klarstellungen geboten und Manifeste verfasst, die wenig mehr sind als die fixen Ideen von kleinen Gruppen. In der Zwischenzeit geht das von Gott zusammengerufene Volk in den Fußspuren Jesu vorwärts, nicht blind für die Fehler der Kirche, aber glücklich, Teil Seines Leibes zu sein, die eigenen Sünden bekennend und um Barmherzigkeit bittend.“ Franziskus hält große Stücke aufs Volk Gottes und seinen Glaubenssinn.

Sehen – Wählen – Handeln

Ausgiebig schöpft Franziskus aus seinen Erfahrungen als Erzbischof von Buenos Aires (1998– 2013). Er lässt dabei tief in die eigene Seele blicken. Unter anderem nennt er drei prägende „Covid“-Erfahrungen aus dem eigenen Leben, die im Vorfeld der Veröffentlichung breite Beachtung fanden: seine lebensbedrohliche Erkrankung als 21-Jähriger (Covid der Krankheit); der Studienaufenthalt in Deutschland 1986, nach seinen Amtsjahren als Provinzial der argentinischen Jesuiten und Rektor eines großen Kollegs (Covid der Vertreibung); und die Jahre 1990–92 in Córdoba (Covid der Reinigung).

Damals las Jorge Mario Bergoglio die Geschichte der Päpste von Ludwig von Pastor – die spanische Übersetzung hat 37 Bände: „Es war, als ob Gott mich mit einer Art Impfung vorbereitet hätte. Wenn du einmal diese Papstgeschichte kennst, dann kann dich wenig von dem, was im Vatikan und in der Kirche heute passiert, noch schockieren. Es hat mir sehr geholfen!“

„Wage zu träumen“ hat drei Teile: „Eine Zeit zum Sehen“, „Eine Zeit zum Wählen“ und „Eine Zeit zum Handeln“. Wichtige Namen sind Romano Guardini, John Henry Newman, Edith Stein, Vinzenz von Lérins oder Dorotheus von Gaza. Aber auch auf Hölderlin stößt man, auf Chesterton, Dostojewski oder Jorge Luis Borges, Haydns „Schöpfung“ – oder Wirtschaftswissenschafterinnen wie Kate Raworth oder Mariana Mazzucato. Franziskus stemmt sich vehement gegen die Globalisierung der Gleichgültigkeit. Neben dem Coronavirus spricht er von „den anderen unsichtbaren Viren, vor denen wir uns schützen müssen“ – dabei ist er sich bewusst, selbst „am Ende meines Lebens“ angelangt zu sein. Manches wirkt wie ein Vermächtnis. Aber wer diese Überlegungen als „päpstliche Plaudereien“ abtut, kommt um eine Vision von Kirche und Welt: Wie es auch sein und dass es anders laufen könnte. Man wünscht dem Buch viele Leser innen und Leser. Franziskus tröstet und macht Mut. Ein faszinierendes Buch.

Der Autor, Jesuit, lebt in München.

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau