Seit der Wahl Benedikts XVI. am19. April schießen Publikationen, die sich mit Person und Profil Joseph Ratzingers befassen, aus dem Boden. Ein Streifzug durch fünf Porträts des neuen Papstes in Buchform.

Das Christentum als "dritten Weg" zwischen Säkularismus und Fundamentalismus darzulegen, es dem Intellekt als einleuchtend, dem religiös empfänglichen Ohr als Grundmelodie anzuempfehlen, dies ist dem Zeit-Journalisten Jan Ross zufolge der Kern der Botschaft Papst Benedikts xvi., der Kern des "Benedikt-Projekts".

Der Erfolg dieses Projekts hängt von zwei Fragen ab: gelingt es, die Verbindung von Glaube und Vernunft tatsächlich einem breiteren Publikum und nicht nur einer schwindenden christlichen Basis verständlich zu machen? Und gelingt es, den als dogmatischen Zuchtmeister gefürchteten ehemaligen obersten Glaubenshüter, Joseph Ratzinger, als Person näher zu bringen? Fragen, die insbesondere an die Flut an Neuerscheinungen zu richten sind, die sich im vergangenen Jahr - kaum war der Name Benedikt am 27. April ausgesprochen - auf den Markt ergoss.

"Bild"-journalistisch

Das mit 336 Seiten mit Abstand dickste Buch dieses Streifzugs stammt aus der Feder von Andreas Englisch, einem für die Bild-Zeitung schreibenden Vatikan-Reporter. "Habemus Papam. Von Johannes Paul ii. zu Benedikt xvi." erzählt dabei vor allem von den letzten Atemzügen des alten Papstes, den der Autor über 15 Jahre lang aus nächster Nähe beobachten und begleiten durfte. In bester Krimimanier montiert, führt das Buch den Leser nicht nur durch das Labyrinth vatikanischer Gänge sondern ebenso durch seine eigenen Gefühlslagen während der Zeit zwischen Tod und Neuwahl. Englisch versteht es, den Leser zu fesseln, ihn wirklich zu informieren vermag er jedoch nicht. So weiß man am Ende vieles über das Reporterdasein im Vatikan und wenig über Inhalte - seien sie theologischer oder politischer Art, kurz: Gefühlsjournalismus in Vollendung.

faz- & ard-korrespondentisch

Beruft sich Englisch auf seine Nähe zu Johannes Paul ii., so ist es bei Heinz-Joachim Fischer, dem langjährigen Italien- und Vatikankorrespondenten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, die Freundschaft zu Joseph Ratzinger, die seinem Buch "Benedikt xvi. Ein Porträt" die nötige Authentizität verleihen soll. Die persönliche Zuneigung wird dabei auch nicht durch Kapitel wie "Das Sündenregister" getrübt, in welchem Fischer unkommentiert eine lange Liste an Schreiben Ratzingers anführt, die nur für den eingefleischten Kenner mehr bietet als bloße Signalworte (z. B. "Dominus Jesus"). Mit vorsichtigem Optimismus blickt Fischer auf die Frage der "viri probati", die Weihe der im Glauben erprobten Ehemänner: "So viele theologisch gebildete bewährte Männer' gibt es gar nicht, als dass die Kirche darauf verzichten könnte."

Der Frage, wohin der neue Papst die Kirche führt, widmet sich ein weiterer Journalist: der ard-Korrespondent Hanspeter Oschwald. In seinem Buch "Der deutsche Papst" macht Oschwald dabei von Beginn an keinen Hehl daraus, dass er über die Wahl des "Meisters der katholischen Orthodoxie" auf den Stuhl Petri wenig glücklich ist. Unter der Überschrift "Von Abtreibung bis Zölibat" handelt Oschwald dann in einer journalistischen Laxheit, die jedes theologische Feingefühl vermissen lässt und die nicht mehr als Allgemeinplätze wiedergibt, die angeblichen "Positionen des neuen Papstes" ab. So ist aus seiner Perspektive "auch vom neuen Pontifikat wenig Hoffnungsvolles zu erwarten".

