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Im Einsatz für die Freiheit

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Die politischen Veränderungen in Osteuropa sind zu einem großen Teil von engagierten Christen mitgestaltet worden. Sie haPen den dortigen Kirchen neue Aufgaben, neue Chan- cen, neue Herausforderungen und neue Pro- bleme gebracht, die von Land zu Land mehr oder weniger unterschiedlich sind. Dieses Dossier versucht, in einem Streifzug die wich- tigsten Tendenzen in den größeren Staaten Osteuropas darzustellen.

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Die politischen Veränderungen in Osteuropa sind zu einem großen Teil von engagierten Christen mitgestaltet worden. Sie haPen den dortigen Kirchen neue Aufgaben, neue Chan- cen, neue Herausforderungen und neue Pro- bleme gebracht, die von Land zu Land mehr oder weniger unterschiedlich sind. Dieses Dossier versucht, in einem Streifzug die wich- tigsten Tendenzen in den größeren Staaten Osteuropas darzustellen.

Nirgendwo springt der Gegen - satz der Lage der Kirche in der Zeit eines kommunistischen Regimes und heute krasser ins Auge als in der Tschechoslowakischen Fö- derativen Republik, weiland CSSR. Der von der sogenannten Kirche im Untergrund selbst initiierte und mitgestaltete Prozeß des Abschüt- teins der roten Herrscher wird von vielen Christen in unserem nördli- chen Nachbarland als Wunder be- griffen; und der Beobachter von außen ist fast geneigt, diese Sicht- weise zu akzeptieren.

Wenn Papst Johannes Paul II. am Wochenende nach Ostern die CSFR für 34 Stunden besuchen wird, dann ist diese Visite Danksagung an die Märtyrerkirche Böhmens, Mährens und der Slowakei, die während eines Zeitraumes von 42 Jahren unge- heures Leid ertragen mußte. Der neue tschechoslowakische Staat mit Präsident Väcl av Havel an der Spit- ze anerkennt diese Passion heute als einen Beitrag, der Gesellschaft moralischen Halt und Stütze gege- ben zu haben. Für die rigoros athei- stische Politik der Herrscher am Hradschin, die das Privatleben Hunderttausender Familien nega- tiv beeinflußte, Berufslaufbahnen zerstörte, menschliche Kata- strophen verursachte, war die immer wieder - zuletzt zu Ostern vor zwei Jahren ganz vehement - erhobene Forderung nach Reli- gionsfreiheit ein dauernder unan- genehmer Stachel im Fleisch.

Der Leiter des neugeschaffenen und neükonzipierten Amtes für die Religionen im Prager Kulturmini- sterium, Radovan Berka, hat ver- gangene Woche in der CSFR-Bot- schaft in Wien ein Resümee der Auswirkungen des mehr als vierzig Jahre auf die Kirche seitens der Kommunisten ausgeübten Terrors gezogen. Alles, was bisher von Prag geleugnet wurde, kam offen zur Sprache.

Die Prager Ideologen waren - so Berka- 1948, nach dem, wieersagte, „kommunistischen Putsch", über- zeugt, der Kirche in etwa 30 Jahren den Garaus machen zu können. Und dann folgte eine lange Liste von repressiven Maßnahmen - Klöster- schließungen, Ordensverbote, Schauprozesse gegen Bischöfe, Inhaftierungen, Amtsbehinderun- gen, strenge Kontrolle der amtie- renden Priester und ihrer Gemein- den -, die alle nicht zum Tod kirch- lichen Lebens, wohl aber zu einer enormen Einschränkung vieler Lebensfunktionen führten.

„Trotz aller Verfolgung" - so Berka - „bewahrten sich die Chri- sten ihren Glauben, die Kirche leb- te im Untergrund, nicht nur in ih- ren behinderten öffentlichen Struk- turen. " Besonders betonte Berka das erwachende Selbstbewußtsein der Gläubigen in und nach der Zeit des Prager Frühlings 1968. Natürlich verging eine lange Zeit, zwanzig Jahre zähen Wirkens waren not- wendig. Dann gingen Christen - vor allem in der Slowakei - daran, hu- manistische und gesellschaftspoli- tische Konsequenzen aus ihrem Glauben zu fordern.

„Die Gläubigen bei uns und der Druck der demokratischen Staaten des Westens zwangen die CSSR zu Konzessionen", konstatierte Berka. Die Überzeugung der Christen, ihnen komme das Recht auf freie Religionsausübung von sich aus, nicht von Staats wegen zu, führte zur Erkenntnis, daß der Staat auch andere Grundrechte nicht als Gna- de zu gewähren, sondern schützen und garantieren müßte. Ab 17. November des Vorjahres prägte diese Einstellung die Demonstra- tionen der jungen Revolutionäre auf dem Prager Wenzelsplatz, wodurch das Antlitz der Tschechoslowakei vollständig verändert wurde.

Jetzt ruft sich langsam die katho- lische Kirche auch der tschechischen Öffentlichkeit wieder in Erinne- rung. In Böhmen und Mähren hat- ten die Katholiken traditioneller- weise immer einen schlechteren Stand als in der Slowakei. Seit Februar gibt es religiöse Radio- und Fernsehsendungen in der Tschecho- slowakei. Geheim geweihte Prie- ster oder Geistliche mit Berufs- verbot, die ihren Lebensunterhalt als Arbeiter verdienen mußten, tauchen jetzt aus dem Untergrund auf, wo sie auch seelsorgerisch tätig waren, und stellen sich wieder offi- ziell der Kirche zur Verfügung. Ingenieur Miloslav Fiala, ein Prä- monstratenserpater, arbeitete bis Jänner noch in der Autoreparatur- stelle der Prager Wasserwerke; jetzt ist er einer von vier kirchlichen Mitarbeitern bei Radio Prag. Über- a 11 fehlt es aber an Nachwuchs. Und die Kirche in Böhmen und Mähren spürt dies gerade jetzt besonders schmerzlich, wo so vieles getan werden müßte und sich neue Chan- cen eröffnen.

Die Evangelisierung via elektro- nische Medien ist ein starkes Anlie- gen vieler Ortskirchen im Osteuro- pa des Aufbruchs. Ob in Ungarn, wo religiöse Radio- und Fernseh- sendungen möglich geworden sind, in der Tschechoslowakei, wo man die ersten Schritte auf diesem Ge- biet setzt, oder in Polen, wo Kir- chenleute jetzt ihre große Stunde gekommen sehen, nachdem der Kommunismus sich sang- und klanglos verabschieden mußte.

Dabei entdeckt die hierarchische Kirche, daß sie nicht alles selber machen kann, und erkennt manch- mal auch, daß sie nicht alles selber machen muß. Die Kirche hat in vielen osteuropäischen Ländern ohne eine funktionierende Hierar- chie uberlebt, das gilt besonders für die CSFR. Laien haben kirchliches Leben garantiert. Sie werden auch in Zukunft die Stärke der Kirche sein.

Katholische Laien haben in Polen der freien Gewerkschaftsbewegung mächtige Impulse gegeben, haben - unterstützt von den Bischöfen (dadurch unterscheidet sich die pol- nische kirchliche Situation erheb- lich von allen anderen Teilkirchen des Ostens) - dazu beigetragen, daß sich ein neues Bewußtsein und ein freier Staat entwickeln konnten. In Ungarn hat sich das gesellschafts- politische Engagement von Katho- liken eher abseits von den Bischö- fen, von diesen nicht mitgetragen oder gar „abgesegnet", entwickelt: Die Frage der Wehrdienstverwei- gerung wurde zum Angelpunkt gesellschaftlicher Veränderungen, die Christen verlangten.

