Digital In Arbeit

Das Evangelium des Lebens

In seiner 1995 publizierten Enzyklika "Evangelium vitae - Evangelium des Lebens" ist der verstorbene Papst am Kern seiner Botschaft angelangt. Erinnerung an Johannes Paul II., den Landsmann und unbeugsamen Künder der "Wahrheit über den Menschen".

Der Autor von "Evangelium vitae - Evangelium des Lebens" ist tot. Im Jahre 1995 veröffentlichte Johannes Paul II. seine - vielleicht - gewichtigste Enzyklika. Schon ihr Stil verstörte die liberale Öffentlichkeit und auch die vielen "Post-Achtundsechziger" Katholiken. Immer und immer wieder rief ja dort der Papst seine dogmatisch verbürgte Autorität in Erinnerung. Als Nachfolger von Petrus wollte er in Gemeinschaft mit den Bischöfen der katholischen Kirche mit allem Nachdruck nur eine Lehre bekräftigen: Die Lehre "über den Wert und die Unantastbarkeit des menschlichen Lebens".

Die dogmenentfremdeten Zeitgenossen schüttelten wie immer die Köpfe oder qualifizierten den Papst als einen lebensfremden Fundamentalisten, mit dem man keine moderne Gesetzgebung machen kann. Einige Kirchenfresser, die immer wieder den Päpsten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ihr Schweigen zu den politischen Entwicklungen vorwerfen, schubladisierten die Haltung Johannes Paul II. als "Antimodernismus", spulten die kristallklaren Aussagen des Schreibens zusammen mit all den anderen "heißen Eisen" der katholischen Kirche ab, so als ob dieser Papst jede Woche eine unfehlbare Entscheidung erwogen hätte.

An der Grenze zum Dogma

Dies war aber keineswegs der Fall. Zwar hat es in diesem Pontifikat immer wieder Urteile und Entscheidungen gegeben. Zwar wurden Wünsche, Gebote und auch Verbote ausgesprochen. Im Rückblick auf dieses - doch jedes Maß sprengende - Werk des Papstes lässt sich aber sagen, dass wenn Johannes Paul II. sich irgendwann scharf bis an die Grenze einer "Ex-cathedra"-Entscheidung gewagt hat, so in der Wahrheit von "Evangelium des Lebens".

Mit diesem Schritt dokumentierte er aber, dass die katholische Kirche das brisanteste, das schwierigste und auch das konfliktsreichste Problem der Zukunft erkannt hat. Hier präsentierte sich die katholische Kirche durch die Stimme ihres Papstes von ihrer besten Seite. Die Faszination einer bioindustriellen Revolution, die den Traum von Machbarkeit des Menschen zum Greifen nahe bringt, schreit ja nicht nur nach gesetzlichen Regulierungen. Immer wieder wirft sie auch die Frage der Maßstäbe des Urteils und auch des Rahmens moderner Gesetzgebungen auf.

An jenem Ort, an dem andere schweigen, oder sich mit Kleinstfragen im Wald der Moderne verlieren, die Unübersichtlichkeit der Problematik beteuern, deswegen auch nur Wenn und Aber abwägen, verkündete Johannes Paul II. das kirchliche "Evangelium vitae". Es war dies eine klare - dogmatische - Wahrheit über den Menschen. Eine Wahrheit allerdings, die weder im Reagenzglas verifiziert, noch durch eine demokratische Abstimmung glaubwürdig gemacht werden kann.

Auch wenn die Kirche die Demokratie schätzt, deren Ausbreitung gar als "Zeichen der Zeit" wertet, übersieht sie, so Johannes Paul in der Enzyklika, nicht, dass diese "ihrem Wesen nach eine Ordnung und als solche ein Werkzeug und nicht ein Ziel" ist (70). Ihr "sittlicher" Charakter ist keineswegs vorgegeben und schon gar nicht garantiert; ihr Wert "steht und fällt mit den Werten, die sie verkörpert und fördert".

Keine Allianz Thron-Altar

Die Kirche erhebt nicht den Anspruch auf direkte politische Macht; die Allianz zwischen Thron und Altar hat dieser Papst endgültig zur Grabe getragen. Aber gerade deswegen ist sie frei geworden, klar und unmissverständlich über den "Rahmen" zu sprechen, oder diesen Rahmen selber zu bezeugen.