Porträt-theologisch

Die beiden Freiburger Theologen Helmut Hoping und Jan-Heiner Tück versuchen sich in ihrem schmalen Band "Die anstößige Wahrheit des Glaubens" an einem "theologischen Profil Joseph Ratzingers". Dieses weise eine viel größere Kontinuität auf, als gemeinhin durch die Unterscheidung des Konzilstheologen vom Glaubenswächter angenommen werde. Ihr Anliegen ist es daher, den Theologen Ratzinger selbst in vier Texten zu Wort kommen zu lassen und damit "den theologischen Zusammenhang von Ekklesiologie - Christologie - Gottesthematik in seinem Denken aufzuweisen." Leider bleibt auch diese Textauswahl nahezu unkommentiert. Hilfreich ist jedoch die thematisch geordnete Auswahlbibliographie der Schriften Ratzingers.

Journalistisch-theologisch

Ein Lichtblick zum Schluss: In seinem Buch "Der deutsche Papst. Benedikt der xvi. und seine schwierige Heimat" führt Alexander Kissler, Kulturjournalist der Süddeutschen Zeitung, eindrucksvoll vor Augen, dass journalistischer Schreibstil und theologische Tiefe keine Widersprüche sein müssen. Wohlinformiert und ausgewogen skizziert er die zahlreichen Dispute, die Ratzingers Weg säumen. Den biografischen wie theologischen Kern macht Kissler im Weltverständnis Ratzingers aus, in seiner "Sensibilität für die Schattenseiten der Aufklärung". Ob er nun als Benedikt XVI. über feinere Methoden verfügt, diesen Schattenseiten entgegenzutreten, bleibe jedoch offen wie das Pontifikat nach einem halben Jahr selbst.

Soll das "Benedikt-Projekt" also tatsächlich gelingen, bedarf es noch intensiver journalistischer wie theologischer Vermittlungsarbeit - und einer Besinnung darauf, dass persönliche Nähe kein Qualitätsmerkmal ist.

Habemus Papam

Von Johannes Paul II. zu Benedikt XVI. Von Andreas Englisch

Verlag C. Bertelsmann, München 2005 336 Seiten, geb., e 20,50

Benedikt XVI. - Ein Porträt

Von Heinz-Joachim Fischer, Verlag Herder, Freiburg 2005, 191 Seiten, geb ., e 13,30

Der deutsche Papst

Wohin führt Benedikt XVI. die Kirche?

Von Hanspeter Oschwald. Verlag Piper, München 2005. 264 Seiten, kt., e 15,40

Die anstössige Wahrheit des Glaubens - Das theologische Profil Joseph Ratzingers

Hg. von Helmut Hoping, Jan-Heiner Tück Verlag Herder, Freiburg 2005

141 Seiten, geb., e 11,90

Der deutsche Papst - Benedikt XVI. und seine schwierige Heimat

Von Alexander Kissler. Verlag Herder, Freiburg 2005, 192 Seiten, geb., e 18,40

Praktisch am Tag der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst Benedikt xvi. lieferte der Herder-Verlag das Bändchen "Werte in Zeiten des Umbruchs" aus, in dem verschiedene Texte des Glaubenskongregations-Chefs zu politischen Fragen zusammengestellt sind. Darunter befinden sich die Reden und Predigten Ratzingers, die er 2004 bei den Befreiungsfeiern zum 60. Jahrestag der alliierten Landung in der Normandie hielt. Wegweisend für Ratzingers Weltsicht seine Überlegungen zum Verhältnis zwischen Politik und Moral, darunter das viel beachtete Ko-Referat "Was die Welt zusammenhält - Vorpolitische Grundlagen eines freiheitlichen Staates", das der Kardinal im Jänner 2004 in München bei einer Dialogveranstaltung mit dem Philosophen Jürgen Habermas hielt. Ein Grundbuch zum Kennenlernen des "politischen" Ratzinger. ofri

WERTE IN ZEITEN DES UMBRUCHS Die Herausforderungen der Zukunft bestehen. Von Joseph Kardinal Ratzinger. Verlag Herder, Freiburg 2005. 156 Seiten, TB, e 9,20

Relativismus war zuletzt das Thema des Glaubenshüters Joseph Ratzinger. Um Relativismus als Gefahr für die europäische Kultur geht es auch im Band "Ohne Wurzeln": Darin findet sich ein Vortrag des italienischen "Forza-Italia"-Politikers und Senatspräsidenten Marcello Pera an der Lateran-Universität 2004 und eine Rede Kardinal Ratzingers zum Thema wenige Tage vor seiner Papstwahl, dazu noch ein Brief Peras an Ratzinger sowie eine Replik des Kardinals an den Senatspräsidenten: Eine klare Kompilation des Denkens eines konservativen Politikers und eines konservativen Kirchenmannes, die - auf unterschiedlichen Wegen - zu ähnlichen Einschätzungen kommen: Ist Europa nicht wertefest, so wird es politisch nicht überleben (so die Perspektive des Politikers), analog wendet der Kirchenmann solche Einsicht auf den Glauben an. ofri

