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Nicht nur Anpassung an eine Zivilgesellschaft

1945 1960 1980 2000 2020

Egon Kapellari, Diözesanbischof von Gurk-Klagenfurt, war einer der drei österreichischen Bischöfe auf der Europa-Synode, die im Oktober in Rom stattgefunden hat. Im Furche-Gespräch mahnt der Kärntner Hirte, das Lebenstempo der österreichischen Kirche mit der Weltkirche zu akkordieren. Das gilt auch für den Dialog in der Kirche. Und: Dialog muß auch dann möglich sein, wenn man mit unaufgebbaren Positionen ins Gespräch geht.

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Egon Kapellari, Diözesanbischof von Gurk-Klagenfurt, war einer der drei österreichischen Bischöfe auf der Europa-Synode, die im Oktober in Rom stattgefunden hat. Im Furche-Gespräch mahnt der Kärntner Hirte, das Lebenstempo der österreichischen Kirche mit der Weltkirche zu akkordieren. Das gilt auch für den Dialog in der Kirche. Und: Dialog muß auch dann möglich sein, wenn man mit unaufgebbaren Positionen ins Gespräch geht.

dieFurche: Sie waren einer der drei österreichischen Bischöfe auf der Europasynode. Welches Ergebnis gab es da?

Bischof Egon Kapellari: Die Synode ist kein Gesetzgebungsorgan, sondern Organ der Kommunikation und der Ideenformung - im Gespräch vieler Bischöfe und in Anwesenheit des Papstes. Das ist viel. Wer erwartet hat, sie müsse eines der sogenannten heißen Eisen plötzlich abkühlen, wird seine Erwartung nicht erfüllt finden. Man überschätzt sich in Österreich in mancher Hinsicht. Man sollte zur Tatsache stehen, daß es schön ist, einer bunten Weltkirche anzugehören, und daß es zumutbar ist, Lebensrhythmus und Lebenstempo einer Ortskirche mit der Weltkirche zu akkordieren.

dieFurche: Wenn also der österreichische Blick zu eng ist: Was sind die Themen, die Sie aus Rom mitbringen?

Kapellari: Natürlich gibt es die Heiße-Eisen-Themen auch in anderen mittelwesteuropäischen Ländern. Aber wichtiger ist das Thema Jesus Christus, und wie er von der Kirche verkündet werden könnte. Und zwar unter den Gegebenheiten heutiger Gesellschaften, die sich ja nicht synchron entwickeln - etwa in der Ukraine oder in Deutschland. Es gibt viele Subkirchen und Milieus, die dennoch nur Teile eines Gesamtpanoramas sind. Oft denkt man im Westen, daß der Osten halt noch nicht so weit wie man selber ist. Das impliziert die arrogante Voraussetzung, daß man selber mit dem Heiligen Geist Schritt hält, während die anderen nachhinken.

dieFurche: Gibt es Bruchlinien in der Kirche Europas, etwa Ost-West?

Kapellari: Die große Linie Byzanz-Rom wirkt sich nicht so deutlich trennend aus. Es gibt auch Christentümer in Mitteleuropa, die von uns nicht weit entfernt sind und trotzdem keine Schwierigkeiten haben, mit der Weltkirche mitzugehen: Die slowakische Kirche etwa hat eine außergewöhnlich große Zahl von geistlichen Berufungen und pflegt, soweit ich sehe, keine antirömischen Ressentiments.

dieFurche: Und wenn man nach Westen blickt: Gibt es da Unterschiede?

Kapellari: Ich war im deutschsprachigen Zirkel, und da gab es eine gewisse Bandbreite in der Einschätzung dessen, was die Kirche tun müßte. Die Wahrheitsfindung im Sinn davon, wie die Weltkirche situiert ist, ist ein Bewegungsproblem: man muß auch hin- und hergehen und erfahren, wie andere leben, um dann die eigene Lebensform mehr zu schätzen oder auch zu relativieren.

Es kann Bewegung ohne apriorischen Hochmut manche Perspektive ändern, manche Unzufriedenheit relativieren - aber auch die Erfahrung bringen, daß man selber den anderen etwas mitzuteilen hat.

dieFurche: Das Vorbereitungspapier zur Synode analysiert die Situation in Europa eher pessimistisch ...