Nun sprach also der Papst mit seiner Enzyklika der in ihren Relativismus und Pluralismus geradezu verlieben Welt jene dogmatische Wahrheit zu, mit der sie immer mehr spielt: Dass der Mensch eine Person ist! Dass er nur deswegen ein Individuum und ein Subjekt werden kann. Der Avantgarde der Moderne, die die Menschenrechte längst nur noch als Waffen einzusetzen weiß und nur noch über den legitimen Träger dieser Rechte streitet, deswegen sich ständig auch in Widersprüche verwickelt, hielt er seine klare und einfache Sicht entgegen: Schon weil der Mensch in seinem tiefsten Wesen eine Person ist, hat er unveräußerliche Rechte! Vor allem das Recht auf Leben. Menschenwürdiges Leben. Und dies vom ersten Augenblick seiner Empfängnis bis hin zu seinem Tod. Und warum ist der Mensch eine Person? Nützt eine solche Lehre im Wirrwarr der Moderne etwas?

In "Evangelium vitae" laufen die Fäden der kirchlichen Lehrentwicklung seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Lebenserfahrung von Karol Wojtyla zusammen. Als Kardinal von Krakau hat Wojtyla am Konzil teilgenommen und sich vor allem bei der Entstehung der revolutionärsten kirchlichen Dokumente des 20. Jahrhunderts engagiert: der Konstitution "Gaudium et spes" über die "Kirche in der Welt von heute" und des Dekrets über die Religionsfreiheit.

Beide Texte sind aber zutiefst vom christlichen Personalismus geprägt. In seinem tiefsten Wesen ist jeder Mensch Person - ein Beziehungswesen -, und dies nur deswegen, weil Gott selber auf vielfältige Weise diese Beziehung stiftet und sie auch selber erhält. Person, Wahrheit und Freiheit bilden in diesem Glauben keine Gegensätze. Sie sind ständig aufeinander zu beziehen.

Christlicher Personalismus

Aus dieser Logik schöpfte der Kardinal von Krakau seine Inspiration im Kampf gegen den Kommunismus. Nur weil der Mensch als Person "Gott gehört", nicht aber, weil er ein autonomes Subjekt ist, bleibt er auch gewappnet gegen den Missbrauch durch die Diktatoren und die totalitäre Ideologie, die den Menschen zum Subjekt der Arbeit und des Staates reduzieren und ihn so auf den Altären der Götzen opfern wollte.

Wojtyla erlebte das Wunder des Personalismus millionenfach. Nur weil die Menschen über sich selber so dachten, wie die Kirche dies ihnen predigte, nicht aber weil sie "kritische Rationalisten" und Relativisten waren, konnten sie im kommunistischen Polen ihre Würde bewahren. Im Kampf und im Leiden. Ja sogar im Tod.

In Polen erlebte Wojtyla tagtäglich das Scheitern aller Träume vom "atheistischen Humanismus". "Der Mensch glaubt an Gott, oder an Götzen. Kein Drittes" - lernte er von seinem philosophischen Meister Max Scheler. Die Wahrheit gilt auch für den "wissenschaftlichen" staatlichen Atheismus. Wird der Mensch zu einem durchschaubaren Menschen, so ist er offen für Manipulationen.

Warum Polen widerstand

Der neu gewählte Papst rief beim Gottesdienst zur Amtsübernahme auf dem Peterplatz dieselbe Botschaft des christlichen Personalismus und den Appell "Fürchtet euch nicht!" als sein "Evangelium des Lebens" der ganzen Kirche zu. Und mit der ersten Enzyklika: "Redemptor hominis" machte er klar, dass die Predigt kein Ausrutscher war. So paradox es nun klingen mag: Die ultrakonservativen Katholiken sahen ab diesem Moment ein Pontifikat des modernen Subjektivismus - in dem jede Wahrheit aufgehoben bleibt - auf sich zukommen. Die jubelnden liberalen Katholiken erstarrten erst einige Jahre später, als sie entdeckten, dass der päpstliche Weg über den Menschen, den sie allzu oberflächlich mit den liberalen Freiheitsidealen gleichgesetzt haben, nicht nur die Freiheit, sondern auch die Wahrheit kennt. Und zwar eine Wahrheit, die dem bürgerlichen Subjekt ein Dorn im Auge bleibt.

Nach dem Sturz des Kommunismus wandte sich ja derselbe Papst im Namen derselben personalistischen Logik und mit derselben Vehemenz gegen eine "Kultur des Todes", wie sie sich in der Form eines grenzenlos entfesselten Kapitalismus über die Welt ausbreitet und die Menschen zu isolierten Konsumwesen verwandelt.

Früher als viele seiner Kritiker entdeckte der Papst, dass der Traum der "Achtundsechziger" letzten Endes keine Befreiung mit sich brachte und sich nach und nach in einen gewaltsamen Alptraum verwandelt. Die explosive Befreiung aus traditionellen Bindungen und die Entfesselung aller nur denkbaren Begierden ging ja leider keineswegs Hand in Hand mit der Geburtsstunde des autonomen Subjekts. Was da geboren wurde, ist höchstens ein Konsumwesen. Egoistisch und gewalttätig. Das "Evangelium des Lebens" als der beste Schutz des Menschen? Auch vor sich selber und der Verführbarkeit durch Moden und Trends.

