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Reise in die Heimat -Fahrt ins Ungewisse

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„Ein Seelenhirt, der nichts von Diplomatie und schon gar nichts von Verhandlungen mit Kommunisten hält; ein neuer Papst aus Polen, also das Ende der alten vatikanischen Ostpolitik“ - in solche simplen Formeln, die kurz nach der Papstwahl letzten Herbst noch da und dort herumgereicht wurden, wagten schon bald auch die blindesten Kritiker päpstlicher Pastoraldiplomatie ihre Erwartungen nicht mehr zu kleiden.

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„Ein Seelenhirt, der nichts von Diplomatie und schon gar nichts von Verhandlungen mit Kommunisten hält; ein neuer Papst aus Polen, also das Ende der alten vatikanischen Ostpolitik“ - in solche simplen Formeln, die kurz nach der Papstwahl letzten Herbst noch da und dort herumgereicht wurden, wagten schon bald auch die blindesten Kritiker päpstlicher Pastoraldiplomatie ihre Erwartungen nicht mehr zu kleiden.

Jetzt, nach siebeneinhalb Monaten, weiß alle Welt, daß Johannes Paul II., der an diesem Wochenende - begleitet von seinem neuen Staatssekretär Casaroli, dem „Architekten“ der Ostpolitik Pauls VI. - nach Warschau reist, von den katholischen Bischöfen und der kommunistischen Staatsspitze gemeinsam begrüßt, den Weg seiner Vorgänger weitergehen will: in eigenem Stil, doch mit den gleichen Methoden und Mitteln, mit unverändertem Ziel.

Schon bei seinen ersten Begegnungen mit dem diplomatischen Korps des Vatikans (am 20. Oktober 1978 und am 12. Januar 1979) hatte Papst Wojtyla alle Zweifel zerstreut und seinen „Willen zum Dialog“ mit den verantwortlichen Politikern aller Welt, ja zum Ausbau der diplomatischen Beziehungen des Vatikans bekundet- besonders mit katholischen Ländern (wobei er an Polen dachte), „aber auch mit anderen“.

Dies bedeute „nicht notwendig die Billigung dieses oder jenes Regimes -das ist nicht meine Sache“, so beugte er jeder Mißdeutung vor und beharrte darauf, daß „Diplomatie und Verhandlungen auch für den Heiligen Stuhl ein bewährtes Mittel sind, um an die moralischen Kräfte der Völker zu appellieren“, ohne dabei seine „pastorale Rolle“ zu verlassen. Als Ermutigung notierte er die Glückwunschbotschaften, die ihm aus aller Welt zugegangen waren, „besonders aus den Ländern des (europäischen) Ostens“, die alle (mit Ausnahme Rumäniens und Albaniens) bei der Amtseinsetzung von Papst Wojtyla offiziell vertreten waren.

Was ihm als Erzbischof von Krakau zuweilen undurchsichtig erscheinen mochte, das erkannte er nun - nach Durchsicht der internen Vatikanakten - ganz deutlich: daß die päpstliche Diplomatie „größtenteils befriedigende Ergebnisse“ aufzuweisen hat, daß jedoch die Religionsfreiheit „bestimmter Lokalkirchen und Riten viel zu wünschen übrig läßt, wenn man sie nicht überhaupt als beklagenswert bezeichnen muß“.

Elastisch gab Papst Wojtyla zu verstehen, daß auch er bereit ist, „den Wandlungen der gesellschaftlichen Realitäten und Mentalitäten in den verschiedenen Staaten Rechnung zu tragen“, doch beharrlich wie seine Vorgänger besteht er darauf, daß den Gläubigen nicht nur die Kult freiheit gesichert wird, daß sie vielmehr „als loyale Bürger Zugang zur vollen Teilnahme am gesellschaftlichen Leben erhalten“.

Mit solcher Forderung sind neuralgische Punkte aller östlichen Regime berührt - das weiß dieser Papst noch besser als alle seine Vorgänger. Auch sie hatten ihre kommunistischen Verhandlungspartner niemals

„falsch eingeschätzt“ (wie ihnen aus Unkenntnis oft unterstellt wurde); sie hatten sich mancherorts - wie etwa in der Tschechoslowakei - eben deshalb für „kleinere Übel“ entschieden, weil ihnen die „größeren“ nur allzu gegenwärtig waren. Der Papst aus Polen nun weiß zwar, daß die Stärke seiner Heimatkirche unvergleichbar mit der anderer Kirchen Osteuropas ist, doch er schöpft aus seiner polnischen Herkunft auch die Kraft, vatikanische Ostpolitik unbefangener, selbstsicherer fortzusetzen.

Schon bei den ersten Begegnungen mit kommunistischen Regierungsvertretern nach seiner Amseinfüh-rung ließ er sie spüren, was einer von ihnen als „entwaffnend“ bezeichnete. „Haben Sie schon auf das Telegramm von Generalsekretär Breschnew geantwortet?“ fragte ihn mit holpernder Unsicherheit der römische Sowjetbotschafter. Der Papst ging lächelnd über die Frage hinweg: „Ich bin ein großer Bewunderer der russischen Kultur und kenne die Bedeutung der Sowjetunion für den Frieden der Welt.“

Der Zufall wollte es, daß am 28. Oktober 1978 DDR-Außenminister Oskar Fischer als erster östlicher Politiker in Privataudienz empfangen wurde. Schon zehn Tage vorher war der neue Papst vom Bonner Abgeordneten Alois Mertes anzüglich und schulterklopfend ermahnt worden, es sei doch wohl „kaum anzunehmen“, daß er Forderungen Ostberlins nachgebe. Doch Papst Wojtyla kam seinem DDR-Besucher auf so freundliche Art entgegen, daß dieser gar nicht dazu kam (oder diplomatisch darauf verzichtete), gleich mit Wünschen ins Haus zu fallen.

In der DDR, dem einzigen kommunistisch regierten Land, wo Bischofsernennungen keiner staatlichen Genehmigung bedürfen, ist die Lage der katholischen Kirche so relativ gut, daß dem Vatikan, aber auch dem Berliner Kardinal Bengsch, eine Absicherung wünschenswert erscheint- freilich „zu gegebener Zeit“. Aus dem ähnlichen Motiv, das schon Erreichte „festzunageln“ aber auch um die Kontinuität vatikanischer Ostpolitik zu unterstreichen, nutzte Johannes Paul II. den Besuch des bulgarischen Außenministers Petar Mladenov, der am 14. Dezember mit schwarz verschleierter Gattin in den Vatikan kam. Der Papst sagte:

„Als Nachfolger Papst Pauls VI. erinnere ich an den Besuch, den ihm vor drei Jahren seine Exzellenz Herr Todor Schiwkov abstattete. Das war der Anfang eines gemeinsamen, nicht unfruchtbaren Suchens nach Lösungen... Ich freue mich, Herr Minister, über die schon erreichten Fortschritte ... Sie wissen, daß die katholische Kirche - auch: in Bulgarien-keine Privilegien anstrebt, aber sie braucht, wie überall, etwas Lebensraum, um ihren religiösen Auftrag zu erfüllen und - gemäß ihrer besonderen Natur und mit den ihr eigenen Mitteln - für die integrale und friedliche Entwicklung des Menschen, aller Menschen zu arbeiten ...“■

Den französischen Text dieser Ansprache ließ Papst Wojtyla gegen bisherige protokollarische Sitte (und deshalb zur Überraschung auch der Bulgaren) veröffentlichen. Nachdem Schiwkov bei seinem Vatikanbesuch 1975 einige, seit Jahrzehnten offene Probleme der winzigen katholischen Diasporakirche in Bulgarien mit einem Federstrich positiv erledigt hatte, wollte Wojtyla nun die Gelegenheit nutzen, um über die Bulgaren auch dem „großen Bruder“ in Moskau ein Signal zu geben.

Dort verstand man es freilich so, daß die Sowjetbotschaft in Rom vorsorglich den Vatikan bat, keine Reden zu veröffentlichen, als Außenminister Gromyko am 24. Jänner 1979 zum erstenmal den polnischen Papst kennen- und (wie er später zu verstehen gab) respektieren lernte. So erübrigte sich für beide Seiten, das „heiße Eisen“ der päpstlichen Polenreise anzufassen - sie wurde nicht einmal erwähnt.

Den Sowjets war nicht entgangen, mit welcher Vorsicht, aber auch Entschlossenheit Wojtyla gewisse heikle Fragen anpackte.

Der ukrainische Kardinal Slipyj, der 1963 dank vatikanischer Ostpolitik aus sibirischer Verbannung befreit worden war und seitdem verbittert« im Vatikan sitzt, forderte den polnischen Papst am 3. November mit unverhüllt antirussischen Akzenten auf, er möge die Beziehungen zum Moskauer Patriarchat der orthodoxen Kirche „revidieren“, da der Dialog mit ihr auf „falschen Grundlagen“ beruhe.

Papst Wojtyla jedoch denkt nicht an einen solchen Bruch, der den Katholiken in Osteuropa schaden, aber auch die schmale Öffnung nach „Westen“, die sich die russische Orthodoxie in fünfzehn Jahren geschaffen hat, wieder versperren würde. Solche Folgen wären unvermeidlich, wenn der Papst den Wunsch Slipyjs erfüllen und ihn zum ukrainischen „Patriarchen“ ernennen würde. Deshalb ging Wojtyla mit keinem Wort auf diese seit Jahren immer wiederholte Forderung des Kardinals ein, als er am 19. März einen freundlichen Brief an Slipyj schrieb.

