Papst - © APA / AFP / Filippo Monteforte

Papst Franziskus: „Das Konzil wird geknebelt“

1945 1960 1980 2000 2020

Papst Franziskus hat zehn Chefredakteur(inn)en von Zeitschriften aus dem Umfeld der Jesuiten ein ausführliches Interview gegeben. Aufschlussreiche, mitunter auch verstörende Aussagen des gegenwärtigen Pontifex.

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Papst Franziskus hat zehn Chefredakteur(inn)en von Zeitschriften aus dem Umfeld der Jesuiten ein ausführliches Interview gegeben. Aufschlussreiche, mitunter auch verstörende Aussagen des gegenwärtigen Pontifex.

Wer ihn abschreibt, weil er wegen Knieproblemen vorübergehend auf einen Rollstuhl angewiesen ist – von ihm selbst scherzhaft seine „neue Sedia gestatoria“ genannt (auf dem Tragethron sah man zuletzt Papst Johannes Paul I.) –, wird wieder einmal überrascht. Auch wenn die Veröffentlichung dieser eineinhalbstündigen Begegnung keine Sensation mehr ist wie seinerzeit, im September 2013, als das von Antonio Spadaro SJ an drei Nachmittagen im August 2013 geführte Gespräch zeitgleich auf den Websites europäischer Jesuitenzeitschriften veröffentlicht wurde: die erste ausführliche Stellungnahme des neuen Papstes.

Damals meinte ich – und ich irrte –, dieser Papst sei kein Interviewtyp. Die vergangenen Jahre zeigen: Franziskus griff immer wieder zu diesem Instrument. Weil er sich damit der Kontrolle des Apparats, der Römischen Kurie, entzieht. Interviews sind für ihn Versuchsballone, die er steigen lässt: um zu sehen, wer woher wie reagiert. Den Mund verbieten lässt sich Franziskus nicht, auch nicht im zehnten Jahr seines Pontifikats.

Das macht ihn so schwer berechenbar – zum Leidwesen derer, die meinen, der Papst müsse sich „ans Protokoll“ halten. Stellung beziehen, „frei von der Leber weg“, wie ihm „der Schnabel gewachsen“ ist: Das bleibt freilich riskant. Gelegentlich musste sich Franziskus für schräge Metaphern oder schroffe Vergleiche entschuldigen. Das Image des Plauderers kam auf. Oder er hat sich geirrt …

Fragwürdiges zum Ukraine-Krieg

Am 19. Mai 2022 empfing Franziskus in Privataudienz zehn Chefredakteure: sieben Jesuiten, zwei Frauen und einen Mann, die vom Generaloberen der Gesellschaft Jesu, Arturo Sosa SJ, begleitet wurden. Vergangenen Dienstag (14. Juni) wurden die Fragen und die päpstlichen Antworten darauf veröffentlicht. In Windeseile stürzten sich die Medien auf bestimmte Aussagen.

Politisch – und fragwürdig, jedenfalls diskutabel – ist die Bewertung des Kriegs in der Ukra­ine:
„Was wir sehen, ist die Brutalität und Grausamkeit, mit der dieser Krieg von den Truppen, in der Regel Söldnern, die von den Russen eingesetzt werden, geführt wird. Und die Russen ziehen es vor, Tschetschenen, Syrer und Söldner zu schicken. Aber die Gefahr ist, dass wir nur das sehen, was ungeheuerlich ist, und nicht das ganze Drama sehen, das sich hinter diesem Krieg abspielt, der vielleicht in gewisser Weise entweder provoziert oder nicht verhindert wurde.“ Trägt die NATO also Mitschuld am Krieg? Erzeugt das Narrativ des Papstes nicht eine moralische Indifferenz, die weitere Aggressionen legitimiert?