Dem auf seine Autonomie so stolzen und sich um sich selber drehenden, seine zahlreichen Götzen erfolgreich verdrängenden katholischen Mitteleuropäer blieb dieser Papst mit seinem Programm ein Ärgernis, als ein Kirchenmann, der sich bewusst als Imitator inszenierte und in dieser Imitation den eigentlichen Wahrheitskern des menschlichen Lebens erblickte, blieb er bis zu seinem Tod ein Stolperstein.

Im Unterschied zu all den Bewunderern seiner Person, die in ihm selber einen Götzen, einen absoluten Hero, gar den "Mann des Jahres" und ein unvergleichbares Individuum sehen wollten, blieb er selber nur eine "durchlässige Persönlichkeit": "durchlässig" auf einen anderen hin. Schon als Schauspieler stellte er ja in seiner Jugend andere dar. Als Priester - daran hielt er eisern fest - stellte er Christus dar. Und als Papst? Der letzte absolut souveräne Mensch in der Welt demonstrierte tagtäglich, dass er nichts anderes sein will, als der Inbegriff der Nachahmung eines anderen: Christus.

Nachfolger Christi

Ist es nun eine Vermessenheit - nach dem Ende dieses sehr vielschichtigen Lebens - zu sagen, dass diesem Papst alle Nuancen des Nachfolgeweges geschenkt wurden? Die Spannungen, die im christologischen Drama enthalten sind, eignen sich besser, um die Chancen, Bemühungen und Sackgassen dieses Pontifikates auszuwerten, als die immer wieder benutzen Schablonen von "progressiv in den gesellschaftspolitischen und konservativ in den innerkirchlichen Fragen".

Die ersten Jahre des Pontifikats legen - gerade aufgrund ihrer Unbeschwerlichkeit und der geradezu protzenden Lebenslust - eine Analogie nahe zur jesuanischen Verkündigung der Frohen Botschaft. Inspiriert durch eine grenzenlose Liebe des Vaters näherte sich Christus allen, integrierte jene, die am Rand waren, überwand Grenzen und Barrieren.

Der von vielen Menschen in den ersten Jahren seines Pontifikats so geliebte "Spontifex maximus" blieb ja derselben Logik verpflichtet. Aus dieser Logik entsprangen auch die späteren spektakulären Gesten wie die Vergebung für seinen Attentäter. Sein christologischer Personalismus inspirierte ihn, alle Grenzen, die die Menschen voneinander trennen, sukzessiv zu übersteigen.

Nicht um die Grenzen einzuebnen, wie dies der Liberalismus tut. Nein! Weil jede Grenze für ihn eine Herausforderung darstellte, sich der Frage nach der Größe des Geheimnisses der Menschwerdung Christi zu stellen. So sah er in den Gläubigen anderer Konfessionen und anderer Religionen, ja in den Atheisten zuerst Personen, genauso wie er dieselbe personale Würde jedem Kind und Jugendlichen, dem alten und gebrechlichen Menschen, der frommen Nonne und dem Rechtsbrecher zu bezeugen suchte.

Sein Personalismus inspirierte die atemberaubenden Schritte dieses Pontifikats: den Schritt in die jüdische Synagoge und in die Moschee, das Gebet in Yad Vashem, schlussendlich auch das Schuldbekenntnis der Kirche im Heiligen Jahr 2000. All diese Schritte sind von der Logik einer bedingungslosen Zuwendung des "Evangelium vitae" geprägt und getragen.

Bedingungslose Zuwendung

Und die Härte seiner Kritik? Stellt sie nur die Kehrseite derselben Haltung dar? Oder lässt sich die Kritik im Verstehenshorizont der Gerichtsworte Jesu begreifen? Besinnt man sich noch einmal auf seine Kritik der Systeme, an die klaren Urteile seiner Soziallehre, so wird man die prophetische Nuance kaum bestreiten können. Auch das von vielen als Beleidigung der Moderne ausgelegte Wort "Kultur des Todes" legt nur die Ausweglosigkeit einer egoistischen, auf Kosten von Millionen lebenden Zivilisation offen.

