Die halbierte Herde und ihr Hirte

Feuer am Dach: Nur mehr ein Zehntel der Tschechen bekennt sich zur katholischen Kirche. Der Prager Erzbischof Dominik Duka setzt da auf eine Charme-Offensive.

Diesen Dezember wird der böhmische Primas und Vorsitzende der Tschechischen Bischofskonferenz nicht so bald vergessen. Zuerst erhitzte die Gemüter eine Diskussion über den Auftritt von Präsident Václav Klaus bei der Nationalwallfahrt in Stará Boleslav (Altbunzlau), dann verzögerte der Rücktritt von Kulturminister Jiˇrí Besser wieder einmal die Behandlung des Restitutionsgesetzes und kurz vor dem Tod von Václav Havel platzte die Bombe der Volkszählungsergebnisse.

Die am 15. Dezember ins Internet gestellten ersten Ergebnisse der Volkszählung 2011 frappierten vor allem durch die Verfünffachung der Anzahl jener Befragten, die jegliche Auskunft über ihren Glauben verweigerten; von 10,6 Millionen behielten 4,8 Millionen ihre Überzeugung lieber bei sich. Weitere 0,7 Millionen erklärten sich als gläubig, ohne sich zu einer Kirche oder Religionsgemeinschaft zu bekennen, und 3,6 Millionen deklarierten sich ausdrücklich als atheistisch.

Nur mehr 14 Prozent der Bevölkerung bekannten sich zu einer Kirche oder Religionsgemeinschaft. Die Anzahl der bekennenden Katholiken halbierte sich dabei gegenüber der Volkszählung 2001 um mehr als die Hälfte auf nunmehr 1,08 Millionen. Das Verhältnis der Konfessionen zueinander blieb im Wesentlichen unverändert, an zweiter Stelle folgt die Evangelische Kirche der Böhmischen Brüder mit 52.000 und an dritter die Tschechoslowakisch-Hussitische Kirche mit 39.000 Gläubigen.

Wesentlichen Anteil an dem Ergebnis hatte der Umstand, dass die Beantwortung der Fragen nach Religiosität und Konfessionszugehörigkeit erstmals fakultativ war. Die Bischofskonferenz knüpfte daran die Frage, warum die Hälfte der Bevölkerung dem Staat ihre Beziehung zum Glauben nicht habe anvertrauen wollen. Zu "dramatischen Veränderungen in der Religiosität“ sei es aber "wahrscheinlich nicht gekommen“, denn der Gottesdienstbesuch und die Anzahl der Taufen seien langfristig gleich geblieben.

Dauerbrenner Restitution

Dass der Versuch der katholischen Kirche, ihre vom kommunistischen Regime enteigneten Güter zurückzuerhalten, die Jahrhunderte alten Ressentiments ihr gegenüber verstärkt, ist keine neue, aber eine nun aufs Neue bestätigte Erkenntnis. Ein Antrag der Kommunistischen Partei, das geplante Verfassungsgesetz über die Rückgabe kirchlichen Eigentums einem Referendum zu unterziehen, wurde vom Abgeordnetenhaus am 16. Dezember zwar abgelehnt, aber 82 Abgeordneten der Regierungskoalition, die den Antrag als Ungeheuerlichkeit brandmarkten, standen immerhin 52 Unterstützer aus den Reihen der Opposition gegenüber.

Dass mit der Linken über das Verfassungsgesetz abermals keine Einigung erzielt werden konnte, verwundert nicht, die Verabschiedung hängt wieder an einem seidenen Faden.

Wenige Tage, bevor der von einer gemischten Kommission ausgearbeitete Entwurf im Kabinett behandelt werden sollte, wurde der federführende Kulturminister Jiˇrí Besser aus dem Amt gedrängt;

Leutseliger Dominikaner als Erzbischof

Immerhin sieht aber auch seine Nachfolgerin Alena Hanáková die Lösung der Restitutionsfrage als Priorität ihrer Amtsführung an und Ministerpräsident Petr Neˇcas gibt sich zuversichtlich, den Gesetzesentwurf in der Kabinettsitzung am 4. Jänner durchzubringen. Aber selbst wenn ihm das Kunststück gelingen sollte, machen jüngste Umfrageergebnisse, wonach 69 Prozent der Bevölkerung eine Restitution oder Entschädigung ablehnen, auch diesmal die entscheidende Abstimmung im Parlament zur Zitterpartie.

Dass laut dieser Umfrage 60 Prozent der Befragten die Kirchen als nicht nützliche Institutionen betrachten (25 Prozent kategorisch, 35 überwiegend), erschwert die Argumentation zugunsten der Restitution beträchtlich. Nichtsdestoweniger setzt Erzbischof Dominik Duka ganz auf diese Karte und nicht so verbissen wie sein Vorgänger Kardinal Miloslav Vlk auf das Recht auf Wiedergutmachung.

Der leutselige Dominikaner segnet gern einmal den Fußballklub Viktoria Plzeˇn (Pilsen) vor einem Match gegen den FC Barcelona und führt auf seiner Homepage ganz leger durch den Dom und das Erzbischöfliche Palais, in das er zu Weihnachten auch Obdachlose zu einem Essen einlädt.

"Krampusse“ Petr Hájek und Tomáˇs Halík

Eine Causa hat Duka jedenfalls im Schnellverfahren gelöst, nämlich jene des Veitsdoms. Der gehöre allen, erklärte er gleich bei seinem Amtsantritt im April 2009, und zierte sich nicht, das 14-jährige Tauziehen zu beenden, indem er die Kathedrale dem Staat überließ. Das Staatsbegräbnis für Václav Havel besiegelte gewissermaßen den Friedensschluss zwischen Erzbischof und Präsident, wobei es Duka gelang, zum Verstorbenen, den er mit dem Du-Wort ansprach, und zu dessen Nachfolger Äquidistanz zu wahren.

Dukas dessen ungeachtet unübersehbare Nähe zu Václav Klaus hat freilich Gegner auf den Plan gerufen. So hat der Leiter der Christlichen Akademie, der katholische Priester und Religionsphilosoph Tomáˇs Halík, am Auftritt von Klaus bei der Nationalwallfahrt am 28. September Kritik geübt: Der Präsident missbrauche die Kirche für Attacken gegen den Sozialstaat und "falsche Propheten des Fortschritts“.

Der Prager Erzbischof verteidigte daraufhin den Präsidenten, der jene Werte verteidige, "zu denen sich die Kirche bekennt“. Als jedoch der Vizekanzler von Klaus, Petr Hájek, im Schlagabtausch Halíks Priesterweihe infrage stellte, nahm Duka Letzteren in Schutz.

Dass die Tschechen auch in ernsten Angelegenheiten nicht der Humor verlässt, bewiesen in diesem Fall Erzbischof Duka, der die beiden Kampfhähne als "Krampusse“ bezeichnete, die doch einen Adventfrieden schließen sollten, mehr noch aber Tomáˇs Halík, der meinte, wenn es Petr Hájek nachzuweisen gelänge, dass er nicht Priester sei, würde der einzige Einwand entfallen, der bisher gegen seine Kandidatur zum Präsidenten der Tschechischen Republik vorgebracht worden sei.

Die verratene Prophetie

Die tschechoslowakische Untergrundkirche zwischen Vatikan und Kommunismus

Hg. von Erwin Koller, Hans Küng, Peter Kriˇzan.

Edition Exodus 2011. 248 Seiten, kt., € 24,-

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