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Den Geist aufscheuchen

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Die Lage an Österreichs Kirchenspitze ist zur Zeit zwar prekär, aber keineswegs hoffnungslos.

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Die Lage an Österreichs Kirchenspitze ist zur Zeit zwar prekär, aber keineswegs hoffnungslos.

Während Österreichs Bischöfe ihre Frühjahrstagung abhielten, begannen die NATO-Angriffe auf Serbien. Die Hirten veröffentlichten dazu eine "Erklärung zur Situation im Kosovo". Diese hatte vor allem Appell-Charakter, ein Spendenaufruf war enthalten und der etwas kryptische Satz: "Angesichts der Vertriebenen der ganzen Region ist Europa herausgefordert, ein offenes Herz und eine offene Hand unter Beweis zu stellen."

Tags zuvor hatten sich in Salzburg die Kirchen zu einem Schweigemarsch für Kosovoflüchtlinge in Österreich zusammengefunden. Dort wurden auch konkrete Forderungen erhoben: etwa ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht für Kosovoflüchtlinge in Österreich und das Aussetzen aller Abschiebungsmaßnahmen für diese. Zu den sechs Kirchenführern aus Salzburg, die diese Forderungen unterschrieben, gehörte auch Erzbischof Georg Eder.

Als Kardinal Schönborn auf der Pressekonferenz nach dem Bischofstreffen gefragt wurde, warum Österreichs Bischöfe der Salzburger Resolution nicht beigetreten seien, antwortete er, man habe nicht genug Informationen dazu gehabt ...

Geschilderte Szene scheint bezeichnend für die derzeitige Lage der hiesigen Kirchespitze zu sein: Nicht einmal zu solch kirchenpolitisch harmlosem, humanitär aber entscheidendem Eintreten für Flüchtlinge läßt sich die Mehrheit des Episkopats zur Zeit bewegen.

Wenn es schon in dieser Frage an Mut fehlt, klar Stellung zu beziehen, wie soll sich die Kirchenspitze dann bewegen, wenn es um die "heißen Eisen" der Kirchenreform geht? Kaum verwunderlich, daß die Ergebnisse der Bischofstagung mit Skepsis quittiert wurden. Zu vage klangen die Aussagen zum "Dialog für Österreich"; zweideutige Erklärungen, etwa über die Bindung desselben "an die Vorgaben des Lehramtes", ließen geübte Ohren aufmerken, und als dann der jüngste Brief des Chefs der Glaubenskongregation Kardinal Ratzinger bekannt wurde, wußten alle, warum die Formulierungen rund um den "Dialog" wolkig bis schroff ablehnend tönten (Kurt Krenn tat sich einmal mehr mit duftiger Metapher hervor, als er verlauten ließ, das Wort "Dialog" stinke ihm).

Der "Dialog für Österreich" wurde so von vielen Seiten für tot erklärt. Mit Berechtigung, denn schon der Ton des Ratzingerschreibens ist alles andere als dialogfreundlich. Manches darin liest sich sogar wie eine beinah absichtlich negative Interpretation der Salzburger Delegiertenversammlung, sogar der Papst wird mitunter nicht zitiert, sondern interpretiert (da heißt es etwa, der Papst habe auf die Frage nach den Viri Probati, der Priesterweihe für verheiratete Männer, "indirekt eine Antwort" gegeben ...): Die, die in Salzburg dabei waren, wissen, daß aus dem Ratzingerbrief ein anderer Geist weht. Nicht jener gute, der die Delegierten im Oktober 1998 erfüllte.

Klar ist, daß die "Harten" unter den Bischöfen, die den Glauben und dessen Verkündigung stark aufs römische Lehramt reduzieren, zufrieden sein können. Denn diese starke Gruppe unter Österreichs Hirten hatte in Salzburg erleben müssen, wie das delegierte Gottesvolk sich selbstverantwortlich bewegte und sich an keine Kandare nehmen ließ.

Trotz der Schrecksekunde, die jetzt der vatikanische Brief und die fortgesetzten Äußerungen mancher Bischöfe hervorriefen, tun sich - überraschende - Gegenszenarien auf, die Perspektiven erkennen lassen: * Der Brief aus Rom zeigt deutlich, wie wenig Vertrauen der heimischen Kirche dort entgegengebracht wird. Das ist kein Zeichen von Stärke und wird zur Folge haben, daß derartige Zuschriften von vielen Christen nicht mehr ernst genommen werden. Dies kann zwar auch nicht im Sinne Roms sein; zur Zeit sollte eine Prise sorgloser Selbständigkeit der Mündigkeit von Katholiken aber guttun.

* Bischöfe könnten erkennen, daß sie nicht nur Briefträger Roms sind, sondern daß gesunde Eigenständigkeit einer Ortskirche (ohne Absprunggelüste!) der ganzen Weltkirche guttut: Denn die Weltkirche bewegt sich ja nur, wenn die Ortskirchen schon voraus sind.

* Der Mut von Bischöfen ist gefragt: Vielleicht ist schon Boden bereitet, nicht zuletzt durch den jüngsten Brief aus Rom. Daß Johann Weber, Vizevorsitzender der Bischofskonferenz, in einem Interview freimütig bekannte, weiter über Viri Probati und Frauendiakonat nachzudenken, auch wenn es im Brief heißt, das sei alles schon entschieden, ist eine neue Qualität. Sogar die Aussage Kardinal Schönborns, das Leben sei immer weiter als das Recht, kann man (bei aller Skepsis) in diese Richtung hin interpretieren. Mitnichten ist damit eine Abkehr vom Papst gemeint, aber Leitung in der Kirche wird sich unter immer mehr örtlicher Beteiligung vollziehen müssen.

* Schließlich gehört ein "Plan" dazu. In unbekümmerter Weise hat hier die kleinste Diözese, das Burgenland, eine Vorreiterrolle übernommen: Kaum waren die burgenländischen Delegierten aus Salzburg zurück, begannen sie zu überlegen, wie sie weitertun wollten - und entwickelten ein Konzept, welche Salzburger Voten für die Diözese umsetzbar sind, was sofort angegangen werden kann, welcher Zeitplan einzuhalten ist, und wann die Ergebnisse überprüft werden. Eisenstadts Bischof Paul Iby hat diesen "Dialog für Burgenland" soeben offiziell eröffnet.

Vielleicht ist dies eine österliche Perspektive, nämlich die der unterschiedlichen Geschwindigkeiten: "Kleine" Kirchen, wie jene des Burgenlandes, könnten es den Großen vormachen, und - wer weiß - vielleicht weht dann der aufgescheuchte Geist auch in andere Diözesen hinein.

Würde Österreichs Kirche darauf einsteigen, könnten auch die am Buchstaben der Lehre eisern festhaltenden Hirten nicht viel bremsen. Sogar wenn der Dialog stinken würde, müßten sich Christen so weder von St. Pölten noch von manch römischer Kurienbehörde daran hindern lassen, ihn weiterzuführen.

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