Das Geheimnis des Leidens

Schlussendlich bleibt auch sein Leidenszeugnis. Bereits im Jahre 1984 veröffentlichte er auf dem Papier sein "Evangelium vom Leiden", das Apostolische Schreiben "Salvifici doloris". Die auf Events und Fun eingestellte Weltöffentlichkeit nahm das Schreiben nicht einmal zur Kenntnis, die kirchliche Welt ordnete es in die vielen Ordner ein. Die letzten Jahre des Pontifikats stellten für beide Öffentlichkeiten eine Bühne dar, auf der das Zeugnis dieses Evangeliums vom Leiden demonstriert wurde. Sie fragten sich dauernd, warum der Papst sich selber diese Qual, uns allen aber diesen Anblick zumutet. Und je nach Laune zeigten wir uns verärgert oder erbaut. Unsere "Kultur des Todes" verträgt solche Bilder nicht. Sie drängt nach schnellen Lösungen. Diese sollen das Leiden lindern, abschaffen oder aber beenden. Doch wird damit das Problem des Leidens nicht gelöst.

"Das Leiden ist ein Geheimnis", sinnierte der Papst schon im Jahre 1984. Alle Erklärungsversuche scheitern. Ob wir wollen oder nicht, die Erfahrung des Leidens bringt in unser Leben einen Schatten, der das Gesicht des Leidenden bedeckt, so dass die Menschen sich ängstlich von ihm abwenden. Das Ärgernis des Leidens hat es immer gegeben, und es wird immer dann stärker, wenn das Zeugnis der Treue im Leiden nicht mehr sichtbar wird. Wenn Menschen jene Gnade nicht erleben, die den Leidenden von Gott geschenkt wird, dass diese im Leiden ausharren.

Keine falsche Leidensmystik

Der Brief verführte nicht zu einer falschen Leidensmystik, er sprach aber schon damals unmissverständlich davon, dass es die Gnade des Erleidens vom an sich sinnlosen Leid gibt, die das Leiden transformiert. Weil es dieses in Verbindung bringt zum Kreuz Christi. Überraschenderweise endet der Brief mit einer praktischen Frage: Was soll man machen angesichts des Leidens? Die Antwort drückt Dank und Anerkennung an all jene aus, die das Leiden mindern und im Leiden Mitgefühl zeigen. Sie - die guten Samariter - helfen den Leidenden, ihre Treue im Leiden zu bewahren. Auch durch solche Vorgänge wird die Wahrheit von der menschlichen Person beglaubigt.

Ein Papst, der auf die stärksten "Autoritätswaffen" seines Pontifikates zu greifen geneigt war, um der Wahrheit des "Evangelium vitae" Nachdruck zu verleihen, konnte die dogmatische Wahrheit, dass der Mensch in seinem tiefsten Wesen eine Person ist, in seiner eigenen existenziellen Not, im eigenen Leiden unmöglich apersonal und unkommunikativ durchleiden. Das wäre ein Verstoß gegen seine personalistische Logik gewesen, jene Logik, die den ultrakonservativen Katholiken zu Beginn dieses Pontifikates ein Zeitalter des Subjektivismus in der Kirche ankündigte.

So ließ Johannes Paul II. die ganze Welt an seinem Leiden teilhaben, erntete Kritik und Spott (dem Gottesknecht nicht unähnlich), provozierte aber auch Nachdenken und Fragen über jene Kraft, die ein solches Leben möglich macht. Sein christlicher Personalismus bewährte sich in seinem eigenen Geschick.

Der Papst als Sünder

Mehr als Vierteljahrhundert lang war Johannes Paul II. Papst der katholischen Kirche. Und dies in einer Zeit, in der diese Kirche all die ihr aus der Geschichte vertrauten Dimensionen an Größe und Alltagspräsenz bei weitem übertroffen hat. Es haben ihm jahrzehntelang Menschen zugejubelt, ihn kritisiert, oder gar verflucht.

Führende katholische Theologen warfen ihm Sünden vor, die man den größten Diktatoren vorwirft. In den letzten Jahren seines Pontifikates wurde die katholische Kirche zur bevorzugten Zielscheibe von Skandalgeschichten weltweit. In unzähligen Kurzschlüssen warfen die Kommentatoren der Kirche die Reformunfähigkeit vor, machten ihn - den kranken Mann - verantwortlich für das unmoderne Gesicht dieser Kirche.

Dem barmherzigen Gott ...

Es ist jetzt nicht die Zeit, Bilanzen zu machen. Dies widerspricht dem "Evangelium des Lebens". Dieses kennt die Möglichkeit des Versagens und der Schuld. Auch beim Papst. Es skandalisiert sich nicht über diese, sondern überlässt sie dem barmherzigen Gott. Bei ihm ist der sündige Papst besser aufgehoben, als bei seinen Mitmenschen. Das gilt allerdings von uns allen. Und genau darin liegt auch der Wahrheit letzter Schluss: der Wahrheit des "Evangelium vitae".

Der Autor ist Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck.

FURCHE-Navigator Vorschau