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In memoriam Johann Weber

Johann Weber - © Johann Weber 1998 bei der Pressekonferenz zum Ergebnis der katholischen Delegiertenversammlung in Salzburg. APA-Photo: Harald Schneider
Religion

Johann Weber: "Bei uns taugt die Luft recht gut zum Atmen"

1945 1960 1980 2000 2020

Sein Vorgänger nahm wegen der Spannungen in der Diözese den Hut. So wurde vor 30 Jahren, Hals über Kopf, der Grazer Pfarrer Johann Weber zum Bischof von Graz-Seckau ernannt. 1969 stand Weber auch der Furche erstmals Rede und Antwort. Jetzt zieht er Bilanz: als Bischof, als Christ, als überzeugter Steirer.

1945 1960 1980 2000 2020

Sein Vorgänger nahm wegen der Spannungen in der Diözese den Hut. So wurde vor 30 Jahren, Hals über Kopf, der Grazer Pfarrer Johann Weber zum Bischof von Graz-Seckau ernannt. 1969 stand Weber auch der Furche erstmals Rede und Antwort. Jetzt zieht er Bilanz: als Bischof, als Christ, als überzeugter Steirer.

DIE FURCHE: 1969, in Ihrem ersten FURCHE-Interview haben Sie sich ein Drei-Punkte-Programm vorgenommen: Sie wollten 1. die missionarische Gesinnung fördern, 2. eine Sammlung kirchlicher Kräfte (inklusive der Beruhigung der starken Spannungen in der Diözese) erreichen und 3. an einer Stärkung der Frömmigkeit arbeiten. Konnten Sie dieses Programm verwirklichen?

Bischof Johann Weber: Gott sei Dank ist der zweite Punkt, das brennende Problem der Entzweiung in der Diözese zu lösen, weithin erfüllt. Die anderen beiden Punkte decken sich ganz mit den jetzigen Aufgaben: Eines unserer Leitthemen heißt: "Jesus Christus beim Namen nennen und beim Wort nehmen", das ist ein anderer Ausdruck für Frömmigkeit. In bezug auf eine missionarische Kirche geht es mir darum, wieder bewußt zu machen, daß aufgrund der Taufe und Firmung jeder Christ einen Auftrag und auch die Bekräftigung hat, dort wo er lebt, den Glauben zu bezeugen und Türen zu öffnen. Dazu gehört untrennbar die Förderung geistlicher Berufe.

DIE FURCHE: Sie haben 1969 gemeint, die Steiermark sei nicht das "österreichische Holland". Wer käme heute auf die Idee, die Steiermark als den Krisenherd der Kirche Österreichs zu sehen? Sind Sie stolz, daß es gelang - im Gegensatz zum Beginn ihrer Amtszeit und im Gegensatz zu manch anderer Diözese heute - ein gutes kirchliches Klima aufzubauen?

Weber: Ich habe die Gnade gehabt, daß es möglich war - und habe das mit hervorragenden Mitarbeitern erreicht. Natürlich gibt es auch bei uns Mängel. Es gibt bei uns im Gegensatz zu anderen Diözesen eine eher geringe religiöse Substanz, das reicht weit in die Geschichte zurück. Da können wir mit andern Ländern nicht mit. Zugleich ist aber großer Unternehmungsgeist, viel Phantasie und Wagemut da: Dieses Wagen ist eine schöne Sache.

DIE FURCHE: Seit 1969 hat sich die Kirche aber von einer Volkskirche zumindest zur Volkskirche mit wenigen verändert, die Priester werden weniger ...

Weber: Der Rückgang der Priester und - öffentlich fast überhaupt nicht beachtet, aber sehr bedeutungsvoll - der noch schnellere Rückgang der weiblichen Orden trifft uns natürlich schon sehr und war zugleich aber auch die Bestärkung, Neues zu versuchen. Wir haben zum Beispiel 14 Pfarren, die wesentlich von jeweils zwei Ordensfrauen betreut werden. Es geht da gar nicht um die Frage "Weihe oder nicht Weihe?", sondern einfach, daß ein Herdfeuer des Glaubens gehegt wird. Ich glaube doch, daß viele Pfarren, die jetzt keinen Pfarrer haben, entdecken: "Wir haben uns sehr auf den Pfarrer verlassen, aber wir sind jetzt selber gefragt!" Ich will damit die Ratlosigkeiten, die es auch oft gibt, nicht beschönigen. Ich bin überhaupt skeptisch, ob wir nicht in den letzten Jahren in der Seelsorge "professionell" geworden sind. Es muß ein "Beruflicher" da sein ... Aber das Evangelium ist in die Hände aller gelegt, nicht nur in die gesalbten Hände eines Priesters!

DIE FURCHE: 1969, in Ihrem ersten FURCHE-Interview haben Sie sich ein Drei-Punkte-Programm vorgenommen: Sie wollten 1. die missionarische Gesinnung fördern, 2. eine Sammlung kirchlicher Kräfte (inklusive der Beruhigung der starken Spannungen in der Diözese) erreichen und 3. an einer Stärkung der Frömmigkeit arbeiten. Konnten Sie dieses Programm verwirklichen?

Bischof Johann Weber: Gott sei Dank ist der zweite Punkt, das brennende Problem der Entzweiung in der Diözese zu lösen, weithin erfüllt. Die anderen beiden Punkte decken sich ganz mit den jetzigen Aufgaben: Eines unserer Leitthemen heißt: "Jesus Christus beim Namen nennen und beim Wort nehmen", das ist ein anderer Ausdruck für Frömmigkeit. In bezug auf eine missionarische Kirche geht es mir darum, wieder bewußt zu machen, daß aufgrund der Taufe und Firmung jeder Christ einen Auftrag und auch die Bekräftigung hat, dort wo er lebt, den Glauben zu bezeugen und Türen zu öffnen. Dazu gehört untrennbar die Förderung geistlicher Berufe.

DIE FURCHE: Sie haben 1969 gemeint, die Steiermark sei nicht das "österreichische Holland". Wer käme heute auf die Idee, die Steiermark als den Krisenherd der Kirche Österreichs zu sehen? Sind Sie stolz, daß es gelang - im Gegensatz zum Beginn ihrer Amtszeit und im Gegensatz zu manch anderer Diözese heute - ein gutes kirchliches Klima aufzubauen?

Weber: Ich habe die Gnade gehabt, daß es möglich war - und habe das mit hervorragenden Mitarbeitern erreicht. Natürlich gibt es auch bei uns Mängel. Es gibt bei uns im Gegensatz zu anderen Diözesen eine eher geringe religiöse Substanz, das reicht weit in die Geschichte zurück. Da können wir mit andern Ländern nicht mit. Zugleich ist aber großer Unternehmungsgeist, viel Phantasie und Wagemut da: Dieses Wagen ist eine schöne Sache.

DIE FURCHE: Seit 1969 hat sich die Kirche aber von einer Volkskirche zumindest zur Volkskirche mit wenigen verändert, die Priester werden weniger ...

Weber: Der Rückgang der Priester und - öffentlich fast überhaupt nicht beachtet, aber sehr bedeutungsvoll - der noch schnellere Rückgang der weiblichen Orden trifft uns natürlich schon sehr und war zugleich aber auch die Bestärkung, Neues zu versuchen. Wir haben zum Beispiel 14 Pfarren, die wesentlich von jeweils zwei Ordensfrauen betreut werden. Es geht da gar nicht um die Frage "Weihe oder nicht Weihe?", sondern einfach, daß ein Herdfeuer des Glaubens gehegt wird. Ich glaube doch, daß viele Pfarren, die jetzt keinen Pfarrer haben, entdecken: "Wir haben uns sehr auf den Pfarrer verlassen, aber wir sind jetzt selber gefragt!" Ich will damit die Ratlosigkeiten, die es auch oft gibt, nicht beschönigen. Ich bin überhaupt skeptisch, ob wir nicht in den letzten Jahren in der Seelsorge "professionell" geworden sind. Es muß ein "Beruflicher" da sein ... Aber das Evangelium ist in die Hände aller gelegt, nicht nur in die gesalbten Hände eines Priesters!

Die Armut hat ihr Gesicht gewandelt, ist aber stark präsent, vor allem als Nicht-fertig-Werden mit dem Leben.

Bischof Johann Weber

DIE FURCHE: Ihr Wahlspruch "Den Armen die frohe Botschaft verkünden": Hat er Ihr Wirken geprägt?

Weber: Ich bin ja sehr unvorbereitet zum Bischof berufen worden. Dieser Satz war eigentlich das erste, was mir eingefallen ist, aber ich liebe ihn sehr. Die Armut hat ihr Gesicht gewandelt, ist aber stark präsent, vor allem als Nicht-fertig-Werden mit dem Leben. Die Steiermark hat eine hohe Selbstmordrate. Das ist nur die Spitze des Eisbergs. Ich bin aber stolz, wie in unserer Diözese die Caritas (mit großem C) als Organisation wirkt; aber wir müssen es schaffen, daß die caritas (mit kleinem c) als Haltung, als persönlicher Einsatz, als Klima in einer Pfarre bei uns da ist.

DIE FURCHE: 30 Jahre sind eine lange Zeit. Mußte ein Bischof anno 1969 anders sein als der Bischof im Jahr 1999?

Weber: Je älter ich werde, umso mehr komme ich drauf, daß man gerade als Bischof ständig lernen muß. Meine Lehrmeister sind die Menschen des Volkes, vor allem die engagierten Katholiken: Wie denken sie, wie fühlen sie? Vor 30 Jahren hat es noch nicht die Mediengesellschaft gegeben. Vor 30 Jahren war die Zahl der Scheidungen geringer. Die Liberalität der Lebensführung, das Brechen von Tabus hat damals erst angefangen ... Die Gottesdienstbesucher sind deutlich weniger; und da kann man jammern, das aber halte ich für völlig unzweckmäßig, da wird nichts besser, sondern erst, wenn wir zueinander aufmerksam sind: Wie geht es den Menschen? Da ist man - trotz vieler Bischofsjahre - immer noch ein Schüler.

DIE FURCHE: Was hat Sie in diesen 30 Jahren besonders bewegt?

Weber: Ich nenne einmal drei große öffentliche Anlässe: Das war der Katholikentag 1981 unter dem Motto "Brüderlichkeit". Dann 1993 der "Tag der Steiermark" unter Mittun von praktisch allen gesellschaftlichen Kräften. Das war auch so ein Satz am Anfang meiner Tätigkeit, an dem ich heute genauso festhalte: Wir brauchen eine Koalition nachdenklicher Menschen! Und dann 1997 die Europäische Ökumenische Versammlung, die auch sehr bewegend war. Das alles ist eingebettet in den Umgang mit den Menschen von heute. Ich glaube, es ist eine Luft bei uns, die doch recht gut zum Atmen taugt.

DIE FURCHE: Sie haben im ersten Furche-Interview gemeint, sie würden gerne auch als Bischof Seelsorger bleiben.

Weber: Ich bin sehr dankbar, daß das möglich war. Ich konnte mit vielen Leuten in Verbindung bleiben, die ich persönlich begleite, auch in der Beichte. Ich kann mir das nicht wegdenken. Ich glaube, das ist für einen Bischof eigentlich absolut notwendig.

DIE FURCHE: Beim "Dialog für Österreich" sind Sie in einer weiterführenden Arbeitsgruppe, die sich mit dem Bischofsamt beschäftigt. Was wäre - abgesehen von der Seelsorge - wichtig für das Bischofsamt heute?

Weber: Es ist ganz wichtig, daß man mit der Priesterschaft seiner Diözese in einer guten, herzlichen Verbindung steht. Das ist keine Abwertung der Laien. Ein zweites ist, daß fürstliches Gehabe, das es schon kaum mehr gibt, keine Zukunft hat. Man soll, glaube ich, wirklich auch die Einfachheit des Lebens mit den Menschen teilen. Und wenn wir auch in einem Land voll Wohlstand leben, dann leben wir doch inmitten von vielen vielen Lebensproblemen, und hier muß der Bischof ein Hörender sein. Wenn man sich beraten läßt, wenn man hinhört, dann wird das Evangelium und der Glaube der Kirche, dem wir verpflichtet sind, Fleisch.

DIE FURCHE: Und wie jemand Bischof wird: ob da Gemeinden eingebunden sind; ob es da Umfragen gibt? Wie kann es da zu einem Wechselspiel zwischen Rom und der Ortskirche kommen?

Weber: Dieses Kapitel gehört verbessert. Ich bin nicht ein Anhänger von Bischofswahlen. Wenn sich jemand unbedingt darum reißt, Bischof zu werden, dann soll er es lieber nicht werden. Mir wäre wichtig, daß mit jenen, die die Diözese besonders tragen - Priesterrat, Diözesanrat, Domkapitel ... -, intensiver Kontakt gepflegt wird, wenn ein neuer Bischof zu bestimmen ist. Es wäre schlecht, wenn irgendwelchen Leuten, die sich Zugänge nach Rom verschaffen und Horrorszenarien entwerfen: "In der Diözese geht alles den Bach hinunter!" zuviel Gehör geschenkt wird. Keine Diözese ist perfekt, es gibt immer Entwicklungen, die schlecht sind, die man vielleicht selber gar nicht so genau sieht. Aber die Leute, die den Alltag einer Diözese tragen, müßten gehört werden. Wir machen das so, wenn eine Pfarre zu besetzen ist. Wir bitten da den Pfarrgemeinderat, die Situation der Pfarre zu schildern. Das mündet dann gar nicht in einen Personenkampf, sondern die Entscheidungen werden dann richtiger gesehen.

DIE FURCHE: Glauben Sie, daß Ihre Nachfolge in einer transparenten Weise geregelt werden kann?

Weber: Ich habe mich immer bemüht, die Situation der Diözese ganz offen weiterzusagen. Ich hoffe, daß die ganze Vielschichtigkeit unserer Diözese deutlich gesehen wird.

DIE FURCHE: Treffen Sie Gerüchte, daß Sie einen Koadjutor bekommen sollen?

Weber: Das Thema ist für mich beendet. Ich habe, als es geheißen hat, es kommt ein Koadjutor, in Rom nachgefragt und postwendend die Antwort bekommen, das sei völlig aus der Luft gegriffen. Das schafft nur Unruhe und ist nicht gut.

DIE FURCHE: Wie sehen Sie heute Ihr Verhältnis zu Rom, zur Kirchenleitung?

Weber: Ich habe überhaupt keine Probleme mit dem Petrusamt. Gerade was durch den derzeitigen Papst an Weite und Weltbewußtsein geschehen ist, ist ungeheuer. Ganz wird sich die Spannung nie auflösen, die Bedürfnisse und Sorgen der jeweiligen Ortskirche und die ganze Welt zusammenhalten. Ich glaube das wird immer eine Herausforderung sein, und ich gehöre nicht zu denen, die sich hinsetzen und jammern und sagen, schrecklich. Die einen sagen, schrecklich, man bevormundet uns, die anderen sagen schrecklich, ihr werdet papstuntreu. Das sind nicht die richtigen Kategorien, sondern wir müssen miteinander den Weg suchen und gehen.

Bischof mit Herz

Am 10. Juni 1969 ernannte Paul VI. den Gendarmensohn und Pfarrer von Graz-St. Andrä zum Bischof von Graz-Seckau. Österreichs Kirche verdankt dem (Krisen-)Management des heute 72jährigen viel: 1995, am ersten Höhepunkt der Affäre Groer, übernahm er den Vorsitz der Bischofskonferenz, 1998 trat er dieses Amt an Kardinal Schönborn ab. Mit Initiative versuchte Weber, die Krise zu meistern. Seine jüngste große Idee, der "Dialog für Österreich", der erste landesweite kirchliche Gesprächsprozeß seit den 70er Jahren, erreichte mit dem Delegiertentag im Oktober 1998 einen vielbeachteten Höhepunkt. Trotz anderer Einschätzungen ist für Bischof Weber ein Gelingen des "Dialogs" möglich - und ein Herzensanliegen.

Am 10. Juni 1969 ernannte Paul VI. den Gendarmensohn und Pfarrer von Graz-St. Andrä zum Bischof von Graz-Seckau. Österreichs Kirche verdankt dem (Krisen-)Management des heute 72jährigen viel: 1995, am ersten Höhepunkt der Affäre Groer, übernahm er den Vorsitz der Bischofskonferenz, 1998 trat er dieses Amt an Kardinal Schönborn ab. Mit Initiative versuchte Weber, die Krise zu meistern. Seine jüngste große Idee, der "Dialog für Österreich", der erste landesweite kirchliche Gesprächsprozeß seit den 70er Jahren, erreichte mit dem Delegiertentag im Oktober 1998 einen vielbeachteten Höhepunkt. Trotz anderer Einschätzungen ist für Bischof Weber ein Gelingen des "Dialogs" möglich - und ein Herzensanliegen.