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Kampf gegen Verwüstungen

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Der Papst würdigte in der Tschechoslowakei die 42jährige Passion des Lan- des, wandte sich gegen Haßideologien und gab Richtlinien für die gesell- schaftliche Erneuerung.

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Der Papst würdigte in der Tschechoslowakei die 42jährige Passion des Lan- des, wandte sich gegen Haßideologien und gab Richtlinien für die gesell- schaftliche Erneuerung.

„Wenn uns vor einem Jahr je- mand vorausgesagt hätte, was heu- te in der Tschechoslowakei passiert, hätten wir uns in die Wange geknif- fen und gefragt, ob wir träumen. Vom anderen hätten wir gedacht, der hat sie wohl nicht alle." Der katholische Geistliche, Redakteur beim „Leipziger Sonntagsblatt", der quasi als Mitbetroffener den ersten Papstbesuch in einem ehe- maligen kommunistischen Land außer Polen kommentiert, wird des Staunens nicht müde.

Und in der Tat: Es ist staunens- wert, was in Prag, im mährischen Velehrad und in der slowakischen Hauptstadt Bratislava (Preßburg) am vergangenen Samstag und Sonntag passierte. Vom Letna, dem Platz großer kommunistischer Aufmärsche, klingen fromme Ge- sänge auf die Hauptstadt der CSFR herab. Aus den zur Verbreitung kommunistischer Slogans während der Maiaufmärsche in der gesam- ten Prager Altstadt installierten Lautsprechern erklingt die Stimme Johannes Pauls IL, der Kleriker, Ordensleute und vor allem aktive katholische Laien im Veitsdom aufruft, die neuerworbene Freiheit von Kirche und Nation (in Prag spricht der Papst immer nur von einer Nation, während er in Bratis- lava der „slowakischen Nation" Ehre erweist) mit einer moralischen und spirituellen Erneuerung zu sichern.

In Prag wird manifest, daß die sogenannte „schweigende Kirche" ihre Stimme mächtig wiedergefun- den hat. Nur kurze Zeit nach der sanften Novemberrevolution stärkt das Oberhaupt der katholischen Kirche nicht nur den Gläubigen des Landes an Moldau und Waag, son- dern auch der noch jungen Regie- rung und dem Staatsoberhaupt Vaclav Havel den Rücken. Die Böh- men, Mährer und Slowaken haben ihr Wunder, das sie - wie im FUR- CHE-Dossier „Kirche(n) in Osteu- ropa" (Nummer 15) zu lesen war - so sehr erhofften und das ein glück- licher Präsident Havel kaum glau- ben kann.

Der Papst geht auf dieses frühere Schweigen ein, sagt, daß es kein Schweigen des Schlafes oder gar des Todes gewesen sei. „Schwei- gen" - so gibt er zu bedenken - „ist jener Zustand, aus dem heraus die kostbarsten Werte geboren wur- den." Das Leiden, die Jahre der Verfolgung und Ängste, die unge- zählten Probleme, die Familien mit religiöser Gesinnung auszustehen hatten, der Zerfall der hierarchi- schen und anderer kirchlicher Strukturen, der ständige Druck, unter dem aktive Geistliche zu le- ben hatten, scheinen wie wegge- wischt: ein Erwachen aus einem bösen Traum?

Für die gesamte Kirche, nicht nur für die Teilkirche in der Tschecho- slowakei bedeutsam sind jene Papstaussagen, in denen er Richtli- nien für das künftige kirchliche und gesellschaftliche Leben gibt: „In der Vergangenheit, als den Christen (in der Tschechoslowakei, Anm. d. Verf.) nur liturgische Zeremonien in den Kirchen erlaubt waren, kon- zentrierte sich das Leben Eurer Kirche auf die Wurzeln. Jetzt muß das wachsen und blühen in allem Reichtum. Das Leben der Kirche besteht nicht nur in Liturgie und Sakramenten allein. Es muß auch die Felder der Kultur, der Er- ziehung, der so- zialen Aktion und der karita- tiven Tätigkeit erreichen. Die Kirche kann und muß allen Men- schen auf ver- schiedene Wei- sen helfen."

