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Der Weg aus dem stalinistischen Ghetto

Ein völliger Wandel in der Situation des polnischen Katholizismus zeichnete sich erst dann am Horizont ab, als die Gestalt Wladyslaw Gomulkas üyden Vordergrund rückte, also seit der PosenerErhebung vom 28. Juni 1956. Von ihm wußte man, daß er zwar persönlich, wie jeder überzeugte und konsequente Kommunist, ein Bekenner des monistischen Materialismus war, daß er aber erstens die Kirche als sittliche Macht betrachtete, zweitens „die Tatsache der Zugehörigkeit einer sehr erheblichen Majorität des polnischen Volkes ... und des kommunistischen Parteivolkes ... zum Katholizismus“ als eine der wichtigsten Gegebenheiten der politischen Wirklichkeit seines Landes ansah, drittens mit dieser Mehrheit eine auf loyalen Abmachungen beruhende Symbiose erstrebte, allerdings auch, viertens, daß er trotzdem die unbedingte Vorherrschaft der PZPR aufrechterhalten wollte.

So darf es uns nicht überraschen, daß in den kritischen Oktobertagen Episkopat, Klerus und Laien zu Gomulka standen, als er sich dem Druck des östlichen Nachbarn und Alliierten nicht beugte. Eine der ersten Handlungen des neuen Ersten Sekretärs der PZPR bestand darin, daß er die Sprecher zweier katholischer Gruppen empfing, um mit ihnen die Lage der Kirche und der Gläubigen zu erörtern. Am 23. Oktober erschienen bei ihm vier der fünf als „Konzessionskatholiken“ im nun aufgelösten Sejm tätigen Abgeordneten, die anfänglich dem Kreis der „Pax“-Gruppe angehört hatten. Eine Woche später meldeten sich die Wortführer eines neubegründeten „Allpolnischen Klubs der katholischen Intelligenz“, der sofort enge Fühlung mit dem Episkopat pflegte. Schon nach der ersten Begegnung verkündeten Taten, statt der vordem so oft hinausgeschleuderten Worte, in welchem Sinne Gomulka die Verhandlungen mit der Kirche zu beginnen dachte.

Am 27. Oktober begaben sich zwei intime Freunde Gomulkas, Justizvizeminister Kliszko und der wenige Tage später zum Unterrichts-minister ernannte Direktor der Nationalbibliothek, Bienkowski, ins Kloster des Karpatenvorlands, in dem der Primas konfiniert war. Bald wurde zwischen dem Kardinal und den beiden Sendboten eine vorläufige grundsätzliche Einigung erzielt. Demgemäß reiste am Folgetag der Erzbischof nach Warschau, wo er sogleich die Leitung der polnischen Gesamtkirch, der Hierarchie und seiner Metropolitandiözese übernahm. Die noch der Freiheit beraubten Mitglieder des Episkopats wurden aus der Haft entlassen. Die Gefängnistore öffneten sich auch für Hunderte von Priestern und Mönchen. Am 3. November wurde zur Regelung der Kirch und Staat gemeinsamen Probleme eine gemischte Kommission bestellt. Ihr gehörten zwei Bischöfe — Msgr. Klepacz von Lodz und Mon-signore Choromanski, der Sekretär der Episkopatskonferenz — an, ferner je ein Vertreter des Staates — Gesundheitsminister Dr. Szta-chelski — und der PZPR — das Mitglied des Politbüros Jerzy Morawski. Diese vier arbeiteten binnen fünf Wochen die Grundlagen eines neuen Modus vivendi aus.

Vielleicht noch wichtiger als die eben erwähnten Akte des heutigen Kurses und als Versprechungen, die vorerst noch der konkreten Verwirklichung harren — etwa die Zusage, das konfiszierte Kircheneigentum in beträchtlichem Umfang zurückzuerstatten —, ist die Verbesserung des Klimas. Besonders sind jedoch die, — stets wohlabgewogenen — Worte Gomulkas zu werten, die um so größere Aufmerksamkeit beanspruchen, als sie eben durch Taten, durch Vorleistungen des Staates beglaubigt sind.

