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Nach dem Kirchenvolks-Begehren

1945 1960 1980 2000 2020

Österreich hat mit dem Kirchenvolks-Begehren ein neues Exportprodukt. Schon laufen ähnliche Aktionen in der Schweiz, in Deutschland und in den Niederlanden an.

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Österreich hat mit dem Kirchenvolks-Begehren ein neues Exportprodukt. Schon laufen ähnliche Aktionen in der Schweiz, in Deutschland und in den Niederlanden an.

Das Interesse an dem für die katholische Kirche ungewöhnlichen Instrument „Kirchenvolks-Begehren” ist groß. Leicht ist zu erkennen, daß damit ein Mittel gefunden wurde, Unzufriedenheit mit innerkirchlichen Zuständen auszudrücken. Kirchenfrust und Leidensdruck können sichtbar gemacht und abgeschöpft werden, ein „kat-hartischer Vorgang”.

Das psychoanalytische Bild vom „Beinigungs- und Erleichterungsvorgang” könnte signalisieren, daß diese Art von Protest vorhersehbar kurzzeitig, das Ergebnis unansehnlich und das Hauptergebnis eine seltsam unproduktive Zufriedenheit ist: Jetzt ist es herausgeschrien! Man ist zufrieden. Ob sich dann wirklich was ändert, ist eine andere Sache.

Doch im neuen Beformin-strument stecken auch gewaltige Chancen, falls es rasch genug zu einer qualitativen Transformation des kurzatmigen Protests in einen nachhaltigen Beformprozeß kommt. Aus dem Aufschrei muß mühsam organisiertes Handeln werden. Das erfordert noch mehr Kunstfertigkeit, als mit Hilfe eines funktionsfähigen Kommunikationsnetzes (in der katholischen Kirche sind jeden Sonntag mehr als eine Million Menschen im Gottesdienst direkt erreichbar) Hunderttausende Unterschriften zu sammeln.

Ob es zu diesem nachhaltigen Beformprozeß kommen wird, hängt mit der Antwort auf drei Schlüsselfragen zusammen: Wie verhält sich die Kirchenleitung? Woher bezieht die Beform ihre Leitbilder? Auf welcher Ebene soll die Beform stattfinden - lokal oder global?

Beformen in hochkomplexen Organisationen gelingen am ehesten im Zusammenspiel von Mitgliedern und Leitung. Getrennt voneinander sind beide veränderungsun-fähig. Man kann nicht gegen das Volk „von oben” die Kirche verändern. Es geht aber auch nicht „von unten”. Wenn es nicht gelingt, gemeinsame Beformvorhaben abzugrenzen und anzugehen, wird sich nur wenig zum Guten ändern.

Die Mehrzahl der Betreiber und Unterzeichner des Kir-chenvolks-Begehrens macht sich diesbezüglich auch nichts vor. Auch die meisten Bischöfe wissen darum. So ist die Hoffnung nicht unbegründet, daß die Kirche in Österreich in einigen Jahren besser dasteht als noch vor einigen Monaten. Pastoral nicht immer kluge Positionen Boms, die langjährige römische Österreich-Politik, das zuerst dilettantische Umgehen der Kirchenleitung mit der „Causa Groer” und das mit all diesen Fehlern selbst provozierte Kirchenvolks-Begehren haben die Kirche unverhofft auf den Erneuerungsweg gebracht. Aus der destruktiven Energie der Fehlleistungen ist konstruktive Beformenergie geworden.

Was aber, wenn sich die Sonderlinie Krenn durchsetzt? Wider ihr -eigenes Programm („Frohbotschaft statt Drohbotschaft”) drohen dann Kirchen-volks-Begehrer den Bischöfen mit weiterem Frust selbst unter den Engagierten und mit massenhafter Abwanderung aus der katholischen Kirche. Gewiß, auch Kirchenmitglieder kennen eine Belastungsgrenze. Doch ist auch nicht die Fähigkeit vieler Kirchenmitglieder zu unterschätzen, zwischen Gott und Krenn, zwischen dem erhofften ewigen Leben und der freien Wahl der Lebensform von Priestern, zwischen Spuren des Himmels jetzt schön zwischen uns und der kirchlichen Organisation zu unterscheiden.

Das Wort der ersten Jünger Jesu in einer noch viel kritischeren Situation: „Wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!” (Joh 6,66-69) leitet schon heute die überwiegende Zahl der Engagierten. Sie werden sich von nichts und niemandem ihre Beziehung zur innersten Mitte des Evangeliums kaputtmachen lassen. Und ebenso klar ist ihnen, daß sie eben dieses Evangelium in eine verschworene und doch stets sehr menschliche und daher sündige Gemeinschaft einnetzt.

Ein jesuanisches Wehe aber jenen Bischöfen, die sich aus einem solchen Wissen um die innere Stärke der Kirche den längst fälligen Beformen verweigern. Ein Wehe ihnen, wenn sie den Menschen Lasten aufbinden, die unnötig sind und die sie vor allem selbst nie zu tragen bereit wären.

Welche Beformen sollen gemeinsam angegangen werden? Beunruhigend gelassen werden leider die Bischöfe in jenen Punkten des Begehrens bleiben, die als weltkirchlich gelten und nicht in Österreich erledigt werden können. Das sind die freie Wahl der Lebensform von Priestern und die Frauenordination. Hier muß auf eine Internationali-sierung des Kirchenvolks-Be-gehrens gewartet werden.

Allerdings wäre es in Hinblick auf Österreich klüger gewesen, einige Punkte des Kir-chenvolks-Begehrens zu verkleinern und so paradoxerweise zu verschärfen. So hätte man in der Frauenfrage verlangen können, daß Frauen gewichtige Aufgaben und die daran gebundenen Entscheidungspositionen rasch erschlossen werden (Pastoralamtsleiterin, Caritasdirektorin, Theologieprofessorin, Akademieleiterin, Or-dinariatskanzlerin et cetera). Hinsichtlich des Zölibats wäre es gefährlicher gewesen, die auf längere Sicht pfarrerlosen Gemeinden zu organisieren.

Alle anderen Beformprojek-te sind sofort lösbar. Umgehend muß die Vorgangsweise bei Bischofsernennungen in Österreich rechtlich neu geordnet werden. Auch wird es möglich sein, in einem breiten Bildungsvorgang die in der Verkündigung Stehenden auf den Stand der in der Theologie längst vorhandenen Sexualpädagogik zu bringen.

Es ist zu fordern, daß alle diese lokal behandelbaren Punkte des Kirchenvolks-Be-gehrens rasch gelöst werden. Doch stünde selbst in diesem optimalen Fall die eigentliche Kirchenreform noch aus. Die Krise der Kirche sitzt nämlich tiefer. Sie erwächst aus einer doppelten Anpassungsschwierigkeit: an die leidenden Menschen sowie an den lebendigen Gott. Vertröstende. Beligion werde gesucht (so der in Be-formkreisen unverdächtige Querdenker Johann Baptist Metz), notfalls auch ohne den menschgewordenen Gott mit dem konkreten Antlitz der Leidenden. Kirchliche Gottvergessenheit, ekklesialer Atheismus also wäre dann die Hauptursache für das Übersehen der vielen leidenden Menschen um uns herum, noch mehr jener vielen, die selbst in reichen Gesellschaften in Gefahr sind, überflüssig (H. M. Enzensberger) und entsorgt zu werden (arme Völker, Sterbende, Behinderte, Arbeitsplatzlose und andere).

So müssen alle Beformen, welche Österreichs Kirche in den nächsten Jahren angehen wird, auf den Prüfstand folgender Fragen: Wird durch sie die Kirche in ihren Gemeinschaften noch mehr verbürgerlicht pder wird sie gefährlicher, weil „politischer”? Machen sie die Kirche (in einem negativen Sinn) „liberaler” oder radikaler? Fördern sie unbemerkt auch in der Kirche den gesellschaftlichen Hang zur Entsoli-darisierung, oder wächst das diakonale Engagement?

Gewiß ist es unzulässig, die Priesterheirat gegen die Hospizbewegung auszuspielen, die Sexualmoral gegen die Sozialmoral. Und viele Unterzeichner des Kirchenvolks-Begeh-rens zählen längst zu den dia-konalen Pionieren des Evangeliums! Aber es ist auch nicht zu übersehen, daß nicht wenige in unserem Land gern eine halle-lujaträchtige Biedermeierkirche in dauernder Konditorei-Stimmung hätten, die sich von der übrigen Gesellschaft nicht sonderlich unterscheidet.

Und viele in unserem Land, die die Kirche wegen der unausrottbaren Kraft des Evangeliums nicht mögen, hätten sie auch gerne so: Denn eine solche Kirche stört nicht mehr. Der Autor ist

Ordinarius für Pastoraltheologie an der Universität Wien.

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