Was den Papst in Deutschland erwartet

Papa ante portas: Von 22. bis 25. September besucht Benedikt XVI. seine deutsche Heimat. Er kommt in ein ganz anderes Deutschland als jenes, das er 1981 verlassen hat.

Berlin, Erfurt, Freiburg: Schon die Wahl der Orte der Visite Benedikts XVI. spiegelt deutsche Realität wider, denn es sind drei verschiedene Welten: In der völlig säkularisierten Hauptstadt, wo der Papst auch mit Bundespräsident Christian Wulff und Kanzlerin Angela Merkel zusammentreffen wird, sind Katholiken eine verschwindende Minderheit. Mit Protesten, etwa von schwul-lesbischen Organisationen, wird deswegen gerechnet.

Die zweite Station - Erfurt - liegt im Kernland der Reformation. Ausdrücklich hatte der Papst im Vorfeld persönlich interveniert und mehr Zeit für ökumenische Begegnungen erbeten. Nach dem Besuch des Mariendoms in Erfurt wird er im Augustinerkloster, wo Martin Luther wirkte, mit evangelischen Repräsentanten zusammentreffen. Darauf folgt noch ein Abstecher in den Marienwallfahrtsort Etzelsbach.

Aber auch Thüringen ist tiefste Diaspora: Der Anteil der Katholiken beträgt gerade einmal acht Prozent. Die neue Ministerpräsidentin, Christine Lieberknecht, von 1984 bis 1990 Pastorin, will dem Papst ihre Diplomarbeit überreichen. Der Erfurter Bischof Joachim Wanke, ein gelernter Neutestamentler, plädiert dafür, die Situation wachsender Konfessionslosigkeit als "Gotteskrise zu begreifen, als Krise eines zu klein und zu harmlos gedachten Gottes“.

Am Vormittag des dritten Besuchstages wird der Papst in Freiburg im Breisgau eintreffen und 30 Stunden bleiben, bis er am Sonntagabend wieder nach Rom zurückfliegt. Benedikt XVI. kann im Südwesten Deutschlands zwar mit Sympathie rechnen. In eine "heile Welt“ kommt er aber auch dort nicht.

Keine heile katholische Welt mehr

Freiburg ist auch Bischofssitz von Erzbischof Robert Zollitsch (73), seit 2008 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, der sich als umsichtiger Trouble-Shooter erwiesen hat. Manche sagen, er laviere zu sehr. Doch immer wieder überrascht er auch, wie zuletzt mit seiner deutlich formulierten Prognose, er erwarte, "dass wir in der Frage der wiederverheirateten Geschiedenen weiterkommen werden - noch zu meinen Lebzeiten.“ Prompt stellte Nuntius Jean-Claude Périsset klar, an der Lehre der Kirche ändere sich nichts. Auch der Kölner Erzbischof, Kardinal Joachim Meisner, ging umgehend auf Distanz.

Der Papst kommt in ein ganz anderes Deutschland als jenes, das er als Erzbischof von München und Freising (1977-81) verlassen hat und das er als Theologieprofessor in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg erlebte. Bescheid weiß der Papst über seine Heimat - die Frage ist nur, wie gefiltert. Zuletzt nahm er sich im August über drei Stunden Zeit, um sich von den Bischöfen Zollitsch, Kardinal Reinhard Marx (München), Franz-Josef Bode (Osnabrück) und Franz-Josef Overbeck (Essen) ausführlich über den im Mai begonnenen "Dialog zur Zukunft der Kirche“ informieren zu lassen. Damit hatte die Bischofskonferenz auf das von ursprünglich 144 Theolog(inn)en veröffentlichte Memorandum "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“ reagiert.

Mehr als dreieinhalb Millionen Gläubige hat die katholische Kirche in den letzten 20 Jahren verloren, allein 2010 gab es 181.193 Austritte, eine Rekordzahl, die meisten davon in Bayern. Stark zurückgegangen ist auch die Zahl der Trauungen wie der Priesterweihen. Das Schrumpfen der Kirche löst nach wie vor Rat- und Sprachlosigkeit aus. Pfarrer resignieren, auch angesichts überhasteter XXL-Pfarrzusammenschlüsse, Bischöfe flüchten in Phrasen ("kleine Herde“, "Ende der Volkskirche“).

