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Eine unangenehme Übergangssituation

Deutschlands katholische Kirche ist eine wohlgeordnete religiöse Großinstitution. Dennoch lugt Verunsicherung aus allen Knopflöchern hervor. Auch der Pontifikatswechsel zu Franziskus stellt die Frage nach dem Weg der deutschen Kirche neu. Eine Analyse.

Die katholische Kirche in der Bundesrepublik ist eine wohlgeordnete religiöse Großinstitution mit stabilen Beziehungen zum Staat und einer komfortablen Finanzausstattung. Das ist allerdings nur die eine Seite der Medaille: Gleichzeitig schaut ihr die Verunsicherung aus allen Knopflöchern, steckt sie in einer unangenehmen Übergangssituation, die auf allen Ebenen kirchlichen Lebens mit Händen zu greifen ist. Durch den Pontifikatswechsel vom deutschen "Theologenpapst“ Benedikt XVI. zu Franziskus, dem Jesuiten aus Lateinamerika, hat die Frage nach dem weiteren Weg der Kirche in Deutschland einen neuen Akzent bekommen.

Sechs Bischofsstühle vakant

In ihrer klerikalen Führungsetage steht ein größeres Revirement ins Haus, nachdem derzeit sechs Bischofsstühle neu zu besetzen sind, darunter das wichtige Erzbistum Köln. Die jüngste Vakanz ist durch den Rücktritt des erst seit 2007 amtierenden Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst entstanden, den der Papst am 26. März angenommen hat. Dem Ansehen des bischöflichen Amtes und der katholischen Kirche insgesamt in Deutschland haben die Vorgänge um den Bischof von Limburg und sein kostenmäßig massiv aus dem Ruder gelaufenes Diözesanzentrum ebenso geschadet wie vor einigen Jahren die um den damaligen Augsburger Oberhirten Walter Mixa, der 2010 aus anderen Gründen zurücktreten musste.

Kurz vor dem unvermeidbar gewordenen Rücktritt von Tebartz traf sich die Deutsche Bischofskonferenz zu ihrer Frühjahrs-Vollversammlung, bei der u. a. turnusgemäß ein neuer Vorsitzender zu wählen war. Die Wahl fiel auf den Münchener Erzbischof, Kardinal Reinhard Marx, von Haus aus Sozialethiker; er war vor sechs Jahren, als es um die Nachfolge von Kardinal Karl Lehmann als Konferenzvorsitzenden ging, dem bis dato über seine Diözese hinaus kaum bekannten Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch unterlegen.

Zollitsch kommt das Verdienst zu, als Reaktion auf die Missbrauchskrise des Jahres 2010 einen überdiözesanen Gesprächsprozess in der katholischen Kirche der Bundesrepublik angestoßen zu haben. Es haben bislang in diesem Rahmen drei Jahrestreffen stattgefunden, unter Beteiligung von Vertretern aus allen Bistümern, von Bischöfen, Priestern, Ordensleuten und Laien. Inhaltliches Profil hat der Prozess nur begrenzt gewinnen können; er diente eher dem Dampfablassen und dem unverbindlichen Austausch über innerkirchliche Problemfelder, etwa die Rolle der Frauen im kirchlichen Leben oder die Gottesdienstgestaltung.

Das seit Jahr und Tag nicht nur in der katholischen Kirche in Deutschland schwelende Problem des Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen kam im Gesprächsprozess prominent zur Sprache und soll demnächst in einer "Argumentationsskizze“ der Deutschen Bischofskonferenz behandelt werden, als Beitrag zur Vorbereitung der Vollversammlung der Bischofssynode im Oktober dieses Jahres. Die deutschen Bischöfe werden dabei vermutlich an den gut begründeten Vorstoß ihrer drei damaligen Mitbrüder Kasper, Lehmann und Saier von 1993 anschließen.

Es war darüber hinaus bemerkenswert, dass die Deutsche Bischofskonferenz die Auswertung der in ihren Diözesen eingegangenen Antworten auf die Fragen des vatikanischen Synodensekretariats zur Rezeption beziehungsweise Nichtrezeption der kirchlichen Lehre über Ehe und Familie veröffentlichte - anders als viele europäische Bischofskonferenzen. Der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller (vor seiner Berufung an die Kurie durch Benedikt XVI. Bischof von Regensburg) ist demgegenüber erkennbar darum bemüht, die Bedeutung dieser präzendenzlosen Umfrage vor einer Synode und ihrer Ergebnisse herunterzuspielen.

Katholikentag in Regensburg

Gerhard Ludwig Müller hatte noch als Bischof von Regensburg den Deutschen Katholikentag für 2014 in seine Bischofsstadt eingeladen. 2012 war der Katholikentag in Mannheim, der größten Stadt der Erzdiözese Freiburg, zu Gast. Die Katholikentage werden zusammen mit dem jeweiligen Bistum vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken veranstaltet - einem der traditionellen Markenzeichen der deutschen Kirche.

Dieses Gremium aus Vertretern der diözesanen Räte, der katholischen Verbände und auch der geistlichen Gemeinschaften, ergänzt durch Einzelpersönlichkeiten, tut sich allerdings erkennbar schwer mit seiner faktischen Doppelrolle, einerseits den innerkirchlichen Dialog zu fördern und andererseits die Stimme der katholischen Laien im öffentlichen Diskurs zu bündeln. Das zeigt sich jetzt auch an dem Programm, das man für den Regensburger Katholikentag unter dem betulich-frommen Motto "Mit Christus Brücken bauen“ zusammengestellt hat. Aufregen wird es mit einiger Sicherheit niemanden, schon gar nicht in der allgemeinen Öffentlichkeit.

Intellektuelle Auszehrung

Auf Laienseite wie beim Klerus macht sich immer stärker das Abschmelzen des Reservoirs für kirchliche Führungskräfte bemerkbar. Der Priesternachwuchs in Deutschland ist spärlich, und der Blick auf viele Kandidaten mit ihrer Harmlosigkeit bis Verschrobenheit stimmt für die kommenden Jahre wenig hoffnungsfroh. Gleichzeitig fehlt es an jüngeren Laienchristen, die in die Fußstapfen von Persönlichkeiten wie beispielsweise Hans Maier ("homme de lettres“ und früher bayerischer Kultusminister), Bernhard Vogel (früherer Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und Thüringen) oder Erwin Teufel (früherer Ministerpräsident von Baden-Württemberg) treten können. Die katholische Kirche in der Bundesrepublik leidet insgesamt unter einer intellektuellen Auszehrung, nicht zuletzt auf dem ureigenen und unverzichtbaren Feld der wissenschaftlichen Theologie.

In diese Situation trifft die Aufforderung von Papst Franziskus zu einem neuen Schwung bei der Evangelisierung, zum sensiblen Zugehen auf alle Menschen. Sie erwischt die Kirche in Deutschland auf dem falschen Fuß, in einer Phase der oft frustrierenden Umstrukturierungen in der Pastoral. Da haben es geistliche Impulse schwer, selbst wenn sie von überzeugenden Persönlichkeiten kommen.

Der Autor ist Chefredakteur der "Herder Korrespondenz“

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