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Vitale, kämpferische Kirche

Kirchliches Leben in der Slowakei: eng verquickt mit der nationalen Frage, gekennzeichnet durch politischen Katholizismus und herausgefordert durch liberale Strömungen aus dem Westen.

Die slowakische Kirchenprovinz in den besten Jahren" titelte die gesamtslowakische Kirchenzeitung Katolícke noviny Anfang 2003 zum 25. Jahrestag der Errichtung der Kirchenprovinz am 30. Dezember 1977. In diesem Alter habe ein junger Mensch schon einiges erlebt, aber das Wichtigste warte auf ihn vielleicht noch: dies gelte auch für die slowakische Kirchenprovinz.

Erlebt hat sie tatsächlich schon einiges. Ihre Geburt mitten in den düsteren Jahren der "Normalisierung" nach dem Prager Frühling war ein kleines Wunder, auf das "die Slowaken 1.000 Jahre gewartet" hätten, so die Kirchenzeitung. Sie war aus heutiger Sicht ein Vorgriff auf die Ausrufung der Slowakischen Republik am 1. Jänner 1993.

Der 10. Jahrestag der Staatsgründung und in deren Gefolge auch der Einrichtung einer eigenen Bischofskonferenz ist das zweite Jubiläum, dessen die katholische Kirche der Slowakei heuer gedenkt, und der Papstbesuch im September sollte die nationalen Feierlichkeiten krönen. Die Gestaltung des Altarraums beim Abschlussgottesdienst in den Nationalfarben Rot, Weiß und Blau machte die Gleichsetzung von Kirche und Staat für alle sichtbar.

Nationales Erbe

Das Programm des Papstbesuches las sich wie eine Umsetzung der slowakischen Verfassung, deren Präambel festhält: "Wir, das slowakische Volk, eingedenk des politischen und kulturellen Erbes unserer Vorfahren und der Jahrhunderte langen Erfahrungen aus den Kämpfen um die nationale Existenz und eigene Staatlichkeit, im Sinne des geistlichen Erbes von Kyrill und Method und des historischen Vermächtnisses Großmährens, ausgehend vom Naturrecht der Völker auf Selbstbestimmung, gemeinsam mit den Angehörigen der auf dem Gebiet der Slowakischen Republik lebenden nationalen Minderheiten und ethnischen Gruppen..."

Die Berufung auf die Slawenapostel wird von der Kirche sowohl als Bindung an das Christentum als auch an das slowakische Volkstum ausgelegt; beispielsweise wird von Kardinal Ján Korec von Nitra die Liberalisierung der Abtreibung als Verstoß gegen beide Anliegen aufgefasst. Vehement fordern katholische Kräfte eine Verschärfung der Abtreibungsgesetze, doch stoßen ihre Initiativen selbst innerhalb der christdemokratisch dominierten Koalitionsregierung auf Ablehnung. Denn auch die dort eingebundenen Gegner der Kirche können sich auf die Verfassung stützen, deren erster Paragraf lautet: "Die Slowakische Republik ist ein souveräner, demokratischer Rechtsstaat. Sie ist an keine Ideologie oder Religion gebunden."

Bischöflicher Richtungsstreit

Diese Ambivalenz der Verfassung in Konfessionsfragen spiegelt sehr genau die Realität der Republik, aber auch die Richtungskämpfe in der katholischen Kirche wider. In der Bischofskonferenz stehen einander national ausgerichtete und für eine Öffnung nach Europa plädierende Kräfte gegenüber. Entzündeten sich die Diskussionen in den neunziger Jahren an der Frage, inwieweit der Kurs des Staatsgründers Vladimír MeÇciar zu honorieren wäre, so verläuft die Konfliktlinie heute zwischen den Befürwortern eines politischen Katholizismus und jenen eines Dialogs mit allen gesellschaftlichen Kräften.

Die eindeutige Parteinahme des Erzbischofs von Pressburg-Tyrnau (Bratislava-Trnava) Ján Sokol zugunsten christlicher Parteien im Wahlkampf des Vorjahres war das bisher deutlichste Lebenszeichen des national-christlichen Flügels, und Sokol sieht sich durch den Wahlausgang in seiner Linie bestätigt. Zwar verschob sich im Nationalrat das Schwergewicht von der papsttreuen "Christdemokratischen Bewegung" (KDH) zur liberaleren "Slowakischen Demokratischen und Christlichen Union" von Ministerpräsident MikuláÇs Dzurinda, doch insgesamt wurde das christliche Lager gestärkt. So konnte die KDH das wichtige Unterrichtsressort übernehmen.

