Inmitten politischer Polarisierung haben die katholischen Bischöfe Ungarns und der Slowakei

einen Vorstoß zur Versöhnung ihrer Länder gewagt.

Von der Medienwirkung her gesehen war die Aktion ein Flop, denn der Austausch der Vergebungsbitten am 29. Juni im Dom zu Esztergom war überschattet von der rasanten Regierungsbildung in Pressburg. Doch inhaltlich betrachtet hätte der Zeitpunkt nicht besser gewählt werden können: Während Robert Fico slowakische Nationalisten an Bord holte, in deren Augen die Ungarn "Lumpen" sind, setzten eben diese Ungarn einen Akt kollektiver Reue.

Formal gesehen handelt es sich bei der Initiative, die von den Vergebungsbitten der deutschen und polnischen Bischöfe sowie Papst Johannes Pauls II. inspiriert ist, um den Austausch von Briefen, in denen die Vorsitzenden der beiden Bischofskonferenzen mit gleich lautender Formulierung erklären: "Wir vergeben und bitten um Vergebung."

Brisante Botschaft

Doch während die slowakische Seite ganz allgemein von einander im Lauf einer tausendjährigen gemeinsamen Geschichte zugefügten "Wunden" spricht, geht die ungarische Seite einen entscheidenden Schritt weiter und klopft sich selbst an die Brust: "Mit besonderem Schmerz erinnern wir an jene Fälle, in denen Ungarn Slowaken oder slowakischen Gemeinschaften Unrecht getan haben." Die Bedeutung dieses unscheinbaren Satzes kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Heftiger Volkstumskampf

Brisant ist die Botschaft deswegen, weil in der südslowakischen Grenzregion nach wie vor ein heftiger Volkstumskampf tobt. Das Gebiet, in dem in einem schmalen, aber über weite Strecken durchaus kompakten Streifen Ungarn siedeln, war im Vertrag von Trianon 1920 an die Tschechoslowakei gefallen, im 1. Wiener Schiedsspruch 1938 an Ungarn zurückgegeben und 1945 abermals der Tschechoslowakei einverleibt worden. Es sind die sieben Jahre im Zweiten Weltkrieg mit ihrer gewaltsamen Magyarisierung auch unter kirchlicher Beteiligung, die das Verhältnis von Ungarn und Slowaken bis heute belasten und die eine sachliche Diskussion über eine territoriale Autonomie etwa nach Südtiroler Vorbild unmöglich machen.

Die selbstbewusste und in der "Partei der ungarischen Koalition" (SMK) gut organisierte ungarische Volksgruppe beklagt ihrerseits die "Reslowakisierung" von Ungarn nach 1945; die Ausstellung "Kalvária" in Komorn (ungarisch Komárom, slowakisch Komárno) thematisierte das Tabu im Vorjahr in überaus emotioneller Weise. In der heimlichen Hauptstadt der slowakischen Ungarn wird der Volkstumskampf vor allem zu den Festen der Heiligen Kyrill und Method am 5. Juli sowie Stephan am 15. August ausgetragen. Demonstrativ wurde von den Slowaken eine Statue der beiden Slawenapostel auf das Dach des Gebäudes der Kulturorganisation Matica slovenská gesetzt, hartnäckig wird von den Ungarn in den Kirchen die Gott anrufende ungarische Landeshymne gesungen.

Wie eng kirchliche und nationale Frage in der Slowakei verquickt sind, zeigt eine Äußerung des nunmehrigen Stellvertretenden Ministerpräsidenten Dusan Caplovic, wonach die "Errichtung einer ungarischen Universität und die Einführung des Religionsunterrichts als Pflichtgegenstand auf der ersten Stufe der Grundschulen eine Rückkehr ins 19. Jahrhundert" bedeuten.

Sowohl die Forderung der Ungarn als auch jene der Kirchen ist von der kürzlich abgewählten Regierung verwirklicht worden, was einerseits antikirchliche Ressentiments schürte, anderseits schon in den Regionalwahlen des Vorjahrs die Bildung von "slowakischen Koalitionen" anregte, um die Dominanz der Ungarnpartei in den Regionalparlamenten von Nitra und Trnava zu beenden.

Kardinal Korec' Sympathien

Man müsse sich bemühen, "dass der Bischof von Nitra von seiner Burg nicht auf einen ungarischen Landeshauptmann herabblicken muss", soll ein Abgeordneter der damaligen Pressburger Regierungskoalition geäußert haben. Bischof von Nitra war damals noch Kardinal Ján Chryzostom Korec, dessen Sympathie für nationalslowakische Kreise kein Geheimnis ist. Nicht zufällig eilte der frisch gebackene Premierminister Robert Fico kurz nach seiner Angelobung nach Nitra zu Korec, obwohl dieser nicht mehr im Amt ist. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Frantisek Tondra, dem Fico für die Glückwunschadresse der Bischöfe dankte, musste aus Spiská Kapitula anreisen und wurde von den Medien kaum beachtet.

Nationale Versuchung

Es steht zu befürchten, dass die slowakische katholische Kirche in der anlaufenden Legislaturperiode verstärkt Zuflucht bei den national orientierten Parteien in der Regierungskoalition sucht, die für die Anliegen der Kirche zweifellos offener sind als die linkspopulistische "Smer" des Regierungschefs.

Die Errichtung einer eigenen Diözese für die slowakischen Ungarn, für die sich die SMK, aber auch ein Otto Habsburg im Vatikan eingesetzt haben, bleibt in weite Ferne gerückt. Doch die Vergebungsgeste des ungarischen Primas Kardinal Erd DDo, die sich an das ganze slowakische Volk richtet, ist, wie Bischof Tondra in seiner Dankadresse das Evangelium nannte, "Licht im Labyrinth".

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau