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Römischer Advent

Es brennt keine erste Kerze

Es wird auch keine zweite, keine dritte und keine vierte angezündet werden. Adventkränze sucht der Besucher aus dem Norden vergebens in den Kirchen Roms. Dennoch: Auch für diese ewig unruhige und laute Stadt gehören diese Wochen wirklich zu den stillsten des Jahres. Der Strom der Fremden ist versickert, die sonst stets zum Bersten gefüllten Autobusse der Linie 64, Termini—San Pietro, haben „normale Besetzung”. Die Taschendiebe, die hier ihre großen Fischzüge zu machen gewohnt sind, leben nun irgendwo in der Provinz vom „Fruchtgenuß” der Saison 1963. Die von milder Sonne überglänzte Via Appia ist jetzt den hier allein flanierenden Römern zurückgeschenkt. Allmählich sinkt die Sonne und verliert an Wärme. Die Römer sind längst in ihren Fiats und Alfa Romeos in ihre Stadt zurückgekehrt. Jetzt gehört die Campagna nur mehr den Hirten und ihren Herden. Man lauscht. War da nicht der harte Schlag eines Wagenrades auf dem antiken Pflaster zu vernehmen und die so viele Mitarbeiter in Rom hatte, der Herr, der im blauen Frack dem altertümlichen Gefährt entsteigt, ist dies nicht der Geheimrat von Goethe? Der grelle Ton einer italienischen Autohupe verscheucht die Vision.

Es ist keine Zeit für Idyllen

Daran erinnern schon augenfällig die großen Plakate mit dem schwarzumrandeten Bild Kennedys, die der Magistrat an allen Ecken und Enden der „Urbs” angeschlagen hat. Vor einem halben Jahr erst hat sich die Bürgerschaft von Rom auf diese echt südländische Weise von ihrem Bischof verabschiedet. Jetzt entbietet sie weithin sichtbar dem amerikanischen Präsidenten ein letztes Valet.

Die Sonne war trügerisch. Nun, da allmählich vom Tiber die Nebel aufsteigen und der im Sommer sehnsüchtig erwartete Abendwind sich erhebt, fällt es schwer, sich eines leichten Fröstelns zu erwehren. In diesem Sommer und Herbst sind zwei Fahnen gesunken. Die Welt ist dunkler, sie ist ärmer geworden. Durch den römischen Abend aber leuchten über die in dieser Stunde nun ganz menschenleere Piazza San Pietro deutlich sichtbar zwei Fenster. Der Nachfolger Johannes XXIII. ist am Werk. Nein: Papa Giovanni ist nicht tot, solange wir leben, solange es in der Kirche einen Papst, Kardinäle, Bischöfe und unzählige Laien gibt, die mit dem ehemaligen Kardinal Montini einer Meinung sind, daß die Gruft in den Grotten unterhalb

St. Peter nicht ausreichen kann, um das Vermächtnis des Johannes- Papstes aufzunehmen.

Das Vermächtnis Johannes XXIII.

Das ist vor allem das Konzil. Als diese Zeilen geschrieben wurden, herrschte bereits Aufbruchstimmung. Die letzten Tage der zweiten Session waren merkte man auch Conciliazione. Hier „Nachrichtenbörse” ihren Sitz. Welch ein Gegensatz zu dem strahlend-feierlichen Einzug der Konzilsväter in die Aula, ja selbst zu dem Bild der Arbeitssitzungen. Der durch ein Glasdach erhellte Raum vermittelt tatsächlich den Eindruck eines Börsensaales. In den vier Winkeln desselben scharten sich stets um die Mittagsstunde Gruppen von Journalisten um je einen Sprecher. Hier tönte eine englische Stimme, dort wurden Fragen auf Französisch gestellt, deutsche Laute drangen aus der dritten Ecke, in der vierten hielt ein Bischof italienischen Journalisten einen Cercle (Ob es eine Zeitung gab,

daß sie jede dieser kleinen Pressekonferenzen beschicken konnte? Der Vergleich ihrer Berichte wäre gewiß interessant).

Nachrichtenj ournalisten sind abgebrühte Leute. Das gehört anscheinend zum Metier. Wenn man dies weiß, wird man letzte Aussagen über das Konzil, über seinen Geist und seine Dynamik, nicht aus diesem Kreis erwarten. Hinweise auf schwerfällige Verfahrensfragen, ja selbst die Feststellung, daß von 17 Schemata nun glücklich zwei verabschiedet worden sind, erfassen bestimmt nicht die Situation. Wenn der Vergleich erlaubt ist, so gilt für das Konzil dasselbe, was für jeden Kongreß in dieser Zeit Gültigkeit hat: Die Verhandlungen im Plenum und ihre Ergebnisse sind bedeutungsvoll, aber ebenso bedeutungsvoll ist die Atmosphäre, die entstanden ist, sind die vielen Einzelbegegnungen, die ungezählten Gespräche in den „Couloirs” nicht zu vergessen. Und hier wurde — darin sind sich auch die kritischen Beobachter einig — jener „offenen Katholizität”, der schon immer die Hoffnung und die Arbeit gerade auch dieses Blattes gehört hatte, ein Weg in die Zukunft bereitet. Und wenn ein kluger deutscher Beobachter, bei aller Würdigung des neuen Papstes, ein „prophetisches Wort” erbat, das dem Konzil „einen überkirchlichen Sinn gibt, einen tiefen inneren Aufschwung zugunsten der Güte und Versöhnung, von denen in der Peterskirche so oft gesprochen wurde”, so hat er vielleicht inzwischen schon Antwort bekommen. Nicht nur durch ein Wort, sondern durch die Ankündigung einer Tat: der Pilgerreise des Papstes nach Jerusalem, die — übrigens auch für alle Auguren — eine Überraschung war.