Während die ebenfalls christlich orientierte, aber konfessionell ungebundene "Partei der Ungarischen Koalition" (SMK) vor allem auf die Ausweitung der Volksgruppenrechte bedacht ist (viele Ungarn gehören der reformierten Kirche an), so leistet die vierte Koalitionspartei, die "Allianz des Neuen Bürgers" (ANO), als liberal-populistische Partei gegen alle Vorstöße der Christkonservativen erbitterten Widerstand. Stützt sich die ANO auf ein skrupelloses Medienimperium, so die KDH auf die Volkszählung von 2001, die der katholischen Kirche einen stattlichen Zuwachs von 8,5 Prozentpunkten auf 68,9 in der Bevölkerung beschert hat (auch die anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften legten zu).

Gemeinsam gegen Joga

Bereits im Jahr 2000 war ein Grundlagenvertrag mit dem Heiligen Stuhl geschlossen worden, der als auffälligste Neuerung die zivilrechtliche Anerkennung der kirchlichen Eheschließung brachte. Zusatzverträge sollen weitere Rechte absichern, darunter jenes auf Gewissensfreiheit speziell für Lehrer und Ärzte. Nach der Errichtung der Militärdiözese steht derzeit der Vertrag über das katholische Bildungswesen an, das mit der Einführung des Religionsunterrichts als Wahlpflichtfach ab der ersten Schulstufe für eine neuerliche Polarisierung sorgt.

Nicht zuletzt politischem Druck ist es zu verdanken, dass der Staat analog zu den völkerrechtlichen Verträgen mit dem Heiligen Stuhl innerstaatliche Verträge mit den anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften schließt. Vor allem in der Abwehr gemeinsamer Bedrohungen finden alle Kirchen immer wieder zusammen, etwa als ein für alle Schüler verpflichtender Joga-Unterricht eingeführt werden sollte. Als echte ökumenische Meilensteine können die wechselseitige Anerkennung der Taufe zwischen der Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses und der katholischen Kirche sowie die Einigung über den Kirchenbesitz zwischen der orthodoxen und der sehr lebendigen griechisch-katholischen Kirche genannt werden.

Causa Altkatholiken u. a.

Von einer besonders herzlichen Ökumene kann angesichts des Selbstbewusstseins der Mehrheitskirche freilich nicht gesprochen werden. So erklärte die Theologische Kommission der Bischofskonferenz im Mai 2002 dezidiert: "Da ein großer Teil der altkatholischen Kirche in der Slowakei in diese erst vor kurzem übergetreten ist, müssen diese leider als aktuelle Schismatiker betrachtet werden und ist es unmöglich, mit ihnen eine Ökumene aufzubauen."

Die Causa der Altkatholiken zeigt auf, dass auch in der Slowakei in der katholischen Kirche ein Reformstau besteht. Der Wortführer der aufgeschlossenen Kirchenführer, Bischof Rudolf BaláÇz von Banská Bystrica, wird denn auch nicht müde, eine Öffnung der Kirche einzumahnen, ehe ihr diese von der Gesellschaft aufgezwungen wird, und er geht mit gutem Beispiel voran: Ende Oktober ist die von ihm einberufene und vom Papst eröffnete Diözesansynode zu ihrer ersten Sitzung zusammengetreten.

Der EU-Beitritt wurde von den katholischen Bischöfen einhellig befürwortet, und dies dürfte zum überwältigenden Ja des EU-Referendums nicht unbeträchtlich beigetragen haben. Wie ein Gottes bezug in der europäischen Verfassung aussehen könnte und inwieweit Menschenrechte und christliche Werte kompatibel sind - Stichworte Homosexualität und Zuwanderung -, ist unter den slowakischen Katholiken schon wieder strittig. Europa kann jedenfalls mit dem Beitrag einer vitalen und kämpferischen Kirche rechnen - in ihren besten Jahren.

Der Autor lebt als freier Publizist in Wien.

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