Deutschland ist ein Land der "Lebensabschnittsfrömmigkeit“ geworden. Die Kirchenbindung nimmt rapide ab, in Anspruch genommen werden kirchliche Serviceangebote nach Bedarf. In ein anderes Fahrwasser führt die Kirche als Event-Agentur.

Land der "Lebensabschnittsfrömmigkeit“

Mit Wolfgang Ipolt in Görlitz und Rainer Maria Woelki in Berlin gibt es zwar zwei neue Bischöfe der jüngeren Generation. Doch Woelki, zuvor Weihbischof in Köln und Doktor der römischen Opus-Dei-Uni, muss erst das Image abstreifen, ein Protegé von Kardinal Meisner zu sein. Ein Hoffnungsschimmer ist der Trierer Bischof Stephan Ackermann (48), der als Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz viel Sensibilität bewiesen hat. Daneben gibt es eine Reihe von Scharfmachern unter Bischöfen, denen Ambitionen auf Höheres nachgesagt werden, zumal Kardinal Meisner und Kardinal Karl Lehmann (Mainz) die Altersgrenze von 75 überschritten haben. Die Bischöfe stehen unter doppeltem Legitimationsdruck: Die Basis drängt und lässt sich nicht länger mit autoritären Phrasen bevormunden. Und Rom mauert - wobei damit oft eher die mittleren Chargen des Vatikans gemeint sind.

Ein "Wort der Ermutigung“ wird der Papst nach Auskunft des Schweizer Kurienkardinals Kurt Koch im Osten sagen. Er werde die Rolle der ostdeutschen Katholiken zur friedlichen Revolution 1989 würdigen. Ulrich Ruh, Chefredakteur der Herder Korrespondenz, schrieb: "Benedikt XVI. ist von seinem intellektuellen und theologischen Zuschnitt ein ausgesprochen, europäischer‘ Papst. Mit diesem Pfund kann er gerade auch in seinem Heimatland wuchern - wenn er die richtigen Worte findet.“

Dazu hat er bei diesem Besuch reichlich Gelegenheit: vor den Abgeordneten im Bundestag, mit der jüdischen Gemeinde und Vertretern des Islam in Berlin, mit orthodoxen und evangelischen Christen in Berlin und Erfurt, mit Verfassungsrichtern und katholischen Intellektuellen in Freiburg.

Besuch nicht überfrachten

Wird es Überraschungen geben? Manche rätseln, ob sich der Papst mit Missbrauchsopfern treffen wird. Man wünscht es sich, aber auch, dass ein solches Treffen erst hinterher publik wird. Kardinal Meisner meinte im Vorfeld, Benedikt XVI. Nachhilfe geben zu müssen: Er erwarte eine kompromisslose Verkündigung des Glaubens. Der Papst solle die Botschaft "ja nicht verdünnen, um auch den Kritikern der Kirche zu gefallen“.

"Wir dürfen diesen Besuch nicht überfrachten und überfordern mit zu vielen Erwartungen“, meinte Zollitsch dagegen in der Wochenzeitung Die Zeit. Der Papst selber habe davor gewarnt: "Sie können nicht davon ausgehen, dass einen Tag nach meinem Besuch alles anders ist in Deutschland.“

Journalisten wie Alexander Kissler und Matthias Matussek oder der Schriftsteller Martin Mosebach ("Häresie der Formlosigkeit“) wittern vielleicht die Chance zu einem konservativen Aufbruch. Constantin Magnis, Reporter bei Cicero und Herausgeber des Buchs "Generation Credo“, bringt ein Dilemma auf den Punkt, das so harmlos nicht ist, und er polarisiert, wenn er meint, die ältere Generation diskutiere Reformpapiere aus den 70ern, während Jüngere den "katholischen Markenkern“ entdeckten: "Und wenn der Papst nach Deutschland kommt, wird es der U50-Generation weniger um Thesenpapiere, Strukturdebatten, Dialogprozesse und Reformagenden gehen, sondern doch auch und vor allem um die Frage nach dem lieben Gott. Und der Papst, soviel ist sicher, wird liefern.“ Das Motto des Papstbesuchs klingt da fast wie eine Beschwörung: "Wo Gott ist, da ist Zukunft“.

Der Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift "Stimmen der Zeit“ und leitet in München das Karl-Rahner-Archiv.

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