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Der Papst bleibt "Professor Ratzinger"

Schon zweimal stand Joseph Ratzinger Peter Seewald für ein Interviewbuch Rede und Antwort Nun tut er es - diesmal als Papst - ein drittes Mal: "Licht der Welt" heißt der neue Band.

Frascati im Winter 1996, Montecassino im Februar 2000, Castel Gandolfo im Juli 2010: Drei Mal schon hatte Peter Seewald die Gelegenheit, ausführlich mit Joseph Ratzinger, nun Benedikt XVI., zu reden. Soviel Glück hat nicht jeder Journalist.

Aber der Papst hat offenbar Vertrauen gefasst zu dem im niederbayerischen Passau aufgewachsenen ehemaligen Ministranten, der für den Spiegel, Stern und das Magazin der Süddeutschen Zeitung arbeitete, bevor er freier Publizist wurde. "Vor langer Zeit aus der Kirche ausgetreten", wie er im ersten Interviewbuch kundtat, sagt er jetzt zu einem Kollegen der Zeit über seinen Gesprächspartner: "Der Mann wurde mein Schicksal."

Eine Premiere, dass ein Papst ein so langes Interview zuließ: Sechs Tage lang, jeweils für eine Stunde, durfte der 56-jährige Seewald Benedikt XVI. befragen. Im Juli war das, in Castel Gandolfo: "Benedikt XVI. macht es dem Besucher ausgesprochen leicht. Da ist kein Kirchenfürst, sondern ein Kirchendiener, ein großer Gebender, der sich in seinem Geben ganz ausschöpft", schreibt Seewald im Vorwort, das mit 15. Oktober datiert ist.

Das 255 Seiten starke Buch liest sich leicht. "Salz der Erde" (1996) war ein Bestseller geworden. "Gott und die Welt" (2000), von Joseph Ratzinger als "Orientierungshilfe" verstanden, flachte gegenüber dem ersten Interview beträchtlich ab. Aber diesmal spricht nicht mehr ein Kardinal, sondern ein Papst.

Im Rampenlicht der großen Welt

Vieles, was Benedikt XVI. sagt, kann man vorbehaltlos unterschreiben. Man merkt: Da macht sich einer Sorgen, der als Papst Verantwortung für das Ganze trägt. Er verlässt die üblichen Positionen nicht. Aber er ist ein brillanter Formulierer. Die "Feindbilder" des Joseph Ratzinger sind manchmal schon grob (unbewusst vielleicht), bei aller bestechenden Feingeistigkeit. Karl Rahner hätte nach der Lektüre von "Licht der Welt" wahrscheinlich gesagt: "Sehr gescheit, aber furchtbar konservativ." Mir ist stark der Unterschied zwischen einem existenziellen Denker wie Rahner und dem essenziellen Platonisten Joseph Ratzinger aufgegangen. Wer die richtigen Ideen zu haben meint, kann natürlich leicht sagen: Um so schlimmer für die Tatsachen. Die faktischen Gefühle und Gemengelagen kommen nicht in den Blick. Seewald fragt an den entscheidenden Leerstellen leider nicht nach.

Trotzdem lohnt die Lektüre, auch weil sie die "kleine Welt" des Professors Joseph Ratzinger deutlich macht, der als Papst im Rampenlicht der "großen Welt" steht, aber eben nicht aus seiner Haut heraus kann. "Ich bin der, der ich bin. Ich versuche nicht, ein anderer zu sein", liest man.

Das Buch hat drei Teile: "Zeichen der Zeit", "Das Pontifikat" und "Wo gehen wir hin?". Neugierige werden Details aus dem päpstlichen Alltag erfahren, zu dem das Anschauen von Don-Camillo-DVDs gehört. Inhaltlich bezeichnender: "Ich bin mit Augustinus, mit Bonaventura, mit Thomas von Aquin befreundet." Schwer lasten die globalen Missbrauchsfälle auf dem Papst. Darunter leidet er unverkennbar. Er hofft auf Katharsis: "Der Teufel konnte das Priesterjahr nicht leiden."

