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"Diese Debatte ist kein Luxus"

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Die Erwartung: Änderung bei Sakramentenzulassung für geschiedene Wiederverheiratete. Ein FURCHE-Round Table vor der Bischofssynode.

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Die Erwartung: Änderung bei Sakramentenzulassung für geschiedene Wiederverheiratete. Ein FURCHE-Round Table vor der Bischofssynode.

In der Erwartung an die Bischofssynode ist sich die neue Salzburger Moraltheologin Angelika Walser mit dem Familienpolitik-Experten und engagierten katholischen Laien Andreas Kres bach einig: Zumindest in der Geschiedenen-Frage muss sich die Kirche bewegen.

Die Furche: Was erhoffen Sie sich von der Bischofssynode?

Angelika Walser: Erstens erwarte ich mir eine Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zu den Sakramenten. Die Argumente liegen seit Jahren auf dem Tisch. Zweitens hoffe ich, dass die Kirche lernt, mit außerehelichen Partnerschaftsformen anders umzugehen. Ich weiß, dass das bei dieser Synode wahrscheinlich nicht erfolgen wird. Aber ich sehe es als langfristiges Ziel.

Andreas Kresbach: Ich sehe in dieser Synode eine Chance für die Kirche. Der Fragebogen des Vatikan hat gezeigt, was sich die bewussten Katholiken erwarten. Ich hoffe auch, dass sich die Kirche grundsätzlich zur positiven Bewertung verantworteter Sexualität durchringt. Die Kirche muss auf die Menschen und deren Probleme zugehen. Es muss vor allem bei der Kommunionsfähigkeit der Geschiedenen etwas getan werden. Bei dieser Frage ist es fünf vor zwölf! Es muss einen Durchbruch geben. Sonst verliert die Kirche nicht nur die Mehrheit der Jungen, sondern aller katholisch Gesinnten.

Walser: Ja, das ist keine Luxusdebatte mehr. Es geht da ans Eingemachte - um die Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation. Wenn jetzt keine Entscheidung fällt, ist der harte Kern der Gläubigen tief enttäuscht.

Die Furche: Zuletzt haben sich aber die Konservativen formiert: Es gab eine Petition an den Papst, ja nichts an der Ehelehre zu ändern. Diese unterzeichneten Hunderttausende. Analog äußerte sich der afrikanische Kurienkardinal Robert Sarah in einem Buch.

Walser: In der Kirche muss letztlich Platz für alle sein. Aber natürlich finden Grabenkämpfe Konservative gegen Liberale statt. Ich bin nicht blind. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken hat in einem mutigen Text für eine Änderung plädiert. Die deutschen Bischöfe raten in ihren Stellungnahmen ebenfalls zu behutsamer Reform. Und die Gegenseite hat ihre Argumente dargelegt. Ich hoffe nur, dass man eine Lösung findet, angstfrei auf die Welt zuzugehen. Das ist ein zentrales Moment in der Auseinandersetzung: Angst vor allem Neuen und vor Pluralismus. Schlagwörter wie Relativismus und Untergang des Abendlandes werden dann wie Keulen geschwungen. Ich hoffe, das Lehramt findet die richtigen Worte, diese Leute zu beruhigen. Ich glaube aber auch, dass die Zulassung der wiederverheirateten Geschiedenen kommen muss. Gottes Botschaft gilt allen, nicht nur einem heiligen Rest.

Kresbach: Entscheiden kann letztlich nur der Papst. Eines muss klargestellt werden: Die Unauflöslichkeit der Ehe ist kein Dogma. Es ist keine Glaubensfrage, sondern eine moraltheologische. Es gibt viele gute Ansätze - siehe den Vortrag von Kardinal Kasper vor der Vorsynode oder den Zugang von Kardinal Schönborn. Ein vernünftiger Christ kann sich diesen Argumenten kaum verschließen. Mir kommt es vor, als ob manche Würdenträger Angst vor dem Glauben als dem entscheidenden Kriterium hätten. Jesus hat schließlich den barmherzigen Umgang mit Sündern, etwa auch mit der Ehebrecherin, gelebt. Er ist gekommen, "nicht um zu richten, sondern um zu retten", wie es im Johannes-Evangelium heißt. So rettet auch der Glaube. Das heißt bei der Ehe: eine christlich gelebte Ehe ist das Kriterium, das das Sakrament erst geltend macht. Die rein formale Eheschließung sollte dafür nicht genügen. Ich kann nicht nachvollziehen, dass eine kirchlich geschlossene Ehe, auch wenn sie alles andere als im Glauben gelebt wird, mit Bestandsgarantie versehen wird, aber diejenigen, die nach einer gescheiterten eine neue, gute, christliche Ehe aufbauen wollen, mit Kommunionsverbot bestraft werden. Das ist eine Pervertierung der christlichen Werte.

Walser: Die Kirche betont die Unauflöslichkeit der Ehe unter Berufung auf Jesus. Das ist klar, aber man weiß aus der Geschichte wie auch aus den biblischen Quellen, dass es für Menschen, die es nicht fertigbrachten, nach diesen Maximen zu leben, Barmherzigkeit und andere Lösungen für ihre jeweilige Situation gab. Es sind Einzelfallentscheidungen möglich. In diesem Punkt könnte man sich mit Konservativen einigen.

DIE FURCHE: Der Papst hat dieser Tage das Verfahren zur Eheannullierung sehr vereinfacht. Von Konservativen wird er dazu scharf kritisiert. Nimmt er da nicht etwas vorweg, worüber die Synode diskutieren sollte?

Walser: Im Hinblick darauf, dass es so viele kirchenrechtlich nicht gültige Ehen gibt, war die Entscheidung richtig. Dennoch ist es nicht der Königsweg für alle und kein Ersatz für eine pastorale Reform, die den Wert der Ehe wieder neu zur Sprache bringen muss.

Kresbach: Die Möglichkeit der Annullierung, die schon lange das Prinzip der Unauflöslichkeit aufweicht, ist ein Weg durch die Hintertür. Weil das weltweit auch sehr uneinheitlich gehandhabt wird und Beweisprobleme beinhaltet, wäre da eine klar geregelte Möglichkeit einer - auch biblisch begründbaren - Trennung vor der Kirche besser. Insgesamt sollte gelten: die religiöse Absicht schon bei der Eheschließung und der gelebte Glaube in der Ehe entscheiden über deren Gültigkeit. Im übrigen handelt es sich hier nicht um ein Dogma.

DIE FURCHE: Ist es wirklich kein Dogma?

Walser: Es gibt in Moralfragen keine dogmatischen Beschlüsse. Dennoch ist die Unauflöslichkeit der Ehe sehr bedeutend. Kresbach: Das soll auch das Ziel bleiben.

Walser: Ein Ideal ist aber nicht umsonst ein Ideal. Man erreicht es immer nur annäherungsweise.

Kresbach: Die kirchliche Ehelehre sollte auch nicht verbotsfixiert sein, sondern die Schönheit des Ehelebens betonen. Immer nur Verbote in den Vordergrund zu stellen, ist nicht zielführend. Der Rückgriff auf frühere Zeiten ist aus mehreren Gründen nicht zulässig. Die Lebenswirklichkeit der Leute hat sich einfach gewandelt.

Walser: Ich denke, man kann gut auf die Vergangenheit zurückgreifen: Die Praxis der alten Kirche war pluraler, als man oft glaubt. Dieser Pluralismus ist für ängstliche Leute jedoch kaum auszuhalten. Ich bedaure das.

DIE FURCHE: Kardinal Kasper stellt Barmherzigkeit an die erste Stelle. Ist das nicht auch problematisch: Man verfehlt das Ideal und lässt dann "Barmherzigkeit" walten?

Walser: Barmherzigkeit ist die erste Eigenschaft Gottes. Die andere Seite der Medaille ist die Gerechtigkeit. Kasper sagt zu Recht, man darf die Barmherzigkeit nicht als Weichspüler verwenden, um notwendige Reformen hinauszuschieben. Die Kirche hat den Auftrag, Gott als einen lebensstiftenden Gott zu verkünden. An diesem Anspruch muss sie sich auch in moralischen Fragen messen lassen. Jesus hat Menschen aufgerichtet, nicht gebückt zu Kreuze kriechen lassen.

Kresbach: Für mich ist Barmherzigkeit die Art, Menschen die Möglichkeit der Umkehr zu geben. Ich bin überzeugt, beim Ausschluss der Wiederverheirateten von der Kommunion ist das Festhalten am Status Quo vor allem Formalismus -Pharisäertum. Das hätte die Kirche nicht notwendig, das verschleiert ihre zentrale Botschaft. Pflicht der Kirche ist, das Evangelium zu verkünden und nicht alte Rechtsvorschriften hochzuhalten.

DIE FURCHE: In der katholischen Lehre ist sexuelle Aktivität immer mit Ehe verbunden. Die Lebensrealität ist eine völlig andere.

Walser: Man muss von einer restriktiven zu einer ressourcenorientierten Moral kommen. In vielen nichtehelichen Partnerschaften wird Liebe und Treue gelebt. Da muss man auch mit dem Argument "Barmherzigkeit" aufpassen. Ich kenne schwule Paare, die Kinder großziehen: Die erwarten sich keine Barmherzigkeit, sondern Respekt vor ihrer Lebensform. Dazu bedarf es keiner absoluten Gleichbehandlung. Aber bei homosexuellen Partnerschaften immer nur von schwerer Sünde zu sprechen ist katastrophal, denn dann hat die Kirche für diese Menschen schlicht nichts anzubieten. Gottes Liebe soll aber allen verkündet werden.

Kresbach: Primäre Aufgabe wäre, die aufzurichten, die es schwer haben ...

Walser: aber die haben es doch gar nicht immer schwer!

Kresbach: Alle, die nicht nach dem moraltheologischen Ideal leben, haben es gegenüber der Kirche schwer, weil sie so "in Sünde" leben. Den meisten Leuten ist ja egal, was die Kirche sagt. Sie hätte aber die Aufgabe, zu denen zu gehen, die es nicht schaffen, nicht zu denen, die ohnehin eine christliche Ehe führen.

Walser: Es gibt das Gute überall, das gilt es, wahrzunehmen. Ängstliche Menschen sehen immer nur Defizite. Defizite gibt es aber in den katholischsten Familien. Da wird genauso geschlagen und getrunken. Es ist nicht wahr, dass da nur das heilige Ideal ist. Und es gibt eben auch andere Lebensformen, in denen Liebe und Treue gelebt wird. Ich wünsche mir da einen neuen Blick auf die Realität des Lebens und auf konkrete Menschen.

DIE FURCHE: Die kirchliche Sexualmoral wird jedoch als Verbotsmoral wahrgenommen.

Walser: Das stimmt. Deshalb tun sich viele mit der Kirche so schwer.

Kresbach: Viele trauen ihr nicht mehr zu, dass sie lebensnah an Probleme von Partnerschaft, Ehe etc. herantritt.

Walser: Ja, Kirche muss hinausgehen -wie jüngst in der Flüchtlingskrise. Das wird hoffentlich von der Öffentlichkeit gewürdigt.

Kresbach: Das Engagement der Kirche ist da hervorragend. Von der Gesellschaft wird das aber als soziales, nicht als religiöses Engagement gewürdigt. Das ist das Problem.

Walser: Die Kirche hat viel verspielt, das stimmt. Es gibt aber ein neues Interesse an Religion. Die Kirche macht da hoffentlich Angebote in neuem Stil und neuer Sprache, aber sie tönt nicht nur in die Welt rein, sondern muss sich auch selber reflektieren. Da kommt sehr viel an Sehnsucht und an Gutem zurück. Das ist der Punkt. Kirche war nie statisch. Auch die Ehelehre war immer im Fluss.

DIE FURCHE: Aber wie könnte das auf der Synode wahrgenommen werden?

Walser: Indem man jetzt die nötigen Reformen anpackt. Ich hoffe, dass der Papst und die Bischöfe miteinander beten und streiten.

Kresbach: Die Synode ist nur dann eine historische Chance, wenn es der Kirche gelingt, mit einem Befreiungsschlag im 21. Jahrhundert anzukommen. Erst dann wird es möglich sein, auf das viele andere Gute aufmerksam zu machen. Man geht eben nur in Geschäfte, deren Auslagen man ansprechend findet. Deshalb ist diese Synode so wichtig. Die Kirche kann Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, was dann auch auf anderes ausstrahlt.

Walser: Der derzeitige Reformstau verstellt viele Möglichkeiten der Kirche.

Kresbach: Die Kirche hat viele Schätze anzubieten. Es ist gut, dass der Papst selber sagt: Diese Verbotsethik ist nicht evangeliumsgemäß. Sie schadet der christlichen Botschaft.

Walser: Kardinal Kasper hat in seiner Rede vor dem Konsistorium "Das Evangelium von der Familie" auf den hohen Preis aufmerksam gemacht, den die Kirche bei einem starren Festhalten am Status Quo zahlen könnte. Er fragt: "Lassen wir Menschen sakramental verhungern, damit andere leben? Wozu dann Kirche?" Solche Fragen sind radikal, aber berechtigt.

(Redaktionelle Mitarbeit: Christina Jaritsch)

DIE DISKUTANTEN

Angelika Walser

Seit 1. September 2015 ist die Mutter zweier Kinder Professorin für Moraltheologie an der Uni Salzburg. Sie forscht u. a. zu bioethischen Fragen, etwa in "Ein Kind um jeden Preis - Unerfüllter Kinderwunsch und künstliche Befruchtung"(Tyrolia, 2014).

Andreas Kresbach

Der Jurist ist im öffentlichen Dienst im familienpolitischen Bereich tätig. Außerdem fungiert er als Bereichssprecher für Generationen in der politischen Plattform "Die weis[s]e Wirtschaft". Er engagiert sich ehrenamtlich auch in der Firmvorbereitung.

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