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Kein Triumphator

Wer ist Tadeusz Mazowiecki? Als am vergangenen Wochenende der Name des designierten polnischen Ministerpräsidenten bekannt wurde, waren viele Massenmedien vorerst ratlos. Kein spektakulärer Auftritt auf der bewegten polnischen Szene verband sich für sie mit diesem Namen. Man wußte nur, daß er ein Ratgeber Lech Wale-sas war.

Dieser hatte ihn auch Präsident Wojciech Jaruzelski für diese Funktion vorgeschlagen. Auf vielen Fotos und Fernsehaufzeichnungen war jedoch der Mann mit dem schmalen, nachdenklichen, ja etwas melancholischen Gesicht neben dem Volkstribunen aus Danzig wenigen aufgefallen. Sie verbanden mit dessen Erscheinung, ja auch mit dessen Namen kaum Vorstellungen.

Anders im Kreis um die FURCHE. Hier ist der katholische Publizist und seinerzeitige Herausgeber der Monatsschrift „Wiez“ kein Unbekannter. Und das schon viel länger als es die Bewegung der „Solidamosc“ gibt.

Der Schreiber dieser Zeilen darf ihn seit mehr als 30 Jahren seinen Freund nennen. 1957 war es, als wir unter dem nicht ungeteilten Beifall eines bestimmten Milieus katholische Journalisten aus dem kommunistischen Polen zum „Weltkongreß der katholischen Presse“ nach Wien einluden. Und sie kamen!

Es kam Stanislaus Stomma, der nunmehr 81jährig, als späten Triumph seines jahrzehntelangen, oft unbedankten Wirkens und seines nie versagenden Optimismus, als Alterspräsident den Senat, die erstmals freigewählte parlamentarische Körperschaft Volkspolens, eröffnen konnte. Und es kam unter anderem auch eben Tadeusz Mazowiecki 1

Dieser ersten Begegnung sind seitherungezählte gefolgt In Warschau,in Wien und anderswo. Stets gab es in den verschiedensten Situationen, in dem Auf und Ab der jüngsten Entwicklung Polens gute, vertrauensvolle Gespräche.

Tadeusz Mazowiecki hat es in seinem bisherigen Leben nicht leicht gehabt - und es sich selbst auch nie leicht gemacht. Der junge, sozial engagierte Katholik schloß sich nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst der PAX-Gruppe an - jener Vereinigung, die im kommunistisch gewordenen Polen vorgab, katholische Interessen zu vertreten. Als die „Staatsräson“ des PAX-Gründers BoleslawPiasecki jedoch zu blinder Gefolgschaft des russischen Prokonsuls Rokossowski degenerierte, fanden Mazowiecki und einige Gleichgesinnte, daß es Zeit war, einen klaren Trennungsstrich zu ziehen.

Neben Grundsatztreue erforderte dies in der stalinistischen Periode Polens auch persönlichen Mut. Wenige Jahre später sehen wir ihn, gleichsam als linken Flügelmann der Gruppe „ZNAK“, jenes nicht nur gleichnamigen kleinen katholischen Abgeordnetenclubs, in dem in der Gomul-ka-Ära das erste Mal katholische Intellektuelle die Chance nützten, sich im Leben der polnischen Gesellschaft artikulieren zu können.

Mazowieckis Sprachrohr war

damals die oben erwähnte Zeitschrift „ Wiez“, für die der vom katholischen Existenzialisten Edouard Mounier in den Nachkriegsjahren herausgegebene „Esprit“ geistig Pate stand. Als das Bekenntnis zum Sozialismus (lies: Kommunismus) in die polnische Verfassung aufgenommen werden sollte, war die Zeit für ein parlamentarisches Wirken von „ZNAK“ allerdings zu Ende.

Doch die Ereignisse begannen sich zu überstürzen. 1070 fielen in Dan-zig Schüsse gegen streikende Arbeiter. Die blutige Saat ging zehn Jahre später mit der Gründung der „Solidarnosc“ auf. Der stark sozial engagierte Intellektuelle fand hier ein neues Wirkungsfeld. Und das Vertrauen des Elektrikers Walesa, zu dessen unersetzbaren Ratgeber er schließlich werden sollte.

Dazwischen lagen freilich auch Monate der „Schutzhaft“ in den Zeiten des Kriegsrechts, denen intensive Kontakte zu jenem Mann folgen sollten, in dessen Namen seinerzeit die Verhaftungen erfolgt waren: zu Innenminister Czeslaw Kiszczak. Am „runden Tisch“ kündigte sich der „historische Kompromiß ä la Polonaise“ an.

Es ist daher nur für den Außenstehenden eine Überraschung, daß der Name Mazowiecki nunmehr internationale Schlagzeilen liefert. Wer jedoch die ersten Fernsehauftritte des designierten Ministerpräsidenten gesehen hat, weiß, daß sich hier kein Triumphator am Ziele sieht, sondern ein ernster, nachdenklicher Mann, der sich keinerlei Illusionen über die schwere und undankbare Aufgabe, die auf ihn zukommt, macht.

Aber jenes bei seinen Landsleuten oft - vielleicht allzu oft - anzutreffende „Alles oder Nichts“ ist Mazowiecki fremd. Zähe Kleinarbeit und der Versuch eines mühsamen Ausgleichs divergierender Standpunkte, ohne Preisgabe der eigenen Prinzipien, bestimmten auch bisher seine Lebensbahn.

Als er mich vor Jahresfrist zuletzt in der Präsidentschaftskanzlei besuchte, war er vielleicht noch stiller und zurückhaltender mit seinen Prognosen. „Alles istmöglich“,sagte er damals. Ob er in diese Möglichkeiten auch eine Zukunft als Ministerpräsident der Volksrepublik Polen einbezogen hat? Kaum.

Nicht nur die Hoffnungen der polnischen Gesellschaft, sondern auch die guten Wünsche seiner österreichischen Freunde begleiten Tadeusz Mazowiecki auf dem schweren Weg, der vor ihm liegt

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