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Feichtlbauer, Zulehner & Co.

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Am großen Erfolg des „Kirchen-Volksbegehrens” wollen nun Autoren und Verleger mit neuen Büchern mitnaschen.

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Am großen Erfolg des „Kirchen-Volksbegehrens” wollen nun Autoren und Verleger mit neuen Büchern mitnaschen.

Kreine kirchliche Initiative erfuhr in den letzten Jahren so-k.viel Beachtung und löste so kontroverse Beaktionen aus wie das „Kirchenvolks-Begehren”. Zum ersten Mal in der Geschichte setzten breite Kreise von Christen ein demokratisches Instrument ein, um ihren aufgestauten Arger wie gewachsenen Reformwillen sichtbar zu machen. Dieses Ereignis hat nun zahlreiche Autoren und Verleger inspiriert. Rechtzeitig zur Frankfurter Ruchmesse sind die ersten drei Bücher erschienen, die sich mit dem Inhalt und den Anliegen der Unterschriftenaktion auseinandersetzen.

„Wir sind Kirche. - Das Kirchenvolks-Begehren in der Diskussion.” Unter diesem Titel brachte der Frei-burger Herder-Verlag als erster kurz nach dem Start der Unterschriftenaktion in Deutschland Mitte September ein Taschenbuch auf den Markt. Wie es im Vorwort heißt, geben die Beiträge „die persönliche Haltung ihrer Verfasser wieder und bedeuten keine Wertung des Verlages”.

Sex-Skandal und Kruzifix-Urteil

Der erste Teil des 250 Seiten umfassenden Sammelbandes analysiert Hintergründe und liefert Informationen zum Kirchenvolks-Begehren. In neun Beiträgen tragen Theologen und Kirchenrechtler zur sachlichen Vertiefung der fünf Forderungen bei.

Im zweiten Abschnitt kommen 42 prominente Vertreter aus Kirche (jedoch keine Bischöfe), Politik und Medien zu Wort. Die meist sehr kurzen und persönlich gehaltenen Voten lassen sich in drei Gruppen unterteilen. Da ist zunächst die zahlenmäßig etwas überwiegende Schar derer, die das Begehren teilt. Ein deutliches „Ja” äußern zahlreiche Theologen, die in der Öffentlichkeit ohnehin als kritisch bekannt sind. So meint Bernhard Häring: „Es ist keineswegs eine Auflehnung”, sondern ein „bedeutsamer Vertrauensvorschuß an die gesamte Kirchenführung”. Hans Küng glaubt, daß es auf Dauer gar nicht möglich sei, „ständig gegen das Kir-chenvolk anzuregieren”. Unter den Befürwortern befinden sich auch die fünf Autoren aus Österreich.

Teilweise scharf formuliert ist das „Nein” der Gegner. Es mag überraschen, doch gerade die führenden Vertreter des Laienkatholizismus lehnen die Initiative ab. Für die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Bita Waschbüsch, ist eine Unterschrift „wenig hilfreich in der Sache” .Und die Präsidentin des Deutschen Frauenbundes, Ursula Hansen, befürchtet eine drohende Polarisierung innerhalb der Kirche. Zwischen beiden Lagern stehen Christen, die ihre Beurteilung bei mancher Nachdenklichkeit offen lassen. Interessanterweise sind dies überwiegend Publizisten, wie Michaela Puters vom ZDF oder Ulrich Ruh von der „Herder Korrespondenz”.

Am 9. Oktober erschien das Buch des bekannten Furche-Kolumnisten Hubert Feichtlbauer. „Der Aufstand der Lämmer - Zu den Fragen des Kirchenvolks” ist innerhalb weniger Wochen entstanden. So wurde die Materialsammlung erst am 20. September beendet. Das Werk hat einen großen Vorteil: Es ist nicht im gefürchteten „Theologendeutsch”, sondern flüssig geschrieben und leicht verständlich. Auf258 Seiten arbeitet der Autor nicht nur die Ereignisse auf, die seiner Ansicht nach zum „Kirchenvolks-Begehren” geführt haben („Sex-Skandal und Kruzifix-Urteil als Zünder”), sondern er listet auch detailiert Mißstände auf, die in der Kirche in den vergangenen 2000 Jahren passiert sind, angefangen von den Judenverfolgungen über Kreuzzüge und Hexenverbrennungen bis hin zu Galileo Galileis Verurteilung und Bücherindex. Breiten Baum nehmen Fragen der Sexualität ein. „Augen zu, Ohren zu, Mund zu, Hosentürl zu: Das kann nicht der Inbegriff kirchlicher Sexualmoral sein!”

Feichtlbauer plädiert für eine zeitgemäße Kultur der Erotik. „Nicht umsonst hat Jesus das Himmelreich im Bild eines Hochzeitmahls dargestellt. Er wird damit ja wohl nicht nur ans Essen und Trinken, sondern auch an das Brautbett gedacht haben.”

Und weiter: „Die appetitliche Rundlichkeit mancher Pfarrer, Prälaten und Bischöfe hat deren Ansehen weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart beschädigt. Mit Becht: Gefährlicher noch als die Runden, mit denen man über einem Glas Wein immer noch auch härteste Differenzen in menschlicher Atmosphäre ausreden kann, sind die hohlwangigen Asketen mit stechendem Inquisitorenblick, in denen pausenlos das Feuer himmlischer Gewitter blitzt.” Wen damit der Autor konkret gemeint hat, wird dem Leser nicht verraten.

Insgesamt, so Feichtlbauer, habe die Kirche ein „ganz gewaltiges” Modernitätsproblem. „Sie paßt sich zuwenig oder zumindest zuwenig rasch den Erfordernissen der Zeit an. Das ist eine sehwere Hypothek, die Kraft und Vertrauen kostet.” Er empfiehlt daher den Verantwortlichen die baldigste Umsetzung aller Forderungen des „Kirchenvolks-Begehrens” bis hin zum Priesteramt für Frauen. Denn „hier revoltiert keine Minderheit, vielmehr brechen in den Fragestellungen des Begehrens Grundbedürfnisse der katholischen Laienschaft auf”.

Weit weniger revolutionär erscheint dagegen das Werk „Kirche auf Beformkurs”, das der Wiener Pastoraltheologe Paul Zulehner herausgegeben hat. Darin wird nicht nur das „Kirchenvolks-Begehren”, sondern auch die „Weizer Pfmgstvisi-on” behandelt, an der Zulehner als theologischer Berater mitgewirkt hat. Auf den ersten neunzig Seiten werden ausführlich die Ergebnisse einer beim Wiener Fessel-Institut in Auftrag gegebenen Studie über beide Unterschriftenaktionen dokumentiert. Im zweiten Teil des Buches erläutern Kirchenexperten und Wissenschaftler, wie die Reformanliegen schrittweise umgesetzt werden können. Sie beschränken sich dabei auf einige wenige Themen. Der Luzerner Dogmatiker Kurt Koch tritt für eine Aufwertung des Priesterzölibats ein, hält aber die Weihe von „viri probati” für sinnvoll.

Remerkenswert ist der Beitrag des Züricher Theologen Robert Leuen-berger über die evangelische Pfarrerehe. Darin wird neben positiven Aspekten auch auf die Gefahren dieser Lebensform eingegangen. „Mit der Kehrseite, daß evangelische Pfarrer vor ehelicher Untreue nicht so sicher beschützt zu sein pflegen, wie dies eine leichtgewichtige Kritik an katholischem Priesterzölibat bisweilen nahelegen möchte. An Seelsorgerliehen und anderen pfarramtlichen Situationen fehlt es nicht, die zur Untreue einladen, sei es gegenüber der Ehefrau, sei es gegenüber der eingegangenen Zölibatspflicht.”

In die Zukunft weist Zulehner, wenn er in seinem Artikel rät, „Pres-byterien neuer Art” zu schaffen. In Gemeinden ohne Priester sollten sich pastorale Arbeitsteams bilden. Deren jeweilige Leiter ergeben zusammen das pastorale Leitungsteam der Pfarre. Der Bischof sollte diesen Kreis zu einem Presbyterium machen und mit den erforderlichen geistlichen Vollmachten ausstatten. „Jene Person, die in der Krankenpastoral arbeitet, erhält die Vollmacht für das Büß- und Krankensakrament; wer mit jungen Paaren arbeitet, erhält die Trauungsvollmacht. Hinreichend viele erhalten schließlich die Vollmacht zur Taufe und Eucharistie.” Um auch die Geisteshaltung der Reformgegner, die sich, so Zulehner, auf „theologisch wie menschlich erstaunlich dürftigem Niveau bewegt”, darzustellen, wird am Schluß ein Ausschnitt des konservativen Rundbriefes des Vereins Heimatmission mit dem Untertitel „Normale Katholiken” abgedruckt. Dem folgt ein Artikel von Weihbischof Andreas Laun, der dem „Kirchenvolks-Begehren” ein denkbar schlechtes Zeugnis ausstellt.

Neben diesen drei Publikationen soll demnächst das Buch „Das Schweigen des Kardinals” des Linzer Akademiker- und Künstlerseelsorgers Peter Paul Kaspar auf den Markt kommen. Ursprünglich wollte auch „profil”-Chefredakteur Josef Votzi ein Buch „Diktatur im Namen Gottes: Der Anfang vom Ende?” schreiben. Das Titelblatt war bereits fertig, doch der Autor lehnte kurzfristig ab. Gründe dafür wollte Votzi der furche nicht nennen.

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