Am 10. April wurde Dominik Duka ins Amt als Erzbischof von Prag eingeführt. Der neue tschechische Primas hat – im Gegensatz zum Vorgänger – eine gute Gesprächsbasis zu Staatspräsident Václav Klaus. Auch in der der Slowakei fand an der Kirchenspitze ein Generationenwechsel statt.

Es kommt nicht oft vor, dass Václav Havel und sein Nachfolger Václav Klaus einer Meinung sind, aber die Ernennung Dominik Dukas zum Erzbischof von Prag ließ beide aufjauchzen. Mit Duka an der Spitze trete die katholische Kirche Tschechiens „in eine neue Phase ihres reichen Lebens und mit ihm das ganze geistige Leben in unserem Land, das neue Impulse braucht wie das Salz“, ließ sich der Altpräsident vernehmen.

Der amtierende Präsident wiederum fand schon zwei Tage nach Bekanntgabe der Ernennung zu einem Gespräch mit Duka Zeit und versicherte diesem ebenfalls, seine Ernennung sei ein „Gewinn nicht nur für die katholische Kirche, sondern für das ganze Land“.

Das Verhältnis der beiden Staatsmänner zu Dukas Vorgänger Miloslav Vlk hingegen gestaltete sich höchst unterschiedlich. Während Havel seinen Amtsantritt mit einem Tedeum im Veitsdom begann, verzichtete Klaus auf eine solche Einbeziehung der Kathedrale, die Vlk seiner Meinung nach dem Staat – also ihm – abspenstig machen wollte.

Im Strudel der Zeit

Spätere Generationen werden wohl feststellen, dass die beiden Herren auf dem Hradschin viel gemeinsam hatten: ein ausgeprägtes Machtbewusstsein, Sprachgewalt und den Willen, unbedingt Recht zu behalten.

Die Lust an Kontroversen äußerte sich unter anderem darin, dass sich Vlk so wie Klaus eine eigene Homepage zulegte, auf der er nach seiner Emeritierung sogar vermehrt zu aktuellen Fragen Stellung nehmen möchte.

Ob dies sein Nachfolger Duka goutieren wird, wird sich ebenso weisen wie die Opportunität der räumlichen Nähe – nach einer Auszeit in Jerusalem wird Vlk in der Nähe des Erzbischöflichen Palais logieren.

Allerdings möchte der Achtundsiebzigjährige auch danach viel unterwegs sein: im Inland zu Wallfahrten und Pfarrbesuchen, im Ausland zu den von ihm koordinierten Bischofstreffen der Fokolare-Bewegung.

Focolarini stark bevorzugt

Vlks Bevorzugung einer einzigen Bewegung wurde ihm immer wieder vorgehalten. Sein Faible gerade für die Focolarini ist freilich verständlich: Früher als andere Movimenti haben sie die Kirche im Untergrund unterstützt und mit der Weltkirche vernetzt, wovon der Kardinal nach der Wende etwa als Vorsitzender des Rates der europäischen Bischofskonferenzen profitieren sollte. Und eine Bewegung, die das „Ut unum sint“ derart in den Mittelpunkt stellt wie diese, kann in einem konfessionell derart zersplitterten Land wie Tschechien und in einer derart polarisierten katholischen Kirche wie jener Böhmens und Mährens gewiss als Gottesgeschenk erscheinen.

Miloslav Vlks Verdienste um eine Entkrampfung des Verhältnisses zum Hussitismus und zu den sich auf ihn berufenden Kirchen sind durchaus epochal zu nennen.Weniger geglückt ist dem Prager Erzbischof die Eingliederung der Untergrundkirche – sich in Rom für die von ihr entwickelten Ideen auch zur strukturellen Erneuerung der katholischen Kirche starkzumachen, war seine Sache nicht; willige verheiratete Priester wurden in die griechisch-katholische Kirche ausgelagert, widerspenstige blieben frustriert vor der Tür stehen.

