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Wo das Lehramt zuviel schweigt

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Die Stimmung unter Deutschlands Katholiken schwankt: Während die Kardinalserhebung der Bischöfe Lehmann und Kasper erfreut aufgenommen werden, bleibt vieles unerledigt - weil sich Rom taub stellt.

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Die Stimmung unter Deutschlands Katholiken schwankt: Während die Kardinalserhebung der Bischöfe Lehmann und Kasper erfreut aufgenommen werden, bleibt vieles unerledigt - weil sich Rom taub stellt.

Mit den jüngsten Kardinalsernennungen ist ein Drittel der Mitglieder dieses "Senats" der katholischen Kirche neu berufen worden. Fünf Prozent stammen nun aus Deutschland. Zuviel? Gemessen etwa an den Italienern, die nahezu ein Drittel der Papstwahlberechtigten und obersten Mitarbeiter der vatikanischen Behörden stellen, wohl nicht. Die Deutschen bilden nicht den Nabel der Weltkirchenwelt. Bescheidenheit tut gut. Doch sollte man nicht geringachten, in welches globale Beziehungsnetz die Kirche Deutschlands hineingeknüpft ist. Finanzstarke Bistümer und Hilfswerke erleichtern das. Wichtiger sind die vielen persönlichen ökumenisch-internationalen Kontakte sowie Solidaritätsnetze von unten bis oben. Nach wie vor werden die kulturellen - darunter philosophischen und theologischen - Leistungen aus dem deutschen Sprachraum weltweit hoch geschätzt. Das gibt Stimmen aus dem Ursprungsland der Reformation Gewicht im polaren Geflecht des Katholischen.

Die vier Neuen Die Ernennung des Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Karl Lehmann, sowie des im vatikanischen Einheitsrat leitend tätigen Walter Kasper zu Kardinälen hat viele überrascht, gefreut. Beide wollen einen umsichtig-reformorientierten Weg der offenen Mitte. Beide sind als Mittler diplomatisch bewandert, auch im Streit, mit Machtinstinkt. Beide sind Ökumeniker von Rang. Sie wollen die Einheit in versöhnter Verschiedenheit gegen konfessionalistische Neigungen voranbringen. Sie sind international anerkannte Theologieprofessoren, nicht nur als Seelsorger erfahren, sondern ebenso in der Welt der Wissenschaft beheimatet, am Puls der geistesgeschichtlichen Debatten, vertraut mit Lebensgefühlen, welche die Gottesfrage ganz neu stellen lassen, oft außerhalb der engen Kirchenmilieus. Die andere Konstellation wird es Rom nicht mehr so leicht machen, selbstverschuldeten Reformstau als deutsches Sonderproblem abzutun.

Papst Johannes Paul II. hat die Akzente für seinen Nachfolger gesetzt. Seine Vorliebe für Förderer sogenannter geistlicher Bewegungen ist nicht zu übersehen. Mit der Ernennung des aus Oberschlesien stammenden achtzigjährigen Münchener Theologen Leo Scheffczyk hat der polnische Bischof von Rom einen - allerdings nicht mehr papstwahlberechtigten - Gelehrten berufen, der dem Opus Dei nahesteht und einen traditionell orientierten Initiativkreis von Laien und Priestern berät. Mit dem zur Kardinalswürde erhobenen Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt verbindet Johannes Paul II. eine geistliche, theologische und pastorale Seelenverwandtschaft. So bilden die deutschen Ernennungen etwas von der Bandbreite der Weltkirchenlandschaft ab. Dass der mehrfach übergangene, von den Vatikanbehörden teilweise gedemütigte Lehmann aufrückt, ist schon eine Sensation. Es scheint etwas in Bewegung geraten zu sein, vorsichtig, zaghaft, noch diffus - aber nicht wirkungslos. In der vatikanischen Führung, die monolithisch regierte, scheinen Überraschungen möglich. Sind Minderheiten des Kardinalskollegiums mehrheitsfähig? Die Kirchengeschichte bleibt wie alles Historische offen.

