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Was lange schwelt, wird endlich Glut

Nach teils hitzigen Debatten, in denen Reformhunger und Loyalität zur Kirche gleichermaßen zum Ausdruck kamen, endete der große Kongress der Pfarrgemeinderäte in Mariazell emotional versöhnlich. In der Sache hat man sich allerdings vertagt.

Rettungspakete sind derzeit in aller Munde. Banken benötigen sie, ganze Staaten werden so vor dem Ruin bewahrt. Auch in der Kirche gibt es diesen Ruf nach einem Rettungspaket, nach Reform – und dies nicht erst seit dem akuten Aufbrechen der Missbrauchsenthüllungen. Priestermangel, der Verlust finanzieller Handlungsspielräume durch eine ungebrochene Austrittswelle, die gesellschaftliche Marginalisierung – dies alles stellt insbesondere die Pfarren und die in ihnen tätigen ehrenamtlichen Laien vor immer größere Herausforderungen. Herausforderungen, die allerdings mit dem Begriff „Reformstau“ nur unzulänglich beschrieben sind, denn wohl keine noch so gute Strukturreform in der kirchlichen Verwaltung vermag eine Rückkehr der längst Abgewendeten zu bewirken.

Die Treuesten der Treuen

In dieser Situation trafen sich in der Vorwoche rund 550 Delegierte aus den österreichischen Pfarrgemeinderäten – jene rund 35.000 Personen umfassende Gruppe der Treuesten der Treuen – zu einem dreitägigen Kongress mit den Bischöfen in Mariazell. Diskutiert werden sollte der Beitrag, den die Pfarrgemeinden „für eine lebendige und missionarische Kirche von heute“ leisten. Die Erwartungen waren hoch. Von einem „Wendepunkt der Hoffnung“ (Kardinal Schönborn) war die Rede, von einer „großen Stunde der Erwartung“ (Bischof Alois Schwarz), der Bundespräsident attestierte den Delegierten gar, Österreich wäre ohne sie „sozial kälter“ und „kulturell ärmer“.

Entsprechend hoch war also auch die Fallhöhe – noch dazu vor dem Hintergrund einer ungeplanten Initiative von Delegierten aus der Steiermark gleich zu Beginn des Kongresses. Ihr großflächig an die Plenarsaalwand plakatiertes „Leitpapier für die Arbeit in unseren Gemeinschaften, Pfarren und Diözesen“ knüpfte bewusst an Aussagen und Forderungen des „Dialogs für Österreich“ an, jenes großen Reformdialogs, den die Bischöfe bereits vor zwölf Jahren initiiert und schließlich weitgehend wieder stillgestellt hatten. Revolte lag also in der Luft, die damaligen „heißen Eisen“ – Zölibat, Frauenpriestertum, mehr Leitungsverantwortung für Laien – wurden erneut zum Glimmen gebracht. Der Ruf nach „Strukturreformen“ in den Pfarren machte erneut die Runde und entlud sich auch in Attacken auf die Bischöfe.

Bischöfe im pilgernden Gottesvolk

Aber auch dies gehörte zur Realität der Kongresstage in Mariazell: das gemeinsame Gebet, das bewusste Einreihen auch der Bischöfe in die Schar des pilgernden Gottesvolkes – und nicht zuletzt das Aufatmen darüber, dass einmal nicht das „Missbrauchsthema“ die Gespräche und Beratungen bestimmt. So prägte der Spagat von Gemeinschaftserfahrung und Disput, von Gebet und Diskurs die Tage – und dies auf der Grundlage einer „gegenseitigen Wertschätzung“, wie es einige „PGRler“ teils als Wunsch, teils als Resümee auf die Plakatwände schrieben.

Einer nicht geringen Zahl an Delegierten war dies freilich zu wenig. So machte sich etwa ein Delegierter der Diözese Eisenstadt bei der Präsentation der Situation in seiner Diözese mit der Forderung nach „tiefgreifenden Reformen“ Luft. Die Pfarrgemeinderäte verweigerten mittlerweile den Bischöfen in wichtigen Fragen die Gefolgschaft – und dies seien schließlich „nicht irgendwelche Leute, sondern die Treuesten der Treuen, ohne die die Priester in den Pfarren auf verlorenem Posten wären“. Da kam es wohl auch nicht ungelegen, dass der Eisenstädter Diözesanbischof Paul Iby unlängst in einem Interview sich für die Priesterweihe von „viri probati“ – verheirateten „bewährten Männern“ – als Option aussprach. „Iby, yes we can“, las man entsprechend an den Plakatwänden.

Auch die Vertreter der Jugend nutzten das Form, um sich mit offenen Fragen an die Bischöfe zu wenden: „Wann waren Sie zuletzt in einem Jugendzentrum? Wann haben Sie mit Jugendlichen zuletzt über Gott diskutiert? Haben Sie etwa Angst davor?“ Standing Ovations vonseiten der Delegierten, zum Teil betretenes Schweigen vonseiten der Bischöfe.

Nachdenklich zeigte sich auf die Eingaben aus den Diözesen und von der Jugend Kardinal Schönborn. „Ich gestehe, ich habe sehr gelitten – aber es war ein heilsames Leiden, weil es die Realität war. Wir gehen durch einen unerbittlichen Veränderungsprozess. Und es schmerzt, weil es einen Abschied von vielem bedeutet. Wir müssen erst noch lernen, mit dieser neuen Situation umzugehen.“

Die Bischöfe reagierten ihrerseits mit einem großen Maß dialogischen Entgegenkommens und mit Zusagen: Man wolle den Dialog weiterführen, bei der kommenden Sommervollversammlung über die Frage der Wertung der Sexualität als Geschenk und Gabe diskutieren, auch sollen konkrete Vorschläge für die seelsorgerische Begleitung von Geschiedenen und Wiederverheirateten erarbeitet werden. Kein Wort indes von einer Verankerung etwa größerer Leitungsverantwortung in einer neuen Pfarrgemeinderatsordnung.

Zufriedene Erschöpfung

„Das ist auch nicht nötig“, sprang den Bischöfen eine Delegierte zur Seite. „Wir verschaffen uns schon Gehör bei den Pfarrern – und außerdem wissen diese, dass ohne uns sowieso nichts mehr geht in den Pfarren.“

Am Ende herrschte zufriedene Erschöpfung – unter den Delegierten wie unter den Bischöfen. War das „offene Mikrofon“ am Vortag noch Lautverstärker von enttäuschten Hoffnungen, so wurde es am Samstag doch noch zu einem Ort des „konstruktiven Miteinanders“, wie es ein „PGRler“ formulierte. Kardinal Schönborn fand dazu die Formulierung, die österreichische Kirche sei „in Mariazell weiter zusammengewachsen“.

Ob dieses Zusammenwachsen genügt, um auf die weiterhin offenen Flanken etwa in Fragen der Gemeindeleitung angemessen zu reagieren, muss zunächst offen bleiben – zumindest bis nach der Wahl der neuen Pfarrgemeinderäte im Jahr 2012. Dann nämlich soll der Dialog weitergehen; auf dass endlich Glut werde, was so lange schon schwelt.

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