#Sexueller Missbrauch

Missbrauch in der Kirche

Feuilleton

"Verkörpern, dass Gott auch die Liebe ist"

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Bis 2016 leitete der Laientheologe und Psychotherapeut Wunibald Müller -gemeinsam mit dem Benediktinerpater Anselm Grün - das Recollectio-Haus Münsterschwarzach (D) zur (Krisen-)Begleitung von Priestern und Ordensleuten. Müller, 68, hat sich intensiv mit Missbrauch(stätern) im kirchlichen Bereich beschäftigt.

DIE FURCHE: Wie bewerten Sie die Ergebnisse des Bischofsgipfels zum Kinderschutz?
Wunibald Müller: Was die unmittelbaren Konsequenzen aus der Missbrauchskrise betrifft, so ist ja in Österreich und auch in Deutschland durch die Präventionsordnung vieles geschehen. Auf dem Gipfel wurden zumindest erste Schritte gemacht, um jetzt auch weltweit die Verantwortlichen zu sensibilisieren und in Richtung Prävention zu gehen. Dahingehend war der Gipfel o.k. Angesichts der wirklich dramatischen Situation unserer Kirche hatte ich allerdings mehr erwartet, was die weitergehenden Konsequenzen betrifft. Da bin ich, ehrlich gesagt, enttäuscht.

DIE FURCHE: Was meinen Sie mit weitergehenden Konsequenzen?
Müller: Man hat ja festgestellt, dass bei der Missbrauchskrise auch tiefere Ursachen gegeben sind. Das eine wäre das Thema des Pflichtzölibats, der zwar nicht als Ursache gilt, jedoch ein Risikofaktor sein kann. Dann die negative Einstellung der Kirche zur Homosexualität, die dazu führen kann, dass sich diejenigen, die homosexuell sind, sich nicht verantwortungsvoll mit ihrer Homosexualität auseinandersetzen und dadurch in besonderer Weise auch anfällig sein können für Missbrauch. Und auch die Lehre der katholischen Kirche hat dazu geführt, dass Sexualität im kirchlichen Kontext, auch was kirchliche Mitarbeiter und Priester betrifft, oft im dunklen Raum gelebt wird, sodass dort die Gefahr besteht, dass sie unverantwortlich gelebt wird. Ein ganz wichtiges Thema ist die klerikale Struktur der Kirche, die ein "Oben" und ein "Unten" kennt, die Missbrauch erleichtern, auch dahingehend, dass dieser verharmlost wurde. Hier müssen Veränderungen stattfinden.

DIE FURCHE: Ist hier aber nicht die Ungleichzeitigkeit ein Problem? Das Bewusstsein in Deutschland, Österreich, den USA ist in diesen Fragen viel größer als in Afrika.
Müller: Das ist sicher eine Tatsache. In Westeuropa zumindest und teilweise auch in Osteuropa ist etwa die Homosexualität kein Thema mehr in der Weise, dass sie pathologisiert oder kriminalisiert wurde. Wenn hingegen in Afrika über Homosexualität gesprochen wird, so herrschen noch teilweise dumpfe Vorstellungen, dass sie von vornherein etwas Perverses ist. Aber die Kirche muss auch die Menschen in Europa ansprechen: Man kann nicht das, was in der Vergangenheit geschehen ist, mit dem Hinweis beantworten, man müsse hier weltkirchlich denken und könne nur die Schritte gehen, die jetzt auch von allen Seiten mitgetragen werden. So bewegt sich zu wenig, und die Leute hier bei uns fühlen sich, gerade was das Thema Umgang mit Homosexualität betrifft, von der Kirche nicht ernst genommen und angesprochen. Ganz abgesehen davon, dass das Thema Zölibat in Afrika einen anderen Stellenwert hat als bei uns. Der Zölibat ist dort so gegen das kulturelle Verständnis, dass er nicht wirklich gelebt wird. Auch von den Bischöfen nicht.

DIE FURCHE: Aber auch in Europa gibt es den Graben zwischen den Kirchenflügeln, hier herrscht alles andere als Einigkeit. Ich erinnere nur daran, dass der Kölner Kardinal Woelki im Vorfeld des Bischofsgipfels gemeint hat, man solle nicht anfangen, die Kirche neu zu erfinden und solle "nicht Heiliger Geist spielen". Also auch hierzulande gibt es keine Einigkeit darüber, dass sich da Grundlegendes ändern muss.
Müller: Müssen wir immer Einigkeit erzielen? Ist es nicht möglicherweise auch der Ausdruck des Heiligen Geistes, dass es eine gewisse Vielfalt gibt? Zu unseren Quellen gehört neben der Bibel und den kirchlichen Dokumenten auch das "menschliche Dokument", dass Gott über die Menschen zu uns spricht -mit all ihrer Unterschiedlichkeit: Wenn jemand homosexuell ist, ist das etwas, was Gott uns Menschen zugedacht hat. Sind es nicht wir Menschen selbst, die es manchmal so einfach haben möchten, die möglicherweise auch Gott durch ein enges Bild von dem, was anscheinend richtig und natürlich ist, einengen?

DIE FURCHE: Aber die Entscheidungsträger in der Kirche bestimmen, was in ihrem Bereich passiert. Ganz plakativ könnte es dann sein, dass jetzt im Bistum Essen der Priesterzölibat aufgeweicht wird, weil der Bischof das befürwortet, und der Erzbischof von Köln bleibt rigoros. Wir sehen diese Problematik ja aktuell beim Kommunionempfang für nichtkatholische Ehepartner, wo sich eine Minderheit der deutschen Bischöfe gegen eine Öffnung sperrt.
Müller: Aber das ist doch eigentlich auch zunächst einmal ein ganz spannender Vorgang. Natürlich gehen wir da wieder davon aus, dass die Bischöfe diejenigen sind, die Entscheidungen treffen, und dann müsste jetzt angesichts der derzeitigen Situation gefragt werden, wo das sogenannte "gemeine Volk" bleibt. Diese Frage stellt sich auch zum Thema klerikales System: Inwieweit muss nicht auch die Macht, die Amtsmacht, geteilt oder abgegeben werden?