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Die Hoffnung muß weiter warten

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Aufs Warten müssen sich die Polen wieder einmal verlegen. Wenn 's nicht widrige äußere Umstände sind, sorgen sie schon selbst für Verwirrung. Die ersten Wahlen, bei denen der Sejm in seiner Gesamtheit frei gewählt werden konnte, wurden ein Desaster für die junge polnische Demokratie. Vom Staat erwarten sich nur mehr vier von zehn Wählern Hilfen für die Zukunft.

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Aufs Warten müssen sich die Polen wieder einmal verlegen. Wenn 's nicht widrige äußere Umstände sind, sorgen sie schon selbst für Verwirrung. Die ersten Wahlen, bei denen der Sejm in seiner Gesamtheit frei gewählt werden konnte, wurden ein Desaster für die junge polnische Demokratie. Vom Staat erwarten sich nur mehr vier von zehn Wählern Hilfen für die Zukunft.

Keine zwölf Millionen von den 27,9 Millionen wahlberechtigten Polen sind am vergangenen Sonntag zu den Wahlurnen in 22.000 Wahlsprengeln geschritten. Das ist - grob geschätzt - deutlich weniger als ein Drittel der polnischen Bevölkerung (38 Millionen).

Davon wiederum haben - untersucht man die Zahlen weiter - nur rund 18,7 Prozent, in absoluten Zahlen 2,08 Millionen, den deklarierten Reformparteien Demokratische Union des früheren Ministerpräsidenten Tadeusz Mazowiecki (12,22 Prozent der Wählerstimmen) und Liberal-Demokratischer Kongreß des jetzigen Regierungschefs Jan Krszysztof Bielecki (6,5 Prozent) das Vertrauen geschenkt. Das sind zirka fünf Prozent der polnischen Bevölkerung. Wer steht damit überhaupt noch hinter dem bisherigen Reformprogramm? Offen ist auch die Frage, ob diese beiden Gruppierungen überhaupt miteinander können. Geht es nach Präsident Lech Walesa, hat Mazowiecki keine Chance.

Am Wahltag hatte Premier Bielecki bei der Stimmabgabe in Warschau noch stolz erklärt: „Heute feiern wir Demokratie." Und er erwartete sich, daß „die Gesellschaft sagen wird, welches Polen sie will, welchen Pfad und welche Richtung der Reformen". Offenbar ist die polnische Gesellschaft noch immer orientierungslos. Im glühenden Patriotismus lassen sich die Polen nicht überbieten, bei demokratischen Entscheidungen scheinen sie jedoch konsensunfähig. „Der Patriotismus ist groß, aber wir sind keine Gesellschaft." Das war nicht auf die derzeitige verworrene politische Situation im Land an der Weichsel gemünzt. Das konstatierte bereits 1862 - für Polen zeitlos gültig? - der polnische Dichter Cyprian Norwid in Paris.

Die Hoffnung, die Mazowiecki seinerzeit bei seinem Regierungsantritt den Polen geben wollte, ist nur noch rudimentär vorhanden. Sie reichte gerade noch, um die DU zur stärksten Partei werden zu lassen. Sonst haben sich die Polen im Parteienspektrum - 69 landesweit - nicht zurechtgefunden.

Geschwundene Solidarität kennzeichnet heute die polnische Gesellschaft, die einst -repräsentiert in Kirche und Solidarnosc - so stark im Kampf gegen eine aufgepfropfte Ideologie erschien. Als integrierender Faktor kommt im gesellschaftspolitischen Bereich auch die katholische Kirche Polens nicht mehr in Frage.

Extremer Individualismus

Zur - wie es der Chefredakteur der Krakauer katholischen Wochenzeitung „Tygod-nik powszechny", Jerzy Turowicz, nennt -„neutralen Haltung" der Kirche, die so aussah, daß den Gläubigen empfohlen würde, nur Parteien und Kandidaten zu wählen, die christliche Werte anerkennen, meint der angesehene Publizist gegenüber der FURCHE: „Es gibt einige solche Parteien in Polen. Und das sind nicht nur diejenigen, die sich christlich oder katholisch bezeichnen." Turowicz betont, vorsichtig formulierend, daß die Kirche ihrer Verdienste im Kampf gegen den kommunistischen Totalitarismus wegen „ein Recht auf eine bedeutende Vertretung im politischen und öffentlichen Leben in unserem Lande hat".

Der katholische Wille hat sich aber ebenso zersplittert, wie jedes andere politische Konzept. Trotz wiederholter Warnungen der kirchlichen Hierarchie vor dem als „antikirchlich" qualifizierten und „sich in den neuen, nichtkatholischen Medien manifestierenden Zeitgeist", ist es den polnischen Bischöfen nicht gelungen, diese Sichtweise auch ihren Gläubigen einzuimpfen.

Vertreter der Zentrumsallianz sind mit dem Wahlergebnis sehr unzufrieden. Staatssekretär Slawomir Siwek von der Präsidentschaftskanzlei in Warschau, der FURCHE seit langem verbunden, beklagt, daß Walesas Partei in jüngster Zeit sehr stark „mit Kräften der Linken" zu kämpfen hatte. Dazu zählt er auch Mazowieckis Demokratische Union. „Ich fühle mich sehr unwohl in meiner Haut, weil diese Wahlen viele neue Probleme geschaffen haben. Und es ist schlimm, wenn man in einer wirtschaftlich schlechten Situation aufgrund des jetzigen Wahlergebnisses schon aif baldige Neuwahlen denken muß." Schuld daran sei das von Bronislaw Geremek ausgearbeitete komplizierte Wahlrecht, sagt Siwek.

Wahlrecht hin, Wahlrecht her, die Polen scheinen demokratiemüde, bevor die Demokratie noch so richtig begonnen hat. Dazu gesellt sich ein gesellschaftlicher Differenzierungsprozeß, der ähnlich auch in anderen post-kommunistischen Gesellschaften zu beobachten ist. Auf dem Hintergrund der prekären Wirtschaftslage in Polen entwickelte sich ein besonders extremer wirtschaftlicher Individualismus, der vom Staat nichts mehr erwartet, dem Staat auch nichts mehr zu geben bereit ist.

Polen wird man künftig mit anderen Augen sehen müssen. Einigkeit herrscht noch in einer gewissen Anti-Haltung. Früher war es der kommunistische Staat, dem man sich entgegenstemmte. Heute ist es - wie Siwek bemerkt - ein diffuses Gefühl, „gegen etwas zu sein, was man gar nicht genau benennen kann, gegen die Politiker ganz allgemein oder gegen das Parlament", weil die bisher auch nicht helfen konnten.

„Die Lösung der inneren Probleme Polens ist so schwer, wie die Quadratur des Kreises. Ich fürchte, es ist unmöglich, dieses Volk zum Glück zu führen." Bietet diese von einem , französischen Gesandten namens Hennin 1763 in sein Tagebuch geschriebene Notiz mehr als 200 Jahre danach jenen Verstehens-horizont, vor dem man polnische Ereignisse auch heute noch beurteilen muß?

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