Franziskus: „Und ich registriere das Interesse am Testen und Verkaufen von Waffen. Das ist sehr traurig, aber darum geht es ja offensichtlich. Manch einer mag mir an dieser Stelle sagen: Aber Sie sind doch pro Putin! Nein, das bin ich nicht. So etwas zu sagen, wäre vereinfachend und falsch. Ich bin einfach dagegen, die Komplexität auf die Unterscheidung zwischen Guten und Bösen zu reduzieren, ohne über die Wurzeln und Interessen nachzudenken, die sehr komplex sind.“

Mit Patriarch Kyrill hat Franziskus eine Videokonferenz geführt. Dabei habe jener zuerst „eine Erklärung“ verlesen, die „Gründe zur Rechtfertigung des Krieges anführte“: „Als er geendet hatte, mischte ich mich ein und sagte ihm: ,Bruder, wir sind keine Staatskleriker, wir sind Hirten des Volkes.‘“

Kirchenpolitisch brisant sind die Bemerkungen zum Erzbistum Köln. In Deutschland wurden sie aufmerksam gelesen. „Papst spottet und wartet“, so die Süddeutsche Zeitung – mehr war ihr das Interview nicht wert. Wohingegen die Kölnische Rundschau meinte, Kardinal Rainer Maria Woelki sei durch die Äußerungen ein „Oberhirte auf Abruf“ geworden, die „öffentliche Erniedrigung“ entspreche einem „absolutistischen Regiment“.

In der Tat hat Franziskus Druck auf den Erzbischof aufgebaut („Ich habe ihn an seinem Platz gelassen, um zu sehen, was passieren würde, aber ich habe sein Rücktrittsgesuch in der Hand.“) und klargestellt, dass er es war, der Woelki empfahl, eine mehrmonatige Auszeit zu nehmen, „damit sich die Dinge beruhigten und ich klarer sehen konnte. Denn wenn das Wasser aufgewühlt ist, kann man nicht gut sehen. Als er zurückkam, bat ich ihn, ein Rücktrittsgesuch zu verfassen.“ Der ließ postwendend erklären, zwischen seiner Darstellung der Sabbatzeit und der des Papstes bestünde kein Widerspruch.

Päpstliche Lanze fürs Konzil

Zum Synodalen Weg wiederholte Franziskus lachend, was er dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dem Limburger Bischof Georg Bätzing, bereits sagte: „Es gibt eine sehr gute evangelische Kirche in Deutschland. Wir brauchen nicht zwei von ihnen.“ Er ordnet das Projekt „intellektuellen, theologischen Eliten“ zu, es sei „sehr stark von äußeren Zwängen beeinflusst“. Sitzt er hier nicht einem sich hart­näckig haltenden Vorurteil auf?

Auffällig ist, wie sehr er auf die „Unterscheidung der Geister“ setzt, die ein Jesuit vom Noviziat an einübt: „Was geschieht, ist, dass es gibt viele Gruppen gibt, die Druck machen, aber unter Druck ist es nicht möglich, zu unterscheiden. Dann gibt es ein wirtschaftliches Problem, für das ich eine finanzielle Visitation in Erwägung ziehe. Ich warte, bis es keinen Druck mehr gibt, um zu unterscheiden. Die Tatsache, dass es unterschiedliche Standpunkte gibt, ist in Ordnung. Das Problem ist, wenn Druck entsteht. Das hilft aber nicht.“

Am bemerkenswertesten für mich – die Äußerungen zum Zweiten Vatikanum: „Es ist sehr schwierig, die geistige Erneuerung in stark veralteten Mustern zu sehen. Wir müssen unsere Art, die Realität zu sehen und zu bewerten, erneuern. In der europäischen Kirche sehe ich mehr Erneuerung in den spontan entstehenden Dingen: Bewegungen, Gruppen, neue Bischöfe, die sich daran erinnern, dass ein Konzil hinter ihnen steht. Denn das Konzil, an das sich manche Hirten am besten erinnern, ist das Konzil von Trient. Und was ich sage, ist kein Unsinn.“

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