Heftig wird Benedikt XVI., wo es um die Rücknahme der Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbruderschaft geht. Er räumt ein, "dass hier unsere Pressearbeit versagt hat", meint aber, dass "unglaublich viel Unsinn verbreitet worden" sei. Er habe so handeln müssen: " ? aus dem einzigen Grund, dass sie nun eine Anerkennung des Papstes aussprachen." Nachsatz: "Das II. Vatikanum war überhaupt nicht im Spiel." Vor Tische las man's anders! Darf das Konzil zur Verhandlungsmasse werden? "Für eine künftige Anerkennung der Bruderschaft St. Pius X.", so die "Note" des Staatssekretariats vom 4. 2. 2009, "ist die volle Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils und des Lehramtes der Päpste Johannes XXIII., Paul VI., Johannes Paul I., Johannes Paul II. sowie Benedikt XVI. unerlässliche Bedingung."

"Ich bin der, der ich bin": Man wird den Eindruck nicht los, dass Benedikt in der Welt vor allem Böses entdeckt (und sucht?), zerstörerische Kräfte, die die Kirche bloßstellen wollen. "Reinigung" tut zweifellos not, in vielen Bereichen. Aber wie? Durch die Reduktion der Gläubigen auf die "kleine Herde" - klein, aber fein, elitär, exklusiv, ganz im Sinn einer "Entscheidungskirche", die diejenigen, die auf der Suche sind, abschreckt? Die Weltgeschichte als großer und dramatischer Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Dunkelheit. "Krise" und "Kampf" sind immer wiederkehrende Beschreibungen.

Dass die Gottesfrage "wieder ins Zentrum rückt" und dem "praktischen Atheismus" gegenüberzustellen sei, kann keiner ernsthaft bestreiten. Aber Vokabeln wie "Diktatur des Relativismus", "radikaler Säkularismus", "Arroganz des Intellekts" usw. gehören eher zum Arsenal des obersten Glaubenshüters, der Joseph Ratzinger war, als zu einem Papst. Dass dieser beklagt, dass man sich "einer Absolutheitsforderung einer bestimmten Art von, Vernünftigkeit' widersetzen" muss, die "per Meinungsumfragen Positionen der katholischen Kirche zu Homosexualität oder Frauenordination umbiegen will", kann man nachvollziehen. Aber heißt das, "heiße Eisen" seien tabu? Sprech- und noch mehr: Denkverbote?

Woher das Neue kommt

Woher kommt Neues? Der Papst setzt auf die geistlichen Bewegungen und die Orden. "Spontane Aufbrüche entstehen nicht aus einer Institution, sondern aus einem authentischen Glauben heraus." So ähnlich klang schon sein Kommentar zum Zustand der Kirche im Frühjahr 1972, nachdem er aus der Deutschen Synode (1971-75) ausgeschieden war: "Ich setze nicht auf Gremien, sondern auf prophetische Existenz."

Die Begegnung mit Bischöfen aus aller Welt dient dem Papst als hauptsächliche Informationsquelle. Sind die Ad-limina-Besuche in ihrer jetzigen Form wirklich ein offener Austausch? Beim Thema Ökumene blüht der Papst auf, vor allem bei der Orthodoxie. Mit dem Weltprotestantismus hat er eher Schwierigkeiten, die mit Themen wie der Frauenordination zusammenhängen.

Beachtet werden wird der Kommentar zur Rede in Regensburg (September 2006): Er habe diese "als streng akademische Rede konzipiert und gehalten, ohne mir bewusst zu sein, dass man eine Papstrede nicht akademisch, sondern politisch liest". Es wird also bedauert, zurückgenommen wird nichts. Aus der Kontroverse sei immerhin "ein wirklich intensiver Dialog gewachsen".

Medien fokussierten sich zuletzt auf Benedikts XVI. Bemerkung im Buch, es könne "begründete Einzelfälle geben", bei denen die Verwendung eines Kondoms zulässig sei. Grundsätzlich ändert das nichts an seiner Haltung. Ob die "therapeutische Kraft des Christentums", die der Papst neu zu entdecken empfiehlt, sich nicht auch gerade bei schwierigen Themenfeldern zeigen müsste?

Benedikt XVI. - Licht der Welt

Der Papst, die Kirche und die Zeichen der Zeit

Ein Gespräch mit Peter Seewald.

Herder 2010, 240 Seiten, geb., e 20,60

* Der Autor ist Chefredakteur der "Stimmen der Zeit" und wissenschaftlicher Leiter des Karl-Rahner-Archivs in München

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