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Mehrwert aus dem Osten

"Europa ist nämlich nicht nur in Maastricht entstanden oder in Brüssel. Europa ist auch durch das Leiden und den Widerstand im Osten entstanden, auch den katholischen - man denke nur an die polnische Kirche." Valentin Inzko

Über den geistig-kulturellen Beitrag der Länder Ost- und Mitteleuropas zur Neugestaltung des Kontinents.

Rückblick auf Jahrzehnte der Begegnung mit unseren Nachbarn.

Persönlich habe ich in kommunistischen Ländern beinahe die gleiche Zeit vor der Wende verbracht wie nach der Wende, nämlich acht Jahre. Meine Erinnerung reicht aber viel länger zurück, denn schon in den fünfziger Jahren, als ich noch ein kleines Kind war, ist mir aufgefallen, dass eine Bekannte in Slowenien, eine Turnlehrerin, immer in der Hauptstadt zur Messe ging, nie aber in ihrem eigenen Dorf. Später erfuhr ich, dass manchmal auch Taufen und Hochzeiten im Geheimen oder anderswo organisiert wurden, um nicht "unangenehm" aufzufallen.

Auch ein Kirchenbesuch in Peking in den siebziger Jahren ist mir noch in lebendiger Erinnerung, als ich feststellen musste, dass die Heilige Messe dort vor einigen Chinesen und ausländischen Diplomaten "vorkonziliar" gelesen wurde, mit dem Schlussevangelium am Ende ("Am Anfang war das Wort"), abgekehrt vom Volk. Damals habe ich in der Mongolei für die Vereinten Nationen gearbeitet. Heute noch bin ich sehr stolz darauf, dass es mir gelungen ist, einen in einer Schuhpasta versteckten Mikrofilm von Ulan Bator mit der Bahn nach Hong Kong zu transportieren. Auf dem Mikrofilm befand sich die erste Übersetzung der Heiligen Schrift auf Mongolisch.

In Europa waren es sowohl die häufigen Reisen in die Länder Ostmitteleuropas wie auch die zahlreichen Besucher aus diesen Ländern bei uns in Kärnten, die es mir ermöglichten, die Situation persönlich kennenzulernen.

Dialog mit den Atheisten

Aus meiner Studenten- und Jungdiplomatenzeit sind mir vor allem zwei Ereignisse stark in Erinnerung geblieben: 1968 der erste Besuch der Grazer Katholischen Hochschuljugend - initiiert vom Studentenseelsorger Egon Kapellari - in der Tschechoslowakei des "Prager Frühlings", wo die erste große Dialogkonferenz zwischen Atheisten und Katholiken stattfand, und meine Reise in das Polen der Solidarno´s´c, als sich diese noch in Gründung befand. Auch die Besuche - knapp nach Titos Tod - beim ungemein bescheidenen Erzbischof von Belgrad, Aloisije Turk, werde ich nie vergessen. Er sprach viel von seiner kleinen Gemeinde, den komplizierten Beziehungen zur serbischen Orthodoxie, aber auch von der gemeinsamen Geschichte unserer Länder.

Unmittelbar nach der Wende arbeitete ich in der Tschechoslowakei, wo ich das Österreichische Kulturinstitut in Prag gegründet habe und an der Errichtung des Österreichischen Gymnasiums mitbeteiligt war sowie an sechs österreichischen Lesehallen.

Zwei Dinge sind mir dabei aufgefallen: Bei den Katholiken gab es eine ungemeine Aufbruchstimmung - keinen Triumph, obwohl sie gewonnen hatten. Gleichzeitig war aber auch eine ungemeine Unsicherheit, manchmal geradezu eine Ratlosigkeit zu erkennen. Der greise Kardinal FrantiÇsek TomaÇsek war zwar sehr offen und seine mährische Gastfreundschaft und Herzlichkeit unübertroffen, aber ein Bischof, den ich gemeinsam mit dem Grazer Theologen Phillip Harnoncourt besucht habe, lehnte westliche theologische Literatur aus Deutschland und Österreich höflich, aber bestimmt ab. Nur Unterlagen aus Rom könne er akzeptieren. Unsicherheit verursachten anfänglich auch die im Zusammenhang mit der tschechischen Untergrundkirche stehenden Fragen, die Fragen zu angeblich verheirateten Priestern, das Erbe der katholischen Kirche aus der Zeit Österreich-Ungarns...

Namen, die damals aufgetaucht sind, sind auch heute noch bekannt. Es sind Hoffnungsträger der tschechischen katholischen Kirche: der frühere Fensterputzer und jetzige Kardinal Miloslav Vlk, der Dissidentenpriester und jetzige Weihbischof Václav Mal´y der Philosoph, Politologe, Soziologe und Theologe Tom´aÇs Halik, eine der faszinierendsten Persönlichkeiten Europas. Sehr gut kann ich mich an seine ersten schüchternen Studentenmessen erinnern, die aber voll christlicher Freude begangen wurden. Wegen des enormen Andrangs muss er sie nun jeden Sonntag zweimal feiern.

Erschüttert haben mich die Leidensgeschichten vieler Menschen, zum Beispiel die Geschichte jenes Bischofs, der 1947 geweiht wurde, aber erst ab 1989 seine Funktion ausüben konnte. Dazwischen lagen Kerker, Verbannung und Berufsverbot. Eine ungemein beeindruckende Persönlichkeit war auch Dominik Duka, der Dominikanerprovinzial, eine wahrlich imposante Erscheinung. Er war gemeinsam mit dem späteren Präsidenten Václav Havel inhaftiert und soll diesem im Gefängnis das Christentum nähergebracht haben.

Pessach-Fest in Sarajewo

Mein anschließender Botschafterposten in Sarajewo bescherte mir ebenfalls erschütternde Erfahrungen. Wegen der Kriegsereignisse fanden die ersten freien Weihnachten erst 1995 statt. Auch bei der ersten öffentlichen Palmsonntagsprozession in Sarajewo seit 1945 - sie war erst 1996 möglich - und dem ersten jüdischen Pessach-Fest in Freiheit war ich anwesend. Apokalyptisch waren die Besuche in Bosnien in Orten wie Plehan, wo Klöster, Kirchen, Kapellen, Pfarrhäuser gesprengt oder dem Erdboden gleichgemacht worden waren.

Angesichts dieser Zerstörungen und der Konfiszierung des Kirchenbesitzes in anderen ex-kommunistischen Staaten ist der Mehrwert des neuen Europa offensichtlich: Die Kirchen werden wieder erneuert, es kommt zu Neubauten und in vielen Staaten des kommunistischen Ostens wird der Kirchenbesitz zurückgegeben - manchmal verbunden mit Schikanen, aber immerhin. Die Ordensgemeinschaften können in Ihre Klöster einziehen und ihre Tätigkeit wieder aufnehmen.

Was die kulturelle und insbesondere die geistige Ebene betrifft, bin ich jedoch sehr skeptisch. Denn was manche Osteuropäer sofort vom Westen übernommen haben, waren die hässlichen Sexshops und andere "Errungenschaften" wie Shopping Citys, eine große Auswahl an Zahnpasten, den Konsumismus, den Materialismus, die Dekadenz.

Anzumerken ist, dass sich der freie Westen in manchen Bereichen, insbesondere im Bereich der Menschenrechte unter dem Niveau einiger "neuer" Länder befindet. Diesbezüglich führe ich gerne die Minderheitenrechte als Beispiel an. Sowohl im slowenischen Parlament als auch im polnischen Sejm ist es eine Selbstverständlichkeit, dass dort Minderheiten automatisch vertreten sind: Italiener und Ungarn bzw. Deutsche. Gibt es das überall in Westeuropa?

Obwohl es in Westeuropa viele Zentren des Glaubens gibt (etwa Taizé, Santiago de Compostella, Fatima ...), habe ich persönlich vor allem in den Ländern des europäischen Ostens und in Mitteleuropa leuchtende Vorbilder des Glaubens getroffen: Menschen, die über eine enorme Ausstrahlung verfügt haben. Oft waren es Menschen, die in Gefängnissen ihren Glauben gestärkt und bewiesen haben, Menschen, die für ihre Überzeugung auch zahlen mussten.

Ein berührender Glaube

Die schönsten Messen in meinem Leben habe ich in Vitebsk, in Minsk, in Medjugorje oder kürzlich in Tallinn (auf Russisch) erlebt, mit kleinen Gemeinden, die aber ihren Glauben berührend zum Ausdruck gebracht haben. Diese ungeheure Kraft bringen jetzt unsere neuen Nachbarn in das neue Europa ein, das ist ihr Anteil an der neuen europäischen Ordnung.

Europa ist nämlich nicht nur in Maastricht entstanden oder in Brüssel. Europa ist auch durch das Leiden und den Widerstand im Osten entstanden, auch den katholischen - man denke nur an die Rolle der polnischen Kirche: In den letzten 300 Jahren war Polen nur 28 Jahre hindurch nicht von fremden Truppen besetzt, von 1921 bis 1939 und von 1993 bis heute. Über diesen langen Zeitraum hinweg hat die katholische Kirche das Volk zusammengehalten und damit einen ungeheuren Kredit aufgebaut.

Aber auch die Kultur Schaffenden der neuen Länder, wie Krzysztof Zanussi, Andrzej Wajda, Roman Polanski, MiloÇs Forman und viele, viele andere haben mit ihrem Widerstand und mit ihrer Kultur Europa mitgebaut und mitgestaltet. Europa wäre ohne diesen Beitrag unvorstellbar, ja unvollkommen.

Um es kurz und etwas pauschal zusammenzufassen: Die Länder Ostmitteleuropas werden vom Westen materiell profitieren, der (reiche) Westen aber wird von den neuen europäischen Bürgern ebenfalls profitieren - und zwar geistig, sprituell, intellektuell und kulturell. Möglicherweise werden unsere Brüder aus dem Osten noch etwas schaffen, worum wir derzeit vergebens ringen: Europa auch eine Seele zu geben.

Der Autor ist

Leiter der Abteilung für Zentral-, Ost- und Südosteuropa, Zentralasien und Südkaukasien im Österreichischen Außenministerium. Der Autor äußert sich auch zu diesem Thema bei einer Podiumsdiskussion im Rahmen der 79. Sommertagung (27.7-2.8) im Bildungshaus Sodalitas in Tainach in Kärnten.

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