Papast Franziskus, US-Bischöfe - Die Harmonie zwischen dem römischen Pontifex und den US-amerikanischen Schäfchen war schon größer … (Eucharis­tiefeier beim Weltfamilientreffen, Philadelphia, 27. September 2015).
Religion

Franziskus' US-Problem

1945 1960 1980 2000 2020

Jenseits des Atlantiks sind erzkonservative Querschüsse wider das gegenwärtige Pontifikat besonders ausgeprägt. Das hat weniger mit diesem Papst als mit der Verfasstheit des US-Katholizismus zu tun.

1945 1960 1980 2000 2020

Jenseits des Atlantiks sind erzkonservative Querschüsse wider das gegenwärtige Pontifikat besonders ausgeprägt. Das hat weniger mit diesem Papst als mit der Verfasstheit des US-Katholizismus zu tun.

Der römische Pontifex hat es zurzeit alles andere als leicht. Während seine lang angekündigte Kurienreform weiter auf sich warten lässt, aber schon vor ihrem Inkrafttreten scharfe Gegenrufe aus dem traditionalistischem Kardinals­lager heraufbeschwört, wenden sich immer mehr Menschen enttäuscht von ihm ab: Viele sehen ihre Reformwünsche von Papst Franziskus verraten und seine Haltung in zahlreichen kirchenpolitischen Fragen als unveränderlich konservativ an.

Der Papst, der lange Zeit als Hoffnungsträger vieler reformwilliger Gruppen galt, konnte viele der hohen Erwartungen an ihn nicht erfüllen. Dass dies nicht unbedingt an der Schuld des Papstes liegen muss, sondern durchaus an illusorischen Bildern, die an sein Pontifikat angelegt wurden, liegt nahe. Andererseits machen diese inner­katholischen Zwistigkeiten aber auch die prekäre Lage deutlich, in der sich die Weltkirche und mit ihr auch das Oberhaupt beziehungsweise die Gesamtheit der Gläubigen gegenwärtig befinden.

Ein Blick in die USA offenbart die Problematik exemplarisch: Zahlreiche traditionalistische Zwischenrufe aus der US-amerikanischen Bischofskonferenz machen Papst Franziskus das Leben schwer. Jenseits des Atlantiks formt sich zunehmend Widerstand gegen den Oberhirten. Die letzten Monate haben mehrfach gezeigt, dass der US-amerikanische Boden, der lange Zeit als besonders papsttreu galt, immer stärker zu einem kirchenpolitisch umkämpften Grund zu werden droht.

Neben dem bekannten Papstkritiker Kardinal Raymond Burke fährt auch der ehemalige US-amerikanische Nuntius Carlo Viganò gegenüber dem Papst medial scharfe Geschütze auf: Nicht nur, dass er den mittlerweile von allen kirchlichen Ämtern enthobenen Ex-Kardinal Theodore McCarrick entgegen den Entscheidungen seines Vorgängers Benedikt XVI. (und den Informationen Viganòs) wieder rehabilitiert habe, so hätte Franziskus wider besseren Wissens lange nichts gegen die US-amerikanischen Missbrauchsfälle beziehungsweise deren Vertuschung unternommen. Auch in sozialen Medien regt sich papstkritischer Widerstand. Die kritischen Stimmen werden lauter, die Angriffe gegen Franziskus nehmen scheinbar wöchentlich zu und sind schon lange nicht mehr auf den Bereich kleiner konzilskritischer Teile des Kirchenvolkes beschränkt.

Eine Frage der Identitätspolitik

Kein Zweifel: Unter den US-Katholiken brodelt es gewaltig. Drohte ihre Identität zwischen den Fragen von liberalerer Gesetzgebung, angesichts umstrittener Migrationspolitik oder sexualethischer Linien­führung in den letzten Jahrzehnten schon mehrmals gespalten zu werden, so rückt nun mit Papst Franziskus niemand Geringerer als das Kirchenoberhaupt selbst in das Zentrum US-katholischer Auseinandersetzungen. Die US-Oberhirten ringen sowohl in kirchlichen als auch in gesellschaftspolitischen Fragen um ihre Linie. Jahrzehntelang hatten sie sich auf den konservativen Kurs der republikanischen Partei eingeschworen. Mit dem unkonventionellen, in vielen Dingen offenen Papst Franziskus und dem unberechenbaren Donald Trump droht ihre Stellung nun unter die Räder einer reformfreudigen Kirchenpolitik auf der einen, einer restriktiven Innen- und Außenpolitik auf der anderen Seite zu kommen.

Die Angriffe auf Papst Franziskus irritieren, gleichzeitig wirken sie symptomatisch und gleichen reflexhaften Schuldzuweisungen für die eigene verzwickte Lage des US-Katholizismus.

Die von Kardinal Burke initiierten Sammelschreiben, in denen kirchliche Amtsträger, aber auch einige Professoren und Laienvertreter aus den USA und der ganzen Welt Papst Franziskus Irrlehren vorwerfen und zum Rücktritt auffordern, haben auch in Europa Wellen der Entrüstung geschlagen. Diese Angriffe irritieren, gleichzeitig wirken sie symptomatisch und gleichen reflexhaften Schuldzuweisungen für die eigene verzwickte Lage.