Aus deutscher Sicht hegt man keine Illusionen. Lange hat Rom einseitig auf traditionsorientierte Ansichten Einzelner und kleiner Grüppchen gehört. Dagegen wurden die zukunftsweisenden Mehrheitsbeschlüsse der Würzburger Synode aller westdeutschen Bistümer Anfang der siebziger Jahre vom Vatikan bis heute liegengelassen, ignoriert. Hier wuchsen die Wurzeln des gesteigerten Unmuts, der in Deutschland dazu führte, sich dem Kirchenvolks-Begehren Österreichs anzuschließen. Kritik kam nicht mehr bloß von Rebellen an den Rändern, sondern aus der Mitte des Gottesvolks, von gemäßigten, eher konservativen Gläubigen, die sahen, dass es nicht mehr weitergeht mit dem "Einfach weiter so!" oder gar: "Zurück!". Schmerzhaft war, dass dabei schleichend vielen Bischöfen das Vertrauen entzogen wurde, die helfen wollten, aber nicht helfen konnten und händeringend immer wieder sagten: das sei allein weltkirchlich zu lösen. So trauten die Gläubigen ihren eigenen Hirten immer weniger zu, dass sie wirklich kämpfen für das, was sie selbst als richtig erachten. Mängel werden verwaltet, nicht beseitigt. Das war die Grenze der Diözesansynoden und Pastoralforen.

Dabei geht es nicht allein um die üblichen kirchlichen Unterhaltungsthemen. Die Gottesfrage steht zur Debatte. Wie wird Glauben glaubwürdig von der Biowissenschaft bis zur Hirnforschung, von der Kosmologie bis zur Robotik. Auch in Kunst und Lebensgefühl geht die Welt voran, während sie religiös-kirchlich stehenbleibt.

Unseliger Streit Die Spannungen verschärften sich im unseligen Streit um die Schwangerschaftskonfliktberatung. Zuletzt hat der Vatikan die Mehrheit der deutschen Ortsbischöfe gegen deren Einsichten gezwungen, ihre begründete Gewissensentscheidung zu ändern: Seit Beginn des Jahres sind alle Bistümer aus dem staatlich vorgesehenen System der Beratung ausgestiegen und versuchen, eigene Hilfen aufzubauen. Sie stellen nicht mehr jene umstrittene Gesprächsbestätigung aus, die von der Frau zu einer straffreien, allerdings rechtswidrigen Abtreibung benutzt werden kann, falls sie sich trotz aller Hilfsangebote, das Kind auszutragen, doch dagegen entschließt. Nur der Limburger Bischof Franz Kamphaus hat nach beharrlicher Weigerung eine längere Entscheidungsfrist bis Jahresende erhalten. Er ist weiter davon überzeugt, auf seinem Weg mehr Frauen erreichen und mehr Ungeborene retten zu können.

Die Unverhältnismäßgkeit der lehramtlichen Reaktionen war rational nicht zu begreifen. Im deutschen Sonderfall der Abtreibungsregelung handelte der Vatikan hartnäckig, rührig, energisch. Doch in vielen bedrängenden Sorgen um die Glaubensentwicklung, welche Theologen und Bischöfe seit Jahrzehnten in Rom vortragen, werden die Dinge auf die lange Bank geschoben - von Bitten und Überlegungen, wie man dem Priestermangel vielleicht doch abhelfen könnte, bis zur eucharistischen Gastfreundschaft und blockierten Liturgiereform. Das Lehramt stellt sich taub, schweigt, möchte das aussitzen, lässt die Gläubigen bei gravierenden weltkirchlichen Problemen, wo höchste Verantwortlichkeit und Entscheidungskraft gefordert ist, im Stich. Doch die Laien brauchen und wollen das Lehramt - gerade dort, wo es sich am stärksten versagt.

Kommt die Wende? Im kurialen Kräftespiel haben inzwischen Persönlichkeiten Sitz und Stimme erhalten, welche die Einseitigkeiten nicht widerspruchslos hinnehmen. Dass Walter Kasper zum Verhältnis von Universalkirche und Ortskirche Stellung gegen Ansichten Kardinal Ratzingers bezog und sich über die missratene Erklärung "Dominus Iesus" ungehalten zeigte, ist ebenfalls ein Signal. Gewiss: der Glaube wächst aus den Seelen der Menschen, nicht aus Kirchenleitungen. Diese aber können zu einer Atmosphäre beitragen, in der das Christsein einem modernen Menschen eher als einsichtig und vernünftig erscheint. Nach dem Vertrauensverlust gegenüber dem Lehramt ist Vertrauensgewinn möglich - auch in Deutschland. Die Stimmung schwankt.

Der Autor ist Chefredakteur der bei Herder/Freiburg erscheinenden Wochenzeitschrift "Christ in der Gegenwart" und BuchHerausgeber, zuletzt: "Christsein 2001. Erwartungen und Hoffnungen an der Schwelle zum neuen Jahrtausend", 1998, und "Mehr Himmel wagen. Spurensuche in Gesellschaft, Kultur, Kirche", 1999.

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