In der Deutschen Demokratischen Republik standen sich drei Modelle kirchlicher Arbeit in der sozialisti- schen Gesellschaft gegenüber. Die evangelischen Landeskirchen ak- zeptierten offiziell ihren Status als „Kirche im Sozialismus". Evange- lische „Dissidentenpastoren" be- trieben eine Art linke Oppositions- politik. Und die katholische Min- derheit (etwa 1,5 Millionen) hielt sich offiziell aus jeder Politik her- aus, verabscheute jene katholischen Kreise, die - wie beispielsweise die regimetreue „Pax"-Bewegung in Polen, die ungarische „Friedens- priesterbewegung (Papi Bekemoz- galom) oder „Pacem in terris" in der damaligen CSSR - den Dialog mit den Kommunisten und die teil- weise Zusammenarbeit mit kom- munistischen Stellen auf ihre Fah- nen geschrieben hatten.

Die „Berliner Konferenz Euro- päischer Katholiken" (BK), eine internationale Friedensbewegung, mit der Kontakte aufzunehmen sich die Berliner Bischofskonferenz entschieden weigerte (die FURCHE berichtete regelmäßig über Sympo- sien der BK), leistete immerhin etwas, das nicht unterschätzt wer- den darf: sie brachte Kleriker und Laien von Belgien bis zum Balti- kum, von Italien über die DDR bis nach Skandinavien meistens auf DDR-Territorium zum Erfah- rungsaustausch in einer noch schwierigen Zeit zusammen.

Dort, wo sich das politische Le- ben konsolidiert, demokratische Strukturen entwickelt werden, ge- sellschaftlicher Pluralismus Platz greift, stehen die Kirchen in Osteu- ropa (in diesem Zusammenhang gehören auch die orthodoxen Kir- chen mit ihren Problemen erwähnt, die als Quasi-Staatskirchen nicht selten verlängerter Arm des kom- munistischen Staates waren) auch vor neuen Schwierigkeiten. Sie, die - wie zu sehen war - unter schreck- lichen Bedingungen ihren Beitrag zur Überwindung einer menschen^ verachtenden Ideologie geleistet haben, werden nun als Ort der Rechtshilfe, des Beistandes, des op- positionellen Rahmens immer we- nigergebraucht. Deutlich bekommt das zur Zeit schon die polnische Kirche zu spüren. Die Parla- mentsplattform Solidarnosc steht längst nicht mehr unter christli- chen Vorzeichen, Lech Walesa ist noch ein Rest-Symbol für kirch- lich-soziale Arbeit in einem seiner- zeit realsozialistischen Staat. Ge- sellschaftlich, politisch, aber auch innerkirchlich - das ist durchaus kein „Krisenexport" der Westkir- che in den Osten - werden sich die Kirchen neuen Differenzierungen, unterschiedlichen Meinungen und der Konkurrenz zu stellen haben.

Wo die Kirche im Untergrund tätig war, wird sie - nach einer Zeit mehr oder weniger langen publizi- stischen Interesses (in der Tsche- choslowakei wie auch in Ungarn nehmen sich momentan auch die säkularen Medien kirchlicher The- men an, schreiben beispielsweise über so exotische Themen wie „Nonnen im Alltag" oder lassen Bischöfe zu Wort kommen) - von sich aus die Öffentlichkeit mit ih- ren Anliegen konfrontieren, inter- essante Fragen und Themen ihres Angebotes aufwerfen und zur Dis- kussion stellen müssen. Gleichzei- tig wird es notwendig sein, daß sich Christen auch ihres supranationa- len Auftrages besinnen.

Nicht von ungefähr hat eine Gruppe von etwa 30 katholischen Journalisten aus Ost- und Westeu- ropa vor kurzem in Graz in einem „ Manifest gegen den Nationalismus in Europa" alle Katholiken „zu einem konsequenten Einsatz für Solidarität mit und Liebe zu allen Völkern und Völkerschaften" auf- gerufen, „damit in Ostmitteleuropa nach der Ära der Unfreiheit eine Region des Friedens und des Ver- ständnisses entsteht". Die Kirchen müßten an vorderster Front stehen, wo es gilt, den Dialog zwischen In- teressengruppen zu eröffnen und zu führen. Die Abschüttelung des Joches der kommunistischen Un- terdrückung in Osteuropa führt jetzt aber auch in die Bewährungsphase des bisher schon geleisteten öku- menischen Gesprächs verschiede- ner Kirchen.

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