Sie scheinen wie die reaktiven Trotz­momente einer zutiefst verunsicherten Führungsriege. Befremdlich sind sie schon allein deshalb, weil die US-amerikanische Bischofskonferenz sowie ihre Gläubigen über Jahrzehnte durch eine enorme Papsttreue aufgefallen waren: Die Bindung zum Bischof von Rom war besonders in Zeiten, in denen katholische US-Bürger aufgrund ihres Glaubens im öffentlichen Leben der USA stigmatisiert und ausgegrenzt waren, umso wichtiger für die innerkirchliche Identität. Die Stärkung des katholischen Bewusstseins nach innen wurde an der Ausrichtung am „Stellvertreter Chris­ti“ in Rom orientiert, wodurch man ein sichtbares Zeichen der Einheit abseits aller inner­amerikanischen Turbulenzen her­aufbeschwor.

In der Amtszeit von Papst Franziskus droht die Stimmung aber mancherorts zu kippen: Daran sind zum einen die negativen Schlagzeilen angesichts andauernder Veröffentlichungen in Sachen kirchlichen Missbrauchs schuld, aber auch die von Franziskus angestoßene Reform­linie trägt ihrerseits dazu bei, dass die Stellung des Papstes nicht mehr unhinterfragt Geltung besitzt. Hier kommt man an ein religionspolitisches Identitätsproblem ers­ten Ranges: Der Papst, der als Garant innerkirchlicher Einheit und traditionsbewussten Zusammenhalts galt, wird an der Stelle zum Problem, an dem er diese Tradition neu justieren möchte. Dies hat Franziskus bereits an mehreren Stellen seines Pontifikats versucht: Nicht nur in „Amoris Laetitia“, in dem er den pastoralen Einzelfällen und der seelsorgerlichen Klugheit der Ortskirchen mehr Entscheidungsgewalt zugemessen hat, sondern etwa auch in der Frage nach der Todesstrafe, die der „Papst vom anderen Ende der Welt“ entgegen der traditionellen Linie ausnahmslos in allen Fällen für unzulässig ansieht. In beiden Fällen liegt die Linie von Franziskus, einerseits einen höheren Entscheidungsspielraum den örtlichen Seelsorgern zuzumessen beziehungsweise eine in den USA nach wie vor verbreitete Strafe infrage zu stellen, nicht gerade in der gängigen Ausrichtung zahlreicher katholischer US-Bürger.

Papst Franziskus eröffnete hier Räume innerhalb der katholischen Theologie, die für zahlreiche US-Kreise amerikanischer Katholiken jedoch keinen Raum ersehnter Freiheit darstellten. Im Gegenteil. Sie wirken beängstigend. Solche dynamischen Zugeständnisse erscheinen besonders dort bedrohlich, wo diese Freiräume nicht vorgesehen waren. Und für viele US-Katholiken war eine besondere Quelle der eigenen Identität lange Zeit gerade die strikte Ausrichtung an der traditionellen Linie, die ihrerseits keine Ausnahmen zuließ.Sie pochten, im Gegensatz zu zahlreichen liberaleren Freikirchen oder protestantischen Gemeinschaften, auf die Einhaltung des traditionellen Familienbildes beziehungsweise des „Capital Punishment“, weil dies schließlich im Katechismus zugelassen sei. Fragen wie diese wurden zu einem Erkennungsmerkmal innerer Plausibilität, sie generierten nicht selten eine Kraft inneren Zusammenhalts.

Beide Themen manifestieren in der US-amerikanischen Politik beispielhaft höchst problematische Punkte: In diesen Themen rüttelt Franziskus an Fragen, die innerhalb der US-Politik nicht selten als unantastbare Ideale herausgestrichen wurden, also als Identitätsmarker fungieren. Ein Papst, der solche religionspolitischen Identifikationsgrößen offen infrage stellt, erscheint damit nicht mehr als Garant einer Einheit, sondern als deren Gefahr.

Die prekäre Stellung des Papstes

Die Stimmung zahlreicher US-amerikanischer Katholiken macht die prekäre kirchenpolitische Stellung des Papstes deutlich. Wie ein Mikrokosmos wirkt der US-Kontext symptomatisch für die prekäre Lage der Gesamtkirche: Einerseits steht der Pontifex im Zentrum des katholischen Identitätsbewusstseins. Er ist der sichtbare Garant der Einheit und als Nachfolger des Apostels Petrus wird ihm ein Vorrang unter allen Bischöfen eingeräumt. Gleichzeitig werden seine Person und Entscheidungsvollmacht durch die Tradition relativiert, die er zu vertreten hat. Theologischerseits kommt man hier an ein Kernproblem des päpstlich-kirchlichen Selbstverständnisses, das besonders in Zeiten einer in sich vielgestaltigen Katholizität weltweit immer stärker zum Vorschein kommt.

Päpstliche Entscheidungen werden in erhöhtem Maße Zu- und Widerspruch hervorrufen, unabhängig davon, wie die Richtung der Direktiven ausfallen wird. Die unterschiedlichen Strömungen stehen dem Papst mit Erwartungen gegenüber, die er unmöglich alle gleichermaßen erfüllen kann. Er steht nicht nur an der Spitze einer Befehlskette, sondern auch am Ende einer Tradition, die ihn und sein Amt zugleich begründet und wiederum relativiert. Damit aber wird der Papst selbst zu einer umkämpften Größe, die alles andere als unangreifbar und absolut ist. Das hat zwar nicht mit Papst Franziskus begonnen, dennoch aber während seines Pontifikates Ausmaße angenommen, die noch vor wenigen Jahren in ihrer medialen Inszenierung und Reichweite unvorstellbar waren.

Der Autor ist Theologe und Erwachsenenbildner in Salzburg

Furche Zeitmaschine Vorschau