Jaroslav Duka hat zwar den Ordensnamen Dominik angenommen, wird aber nicht versuchen, seine Bischofskollegen zu Dominikanern zu machen. Ein gesunder Realismus mag ihm helfen, das leidige Problem des Veitsdoms endlich aus der Welt zu schaffen.

Schwieriger wird es schon mit der allgemeinen Rückgabe kirchlichen Besitzes, an der sich Kardinal Vlk die Zähne ausgebissen hat. Wenn der frühere und präsumtive nächste Ministerpräsident JiÇrí Paroubek erklärt, er erwarte, „dass der neue tschechische Primas dieses Amt stärker aus der Politik heraushält und in der Restitutionsfrage die ökonomische Situation unseres Landes und seiner Bewohner mit bedenkt“, so hat er zudem nicht nur den alten Kirchenchef im Auge, sondern auch den neuen – Paroubeks Sozialdemokraten werfen Dominik Duka vor, die Christdemokraten zur Wiederwahl von Václav Klaus bewogen zu haben …

Ein anderes Land

Auch in der Slowakei stehen demnächst Parlamentswahlen an. Doch während es in Tschechien für politische Parteien riskant scheint, auf die Interessen der katholischen Kirche Rücksicht zu nehmen, kann es sich zwischen Donau und Tatra keine erlauben, sie nicht ins Kalkül zu ziehen. Zwar drückt Ministerpräsident Robert Fico mit Gesetzesnovellen die karitativen Einrichtungen der Kirche an die Wand, zugleich aber führt er den Religionsunterricht in der Vorschule ein. Und für einen Sozialdemokraten erstaunlich ist die Vehemenz, mit der er die Forderung nach einem Partnerschaftsgesetz für Homosexuelle bagatellisiert.

Weniger zimperlich gehen mit den Kirchen die Medien um. Wo immer die Kirchenleitung mit dem Denkmalschutz ins Gehege kommt oder wann immer sich ein Pfarrer etwas zuschulden kommen lässt, wird darüber ausführlich berichtet. Und während sich Bischofssprecher Jozef KováÇcik auf die Feststellung beschränkt, es gebe keinen Grund, warum die Kirche in der Slowakei wegen der Missbrauchscausa Gläubige verlieren sollte, erfahren die Slowakinnen und Slowaken aus den kirchenfernen Zeitungen, Radio- und Fernsehanstalten zuverlässig alles, was sich westlich der March so tut.

Neue Konflikte, alte Lasten

Wie die Feuerwehr mit Folgetonhorn rücken die Medien gar aus, wenn drei frisch geweihte Priester und ein Diakon sämtliche Bischöfe des Landes für exkommuniziert erklären, weil diese vom rechten katholischen Weg abgewichen seien. Der Pressburger Erzbischof und Kirchenrechtler Stanislav Zvolensk´y sah sich veranlasst, die jungen Männer seinerseits und diesmal natürlich rechtsgültig aus der Kirche auszuschließen.

Fast nostalgisch zu nennen ist schließlich das Interesse der liberalen Medien an dem emeritierten Erzbischof der seinerzeit noch ungeteilten Erzdiözese Bratislava-Trnava, Ján Sokol. War der kurz vor der Wende ins Amt Gekommene früher wegen mutmaßlicher Kollaboration mit dem kommunistischen Regime, aber auch seiner Sympathie für den faschistischen Slowakischen Staat im Zweiten Weltkrieg ins Kreuzverhör gekommen, so beschäftigt nun noch die ungeklärte Finanzgebarung, die er seinem Nachfolger in Tyrnau, Róbert Bezák, hinterlassen hat. Bezák hat seinem Vorgänger ziemlich unverblümt zu verstehen gegeben, wer im „slowakischen Rom“ jetzt das Sagen hat, und für seinen erfrischend jugendlichen Stil – er ist wie Stanislav Zvolensk´y ein Vierteljahrhundert jünger als Sokol – großes Lob geerntet.

Das „Abtreten“ (so der Titel von Václav Havels jüngstem Stück) mag schmerzlich sein, Auftritte hingegen geben Anlass zur Hoffnung. In Prag wie in Pressburg.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau