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Ein weltkirchlicher LERNPROZESS

1945 1960 1980 2000 2020

"Krieg der Kardinäle" etc.: Wer möchte wirklich wissen, was sich auf dem Weg zur Bischofssynode hinter den Kulissen abspielt? Ich nicht.

1945 1960 1980 2000 2020

"Krieg der Kardinäle" etc.: Wer möchte wirklich wissen, was sich auf dem Weg zur Bischofssynode hinter den Kulissen abspielt? Ich nicht.

Die Synode vom Herbst 2014 war ein Arbeitsauftrag: Ein "synodaler Weg" sollte in Gang gesetzt werden. Umwege, Abwege und Irrwege waren dabei unvermeidlich. Aber die bloße Wiederholung oder Einschärfung lehramtlicher Stellungnahmen wie "Humanae vitae"(1968) oder "Familiaris consortio"(1981) allein ist realitätsfern. Sie wird der Wirklichkeit heutiger, pluraler Beziehungs- und Familienwelten nicht gerecht. Sie vergrößert nur die dramatische Kluft zwischen offizieller Doktrin und faktischer Gläubigkeit, zwischen Lehre und Leben. "Verbeißen wir uns nicht in eine geradezu paranoide Verteidigung unserer Wahrheit", sagte Papst Franziskus fast so nebenbei. Schon als Erzbischof von Buenos Aires schärfte er seinem Klerus ein: "Die Kirche ist nicht dazu da, die Leute zu kontrollieren, sondern sie dort zu begleiten, wo sie gerade stehen."

Viele kreiden es dem Papst an, dass er im letzten Herbst geschwiegen hat. Nur am Anfang und am Ende der Synode hat er etwas gesagt. Dass er zuhört, schaut, wie Bischöfe in heiklen Fragen miteinander umgehen, wie sie argumentieren, wie sie mit völlig gegenläufigen Positionen zurechtkommen - auf diese Idee kamen viele nicht. Also: der Ruf nach einem "Machtwort".

Mühsamer Weg zu neuer Debattenkultur

Der Oktober 2014 zeigte: Die Kirche ist unterwegs zu einer neuen Debattenkultur. Sie übt sich, mühsam, in kollektiver Konsensbildung und Entscheidungsfindung -bei all den unterschiedlichen kulturellen wie theologischen Sozialisationen eines globalen Akteurs. Afrikanische und asiatische Bischöfe ticken anders als amerikanische, polnische oder kroatische anders als deutsche. Das hat Auswirkungen auf den Zugang zu Themen, ihren Umgang wie zu ihrer Bewertung. Nicht alles, was hierzulande unter den Nägeln brennt, ist in Seoul, in Rio de Janeiro oder in Nairobi von derselben Brisanz.

Es geht, damals wie jetzt, um einen im Apostolischen Schreiben "Evangelii gaudium" (2013) für die ganze Kirche prophetisch entfalteten, grundlegenden Perspektivenwechsel. Die Berliner Eheberaterin Ute Eberl, bilanzierte vor einem Jahr: "Eine Kirche, die für die Menschen da sein will, die bückt sich. Die bückt sich, um die Lebenswirklichkeiten wahrzunehmen - und schaut nicht zuerst mit der Brille des Kirchenrechts. Das hat nichts damit zu tun,'die Melodie der Welt' nachzupfeifen, das hat damit zu tun, bei den Menschen zu sein. Vielleicht macht eine Kirche, die dient, manchmal auch Fehler in ihrem pastoralen Engagement. Aber wer dient, der hat auch keine weiße Weste an".

Viele Diözesen haben die vergangenen zwölf Monate schlicht verschlafen. Der Papst hatte zum Abschluss der Synode von einem "Jahr einer wirklichen geistlichen Unterscheidung" gesprochen. Eingesetzt hat ein postsynodales Hickhack. Manche meinten, das "Wort Jesu" und die "Lehre" - selbst gegen den Papst - verteidigen zu müssen, der bedenkenlos für "offene Türen" plädiere und sich der schwerwiegenden Konsequenzen nicht bewusst sei.

Die Öffentlichkeit nimmt jetzt wahr: Es regt sich Widerstand gegen den Papst. Seit Monaten schon, zuletzt wegen seines Anfang September veröffentlichten, bereits Mitte August unterschriebenen Motu proprio "Mitis Iudex Dominus" (Jesus der gütige Richter). Darin hatte er angeordnet, Ehenichtigkeitserklärungen zu vereinfachen und zu beschleunigen. Franziskus hat einfach eine Instanz kassiert, aus Gründen der viel zitierten und oft missverstandenen Barmherzigkeit. Kirchenrechtler und Kurienmitarbeiter, vereinzelt auch Bischöfe, protestierten ("Annullierung light").

Klar ist: Der Papst hat vorab ein heißes Eisen aus dem Feuer geholt - und entschieden. Und die im Aufbruch nach Rom befindlichen Synodenbischöfe vor vollendete Tatsachen gestellt. Sage noch einer, dieser Papst "liefere" nicht, er predige nur! "Der heimtückischste Feind von Franziskus' Reformpolitik lauert im vatikanischen Unterholz", meint der Vatikan-Berichterstatter Marco Politi in seinem jetzt auch auf Deutsch zugänglichen Buch "Franziskus unter Wölfen"(vgl. FURCHE 37).

Ein Dossier mit den "Sünden" des Papstes

Vielleicht ist ja mancherorts bereits die Losung ausgegeben worden: Aussitzen! In weniger als eineinhalb Jahren, knapp vor Weihnachten 2016, wird der Papst 80, wer weiß ? Päpste kommen und gehen, der Apparat bleibt. Aber selbst dort rührt der Pontifex kräftig um. Wer den Papst mit seiner Kritik treffen will, kritisiert Kardinal Walter Kasper. Gloria von Thurn und Taxis lädt einen afrikanischen Kurienkardinal nach Regensburg ein - und schickt damit eine indirekte Botschaft an Kardinal Reinhard Marx in München. Das Gespenst eines "deutschen Sonderwegs" wird gezeichnet.

Im Vatikan kursiert angeblich ein Dossier, das "die Sünden" des Papstes auflistet, längst nicht nur Protokollverstöße. Kardinäle erinnert der Papst daran, er führe nur aus, was im Vorkonklave beraten worden sei -Ergebnis: die Wahl von Jorge Mario Bergoglio SJ. Geht es jetzt nur noch darum, "Schlimmeres zu verhindern"? Politi zitiert einen Kurienbeamten, der sich hinter seiner Anonymität versteckt: "Ich möchte als Katholik sterben und hoffe, dass Bergoglio seinem Nachfolger noch die Möglichkeit lässt, Papst zu sein!"

Auf der kommenden Synode entscheidet sich einiges. Benno Elbs, Bischof von Feldkirch, ist einer derer, die zuversichtlich nach Rom ziehen. Andere warnen vor überzogenen Erwartungen. Reformbewegungen haben Forderungskataloge formuliert (Kommunionzulassung für wiederverheiratete Geschiedene, Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, Neubewertung von Homosexualität, Frauenfrage), manchmal in ultimativem Stil.

"Den Reformern schlottern die Knie", lautete eine Schlagzeile in Christ und Welt, der Beilage der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. Redaktionsleiterin Christiane Florin bringt es auf den Punkt: "Das konservative Lager versinkt im Gebet, auf dass die Lehre unberührt bleiben möge ... Das liberale Lager war auch nicht faul, es hat Positionspapiere verabschiedet. Sie alle preisen die Vielfalt der Lebensentwürfe, allerdings mit eher unvielfältigem Vokabular. Grob gesagt soll sich jeder mit seinen Lebensbrüchen ,wertgeschätzt' und ,angenommen' fühlen." Natürlich sollte jedes "Lagerdenken" vermieden werden. Es bringt die Kirche keinen Zentimeter weiter. Florin hält dagegen: "Warum soll es sanfter zugehen? Rituell warnen deutsche Bischöfe vor überzogenen Erwartungen an die Synode. Courage hört sich anders an."