Kapellari: ... aber man hat gesehen - sowohl in den Beiträgen vieler Bischöfe als auch in den Sprachzirkeln -, daß die pessimistische Grundfärbung überwunden wurde, und daß das Bild bedeutend bunter ist. Es ist fraglos so, daß in Ländern wie Deutschland, Belgien, Frankreich und auch Österreich das kirchliche Milieu nicht nur einer Transformation, sondern einer Reduktion unterliegt. Man wird jedoch nicht gern kleiner. Es wurde uns auferlegt, kleiner zu werden, aber wir sollten nicht zu rasch sagen: "Small is beautiful" ...

Wir haben den Auftrag, auch in den Metamorphosen der Situation missionarisch zu sein und uns nicht mit schrumpfenden Besitzständen einfach abzufinden. Wir sind gehalten zur Hoffnung im Blick auf Christus, und wir sind gehalten, uns zu rühren. Dieses Rühren kann aber nicht nur Anpassung an eine Zivilgesellschaft im Sinn von political correctness sein. Das erwartet man ja von uns vielerorts. Es geht um die kühnere Herausforderung, nämlich wie wir auf Christus durchsichtig werden: Haben wir eine Sprache, um über das Zentrale zu reden? Über Leben und Tod, über Gott und die Welt, über Gnade und Erlösung? Können wir so reden, daß müde gewordene Zeitgenossen, Agnostiker das Haupt erheben und erstaunt aufschauen?

Die Medien fordern uns ständig nur politisch heraus. Aber vielfach unterfordert man uns im Zentralen. Wir sind daran teilweise selber schuld, aber schuld sind auch alle, die uns unterfordern: Eine Gesellschaft, die die religiösen Kräfte unterfordert, wird an ihrer Schalheit und Flachheit scheitern.

dieFurche: Zur Zeit tagt in Wien die Bischofskonferenz. Sie wird sich auch mit dem - von vielen totgesagten - "Dialog für Österreich" befassen. Wie steht es tatsächlich um diesen Dialog?

Kapellari: Es hat - von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - nach der Salzburger Delegiertenversammlung eine Reihe von Gesprächs- und Denkprozessen gegeben, wo das in Salzburg Gesagte und Gewünschte weiter behandelt wurde. Bei der Bischofskonferenz wird eine Zwischenernte präsentiert werden. Es gibt aber auch Leute, die das Wort "Dialog" nicht mehr hören können. Dennoch muß man die Wirklichkeit dahinter als unentbehrlich gelten lassen: Das gegenseitige Gespräch ist eine Voraussetzung des Gedeihens unserer Gesellschaft und auch der Kirche.

Nur muß klar sein, daß Dialog auch dann noch einen Sinn hat, wenn einer mit Positionen ins Gespräch geht, die nicht aufzugeben er fest entschlossen ist. Zwischen diesem Urgestein der eigenen Position und der Position des anderen gibt es sicher Bewegliches, über das man vernünftigerweise und nicht nur taktisch reden kann. Ein Beispiel dafür ist - der als Buch vorliegende - Dialog zwischen Kardinal Martini von Mailand und dem Schriftsteller Umberto Eco. Beide haben sich in der Essenz nicht verändert, aber beide haben so miteinander geredet, daß es sich ausgezahlt hat ...

Viele glauben, daß der Dialog dann tot ist, wenn die konkrete Zielvorstellung betreffend eine Verfassungsänderung der Kirche nicht verwirklicht wird. Das ist ja die Kurzformel, die in Österreich umgeht: Wer nicht die fünf Punkte einer Initiative namens "Kirchen-Volksbegehren" erfüllt, hat einen fruchtlosen Dialog geführt ...

dieFurche: Dennoch waren die Meinungsäußerungen in Salzburg klar: Glauben Sie, daß diese Delegierten tatsächlich eine Verfassungsänderung der Kirche zum Ziel gehabt haben?

Kapellari: Einige Gruppen zielen ganz klar auf Verfassungsänderung ab, notfalls auch auf eine Zerreißprobe mit Rom. Das war sicher nur ein Teil der Versammlung. Wenn also eine Meinungsumfrage unter Kirchenbesuchern stattfindet, bei der herauskommt, die Mehrheit ist gegen den Pflichtzölibat oder für die Frauenordination, so muß man sehr ernsthaft damit umgehen.

