Selbstverständliches Konzil

Die ersten hundert Tage von Papst Franziskus waren von markanten Symbolen und Gesten geprägt. Und von einer ungeahnten Renaissance des II. Vatikanums.

Man kann den Blick auf die ersten hundert Tage des neuen Pontifikats zum Anlass nehmen, um nach den Konturen und Markierungen zu fragen, die an der katholischen Kirchenspitze nun sichtbar werden. Wer dem bloß die altbekannten Raster (kirchen)politischer Berichterstattung zugrunde legt, wird bei Papst Franziskus wenig Spektakuläres entdecken. Ob der Kirchenwind nun in Richtung konservativ oder progressiv wehe, wird oft gefragt, ist aber eben eine falsche Kategorisierung. Franziskus hat bislang keine von seinem Vorgänger abweichende Positionierung erkennen lassen, was jene Themen betrifft, bei denen von den Liberalen Änderungen sehnsüchtig erwartet werden: Geschiedene Wiederverheiratete dürfen - offiziell - nach wie vor ebenso wenig zur Kommunion gehen wie Priester heiraten können.

Dennoch sind es zurzeit die sehr Konservativen, die vom neuen Pontifikat irritiert scheinen: Diese Parteiung pflegte sich bislang ja als besonders papsttreu zu gerieren, aber man weiß, dass die Papsttreue allzu schnell vergessen ist, wenn der Pontifex diesen Gruppierungen nicht nach dem Mund redet. Man darf gespannt sein, wie das konservative Lager sich mit Franziskus in Zukunft tun wird.

Revolutionierte Symbolpolitik

Das, was zu diesem Papst bislang gesagt werden kann, betrifft vor allem die Symbolpolitik, die von Franziskus geradezu revolutioniert wurde und ebenso gekonnt wie bewusst eingesetzt erscheint. Das beginnt mit der Namenswahl und dem einfachen Stil, den Franziskus auch seiner neuen Position abzutrotzen sucht: Er macht keinerlei Anstalten, aus dem vatikanischen Gästehaus auszuziehen, in dem er schon beim Konklave gewohnt hat. Auch dass er jugendlichen Straftätern am Gründonnerstag die Füße gewaschen hat - darunter auch einer jungen Muslima - wird Spuren hinterlassen. Und dass er versucht, wie ein einfacher Priester Gottesdienst zu feiern und zu predigen, ohne dass jedes Wort dabei gleich als eine lehramtliche päpstliche Aussage zu verstehen ist, weist ebenfalls in diese Richtung. Dass umgekehrt aus den Predigten der Morgengottesdienste sowie verschiedenen Privataudienzen Aussagen und Positionen berichtet werden, die die kirchendiplomatische Correctness nicht im Blick haben, ist die Kehrseite davon.

Das Ende der Restauration?

Zurzeit kann die staunende Öffentlichkeit beobachten, wie die starre Institution Vatikan und der neue Pontifex, der ja schon bei seinem ersten Auftritt den hermelingesäumten roten Umhang verweigert hat, miteinander ringen - der Ausgang ist offen. Aber dass Franziskus das byzantinische Hofgehabe, welches zum erbärmlichen Bild, das der Vatikan zuletzt bot, beitrug, zurechtstutzen möchte, ist evident. Man wünscht, dass der frische Wind anhält und nicht das Beharrungsvermögen einer noch so ehrwürdigen Institution siegt. Um das beurteilen zu können, sind die ersten wichtigen Personalentscheidungen dieses Papstes, die zurzeit noch ausstehen, von Bedeutung.

An Franziskus fällt jedenfalls auf, dass mit ihm ein Vertreter der Nachkonzilsgeneration an der Kirchenspitze steht. Die Selbstverständlichkeit, mit der er das II. Vatikanum als Ausgangspunkt heutiger Kirchlichkeit annimmt - und zwar ohne Wenn und Aber - ist beeindruckend. Unter Benedikt XVI. geriet das Konzil unter einen schiefen Blick; die Restaurationstendenzen waren unübersehbar. Mit einem Mal scheint es anders zu sein. Das ist eigentlich kein großer Fortschritt, sondern eine Selbstverständlichkeit. Dennoch darf und soll man froh sein, dass zumindest dieser gemeinsame Nenner des Katholischen vom neuen Pontifex außer Streit gestellt wird. Das mag Extremisten wie die Pius-Brüder nicht freuen. Für den normalen Katholiken gibt es endlich wieder Atemluft - und Hoffnung auf offene Diskussion, die zuletzt immer weniger möglich schien.

otto.friedrich@furche.at

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