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Das Prinzip Einmischung

Plädoyer für eine neue Debatte über das Verhältnis von Kirche, Staat und Parteien.

Die Ernennung des Innsbrucker Diözesanbischofs Alois Kothgasser zum Erzbischof von Salzburg bedeutet Freude und Erleichterung für die ganze österreichische Kirche. Denn Bischofsbestellungen waren in den vergangenen Jahren von heftigsten Diskussionen, ja auch von offenem Widerspruch begleitet. Der Politologe Heinrich Schneider hat schon frühzeitig alle diese Bischofsernennungen kritisch durchleuchtet und ist dabei zum Schluss gekommen, dass dahinter eine strategische Überlegung stand, die in Österreich von langer Hand vorbereitet worden war, und die dem angeblichen laissez faire der österreichischen Bischöfe von außen her ein Ende bereiten wollte.

Diese Vorgänge lösten in der österreichischen Kirche eine beispiellose Polarisierung bis weit hinein in die breite Mitte des katholischen Lebens in Österreich aus. Eine breite mediale Berichterstattung über diese Vorgänge trug zu weiterer Aufschaukelung bei. Meinungsumfragen ließen aber erkennen, dass Anfang der neunziger Jahre nur etwa acht Prozent der österreichischen Bevölkerung einem neuen, schärferen Kirchenkurs zustimmten. Gleichzeitig war erkennbar, dass die Abnahme der religiösen Praxis und die Emanzipation von kirchlichen Moralstandards unter dem Stichwort der Säkularisierung auch in Österreich weitergingen, sodass es in der Kirche immer mehr Verstörte und Zornige, aber auch immer mehr Resignierte gab.

Das war der Resonanzboden, auf dem sich 1995 das Kirchenvolks-Begehren europaweit Gehör verschaffen konnte. Die Tatsache, dass rund eine halbe Million Menschen ohne jeden organisatorischen Apparat innerhalb von drei Wochen unterschrieben, war ein Signal - vor allem für die weit verbreitete Unzufriedenheit mit dem augenblicklichen Zustand der Kirche in Österreich. Der Versuch von Bischof Johann Weber, mit einem "Dialog für Österreich" die antagonistischen Lager in der österreichischen Kirche wieder zusammenzuführen, scheiterte an dem Widerstand und den Querschüssen anderer österreichischer Bischöfe und an der Intervention römischer Stellen. So dauert die für viele Katholiken kaum mehr erträgliche innerkirchliche Situation in Österreich bis zum heutigen Tag an.

Jetzt aber kam aus Rom eine Nachricht, die vieles verändern könnte: Der Vatikan hatte seinen ursprünglichen, kaum akzeptablen Dreiervorschlag für die Ernennung des neuen Erzbischofs von Salzburg überraschend geändert und den Innsbrucker Diözesanbischof Alois Kothgasser auf die Dreierliste genommen. Prompt nominierte das Salzburger Domkapitel, das in den vergangenen Jahren beachtliche Standfestigkeit an den Tag gelegt hat, Alois Kothgasser in einer Blitzentscheidung zum neuen Erzbischof.

Damit dürfte ein jahrelanger, ermüdender Nervenkrieg in der Erzdiözese Salzburg zu Ende gegangen sein, und ein Funke der Hoffnung glimmt auf: Vielleicht haben die Strategen des Jahres 1986 jetzt endlich eingesehen, dass sie die österreichische Kirche durch Personalrochaden nicht umpolen können? Und vielleicht unterbleiben in Hinkunft jene frustrierenden Machtspiele bei Bischofsernennungen, die in den vergangenen Jahren so viele gutwillige Katholiken und zahllose andere Menschen vor den Kopf gestossen haben? Gewiss, eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und Vorsicht ist ohne Zweifel am Platz. Aber dennoch bleibt ein Funke der Hoffnung, dass sich nun manches zum Besseren wenden könnte, und ein vorsichtiges Gefühl der Dankbarkeit wird spürbar.

II.

Nicht weniger aufsehenerregend ist ein zweites Ereignis der jüngsten Zeit: das Ergebnis der Nationalratswahlen. Nun sollen hier politische und kirchliche Ereignisse und Vorgänge nicht durcheinander gemischt werden, für die Politik wie die katholische Kirche war es gleichermaßen ein unschätzbarer Vorteil, dass seit der unmittelbaren Nachkriegszeit auf Grund von lehrreichen Erfahrungen beide Bereiche säuberlich getrennt geblieben sind.

Und doch drängen sich hier Gedanken auf. Ich kann mich recht gut daran erinnern, wie in den vergangenen Jahren bei Wahlniederlagen christdemokratischer Parteien in Österreich und in anderen europäischen Ländern immer wieder in Kommentaren die Meinung geäußert worden ist, diese Wahlschlappen seien nicht weiter verwunderlich, denn die katholische Kirche spiele ja in der Öffentlichkeit nur mehr eine periphere Rolle, und darum sei es nur zu verständlich, wenn Parteien, die aus dem alten politischen Katholizismus herausgewachsen sind, jetzt zunehmend an Bedeutung verlieren.

Nun aber konnte die Volkspartei nach 36 Jahren zum erstenmal wieder stärkste Partei werden. Elfriede Jelinek hat in einer ersten Reaktion auf diesen Wahlausgang gemeint: "Jetzt sind die Schmuddelkinder herausgesprengt, und das Katholisch-Rechte ist unter sich." Das ist natürlich polemisch, doch es ist das gute Recht von Jelinek, eine sehr subjektive Meinung zu diesem Ereignis zu haben.

Ich fürchte jedoch, dass sehr viele Katholiken, die schon allzu lange auf interne Vorgänge in der Kirche fixiert sind, sich mit den Ursachen und Konsequenzen dieses umstürzenden politischen Vorganges viel zu wenig befassen. DennKatholiken sind vielfach recht wenig mit politischen Gesetzmäßigkeiten und Entwicklungen vertraut, sodass sie der Politik häufig eher naiv gegenüberstehen und übersehen, dass Wahlergebnisse auch ein Stimmungsbarometer für die aktuelle Befindlichkeit vieler Menschen darstellen.

Regierungswechsel haben immer schon auch das Terrain für kirchliches Handeln positiv oder negativ verändert. Man denke nur an den spektakulären Wahlsieg von Bruno Kreisky im Jahr 1970 - der u. a. die Einführung der Fristenlösung in Österreich gegen den Widerspruch der Kirche gebracht hat, der aber andererseits nach Jahrzehnten gegenseitiger Feindseligkeit zwischen Sozialdemokratie und Katholizismus dank der Persönlichkeit von Bundeskanzler Bruno Kreisky und Kardinal Franz König zu einem modus vivendi zwischen katholischer Kirche und Sozialdemokratie geführt hat, der im Großen und Ganzen bis heute hält.

Nun, nach dem überraschenden Wahlergebnis vom 24. November dieses Jahres, stellt sich die große Frage, welche Auswirkungen dieser Wahl wir jetzt zu erwarten oder zu befürchten haben, und welche dieser Auswirkungen wir als Katholiken fördern oder hemmen sollten.

Vielleicht nutzen engagierte Katholiken die Chance, sich angesichts der radikal veränderten Gegebenheiten über das kirchliche Milieu hinaus für die neue politische Wirklichkeit zu interessieren, ohne ihre Offenheit für alle demokratischen Kräfte einzuengen. Und vielleicht kommen jetzt wenigstens da und dort Christen von neuem und verstärkt auf die Idee, dass es auch ihre Pflicht im Rahmen ihrer Möglichkeiten sein könnte, sich als Gemeinderäte, Betriebsräte, Abgeordnete und Bürgermeister und in anderen öffentlichen Funktionen für den Dienst in der Welt zur Verfügung zu stellen. Denn Christen haben nun einmal die Verpflichtung, sich einzumischen, aktiv gestaltend, oder passiv, sich falschen Ansprüchen verweigernd.

III.

Vor unseren Augen vollzieht sich für jene Menschen, die sich einen Sinn für einmalige Ereignisse und schicksalhafte Entwicklungen bewahrt haben, ein denkwürdiger Prozess: Nach dem Zusammenbruch des kommunistischen Imperiums und dem Abbau des Eisernen Vorhangs wächst der europäische Kontinent jetzt sichtbar und in überraschender Schnelligkeit zusammen. Kein Mensch hat das noch vor 12, 15 Jahren geahnt oder gar vorausgesehen. Riesige Probleme und Schwierigkeiten müssen freilich noch überwunden werden, um den europäischen Kontinent zu einigen, bestehen doch nicht nur gewaltige Ressentiments in den ehemals kommunistischen Ländern gegen die reiche, kapitalistische Welt, sondern gibt es auch umgekehrt in Westeuropa eine Fülle von Vorbehalten und Vorurteilen gegen die Völker im Osten, auf die man allzu lang hochnäsig herabgeschaut hat.

Die Kirchen, die sich in den vergangenen Monaten recht intensiv in die Diskussionen eingeschaltet haben, werden gut daran tun, die Beratungen im Europäischen Konvent aktiv zu begleiten und darauf zu drängen, dass sich die von Giscard d'Estaing benannten europäischen Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität in den konkreten Rechtsbestimmungen widerspiegeln, und dass die neue Verfassung Europas ein tragfähiges Fundament für die Zukunft aller Menschen in unserem zusammenwachsenden Kontinent bietet.

Der Autor war lange Jahre Chefredakteur der "Kleinen Zeitung".

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