Es kann für die Bischöfe daraus aber nicht - für mich jedenfalls nicht - folgen, daß man gezwungen ist, in Rom alles zu vertreten. Wenn man Hirte ist, dann darf man sich davon nicht zwingen lassen, man darf auch nichts versprechen, was man nicht halten kann. Man sollte keinen Zick-Zack-Kurs fahren. Ich kann darauf hinweisen, daß ich selbst keinen Zick-Zack-Kurs gefahren bin - nicht von Salzburg nach jetzt und nicht von vorher nach Salzburg.

dieFurche: Könnte aber so etwas wie die Delegiertenversammlung von Salzburg zumindest so eine Methode sein, um den sogenannten Glaubenssinn der Menschen zu erkunden?

Kapellari: Ich glaube, daß durch Meinungsumfragen doch eine Suggestion ausgeübt wird, die es erschwert, in Ruhe, ohne Meinungsdruck, von wo er auch kommen möge, die Komplexität eines Problems zu erkennen und aufzuarbeiten. Das war vor Salzburg der Fall. Aber selbst wenn die Voraussetzungen geklärt sind - auch dahingehend, daß kein Bruch mit der Weltkirche versucht wird -, muß man sich sehr wohl überlegen, welches Modell von Großgesprächen zielführend ist: Es geht darum, welche Art der Methode entspricht der Komplexität der Situation am besten, und wie kommt man zu den Fragen dahinter. Wir sind in letzter Zeit immer getrieben worden, Strukturen zu ändern. Natürlich: Strukturen behindern Leben oder fördern es. Aber Strukturen sind nicht zu verwechseln mit dem Leben selber, so wie das Bild nicht mit dem Rahmen zu verwechseln ist.

dieFurche: Warum wird aber in der österreichischen Kirche nicht versucht, solch ein Modell des "Großgesprächs" zu entwickeln?

Kapellari: In Österreich wurde in den letzten fünf Jahren über Strukturen und die derzeitigen Möglichkeiten, sie - verbunden mit der Weltkirche - zu ändern oder zu behalten, mehr geredet als in allen Ländern Europas. Es ist überhaupt nicht hilfreich, das zu vermehren. Die Leute verhungern sonst neben dem gefüllten Teller oder sie verdursten neben der Quelle. Es geht ja doch darum: Wer ist Christus? Es ist keine Finte, diese Frage in die Mitte zu stellen. Ich weiß, daß alle, die eine Verfassungsänderung wollen, nicht ruhen werden, bis sie das eine oder andere durchsetzen. Und dieselben werden immer sagen: Alles Reden von Spiritualität, vom Tiefergraben, vom tiefen Brunnen sei Finte und Vertröstung. Damit muß ich leben. Genauso wie man gelebt hat mit der Marxschen Behauptung, daß Religion eben nichts als Vertröstung sei.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

ZUR PERSON Der "Intellektuelle" unter Österreichs Bischöfen "Europa" ist eine der Agenden, die der Kärntner Diözesanbischof in der Bischofskonferenz wahrnimmt. Auch seine anderen Referate - Liturgie und Kultur - gehören zu jenen Anliegen, bei denen Egon Kapellari um Vertiefung kämpft. Der 1936 im steirischen Leoben Geborene absolvierte ein Jus-Studium, bevor er sich entschloß, Priester zu werden. Ab 1964 war Kapellari Hochschulseelsorger in Graz; die Katholische Hochschulgemeinde in der südlichen Universitätsstadt wurde in diesen Jahren zu einer intellektuellen "Hochburg" in der Kirche und zu einem wesentlichen Begegnungsort von Kirche und Kunst. 1982 wurde Kapellari zum Bischof von Gurk geweiht. Zu den großen Anliegen Kapellaris, der auch Autor zahlreicher Bücher ist, gehört die Vertiefung der Spiritualität. Kapellari leitet auch jene bischöfliche Arbeitsgruppe, die seit der Salzburger Delegiertenversammlung zum "Dialog für Österreich" am Themenkorb "Frau in der Kirche" arbeitet.

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