In diesem Zu- sammenhang warnt er vor Gefahren aus dem Westen: „Nicht alles, was der Westen als eine theoretische Vision vor- schlägt oder als Praxis für kon- kretes Leben, reflektiert die Werte des Evan- geliums." Der Episkopat in Böhmen, Mäh- ren und in der Slowakei müsse alles Negative aussondern, ein „Immunsystem" aufbauen, um „Viren" wie Sä- kularismus, In- differentismus, hedonistischen Konsumismus, praktischen Ma- terialismus und Atheismus ab- zutöten.

Diplomatisch sehr geschickt reicht Johannes Paul II. den libe- ralen, vom Hus- sitentum ge- prägten Tsche- chen die Hand zum Dialog. Der in Konstanz auf dem Scheiter- haufen elend zugrunde gegan- gene Jan Hus wird in einer auf die tschechischen Intellektuellen, Wis- senschaftler, Kulturschaffenden und Studenten psychologisch be- stens abgestimmten Rede als inte- gre Persönlichkeit gewürdigt, de- ren historische Bedeutung man noch weiter erforschen müsse. Es ist auffällig, daß der Papst in Prag die im Stadtbild doch allgegenwär- tige gemeinsame, vom Katholizis- mus habsburgischer Prägung be- stimmte österreichisch-tschechi- sche Geschichte umschifft und die nationalen, kulturellen, religiösen und politischen Eigenwerte des tschechischen Volkes heraus- streicht.

In Velehrad und Bratislava ist der Papst wieder stark pastoral ausgerichtet. Er kommt in seinen Ansprachen sehr den Bedürfnissen der Gläubigen in Mähren und in der Slowakei entgegen, sich end- lich bekennen und zeigen zu kön- nen, wie stark man eigentlich doch ist. „Die Bischöfe in der Slowakei" - so erläutert der Chefredakteur der Preßburger Kirchenzeitung „Katolicke noviny", Frantisek Sykora, der FURCHE, „wollen al- ler Welt vor Augen führen, daß wir hier noch treuer zum Papst stehen als die Katholiken im Westen." Theologische Diskussionen sind hier nicht angesagt, wenngleich Sykora meint, daß man gerade in einer Zeit kirchlichen Neubeginns auf diesen Dialog nicht wird ver- zichten können. Es werden Proble- me auch auf die Kirche in der Slo- wakei zukommen, diesich aufgrund der Eigendynamik der politischen und gesellschaftlichen Öffnung von selbst ergeben, also durchaus nicht aus dem Westen „importiert" wer- den.

Das zeigt sich schon darin, daß Pfarrer in der Slowakei gar nicht anders können, als ihren „Schäf- chen" nicht nur geistliche Führer, sondern auch politische Berater zu sein. Nicht selten - so berichtet Sykora - verweisen Priester in Sonntagspredigten auf Wahlveran- staltungen der Christlich-Demo- kratischen Bewegung (siehe FUR- CHE 15, Seite 3) oder werben in persönlichen Gesprächen für diese politische Kraft.

Mit dem Besuch Johannes Pauls II. soll die Kirche in der Tschechor Slowakei wieder zu einem „gefrag- ten Partner" in Staat und Gesell- schaft werden. Die „Verwüstun- gen" - so Vaclav Havel unter Ver- wendung eines alttestamentlichen Begriffes (mit „Greuel der Verwü- stung" wurde Zeus als Inbegriff der Gottlosigkeit bezeichnet) -, die eine „Ideologie des Hasses" und eine „Regierung von Ungebildeten" hinterlassen haben, werden jetzt beseitigt. Die CSFR - vom Papst wie seinerzeit Österreich als „Herz Europas",als „Brücke zwischen Ost und West" bezeichnet (ganz im Sinne der Intentionen Havels) - kehrt in die Einheit Europas zu- rück, die einen christlichen Cha- rakter bekommen soll. Dazu könn- ten auch die Bischöfe Osteuropas auf ihrer in Velehrad angekündig- ten Sondersynode einen Beitrag leisten.

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