Der Papst bezeugte Respekt vor den leidvollen Erfahrungen Slipyjs, erinnerte aber auch an den „ökumenischen Geist“, mit dem sich die römische Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Andersgläubigen geöffnet hat. Das bedeute freilich, schrieb Wojtyla, daß „von unseren Brüdern der othodoxen Kirchen, deren Traditionen und Frömmigkeitsformen die katholische Kirche mit höchster Verehrung begegnet“, umgekehrt gleiches Verhalten gegenüber den östlichen Riten der Papstkirche erwartet werde - auch im Sinne der UN-Menschenrechts-De-klaration von 1948.

Alte, kaum vernarbte Wunden sollen also nicht vergessen, aber auch nicht aufgerissen werden. Wichtiger als konfessionelles, nationales oder politisches Prestige ist auch diesem Papst die Religionsfreiheit als solche und ihre friedliche Sicherung „unter jedem Regime“. Dazu ist nach römisch-katholischem Kirchenverständnis eine intakte Hierarchie, sind also Bischöfe unerläßlich und gar nicht überschätzbar - zumal dort, wo die kirchlichen Strukturen lange Zeit von den herrschenden Atheisten ausgehöhlt wurden.

So schickte der Papst schon bald nach seinem Amtsantritt den Sondernuntius Poggi wieder auf Reisen, zunächst zu Verhandlungen nach Ungarn - „als Dolmetscher unserer

Pastoralen Sorge“, wie es in einem Begleitbrief an den ungarischen Episkopat hieß. Am 4. April konnten vier, für Kirche und Regierung akzeptable Kandidaten zu Bischöfen ernannt und damit die ungarische Hierarchie als erste im Ostblock (ohne irgendwelche Zwischenlösungen, die es sogar noch in Polen gibt) vervollständigt werden.

Bedeutet all das viel oder wenig? Es sind Zeichen zumindest für Wirkungen, die von Papst Wojtyla, seinem Streben nach diplomatischer Kontinuität und seinen frischen Impulsen, ausgehen. Nicht zuletzt ist das in Polen zu spüren. Merkliche Änderungen im bislang stets komplizierten „Dreiecksverhältnis“ zwischen Regierung, Episkopat und Vatikan zwichnen sich hier ab. Ein polnischer Papst läßt sich weder gegen Polens Bischöfe ausspielen, noch können diese - wie es früheren Päpsten zuweilen widerfuhr - seine Sachkompetenz für Polen bezweifeln.

War die Neubesetzung des erzbischöflichen Stuhls von Posen im September 1978 erst nach über einjährigem Tauziehen möglich gewesen, so stimmte jetzt die Warschauer Regierung in kaum zwei Wochen dem Wunsch des neuen Papstes zu, einen ihr unbekannten Theologieprofessor, den engsten Freund Wojty-'las, Franciszek Macharski, zum neuen Erzbischof von Krakau zu ernennen.

Nach der neuntägigen Papstreise durch Polen wird dort vieles anders als vorher sein - „im Positiven oder im Negativen“, wie ein besorgter Vatikanprälat jüngst meinte. Vielleicht wird sich der bei den Reisevorbereitungen neu geknüpfte Kontakt von Staat und Kirche befestigen lassen, vielleicht wird ihn Moskau erschrok-ken einfrieren lassen - wie auch immer: dieses auch im Ost-West-Verhältnis säkulare Ereignis wird für die vatikanische Ostpolitik unabsehbare Folgen haben.

Am 10. Juni, wenn der Pontifex von den regierenden Kommunisten auf dem Krakauer Flugplatz freundlich oder- frostig verabschiedet wird und dann über die Tschecholowakei, diese ängstlich-verhärtete Bastion atheistischen Sektierertums, hinwegfliegt, wird man das Hauptresul: tat abschätzen können: Ob es gelun gen ist, die marxistisch verstandene „Einheit von Theorie und Praxis“ an einem empfindlichen Punkt - in der Religionsfrage - zu lockern, ohne sie spektakulär zum Einsturz zu bringen.

Karol Wojtyla hat in dieser Frage bislang stets dem gesunden Menschenverstand seiner Landsleute vertraut, auch dem Realismus der Kommunisten unter ihnen: Da laut Marx „Freiheit Einsicht in die Notwendigkeit“ ist (so erklärte er dem Benediktiner Paulus Gordan), seien Polens Kommunisten einsichtig genug, der Notwendigkeit Rechnung zu tragen und der Kirche jenes Minimum von Freiheit einzuräumen, aus dem kluge Seelsorger nach und nach ein Maximum zu machen verstehen. Ein Wort in Gottes - und Breschnews Ohr...

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