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Polen: Keine Resig-Nation

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Beim Abschied sprach General Jaruzelski bitter von „fremder Manipulation“. Der Papstbesuch in Polen hat das Land sichtlich wieder in Bewegung - gebracht.

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Beim Abschied sprach General Jaruzelski bitter von „fremder Manipulation“. Der Papstbesuch in Polen hat das Land sichtlich wieder in Bewegung - gebracht.

Das hätte sich Josef Stalin wohl nicht einmal in einem Alptraum vorstellen können: ein riesiges Kreuz vor jenem Warschauer Kulturpalast, den er den polnischen Kommunisten geschenkt hatte, und davor ein polnischer Papst, der vor Millionen begeisterter Gläubiger gegen den „programmierten Atheismus“ predigt und sich auf Kirchen in aller Welt, auch „in den Gebieten des großen Rußland“, beruft.

Vielleicht hätte dieser Schlußakzent der dritten Polenreise Jo-

hannes Pauls II. weniger dramatisch gewirkt, wenn ihm nicht Tage vorausgegangen wären, in denen der Papst - anfangs eher behutsam — immer mehr als messia- nischer, nicht nur moralischer Er- wecker seiner Nation auftrat.

Gewiß lag ihm vor allem daran, seine Landsleute aus der Resignation aufzurütteln, was er jedoch in den Ostseestädten wiederbelebte, erinnerte an die Stimmung, die Anfang der 80er Jahre als direkte Folge seines ersten Besuches von 1979 entstanden war und schließlich eine Massenbewegung ausgelöst hatte, die weder Polens Kirche noch er selbst im fernen Rom in den Grenzen des politisch Möglichen halten konnten.

Zwar hatte ihm jetzt General Wojciech Jaruzelski schon bei der Begrüßung versichert: „Alles, was in der Protestwelle der 80er Jahre echt, verantwortlich und im polnischen Interesse war, findet heute seinen Platz im sozialen Leben.“ Doch eben dies bezweifeln die meisten Polen.

Eine jener romantisch-utopischen Hoffnungen, mit denen die polnische Nation schon immer ihre Leiden kompensieren mußte, heißt seit sieben Jahren Solidar- nošč. Und eben diese Parole - von Polens Kirche folgsam gemieden, weil sie keine alten Wunden aufreißen und keine neuen riskieren will - hat der Papst jetzt wider Erwarten so ausgegeben, als sei dies nur ein philosophisch-moralischer Wertbegriff ohne politische Brisanz.

Da mochte das Wort „solidar- nošc“ im päpstlichen Redetext klein geschrieben sein, um es nicht mit der verbotenen Gewerkschaft zu identifizieren, aber bei den Menschen konnte es nicht anders als in Großbuchstaben ankommen. Und erst recht, als ihr Papst es noch deutlicher in Danzig aussprach - dort, wo vor 17 Jahren Polizei auf Arbeiter geschossen hatte und vor sieben

Jahren die Solidarität entstanden war. Hier überließ sich der Papst ganz seinen gemischten Emotionen, indem er nach seiner Predigt frei improvisierend seine Zuhörer in einem Atemzug sowohl anregte wie besänftigte:

„Das, was hier in Danzig, an der Ostseeküste geschehen ist, hat große Bedeutung für die menschliche Arbeit, für die Solidarität.“ (Und schon setzten die Sprechchöre mit dem Wort „Solidar- nošč“ ein.) „Ich bitte Euch sehr, daß das Gebet der einzige Ausdruck dessen bleibt, was wir manifestieren wollen... So wie damals in der Danziger Werft, in den entscheidenden Tagen, heute wiederholen wir diese Tage im gewissen Sinn..."

Was dann geschah — der Papst war schon zur Madonna von Tschenstochau geflogen—, nannte der Solidarnošč-Sprecher Zbi- gniew Bujak beglückt die natürliche Folge der päpstlichen Rede: ein Demonstrationszug von Zehntausenden in die Danziger Innenstadt, Zusammenstöße von Tausenden mit zuschlagenden Polizisten. Die schienen darauf geradezu gewartet zu haben. So wie manche, reformunwillige Funktionäre, denen die ohnmächtigen Versuche der Jaruzelski-Führung, zu einem Modus mit der Nation zu kommen, ein ebenso großer Dorn im Auge sind wie Michail Gorbatschows Kurs in Moskau.

Auch dorthin hat sich der Polen-Pilger aus Rom jetzt keine Türen geöffnet, ja nicht einmal seinen polnischen Amtsbrüdern hat er das Leben erleichtert; er sei eben ein Romantiker, sagte besorgt und nachsichtig einer der Bischöfe. Diese werden zwar vom religiösen Aufbruch, der in einem Land wie Polen jedem Papstbesuch folgt, profitieren, doch nicht der Papst, sondern Polens Kirche ist jetzt mit der Gefahr konfrontiert, daß neue politische Illusionen entstehen, die nur wieder bitter enttäuscht werden könnten.

Oder bleibt die Apathie doch stärker? Diese Aussicht kann nicht einmal das Regime trösten, das zum Weiterregieren verurteüt ist. Der Papst hat zwar in seiner Rede vor dem Episkopat diplomatische Beziehungen zwischen Polen und dem Vatikan in Aussicht gestellt, aber sie müßten auch „glaubhaft“ gemacht werden, sagt er.

Kurz vor dem Abflug in Warschau kam es noch zu einem angespannten 55-Minuten-Gespräch zwischen dem Papst und dem General, der sogar in seiner Abschiedsrede Bitterkeit nicht verbarg und von „fremder Manipulation“ sprach.

„Nicht leicht ist unser polnisches Vaterland“ rief der Pilger zum Abschied den Bischöfen zu, und fast den gleichen schwachen Trost hinterließ er dem General: Eine Heimat schwieriger Herausforderungen ist Polen.

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