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Die Kirche zwischen Gott und Gorilla

Kurz vor der slowakischen Parlamentswahl wurden Volkszählungsergebnisse bekannt: Die bekennenden Katholiken schwinden, die Kirche wiegelt ab.

Nach der Revolution von 1989 haben wir eine Zeitlang gedacht, wir könnten mental vor das Jahr 1948 zurückkehren und weitermachen mit dem Aufbau einer Gesellschaft auf Grundlage der Soziallehre der Kirche. Das war aber nur eine Illusion.“

Selten hat sich ein Kirchenführer in einem exkommunistischen Land zum Trauma der Katholiken so unverblümt geäußert wie der Vorsitzende der Slowakischen Bischofskonferenz, der Pressburger Erzbischof Stanislav Zvolensk´y, jüngst bei einer Konferenz, zu der die Spitzen der vatikanischen Medienbehörden nach Bratislava angereist waren.

Kulturpessimismus

Ganz und gar nicht neu war hingegen der Kulturpessimismus, der gleich in den nächsten Sätzen Zvolensk´ys zum Vorschein kam. In Westeuropa sei "eine neue säkulare Kultur entstanden, die sich auch durch einen religiösen Niedergang auszeichnet“.

Es sei "ein Paradox, dass zwischen Kommunismus und radikalem Liberalismus Übereinstimmung herrscht, dass Religion nicht Teil des öffentlichen Raums sein darf“.

Angesichts der gebetsmühlenhaft wiederholten Gleichsetzung von Kommunismus und Liberalismus erscheint die Versicherung, die katholische Kirche schätze "den säkularen Staat“ und würdige "das Gleichgewicht und die Unabhängigkeit, die in der Slowakei zwischen dem Staat und den Kirchen zum Ausdruck kommt“, als Lippenbekenntnis.

Die schaumgebremste Begeisterung für die Demokratie äußerte sich auch im Hinblick auf die sich nahenden Wahlen und die Enthüllungen der sogenannten "Gorilla“, die die Verfilzungen zwischen Politik und Hochfinanz publik gemacht haben und die den Wahlkampf wesentlich prägen.

"Wir müssen nicht konkret über die Gorilla sprechen, weil wir seit jeher verkündet haben, dass Diebstahl und Bestechung verboten und moralisch unzulässig sind“, erklärt der Sprecher der Bischofskonferenz, Jozef Kováˇcik, und schiebt den Ball den Wählern zu, "die automatisch erwarten, dass ihnen jemand diktiert, was gut und was schlecht ist, und dabei vergessen, dass sie für die Bildung ihres Gewissens selber verantwortlich sind“. Nichtsdestoweniger hat es die Bischofskonferenz so wie bei den letzten Wahlen vor zwei Jahren für opportun gehalten, bei den Parteien vorstellig zu werden und ihnen individuell ihr Wunschpaket zu unterbreiten.

Dass sie mit ihren Besuchen den Anfang bei der kleineren Christdemokratischen Bewegung (KDH) machte und nicht bei der größeren Slowakischen Demokratischen Christlichen Union (SDKU), zeigt klar ihre Präferenz im christlichen Lager an. Der Versuch der SDKU, nach dem Vorbild von CDU, CSU und ÖVP eine christlich-liberale Volkspartei zu etablieren, ist in der Slowakei wohl fürs Erste gescheitert, ist doch gerade diese Partei am stärksten unter den Korruptionsverdacht geraten.

Stabile Verhältnisse

In der älteren KDH, die vor sechs Jahren mit ihrem Beharren auf Abschluss des Zusatzvertrags mit dem Heiligen Stuhl über den sogenannten Gewissensvorbehalt die bürgerlich-liberale Koalition zu Fall gebracht hat, erblickt die Kirchenführung weiterhin ihren verlängerten Arm in der Politik. Von dem Vertrag war zuletzt freilich nur mehr wenig die Rede und man kann davon ausgehen, dass die katholische Kirche bei der zu erwartenden Rückkehr des Linkspopulisten Robert Fico an die Macht wieder auf Tauchstation gehen wird, zumal auch dieser wieder genau dosieren wird, was er der Kirche zumuten kann.

Schwund an Gläubigen

Bestärkt wird die katholische Kirche in der Wahrung ihres Besitzstandes wohl auch durch das jetzt mit mehrmonatiger Verzögerung bekannt gewordene Ergebnis der Volkszählung von 2011. Denn während sich in der Tschechischen Republik der Schwund an bekennenden Gläubigen seit der Wende fortgesetzt hat (1991 deklarierten sich 39 Prozent als katholisch, 2001 noch 28,8 Prozent, 2001 aber nur mehr 10,3 Prozent), so ist man in der Slowakei bloß zum Ergebnis von 1991 zurückgekehrt (damals bekannten sich 63,8 Prozent zur römisch- und griechisch-katholischen Kirche, 2001 waren es phänomenale 73 Prozent und jetzt sind es 65,8 Prozent).

"Man kann sagen, dass die Kirchen auf die moralische Krise der staatlichen und internationalen Institutionen nicht reagieren, weil sie deren Bestandteil sind“, bringt es der Expriester und Publizist Miroslav Kocúr auf den Punkt. Keine erfreulichen Aussichten für jene Katholiken, die auch in der Slowakei auf ein freudiges Aggiornamento warten.

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