Schon in seiner programmatischen Rede, die er am 20. Oktober vor dem Zentralkomitee der PZPR hielt, damals noch formell mit keiner Funktion bekleidet und mitten in der gefährlichsten Krise, nach dar Abreise der sowjetischen ungebetenen Gäste, sagte der am nächsten Tag zum Ersten Parteisekretär Gewählte: „Arm ist der Gedanke, den Sozialismus könnten nur Kommunisten, nur Menschen mit materialistischen Gesellschaftsanschauungen aufbauen.“

Derlei Töne hat man seit langem nicht vernommen. Ihnen eignet um so mehr Gewicht, je aufrichtiger Gomulkas Sprache ist. Denn die Grenzen sind von ihm genau abgesteckt. Er zerredet nicht die klaffenden weltanschaulichen Gegensätze.

Hier muß nun die kritische und sachlichkühle Beurteilung der heutigen Lage einsetzen. Dabei rücken zwei zentrale Fragenkomplexe in den Vordergrund. Erstens, welche Probleme sind zwischen Kirche und Staat zu lösen und welche Lösung ist möglich? Zweitens, wer und was sind die Katholiken, die sich der Erste Sekretär der PZPR zu Partnern erküren könnte?

Sieben Hauptpunkte waren zu regeln: Davon sind zwei bereits erledigt: die Freilassung des Primas, der anderen internierten oder in Haft genommenen Bischöfe und der aus politischen Gründen eingesperrten Geistlichen, samt der Wiedereinsetzung der Mitglieder des Episkopats; die Ernennung polnischer Bischöfe für die Gebiete östlich der Oder-Neiße-Linie und westlich der polnischen Staatsgrenze von 1939 (ohne daß der Vatikan dabei von seinem völkerrechtlichen Standpunkt abgerückt wäre). Ein Drittes ist prinzipiell ebenfalls verabredet: die Aufhebung des Dekrets vom'9. Februar 1953 über die alleinige staatliche Entscheidung, ob ein Geistlicher irgendein kirchliches Amt erhalten dürfe. Ein vierter Punkt ist stillschweigend halb geregelt, halb von der unmittelbaren Tagesordnung abgesetzt worden, um dem direkten Verhandlungswege vorbehalten zu werden: der Episkopat wird wieder seinen normalen Kontakt mit dem Heiligen Stuhl pflegen, ohne zu, im Zeichen der Aera Stalins oft abenteuerlichen Umwegen Zuflucht nehmen zu müssen.

Fünftens, die Schulfrage. Hierüber hat sich die gemischte Kommission bisher nur zu einem, freilich dem bedeutsamsten, Problem hören lassen, dem des Religionsunterrichtes. Darnach soll dieser an allen Schulen — mit Ausnahme der Hochschulen — als nichtobligater Gegenstand wieder aufgenommen werden. Die Unterrichtsanstalten sind verpflichtet, dafür im Stundenplan die nötige Zeit zu sichern und die Klassenräume zur Verfügung zu stellen. Die Religionslehrer werden vom Staat im Einvernehmen mit der Kirchenbehörde berufen und von ihm bezahlt. Dieses Abkommen hat bei den Fanatikern des Unglaubens große Erregung und lebhaften Protest gezeitigt.

Weniger Anlaß zur Aufregung dürfte der sechste Punkt, das Schicksal des Kirchenvermögens, bieten. Die heutige Hierarchie samt dem Klerus begnügt sich damit, Mittel für den — polnischen Verhältnissen entsprechend — bescheidenen Lebensunterhalt der Geistlichkeit, für karitative Zwecke und vor allem für die Kosten des Kultus zu besitzen. Das ist grundsätzlich von Partei und Staat bereits zugesagt.

