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Ratzinger III liest Ratzinger I III

1945 1960 1980 2000 2020

Nach 30 jahren lesen zwei ihre Ausführungen zu Demokratie und Kirche wieder. Für einen hat sich nichts verändert - leider

1945 1960 1980 2000 2020

Nach 30 jahren lesen zwei ihre Ausführungen zu Demokratie und Kirche wieder. Für einen hat sich nichts verändert - leider

Ratzinger III liest Ratzinger I. Der Kurienkardinal und Präfekt der Glaubenskongregation liest nach dreißig Jahren die Ausführungen des Regensburger Dogmatikprofessors und stellt zu seiner Überraschung fest, dass er alles damals Gesagte auch heute noch so vertritt. Der Beitrag muss zwar nicht umgeschrieben, aber doch fortgeschrieben werden, folgert der Kardinal, höchst erstaunt über die Konstanz seiner Auffassungen in diesen bewegten dreißig Jahren, die auch in seinem eigenen Leben "schwerwiegende Umbrüche" mit sich gebracht haben.

Der ursprüngliche Beitrag Joseph Ratzingers, dessen Fortschreibung, sowie der ebenfalls vor dreißig Jahren zum gleichen Thema erschienene Artikel des Politologen und späteren bayerischen Kultusministers Hans Maier - von diesem ebenfalls wiedergelesen und ergänzt -, sind jetzt in dem Buch "Demokratie in der Kirche. Möglichkeiten und Grenzen" neu erschienen.

Grenzen und dann etwaige Möglichkeiten hätte als Titel das Geschriebene besser getroffen. Denn beide Autoren betonen zuerst, warum Demokratie "wesentlich und unreduzierbar von der Kirche unterschieden" sei. Während im demokratisch verfassten Staat das Volk den Souverän stellt, besitzt für Ratzinger die Kirche keine Souveränität aus sich selber und ergibt sich nicht aus der Summierung menschlicher Aktivitäten. Aufgabe der Kirche sei es nicht, so wie der Staat auf die rechte Verwaltung der Werte und Güter zu achten. Ziel der Kirche sei, Gott präsent zu halten, was laut Ratzinger mit sich bringt, dass kirchliches Regiment nicht die gleiche Stellung einnimmt wie staatliche Institutionen. "Wer dies übersieht, ist von vornherein auf dem Weg zu einer Fehlkonstruktion, weil er von einer nur halb begriffenen Analogie und so von einem ganzen Missverständnis ausgeht."

Einen solchen Schluss zieht Hans Maier aber gerade nicht. Maier, der von 1976 bis 1988 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken war, in dieser Debatte also die Rolle des engagierten katholischen Laien einnimmt, plädiert zwar nicht für eine demokratisierte Kirche, die das weltliche Gemeinwesen nachäfft, wohl aber für eine Kirche, die getreu ihrer Tradition überlegt, einzelne demokratische Formelemente zu übernehmen, vorausgesetzt, sie sind geeignet, der Kirche bei der Erfüllung ihres Auftrags in der heutigen Welt zu helfen. Vor allem weil es auch in der Demokratie Dinge gibt, über die nicht abgestimmt werden kann, die nie zur Debatte stehen dürfen (Menschenrechte, Grundwerte ...) verliert für Maier die Analogie zwischen politischer und kirchlicher Demokratie das Gewaltsame und Abschreckende, das sie heute zweifellos für viele Kirchenglieder habe.

Maier tritt dafür ein, Ratzingers Hauptargument von der Wesensverschiedenheit kirchlicher und politischer Strukturen nicht überzustrapazieren: "Es gibt kein Argument zu Gunsten einer theologischen Symphonisierung von Kirche und Staat, keinen Gleichschaltungszwang. Aber es gibt Analogiemöglichkeiten in der äußeren Verfassung von Staat und Kirche, politischer und kirchlicher Ordnung, und sie sollten in Ruhe erörtert und erprobt werden."

Hans Maiers Rolle ist auch im beschriebenen Buch die des ruhigeren, nach dreißig Jahren beruhigteren, gelasseneren Kommentators. Er würde heute einiges vielleicht vorsichtiger und differenzierter formulieren, hinter anderem aber noch genauso stehen, ja es noch mehr zuspitzen als damals. Manchmal, gibt Maier zu, musste er ein wenig über seinen jugendlichen Eifer lächeln.

Ganz anders der Ton bei Kardinal "Weißschopf", wie Ratzinger wegen seines schlohweißen Haupthaars von Freund und Feind nicht unfreundlich genannt wird. Ein Ratzinger relativiert nicht. Der dreißigjährige Krieg geht weiter, denn "der Kampf um neue Formen kirchlicher Strukturen scheint weithin der Theologie einziger Inhalt zu werden". Schon vor drei Jahrzehnten schrieb er - und wie oft hat er es bis in die Gegenwart wiederholt -, dass alles Interesse so sehr auf den Selbstvollzug der Kirche gerichtet, und sie deswegen weithin nur noch mit sich selber beschäftigt sei. Die Schlagwortpastoral mit ihren Standardforderungen: Zölibat, Frauenordination, Kommunion für geschiedene Wiederverheiratete ... ist ihm ein Gräuel. Geübten Gremienspezialisten in kirchlichen Organisationen, die weniger Redekundige - dafür nach Ratzingers Ansicht aber wohl besser oder richtiger Glaubende - zum Verstummen bringen, gilt seine Abneigung. All das und all diese verquickt der Kardinal mit der Frage nach Demokratie in der Kirche. Ratzingers Zorn resultiert aus seiner Befürchtung, dass "im Demokratisierungsdisput ganz allgemein das Verlangen wächst, auch das Dogma zur Debatte zu stellen".

Diese Angst ist nicht unbegründet. Um diese Fragen geht es aber im Büchlein über Demokratie in der Kirche nicht. Und Hans Maier wäre dafür auch nicht der geignete Konterpart. Hier hätte es genügt, wenn Ratzinger seine vor dreißig Jahren gestellte Forderung, dass "Amtsbestellungen nie nur von oben erfolgen sollten", selbstkritisch kommentiert hätte. (Die gleichzeitige Forderung, dass Amtsbestellungen auch nie nur von unten erfolgen sollten, kann hier vernachlässigt werden, da besagtes Buch ansonsten Gefahr liefe, unter fantastischer Literatur zu subsumieren.)

Nichts ohne den Bischof, nichts ohne euren (des Presbyteriums) Rat, nichts ohne Zustimmung des Volkes, zitiert Ratzinger I den Kirchenvater Cyprian und preist diese Form als das klassische Modell kirchlicher Demokratie.

Auf dem Weg zu Ratzinger III ist ihm diese Einsicht aber wieder abhanden gekommen, und es ist leider Hans Maiers Befürchtung zuzustimmen, dass "das kirchliche Rechtsdenken den fehlbaren, in seinen physischen und psychischen Kräften begrenzten auf Ergänzung und Kontrolle durch andere angewiesene Menschen noch gar nicht entdeckt hat". Oder, und das wäre noch schlimmer, schon einmal entdecktes Wissen wurde aus Machtdenken und Opportunismus heraus wieder verworfen.

Demokratie in der Kirche.Möglichkeiten und Grenzen.

Von Joseph Ratzinger und Hans Maier. Topos plus Taschenbücher Band 348, Lahn-Verlag, Kevelaer-Limburg 2000, 104 Seiten, brosch., öS 93,-/e 6,76

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