Aufbruch: Ja. Aber von Durchbruch keine Spur

Deutscher Katholikentag in Mannheim: Strittige Fragen wurden mit großer Ernsthaftigkeit diskutiert. Konkrete Veränderungen sind aber weiter nicht in Sichtweite.

An vielen Stellen der Innenstadt weisen große rote Rucksäcke den Weg. Bunt geschmückte Pilgerstäbe prägen das Straßenbild, stehen symbolisch für das Motto "Einen neuen Aufbruch wagen“. Doch wohin soll der Aufbruch führen, mit wem und wozu? Darauf gab der 98. Deutsche Katholikentag in Mannheim nicht immer ganz eindeutige Antworten.

Klar ist: Ein Aufbruch ist notwendig, weil die Kirche in Deutschland nach dem Missbrauchsskandal 2010 tief in der Krise steckt. Das schwierige Thema ist, so der Trierer Bischof, Stephan Ackermann, nach wie vor nicht "durch“. Der Religionssoziologe Franz-Xaver Kaufmann bescheinigt der Hierarchie gar "eine offenkundige Verlegenheit“ angesichts des Skandals: "Die kirchliche Herrschaftsideologie ist im Barockzeitalter stecken geblieben. Es herrscht ein wohlwollender Paternalismus“, so Kaufmann. Die Sakralisierung des Papsttums und des Klerikerstandes sowie die zunehmende Zentralisierung der Kirche führten zur rückläufigen Zustimmung in Deutschland.

Unverblümte Worte der Politiker

Andere Professoren stimmen der schonungslosen Analyse zu. So sieht der Salzburger Dogmatiker Hans-Joachim Sander einen massiven Reformbedarf in der katholischen Kirche. Der Grazer Theologe und FURCHE-Kolumnist Rainer Bucher fordert die Kirche zur "Solidarität mit den Existenzproblemen der Menschen heute“, nämlich aller, "die anders fühlen und leben“, auf.

Neben den Professoren finden in Mannheim Politiker die klarsten Worte. Insbesondere Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) übt heftige Kritik am Zustand der Kirche, der er Stagnation statt Aufbruch und einen Vorrang der Dogmatik vor der Seelsorge bescheinigt. Die Laien seien faktisch entmündigt, die deutschen Bischöfe gäben ihre Einsichten "an der Klosterpforte des Vatikan“ ab. Lammerts Vize Wolfgang Thierse (SPD) ist nicht weniger deutlich: "Der Klerus ist in seiner Glaubwürdigkeit tief erschüttert.“ Und er widerspricht dem Papst, der der deutschen Kirche während seines Deutschlandsbesuchs 2011 zur "Entweltlichung“ geraten hatte. "Was eine entweltlichte Kirche ist, habe ich in der DDR erlebt. Denen, die diese Idylle erhoffen, sollten wir gelegentlich widersprechen“, so Thierse unverblümt.

Die Sichtweise der meisten deutschen Bischöfe bringt Kardinal Walter Kasper prägnant auf den Punkt. Zwar räumt der emeritierte Kurienkardinal ein, die Kirche Mitteleuropas durchleide zurzeit ihren größten Umbruch seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Missbrauchsskandal sei aber nur Anlass, aber nicht Ursache der schwierigen Situation: "Das eigentliche Problem ist, dass die Gottesfrage überhaupt nicht mehr interessant ist.“ Deswegen fordert Kasper wie andere Bischöfe, die Gottesfrage neu in den Mittelpunkt zu rücken, und warnt die Kirche vor einer "Überanpassung an die Welt“. Erstaunen löst der Kardinal mit seiner Vorhersage aus, die Gestalt der Kirche in 20 Jahren werde sich "mit kleinen, von Laien getragenen Hauskirchen und Basisgemeinschaften in einer legitimen Vielfalt“ wieder mehr der Urkirche annähern. So berechtigt solche Analysen sind, so sehr hat man den Eindruck, dass die Verweise auf eine Gottes- und Glaubenskrise von den gewaltigen Strukturproblemen der Kirche ablenken sollen.

Immerhin: Mehrere Bischöfe versichern, dass sie an einer Verbesserung der Lage von wiederverheirateten Geschiedenen arbeiten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der gastgebende Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, bestätigt in Gesprächen, dass er darüber mit verschiedenen Stellen intensiv im Gespräch sei, und auch der Osnabrücker Franz-Josef Bode verspricht, sich dafür einzusetzen, dass diese Frage in ihrer ganzen Differenziertheit erneut angesprochen werde. Selbst bei Benedikt XVI. gibt es nach Einschätzung Bodes eine hohe Sensibilität für diese Frage.

Eines der wichtigsten Themen in Mannheim ist die Situation in den Pfarrgemeinden. Denn dort steht die Zukunft der Strukturen im Zentrum der Debatten. In allen 27 Bistümern werden Gemeinden zu großen pastoralen Räumen zusammengelegt. Doch diese Weichenstellungen, eigentlich die wichtigste Frage der Pastoral, werden nirgendwo bundesweit diskutiert, weil jeder Bischof auf die Eigenverantwortlichkeit für seine Diözese pocht. Mannheim bietet da ein Forum, sich endlich einmal über den eigenen Tellerrand hinweg auszutauschen.

Debatten mit und über Pfarrer-Initiative

Auch der "Aufruf zum Ungehorsam“ der österreichischen Pfarrer-Initiative und der Auftritt ihres Sprechers Helmut Schüller sorgen für Aufregung. Schüller tritt am Rande des offziellen Katholikentags auf, wobei das veranstaltende Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) betont, der Priester-Rebell aus Österreich sei nicht ausgeladen worden. Schüller verteidigt seinen "Aufschrei des Ungehorsams“ mit der Begründung, innerkirchlicher Dialog sei oft nur ein Gnadenakt. Er wirft seiner Kirche einen Retro-Kurs im Stil einer absolutistischen Monarchie vor und fordert reformorientierte Bischöfe auf, sich stärker untereinander zu vernetzen.

Hat es also in Mannheim einen Aufbruch gegeben? Ja und nein. Die Veranstalter haben die Latte mit dem Motto sehr hoch gelegt. Ein "frohes Glaubensfest“ (Erzbischof Zollitsch) und ein "intensiver Katholikentag“ (Zdk-Präsident Alois Glück) war es durchaus. Sicher gab es in Mannheim auch eine "beachtliche Gesprächskultur“ (Glück), denn in den 1200 Veranstaltungen wurde mit großer Ernsthaftigkeit engagiert diskutiert und gerungen, ohne dass jemand niedergeschrien worden wäre. Fest steht: Der wirkliche Durchbruch, die eigentlichen Veränderungen in vielen strittigen Fragen aber blieben - fast zwangsläufig aus. Sollte sich da in absehbarer Zeit nichts bewegen, sind große Enttäuschungen, Resignation und Rückzug aus der Kirche bei vielen aktiven Laien vorprogrammiert.

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