OHNE WURZELN. Der Relativismus und die Krise der europäischen Kultur. Von Marcello Pero und Joseph Ratzinger, Sankt Ulrich Verlag, Augsburg 2005. 160 Seiten, geb., e 17,40

In der traditionsreichen Theologie-Reihe "Quaestiones disputatae" haben Peter Hünermann und Thomas Söding drei wesentliche "Quaestiones"-Texte aus der Feder Joseph Ratzingers zusammengestellt, und zwar aus jenen drei Bänden, für die Ratzinger auch als Herausgeber mitverantwortlich zeichnete. Der erste Text ist vorkonziliar und stammt aus 1961 und beschäftigt sich mit der Frage des Papsttums und der Bischöfe, der zweite aus dem letzten Konzilsjahr 1965 behandelt die Frage der Tradition, die auf dem Konzil bekanntlich kontrovers diskutiert wurde. Den dritten Text hat Ratzinger 1989 schon als Glaubenskongregations-Chef verfasst: Darin setzt er sich mit Streitfragen der Bibelauslegung auseinander. Eine interessante Zusammenstellung, die die theologische Entwicklung Ratzingers implizit enthält. ofri

WORT GOTTES. Schrift - Tradition - Amt

Von Joseph Ratzinger/Benedikt xvi.

Hg. von Peter Hünermann und Thomas Söding. Verlag Herder (Quaestiones disputatae), Freiburg 2005. 136 Seiten, geb., e 13,30

Das Buchkonzept war richtig: Kardinal Königs Kurztexte, bibliophil designt, dazu wenige Abbildungen für den Kardinal wichtiger Gegenstände. Das alles, unter dem Titel "Gedanken für ein erfülltes Leben" herausgekommen, wurde zum religiösen Bestseller. Der Styria-Verlag hat nun in gleicher Aufmachung, herausgegeben von Gudrun Sailer, ein Lesebuch mit Texten von Johannes Paul II. aufgelegt. Auch hier geht das Konzept auf: Man kann bei der sparsamen Auswahl aus den Unmengen an Texten, die der verstorbene Papst hinterlassen hat, verweilen, oder bei einem der Bilder hängen bleiben, in denen Johannes Paul II., wie ihn die Welt kannte, in Erinnerung kommt - auch das Fenster am Apostolischen Palast, von dem aus der Papst zum letzten Mal zu sehen war ("das Fenster zum Angelus'"), ist dabei. ofri

ICH WÜNSCHE EUCH EIN NEUES WACHSEN

Von Johannes Paul II./Karol Wojtyla

Ausgew. und hg. von Gudrun Sailer. Verlag Styria, Wien 2005. 180 Seiten, geb. mit 16 Farbabb., e 14,90

Er weiß sich als Opfer Joseph Ratzingers, des Glaubenshüters: Josef Imbach, Franziskanertheologe aus der Schweiz und viel gelesener Autor spiritueller Bücher, der den Glauben heutig zu machen versteht, wurde 2002 mit Lehrverbot belegt. Er hat - noch vor der Papstwahl - in "Der Glaube an die Macht und die Macht des Glaubens" eine Darstellung seines Falls verfasst und stellt diese in den Zusammenhang einer Macht- und Ohnmachtsgeschichte innerhalb der Kirche. Ein wichtiges Buch, weil es gegen alle Beschwichtigungen den Finger auf die institutionellen Wunden legt: Die Freiheit gilt innerhalb der Amtskirche immer noch als garstig Ding. In einer Zeit, in der innerkirchlich wieder viel zu viel geschwiegen wird, eine nimmermüde Stimme eines besorgten Christen, der sich nicht mundtot machen lässt. ofri

DER GLAUBE AN DIE MACHT UN D DIE MACHT DES GLAUBENSWoran die Kirche heute krankt

Von Josef Imbach

Patmos Verlag, Düsseldorf 2005

250 Seiten, geb., e 20,50

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau