#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

Feuilleton

"Verkörpern, dass Gott auch die Liebe ist"

1945 1960 1980 2000 2020
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Bis 2016 leitete der Laientheologe und Psychotherapeut Wunibald Müller -gemeinsam mit dem Benediktinerpater Anselm Grün - das Recollectio-Haus Münsterschwarzach (D) zur (Krisen-)Begleitung von Priestern und Ordensleuten. Müller, 68, hat sich intensiv mit Missbrauch(stätern) im kirchlichen Bereich beschäftigt.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie die Ergebnisse des Bischofsgipfels zum Kinderschutz?
Wunibald Müller: Was die unmittelbaren Konsequenzen aus der Missbrauchskrise betrifft, so ist ja in Österreich und auch in Deutschland durch die Präventionsordnung vieles geschehen. Auf dem Gipfel wurden zumindest erste Schritte gemacht, um jetzt auch weltweit die Verantwortlichen zu sensibilisieren und in Richtung Prävention zu gehen. Dahingehend war der Gipfel o.k. Angesichts der wirklich dramatischen Situation unserer Kirche hatte ich allerdings mehr erwartet, was die weitergehenden Konsequenzen betrifft. Da bin ich, ehrlich gesagt, enttäuscht.

DIE FURCHE: Was meinen Sie mit weitergehenden Konsequenzen?
Müller: Man hat ja festgestellt, dass bei der Missbrauchskrise auch tiefere Ursachen gegeben sind. Das eine wäre das Thema des Pflichtzölibats, der zwar nicht als Ursache gilt, jedoch ein Risikofaktor sein kann. Dann die negative Einstellung der Kirche zur Homosexualität, die dazu führen kann, dass sich diejenigen, die homosexuell sind, sich nicht verantwortungsvoll mit ihrer Homosexualität auseinandersetzen und dadurch in besonderer Weise auch anfällig sein können für Missbrauch. Und auch die Lehre der katholischen Kirche hat dazu geführt, dass Sexualität im kirchlichen Kontext, auch was kirchliche Mitarbeiter und Priester betrifft, oft im dunklen Raum gelebt wird, sodass dort die Gefahr besteht, dass sie unverantwortlich gelebt wird. Ein ganz wichtiges Thema ist die klerikale Struktur der Kirche, die ein "Oben" und ein "Unten" kennt, die Missbrauch erleichtern, auch dahingehend, dass dieser verharmlost wurde. Hier müssen Veränderungen stattfinden.

DIE FURCHE: Ist hier aber nicht die Ungleichzeitigkeit ein Problem? Das Bewusstsein in Deutschland, Österreich, den USA ist in diesen Fragen viel größer als in Afrika.
Müller: Das ist sicher eine Tatsache. In Westeuropa zumindest und teilweise auch in Osteuropa ist etwa die Homosexualität kein Thema mehr in der Weise, dass sie pathologisiert oder kriminalisiert wurde. Wenn hingegen in Afrika über Homosexualität gesprochen wird, so herrschen noch teilweise dumpfe Vorstellungen, dass sie von vornherein etwas Perverses ist. Aber die Kirche muss auch die Menschen in Europa ansprechen: Man kann nicht das, was in der Vergangenheit geschehen ist, mit dem Hinweis beantworten, man müsse hier weltkirchlich denken und könne nur die Schritte gehen, die jetzt auch von allen Seiten mitgetragen werden. So bewegt sich zu wenig, und die Leute hier bei uns fühlen sich, gerade was das Thema Umgang mit Homosexualität betrifft, von der Kirche nicht ernst genommen und angesprochen. Ganz abgesehen davon, dass das Thema Zölibat in Afrika einen anderen Stellenwert hat als bei uns. Der Zölibat ist dort so gegen das kulturelle Verständnis, dass er nicht wirklich gelebt wird. Auch von den Bischöfen nicht.