„Der Papst braucht Helfer”

Das Gesicht des französischen Prälaten ist ernst. Nachdem er zuerst über die Persönlichkeit Papst Montinis gesprochen hatte, über seine hochentwickelte Gabe, zuhören zu können, über seinen Willen, dort entscheidende Maßnahmen zu sanktionieren, wo sie nach vieler Ansicht am dringlichsten sind, kommt er auf etwas Entscheidendes zu sprechen: Jeder Kopf braucht Arme, um seine Gedanken zur Tat werden zu lassen. Auch der Papst.

Er braucht Helfer. Kardinäle, die, in seinem Geiste handeln, die vielleicht sogar das Risiko auf sich nehmen, den einen oder anderen Schritt weiter zu gehen als der Papst heute noch gehen kann. Jede Medaille hat ihre Kehrseite. Während bei uns in Österreich die Mitteilung Kardinal Königs, er werde in Wien bleiben, Freude und Zustimmung in weiten Kreisen ausgelöst hat, kann man in Rom auch Stimmen der Trauer und Bestürzung hören — und dies natürlich nicht in der Umgebung von Kardinal Ottaviani und Erzbischof Felici. „Was wird aus uns?” Was wird aus der Kurienreform? Man bemüht sich, die „integrierende Funktion”, die mit und durch Kardinal König die Kirche in der eigentümlichen politischen Landschaft Österreichs und darüber hinaus hier an der Grenze zwischen Ost und West ausübt, zu verdolmetschen. Das wird zugegeben. Aber man hat den Eindruck, daß der Gesprächspartner auf seinem Standpunkt verharrt: Der Papst braucht Helfer. Und Kardinal Suenens? Auch er ist bisher auf den Ruf, die Spitze des Staatssekretariats einzunehmen, noch nicht nach vorne getreten. „Die Kardinäle Suenens und König in Rom: das wäre ein gewaltiger Auftrieb. Bedenken Sie!” Der Gesprächspartner wird hart. Einmal muß der Anfang mit der Internationalisierung der Kurie gemacht werden — oder es geht dieser Advent vorüber. Die Antwort ist nicht einfach.

Rom: Das ist nicht nur der Vatikan

Auch am Quirinal gehen in diesen Tagen die Lichter spät aus. Aldo Moro legt die letzte Feile an sein Kabinett der „linken Mitte”. Inzwischen hat er es dem Präsidenten vorgestellt, und nach 16 Jahren Opposition und politischer Quarantäne ist Pietro Nenni in die Regierung zurückgekehrt.

Der hohe, zu seinem Besuch immer liebenswürdige Diplomat hat erst gestern mit Scelba gefrühstückt.

Der alte Kampfgefährte de Gasperris ist gewiß kein Freund des neuen Kurses. Aber auch er, dessen Konzept der „Zentrumskoalition” nicht mehr durchzuführen ist, weiß keinen anderen Weg zu zeigen. Mehr noch: selbst Scelba würde seinem Herzen einen Stoß geben, und auch innerlich ja zur „Apertura” sagen, wenn dadurch eine wirkliche Trennung der Sozialisten Nennis von den Kommunisten erzielt werden könnte. Davon ist Scelba bis zur Stunde aber noch nicht zu überzeugen gewesen und deshalb sieht er nach wie vor die italienische Zukunft in düsteren Farben. Andere seiner Landsleute sind sorgloser. Sie vertrauen auf den „Stellone”— auf den guten Stern Italiens.

Und wenn Moro Schiffbruch erleidet? Das Fehlen zweier Namen auf seiner Ministerliste, der des Sozialisten Lombardis aber auch der Fanfanis, wirken signalisierend. Halten sich beide schon bereit für die „nächste Welle” — dann aber wäre Togliatti in dieser oder jener Form schon mit von der Partie. Wenn die italienische Nachkriegsdemokratie wirklich in die Krise kommen sollte, dann aber würde sie letzten Endes nicht von ihren Feinden überrannt werden, sondern der so imponierende Bau sänke von Termiten zernagt zusammen. Welche Namen diese Termiten tragen? Man kann sie täglich Presse entnehmen, die seit einem halben Jahr Woche Woche, mitunter sogar täglich,

einen „Scandalo” nach dem anderen berichten konnte. Gestern ging es um Bananen, heute um den Flugplatz Fiumicino. Wer ist morgen an der Reihe? Hier ist die Front,, an der Moro sich vor allem bewähren muß. Die Austrocknung dieses Sumpfes wäre kein geringeres Werk als die der Pontinischen Sümpfe. Am südlichen Dezember-Himmel stehen viele Sterne. Unwillkürlich hält man Ausschau, ob unter ihnen Italiens „Stellone” zu finden ist. Die Nacht antwortet nicht

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