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Die halbe Wahrheit

Die jüngste Veröffentlichung der „Obersten Kommission“ in Polen: „Die Katholische Kirche in Volkspolen“ (Warschau 1953, 134 Seiten) enthält ohne Zweifel authentisches Material. Alles an ihr ist in dem Sinne wahr, daß nirgends eine Bildfälschung vorliegt. Die Geistlichen, die da, sei es in Ausübung ihres priesterlichen Amtes, sei es bei politischen Manifestationen, für die volksdemokratische, kommunistisch geführte Regierung gezeigt werden, existieren wirklich. Sie sind auch keine verkleideten NKVD- Leute, auch nicht unbotmäßige Schismatiker, sondern Kleriker, die sich mit ihrer Obrigkeit „in Ordnung“ befinden. Doch diese Wahrheit ist nicht die ganze Wahrheit, sondern leider nur der Bruchteil einer Wahrheit, die als Ganzes weit weniger erfreulich lautet. Sodann, die Folgerungen, die uns der geschickt auf unkundige Leser berechnete Band suggerieren möchte, sind für den mit den Verhältnissen Vertrauten völlig andere, als sie den Inspiratoren des Buches lieb sein dürften.

Sehen wir von allerdings symptomatischen Kleinigkeiten ab, die als Ungeschicklichkeit eher naiv wirken, dann beginnt das Peinliche, sehr Peinliche, mit dem Verschweigen höchst fundamentaler Dinge, die zur Beur- teilu»g der „Katholischen Kirche in Volkspolen“ von entscheidendem Belang sind. Wer ist z. B. jener Priester, der, mit dem Pallium bekleidet, die „feierliche Einweihung der Kathedrale zu Wroclaw“ vornimmt? Nicht genannt soll er werden, pflegen die hinter den vorgeschobenen erkennbaren eigentlichen Urheber dieses Buches in derlei Fällen zu sagen. Es ist nämlich jener Kardinal Wyszynski, von dem in diesem Band ebensowenig ein Sterbenswörtchen zu lesen ist, wie von seinem großen Vorgänger Kardinal H1 o n d, vom nicht minder überragenden Kardinal S a p i e h a und von allen den anderen Bischöfen, die entweder tot oder in Haft oder seufzend zur Fügsamkeit gegenüber der sie drangsalierenden Regierung gezwungen sind.

Wir erfahren nichts über Inhalt und Tragweite jenes Dekrets vom 9. Februar 1953, durch das sich die weltliche Autorität anmaßte, jeden Kleriker seines Amtes zu entheben, sobald ihr das beliebt. Wir erhalten kein statistisches Material, um die Zahl der katholischen Publikationen mit der marxistischer zu vergleichen. Wir hören nichts davon, daß in Polen kein einziger positiver Katholik zu einem höheren Staatsamt gelangen kann. Sämtliche Minister und Unterstaatssekretäre, alle Generale sind geeichte Marxisten. Der Religionsunterricht von ’zwei Wochenstunden kann nicht die mehr als 20 Unterrichtsstunden aufwiegen, in denen programmatisch die „einzige wahre Wissenschaft“, nämlich der dialektische Materialismus, gelehrt wird. Die Seelsorge im Heer, mit der man in diesem Buch paradiert, hat als praktische Wirksamkeit nur dies, daß ein paar gefügige Geistliche in Uniform herumspazieren und bei allen Kundgebungen für die Regierung eintreten. Doch die Rekruten und die künftigen Offiziere werden gründlich im Marxismus gedrillt. Unbestritten seien die Zuwendungen, die seitens des Staates für den Wiederaufbau zerstörter Gottes-

häuser gemacht wurden. Doch die Summen, die dabei gewährt wurden, sind verschwindend im Vergleich zu den Aufwendungen für andere Zwecke. Und wie kümmerlich nimmt sich auch die schönste Warschauer Kirche neben dem gigantischen Turm von Babel, dem Stalin-Kulturpalast, aus, der, auch äußerlich, mit seinen 30 Stockwerken und 220 Metern, die Kirchtürme hoch überragen wird: Ein unmißverstehliches Symbol.

Doch sogar älle von uns genannten Tatsachen, die beliebig zu ergänzen wären, sind sekundär neben einer entscheidenden, deren bloßes Vorhandensein jeden optimistischen Rückschluß auf die Ansichten und auf die Absichten des Regimes verbietet (wenn auch nicht auf die Intentionen und Meinungen aller seiner leitenden Männer, denn die Erfahrung hat bewiesen, daß es viele, sagen wir, im Grunde fromme Schafe im Wolfspelz gibt). In der, gewiß keiner starr antikommunistischen Befangenheit verdächtigen Pariser Tageszeitung „Le Monde" hat der wieder nicht als „klerikal“ anzusehende amerikanisch-jüdische Publizist Henry Shapiro eine Artikelserie veröffentlicht, die Verständnis, wenn nicht Sympathie für Malenkow und für dessen „New look“ gerben soll. Von diesen ausgezeichneten Berichten des über zwei Jahrzehnte Moskauer Aufenthalts verfügenden Zeitungsmannes ist einer den kirchlichen Zuständen in der UdSSR gewidmet.

„L’Eglise livre au marxisme athee un combat desespere“ heißt es hier. Shapiro spricht vom Wiederaufleben der religionsfeindlichen Propaganda, die während des zweiten Weltkrieges aus taktischen Ursachen abgeflaut war. Er schildert das Verhalten des Staates, der die ältere Generation dem Kultus freigibt, doch seine ganze Kraft auf die Ausrottung jedes religiösen Gefühls bei der Jugend konzentriert.