Endlich der siebente und heikelste Punkt, der Einfluß gläubiger Katholiken aufs politische Geschehen. Gomulka hat mit seiner gewohnten Offenheit klipp und klar zu seinen Gesprächspartnern aus kirchentreuer Umgebung erklärt, er wisse, daß die Majorität des Volkes weltanschaulich auf christlichem Boden stehe und daß eine politische Partei, die das ihrerseits täte, bei den Wahlen siegen müßte. Da er nun, als überzeugter Kommunist, seine Gesinnungsgenossen am Staatsruder und den Marxismus-Leninismus als Grundlage des Regimes anerkannt sehen möchte, wehre er sich gegen die Organisierung einer programmatisch christlichen Partei. Vermutlich verweigert er ferner, aus eben diesen Ursachen, „praktizierenden“ Katholiken die Berufung auf führende staatliche Posten. Nun hat Kardinal Wyszyriski, freilich aus anderen Gründen, gleichfalls sich gegen eine katholische Partei ausgesprochen ; er will die Kirche vom politischen Schlachtfeld so ferne halten wie es nur angeht. Anderseits sind Hierarchie und führende Laien selbstverständlich bestrebt, den Einfluß christlichen Gedankengutes auf Gesetzgebung und Oeffentlichkeit durch starke Vertretung im Parlament und in den autonomen Körperschaften wie auch durch Anwesenheit überzeugter Katholiken in allen wichtigen Organisationen zu verbürgen.

Für alle die zuletzt berührten Dinge eine halbwegs befriedigende Lösung zu ersinnen, wird viel Geduld erfordern, woferne da überhaupt ein Ausweg möglich ist. Denn die gesamte „Demokratisierung“ bleibt mit einer drückenden Hypothek belastet, wenn von vornherein eine, dem eigenen Geständnis nach geringe Minderheit das Gesetz der Zahl korrigiert und

In der katholischen Mehrheit sind drei Richtungen zu unterscheiden. Da ist zunächst die bis zum Oktoberumbruch allein über eine genau abgesteckte Machtposition verfügende Gruppe der „P a x“. Sie hat sich, dank der Gunst der moskauhörigen „Leute von Natolin“, eine ansehnliche finanzielle Basis erobert. Nach außen sammelte sie sich um den Verlag, der auch die Tageszeitung „Slowo Powszechne“ — die einzige katholisch etikettierte —, die Wochenschrift „Dzis i Jutro“ und eine Reihe populärer Wochenblätter herausgab. „Dzis i Jutro“ geriet, gleich einem politischen Werk des Präsidenten der „Pax“, P i a s e c k i, auf den Index, stellte sein Erscheinen ein und kam in vergrößertem Umfang, nach erzwungener Vereinigung mit dem authentischer die Stimmung der katholischen Oeffentlichkeit wiederspiegelnden und nun eingehenden „Tygodnik Powszechny“ unter dem Namen „Kierunki“ wieder heraus. Da er über die zwei den Verlag samt Büchern und Zeitungen finanzierenden Unternehmen Inco und Veritas (eine Fabrik chemischkosmetischer Artikel und eine Devotionalienhandlung), dadurch aber über die Existenz von zweitausend Angestellten und wohl fünftausend Familienangehörigen dieser „Gefolgschaft“ gebot und weil er die Schlüssel zur Kassa besaß, aus der sonst der Not preisgegebene Literaten gespeist wurden, hat sich Boleslaw Piasecki zum Diktator über das katholische Ghetto der Aera Bierut aufgeschwungen. Sofort nach der Machtergreifung Gomulkas wurde Piasecki aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. In einer Sondersitzung der „Pax“ erhielt er zwar, nach heftiger Diskussion, die Mehrheit der Stimmen, doch in einer zweiten Versammlung, in der Nacht zum 12. November, wurden die bedeutendsten Vorstandsmitglieder des Unternehmens ausgeschifft. Piasecki bekam von seinen Getreuen ein neues Vertrauensvotum. Seither geht er seine eigenen Wege; nur drei hervorragende Verteidiger hat er gefunden, den ausgezeichneten Schriftsteller Jan Dobraczynski, den zum Chefredakteur der „Kierunki“ ernannten Grafen Mikolaj Rostworowski und den Literaturkritiker Lichniak. Sonst beschränkt sich seine unmittelbare Anhängerschaft auf die vom Brotgeber abhängigen kleinen Leute und auf d i e Leser unter den ,,Pax“-BIättern, die sich über Piaseckis Wesenheit nicht im klaren sind. Lange dürfte das kaum dauern. Denn die Hierarchie wird vermutlich ihr Wort sprechen, und bei Gomulka hat der einstige Schützling der Stalinisten auf keinen Beistand zu rechnen.

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