Karl Rahners "Mut zum Wagnis" entdecken

Ließe sich vielleicht bei Karl Rahner SJ (1904-84) lernen? Er brachte die in der Moraltheologie (neben dem Probabilismus) entwickelte Lehre des Tutiorismus ins Spiel. In seiner Rede zur Eröffnung des Österreichischen Katholikentags in Salzburg am 1. Juni 1962 sprach er von einem gebotenen "Mut zum Wagnis":"Wir leben in einer Zeit, wo es einfach notwendig ist, im Mut zum Neuen und Unerprobten bis zur äußersten Grenze zu gehen, bis dorthin, wo für eine christliche Lehre und ein christliches Gewissen eindeutig und indiskutabel eine Möglichkeit, noch weiter zu gehen, einfach nicht mehr sichtbar ist."

Und dann, die entscheidende Stelle: "Der einzige heute im praktischen Leben der Kirche erlaubte Tutiorismus ist der Tutiorismus des Wagnisses. Wir dürfen heute eigentlich nicht bei der Lösung von echten Problemen fragen: Wie weit muss ich gehen, weil es einfach von der Situation erzwungen wird, wenigstens so weit zu gehen, sondern wir müssten fragen: Wie weit darf man unter Ausnützung aller theologischen und pastoralen Möglichkeiten gehen, weil die Lage des Reiches Gottes sicher so ist, dass wir das Äußerste wagen müssen, um so zu bestehen, wie Gott es von uns verlangt."

An Ränder des theologisch Möglichen gehen

Was für Rahners konkretes Beispiel, die Ökumene, gilt, lässt sich auch für synodenrelevante Streitfragen sagen: "Wenn in diesen und vielen anderen Fragen dieser Tutiorismus angewendet würde, d. h. wenn man von der Überzeugung als Imperativ für unsere Stunde (nicht als immer gültiges Prinzip für alle Zeiten) ausginge, dass das Sicherste heute das Wagemutigste sei und die beste Chance, alles oder einiges zu gewinnen, nicht die Vorsicht, sondern der kühnste Wagemut sei, dann würde sich doch wohl manche Überlegung in der Kirche anders gestalten." Ein "heißer Herbst" zeichnet sich ab. Der Papst wird nicht müde zu betonen, dass die Kirche an die Ränder gehen muss. Auch an die Ränder des theologisch und kirchenrechtlich Möglichen. Man kann nur hoffen, dass Kardinal Christoph Schönborn recht behält: Der Heilige Geist werde im Herbst 2015 nicht Urlaub machen.

Es steht einiges auf dem Spiel

Was brauchen wir? Mehr Theologie, mehr pastorale Sensibilität, mehr hörende Bischöfe, die sich als Brückenbauer zwischen Hardlinern und jenen guten Hirten erweisen, von denen der Papst träumt. Nur bekannte Positionen zu wiederholen, diese mit Zähnen und Klauen zu verteidigen, zu insinuieren, jede Weiterentwicklung der "unveränderlichen Lehre" sei Verrat an der Tradition -das geht an dem vorbei, wofür dieser Pontifikat und im Letzten auch die Kirche stehen.

Stellen wir mit Jesus, der menschgewordenen Liebe Gottes, den Menschen - vor allem den verwundeten, den enttäuschten, den marginalisierten, den gebrochenen, den gescheiterten, den diskriminierten Menschen - in den Mittelpunkt allen Suchens und Bemühens? Oder geht es darum, theologische Positionen, das Kirchenrecht, das "Image" zu retten? Es steht einiges auf dem Spiel! "Die Glaubwürdigkeit der Kirche", so der Papst in der Bulle "Misericordiae vultus" zur Eröffnung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit 2015/16, "führt über den Weg der barmherzigen und mitleidenden Liebe."

Barmherzigkeit ist kein Passepartout. Sie wird nicht gönnerhaft "gewährt", genauso wenig wie Familienvielfalt nur "toleriert" werden sollte. Wir müssen zu einer Wertschätzung auch dessen kommen, was noch nicht in den Büchern steht. Gott schreibt auch zwischen krummen Zeilen gerade. Der Gott der geraden Linien ist eine Erfindung von Fundamentalisten.

Der Autor ist Chefredakteur der Monatszeitschrift "Stimmen der Zeit", München

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