„Ein gläubiger Russe wird als .politisch unzuverlässig betrachtet . . . und er besitzt soviel Aussicht darauf, ein verantwortliches Amt zu erlangen, wie ein notorischer Kommunist, in den amerikanischen Geheimdienst eingereiht zu werden."

„Wer die Messe besucht, der kann weder Parteimitglied noch… Komsomol werden. .Kommunismus und Religion sind miteinander unvereinbar', lautet einer der Leitsprüche der Sowjetpropaganda für dje Jugend."..

Die religionsfeindliche Propaganda ist besonders tätig in den Grenzgebieten: den baltischen Föderativrepubliken und der Westukraine, wo die Bevölkerungen mehrheitlich katholisch sind. Sie wird intensiv betrieben durch gesellschaftlichen Druck, Zeitungsartikel, Broschüren und öffentliche. Vorträge. Der Atheismus als integrierender Teil der materialistischen marxistischen Philosophie steht auf dem Programm aller höheren Schulen und aller Universitäten. Die Kirche ist gegen die unbegrenzte Macht der großen staatlich geleiteten Propagandamaschine machtlos. Sie kann nicht diskutieren und sie diskutiert nicht."

„Bis jetzt hat die Religion in der UdSSR den grausamsten Krieg überdauert, der je gegen eine Institution geführt worden ist. Beständen die Verhältnisse der Kriegszeit weiter, dann hätte sie einen Teil des während der 25 vorangegangenen Jahre verlorenen Terrains zurückgewinnen können. Doch der Kreml begnügte sich nicht mehr mit dem vorigen Ueberein- kommen über die wechselseitigen Beziehungen. Er hatte bei der nach der Revolution geborenen Generation die Religion mitsamt den Wurzeln vernichtet. Nun ist er mit der atheistischen Unterweisung der Nachkriegsgeneration beschäftigt. Die große Mehrheit der Sowjetkinder erhält derzeit keinen Religionsunterricht, obzwar die Kirche Erlaubnis hat, diesen privat zu erteilen. Da die ifrwachsenen schon entsprechend belehrt sind oder gesellschaftlichem und politischem Druck unterliegen, um sie von der Religion fernzuhalten, wird dieser der Zugang zum Bewußtsein und zur Seele der Kinder immer schwieriger. Es scheint also, daß die Kirche . wenig Aussicht besitzt, im Rußland. Malenkows heil fortzuleben.-"

Es ist uns oft genug befeuert worden, daß die große Sowjetunion das unübertreffliche und maßgebende Muster für sämtliche Satellitenstaaten, für die gesamte Welt und also auch für Polen darstellen muß. Wir sind davon überzeugt, daß mindestens die in Warschau am Ruder befindlichen Staatslenker bei dieser Versicherung aufrichtig sind. Haben wir nun Grund zur Annahme, daß sie zugunsten der Religion derlei Grundgebote verletzen werden? Das Verhalten der gesamten kommunistischen Presse, der offiziellen Wissenschaft und Literatur läßt uns dies verneinen. In Polen, wie überall, ist das Endziel des volksdemokratischen Staates das gleiche wie das der Sowjetunion: Vernichtung, Ausrottung der als schädlicher Irrtum verworfenen Religion, besonders aber der katholischen Kirche.

Wenn taktische Motive dazu drängen, diese Absicht zu verhehlen, so suchen wir den Grund dafür in einer, in der erfreulichsten Tatsache, die wir dem Werk über die „Katholische Kirche in Volkspolen“ ablesen: Die gewaltige Mehrheit des polnischen Volkes, auch der aus Zwang oder aus Unkenntnis der Kommunistischen Partei angehörenden Intellektuellen, Angestellten, Bauern und Arbeiter der älteren Generationen istnachwievorgläubig.

Man vermag diese von der übrigen Welt abgeschnittenen Menschen durch eine systematische Propaganda gegen die angeblichen politischen Ziele des Vatikans aufzuhetzen, ihnen das Gespenst eines neuen deutschen Angriffs an die Wand zu malen, ihr die unleugbaren wirtschaftlichen Leistungen und manche Errungenschaften auf kulturellem und hygienischem Gebiet zu zeigen, die dem Regime zu danken sind; man kann an beklagenswerte Sünden des gestürzten Regimes erinnern und auf manche Fehler hinweisen,i die einzelne Mitglieder der Hierarchie und des Klerus voreinst begangen haben: Die tiefe Liebe zur Kirche, zum Katholizismus hat man nicht auszulöschen vermocht. Es ist nur ein Einbruch in die Herzen der jungen Generation gelungen, die in Schule, Jugendorganisation und Armee dem amtlich gelehrten materialistischen Marxismus ausgeliefert sind. Insoferne steht es in Polen besser als in der „Sowjetunion, daß in der Volksdemokratie an der Weichsel bisher kaum sieben, acht Jahre verflossen sind, seit dieser Ansturm auf die Heranwachsenden mit voller Wucht eingesetzt hat. Ihn zu verschweigen und nur die allen Anstrengungen einer übermächtigen Propaganda zum Trotz fortdauernde tiefe Religiosität der starken Mehrheit der älteren und mittleren Generationen zu zeigen, als wäre das ein Verdienst des politischen Systems: das ist der Hauptirrtum dieses Buches.

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