DIE FURCHE: Aber auch in Europa gibt es den Graben zwischen den Kirchenflügeln, hier herrscht alles andere als Einigkeit. Ich erinnere nur daran, dass der Kölner Kardinal Woelki im Vorfeld des Bischofsgipfels gemeint hat, man solle nicht anfangen, die Kirche neu zu erfinden und solle "nicht Heiliger Geist spielen". Also auch hierzulande gibt es keine Einigkeit darüber, dass sich da Grundlegendes ändern muss.
Müller: Müssen wir immer Einigkeit erzielen? Ist es nicht möglicherweise auch der Ausdruck des Heiligen Geistes, dass es eine gewisse Vielfalt gibt? Zu unseren Quellen gehört neben der Bibel und den kirchlichen Dokumenten auch das "menschliche Dokument", dass Gott über die Menschen zu uns spricht -mit all ihrer Unterschiedlichkeit: Wenn jemand homosexuell ist, ist das etwas, was Gott uns Menschen zugedacht hat. Sind es nicht wir Menschen selbst, die es manchmal so einfach haben möchten, die möglicherweise auch Gott durch ein enges Bild von dem, was anscheinend richtig und natürlich ist, einengen?

DIE FURCHE: Aber die Entscheidungsträger in der Kirche bestimmen, was in ihrem Bereich passiert. Ganz plakativ könnte es dann sein, dass jetzt im Bistum Essen der Priesterzölibat aufgeweicht wird, weil der Bischof das befürwortet, und der Erzbischof von Köln bleibt rigoros. Wir sehen diese Problematik ja aktuell beim Kommunionempfang für nichtkatholische Ehepartner, wo sich eine Minderheit der deutschen Bischöfe gegen eine Öffnung sperrt.
Müller: Aber das ist doch eigentlich auch zunächst einmal ein ganz spannender Vorgang. Natürlich gehen wir da wieder davon aus, dass die Bischöfe diejenigen sind, die Entscheidungen treffen, und dann müsste jetzt angesichts der derzeitigen Situation gefragt werden, wo das sogenannte "gemeine Volk" bleibt. Diese Frage stellt sich auch zum Thema klerikales System: Inwieweit muss nicht auch die Macht, die Amtsmacht, geteilt oder abgegeben werden?

Bis 2016 leitete der Laientheologe und Psychotherapeut Wunibald Müller -gemeinsam mit dem Benediktinerpater Anselm Grün - das Recollectio-Haus Münsterschwarzach (D) zur (Krisen-)Begleitung von Priestern und Ordensleuten. Müller, 68, hat sich intensiv mit Missbrauch(stätern) im kirchlichen Bereich beschäftigt.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie die Ergebnisse des Bischofsgipfels zum Kinderschutz?
Wunibald Müller: Was die unmittelbaren Konsequenzen aus der Missbrauchskrise betrifft, so ist ja in Österreich und auch in Deutschland durch die Präventionsordnung vieles geschehen. Auf dem Gipfel wurden zumindest erste Schritte gemacht, um jetzt auch weltweit die Verantwortlichen zu sensibilisieren und in Richtung Prävention zu gehen. Dahingehend war der Gipfel o.k. Angesichts der wirklich dramatischen Situation unserer Kirche hatte ich allerdings mehr erwartet, was die weitergehenden Konsequenzen betrifft. Da bin ich, ehrlich gesagt, enttäuscht.

DIE FURCHE: Was meinen Sie mit weitergehenden Konsequenzen?
Müller: Man hat ja festgestellt, dass bei der Missbrauchskrise auch tiefere Ursachen gegeben sind. Das eine wäre das Thema des Pflichtzölibats, der zwar nicht als Ursache gilt, jedoch ein Risikofaktor sein kann. Dann die negative Einstellung der Kirche zur Homosexualität, die dazu führen kann, dass sich diejenigen, die homosexuell sind, sich nicht verantwortungsvoll mit ihrer Homosexualität auseinandersetzen und dadurch in besonderer Weise auch anfällig sein können für Missbrauch. Und auch die Lehre der katholischen Kirche hat dazu geführt, dass Sexualität im kirchlichen Kontext, auch was kirchliche Mitarbeiter und Priester betrifft, oft im dunklen Raum gelebt wird, sodass dort die Gefahr besteht, dass sie unverantwortlich gelebt wird. Ein ganz wichtiges Thema ist die klerikale Struktur der Kirche, die ein "Oben" und ein "Unten" kennt, die Missbrauch erleichtern, auch dahingehend, dass dieser verharmlost wurde. Hier müssen Veränderungen stattfinden.

DIE FURCHE: Ist hier aber nicht die Ungleichzeitigkeit ein Problem? Das Bewusstsein in Deutschland, Österreich, den USA ist in diesen Fragen viel größer als in Afrika.
Müller: Das ist sicher eine Tatsache. In Westeuropa zumindest und teilweise auch in Osteuropa ist etwa die Homosexualität kein Thema mehr in der Weise, dass sie pathologisiert oder kriminalisiert wurde. Wenn hingegen in Afrika über Homosexualität gesprochen wird, so herrschen noch teilweise dumpfe Vorstellungen, dass sie von vornherein etwas Perverses ist. Aber die Kirche muss auch die Menschen in Europa ansprechen: Man kann nicht das, was in der Vergangenheit geschehen ist, mit dem Hinweis beantworten, man müsse hier weltkirchlich denken und könne nur die Schritte gehen, die jetzt auch von allen Seiten mitgetragen werden. So bewegt sich zu wenig, und die Leute hier bei uns fühlen sich, gerade was das Thema Umgang mit Homosexualität betrifft, von der Kirche nicht ernst genommen und angesprochen. Ganz abgesehen davon, dass das Thema Zölibat in Afrika einen anderen Stellenwert hat als bei uns. Der Zölibat ist dort so gegen das kulturelle Verständnis, dass er nicht wirklich gelebt wird. Auch von den Bischöfen nicht.

DIE FURCHE: Aber auch in Europa gibt es den Graben zwischen den Kirchenflügeln, hier herrscht alles andere als Einigkeit. Ich erinnere nur daran, dass der Kölner Kardinal Woelki im Vorfeld des Bischofsgipfels gemeint hat, man solle nicht anfangen, die Kirche neu zu erfinden und solle "nicht Heiliger Geist spielen". Also auch hierzulande gibt es keine Einigkeit darüber, dass sich da Grundlegendes ändern muss.
Müller: Müssen wir immer Einigkeit erzielen? Ist es nicht möglicherweise auch der Ausdruck des Heiligen Geistes, dass es eine gewisse Vielfalt gibt? Zu unseren Quellen gehört neben der Bibel und den kirchlichen Dokumenten auch das "menschliche Dokument", dass Gott über die Menschen zu uns spricht -mit all ihrer Unterschiedlichkeit: Wenn jemand homosexuell ist, ist das etwas, was Gott uns Menschen zugedacht hat. Sind es nicht wir Menschen selbst, die es manchmal so einfach haben möchten, die möglicherweise auch Gott durch ein enges Bild von dem, was anscheinend richtig und natürlich ist, einengen?

DIE FURCHE: Aber die Entscheidungsträger in der Kirche bestimmen, was in ihrem Bereich passiert. Ganz plakativ könnte es dann sein, dass jetzt im Bistum Essen der Priesterzölibat aufgeweicht wird, weil der Bischof das befürwortet, und der Erzbischof von Köln bleibt rigoros. Wir sehen diese Problematik ja aktuell beim Kommunionempfang für nichtkatholische Ehepartner, wo sich eine Minderheit der deutschen Bischöfe gegen eine Öffnung sperrt.
Müller: Aber das ist doch eigentlich auch zunächst einmal ein ganz spannender Vorgang. Natürlich gehen wir da wieder davon aus, dass die Bischöfe diejenigen sind, die Entscheidungen treffen, und dann müsste jetzt angesichts der derzeitigen Situation gefragt werden, wo das sogenannte "gemeine Volk" bleibt. Diese Frage stellt sich auch zum Thema klerikales System: Inwieweit muss nicht auch die Macht, die Amtsmacht, geteilt oder abgegeben werden?

Ein ganz wichtiges Thema ist die klerikale Struktur der Kirche, die ein "Oben" und ein "Unten" kennt, die Missbrauch erleichtern, auch dahingehend, dass dieser verharmlost wurde. Hier müssen Veränderungen stattfinden.

Wunibald Müller, der langjährige Leiter des Recollectio-Hauses Münsterschwarzach, gilt im kirchlichen Bereich als führender Experte zu sexuellem Missbrauch durch Kleriker. Er ist Autor zahlreicher Bücher, zum Thema u. a.: "Verschwiegene Wunden. Sexuellen Missbrauch in der Kirche erkennen und verhindern", Kösel 2010.

Wunibald Müller, der langjährige Leiter des Recollectio-Hauses Münsterschwarzach, gilt im kirchlichen Bereich als führender Experte zu sexuellem Missbrauch durch Kleriker. Er ist Autor zahlreicher Bücher, zum Thema u. a.: "Verschwiegene Wunden. Sexuellen Missbrauch in der Kirche erkennen und verhindern", Kösel 2010.

DIE FURCHE: Wenn man das jetzt nun von den Amtsträgern, den Priestern her betrachtet, die von der Missbrauchskrise ganz massiv betroffen sind: Die große Mehrheit der Priester sind nicht Missbrauchstäter. Was macht diese Diskussion aber mit den Priestern?
Müller: Die Priester sind sekundäre Opfer, wenn Mitbrüder durch ihr Verhalten dazu beitragen, dass der ganze Berufsstand in Misskredit gerät. Das lässt die Betroffenen natürlich nicht unberührt: Sie lassen dann nicht erkennen, dass sie Priester sind, weil sie sich da schützen wollen. Wenn sie merken, dass es ihnen zu nahe geht, ist es wichtig, dass sie darauf schauen, warum sie an dieser Stelle nicht die nötige Distanz hinbekommen. Aber das ist schwierig. Das beeinflusst natürlich die Entscheidung, ob jemand Priester werden möchte. Auch die Eltern überlegen mehr als früher, ob sie ihre Kinder dabei unterstützen und nicht von vornherein sagen: "Ich möchte nicht, dass ihr zu dem Verein geht."

DIE FURCHE: Hat die Form des Priesteramts und des Priester-Seins, wie wir sie heute kennen, noch Zukunft?
Müller: Das amtliche Bild des Priesters, der die typische Laufbahn vom Priesterseminar an macht, wird immer weniger der Priester der Zukunft sein. Ich glaube dennoch, dass ein Priester weiter Bedeutung haben wird als einer, der darauf aufmerksam macht: Es gibt etwas, das über das tägliche Leben hinausgeht. Einer, der in einer besonderen Weise von Gott berührt und dazu beauftragt ist, die frohe Botschaft zu verkünden. Ich glaube schon, dass hier Bedarf dafür da ist. Denken Sie zum Beispiel an jemanden, mit dem ich viele Jahre zusammengearbeitet habe, Anselm Grün, der ein charismatischer Seelsorger ist; dessen Erfolg hat auch damit zu tun, dass es ihm gelingt, wirklich auf die Anliegen der Menschen hin etwas sagen zu können vom Gut unseres Glaubens, ohne das zuviel mit Moralin oder irgendeiner Doktrin zu belasten.

DIE FURCHE: Tatsache ist dennoch, dass sich immer weniger Menschen dem stellen. Die charismatischen, menschenoffenen Persönlichkeiten scheinen wenige unter den wenigen zu sein. Dafür nehmen die, die jetzt wieder ein enges Glaubens-und Kirchenverständnis haben, zu.
Müller: Ich erlebe beides. Auch ich beobachte, dass eher Konservative, wo das Ritual und die Doktrin mehr Bedeutung haben, zunehmen. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von jungen Leuten, die ohne Priesterkragen gut auskommen, und die ein begeisterndes und vom Glauben her überzeugendes Auftreten haben. Jedoch insgesamt haben sie Recht, die Zahl der "Berufungen" geht eher gegen Null.

DIE FURCHE: Rein statistisch gibt es in ein paar Jahren so gut wie keine Priester mehr
Müller: Man muss sich natürlich überlegen, was künftig die Voraussetzungen sind, um Priester zu werden. Offiziell dürfen ja nur Heterosexuelle Priester sein, auch wenn es tatsächlich etwa 30 Prozent homosexuelle Priester gibt. Es müssten Homosexuelle auch offiziell zugelassen werden. Darüber hinaus wäre der Pflichtzölibat zu öffnen. Der Zölibat ist ein wichtiger Lebensstil, aber eben nicht als Pflichtzölibat. Und wenn es wirklich so wichtig ist mit den Priestern, müssten auch Frauen geweiht werden. Sonst geht es wirklich gegen Null. Und man muss sich als spiritueller Mensch fragen: Was will uns Gott damit sagen? Ist das, wie wir heute Priester verstehen, wirklich das, was heute tatsächlich gefragt ist? Was bestimmt den Priester von heute? Natürlich wird nicht jeder ein Anselm Grün sein. Aber es geht um Menschen, die andere verstehen, die verkörpern, dass Gott auch wirklich die Liebe ist. Das ist entscheidend und nicht das Kirchenrecht.

DIE FURCHE: Eine große Veränderung der letzten Jahrzehnte war, dass es -jedenfalls seit dem II. Vatikanum - einen großen Verlust an Sozialprestige für Priester gegeben hat -und das schon lang vor der Missbrauchskrise.

Müller: Absolut. Das ist zwar schmerzvoll, aber auch eine Chance. Denn das heißt auch, dass derjenige, der sich heute zum Priester berufen fühlt, nicht mehr aus Motiven des Sozialprestiges heraus die Entscheidung trifft, Priester zu werden. Bei vielen Priestern spielt ja auch die narzisstische Seite eine Rolle: "Der ist da, um gesehen und bewundert zu werden." Es gibt eine Parallele zwischen narzisstischem Priester und potenziellem Missbrauchstäter. Aber derjenige, der nicht mehr so bewundert wird, der da ist, um die "anderen zu sehen", ist auch heute noch als Priester gefragt. Derjenige der dazu da ist, das Wort Gottes zu verkünden, die Menschen zu trösten, zu stärken und zu ermutigen.

DIE FURCHE: Umgekehrt gibt es gerade im deutschen Sprachraum genau die, die mit solchem Impetus ans Priester-Sein herangegangen sind, und die dann festgestellt haben, dass sie Pfarrgemeinde-Verwalter und Messlese-Administratoren, also bloß Kirchenfunktionäre sind. Und dann aus diesen Zwängen, die sie da vorgefunden haben, ausgestiegen sind.
Müller: Ja, das hat damit zu tun, dass die Gemeinden immer größer werden, die pastoralen Räume oder welche anderen schönen Namen man dafür gefunden hat. Diese Leute sind Priester geworden, um Seelsorger zu sein. Der zu sein, der sich um die Seele eines anderen Menschen kümmert. Und um die Seele eines anderen kann ich mich kümmern, wenn ich diesen wirklich sehen kann, wenn ich auch Zeit dafür habe. Und dann ist es frustrierend, wenn man sich zusehends immer weniger als Seelsorger sieht, sondern mehr als Manager, dessen Kräfte in Sitzungen, in Planungen aufgebraucht werden. Es stimmt, dass immer mehr sagen: "Das ist nicht das, wozu ich Priester geworden bin."

DIE FURCHE: Denkt man von Gemeinden und von deren Eucharistiefähigkeit her, dann kommt die Frage: Wenn zu wenig geweihte Männer da sind, die die Eucharistie leiten können, muss man neue Wege gehen. Muss daher die klassische Trennung in den Kleriker-und Laienstand durchlässiger werden?
Müller: Nach traditionellem Verständnis unterscheidet sich der Kleriker ontologisch vom Laien und nimmt dadurch in sich schon wieder eine Sonderrolle ein. Der Kleriker bedeutet in diesem Verständnis natürlich dann auch mehr als der Laie und hat mehr zu tragen. Das ist für mich in sich überhaupt nicht nachvollziehbar. Das muss aufgebrochen werden. Das muss obsolet werden.

DIE FURCHE: Aber so etwas, wie Sie den Priester idealtypisch charakterisiert haben, jemand der sich von Gott berufen fühlt, der für andere Menschen da ist und das auf eine spezifische Weise lebt: So etwas soll schon in der Kirche bestehen?
Müller: Auf alle Fälle!

(Mitarbeit: Hans Radl)